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Körper, Sport und Mormonen

Examensarbeit 2001 119 Seiten

Gesundheit - Sport - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis Abbildungsverzeichnis

EINLEITUNG
1 GESCHICHTE
1.1 Die Anfänge in Neu England
1.2 Wachstum in Missouri und Illinois
1.3 Exodus und Pionierjahre in Utah
1.4 Zeit des Wandels nach der Jahrhundertwende
1.5 Die Zeit nach dem

2. Weltkrieg
2 AUFBAU DER KIRCHENSTRUKTUR
2.1 Personale Struktur
2.2 Organisatorische Einteilung und Mitgliederzahl

3 ALLGEMEINE DOGMATIK
3.1 Der Restaurationsgedanke
3.2 Die kanonischen Schriften
3.3 Die Gottheit und die Folgen der „literal- mindedness“
3.4 Der Mensch und die drei Stadien seiner Entwicklung
3.5 Die Zeit des Menschen auf der Erde
3.6 Priestertum, Tempelrituale und Missionierung
3.7 Absolute Wahrheiten

4 DER KÖRPER IN DER THEOLOGIE DER MORMONEN
4.1 Das Körperbild der Mormonen: der Tempel Gottes auf Erden
4.1.1 Weiblichkeit
4.1.2 Black Americans
4.2 Das Gesundheitspostulat des „Word of Wisdom“

5 REKREATION UND SPORT
5.1 Einstellung zu Rekreation und Vergnügen
5.1.1 Theologische Hintergründe
5.1.2 Geschichtliche Entwicklung
5.2 Einstellung zum Sport
5.2.1 Geschichtliche Entwicklung
5.2.2 Theologische Hintergründe

6 ZUSAMMENFASSUNG, EINORDNUNG UND AUSBLICK
6.1 Die Mormonen und das Körperbild der Neuzeit
6.1.1 Hellenismus und Christentum
6.1.2 Puritaner, Awakening und Romantik
6.1.3 Das ideologische Umfeld in Amerika zur Gründungszeit der Mormonenkirche
6.1.4 Die Selektionsleistung Joseph Smiths
6.2 Die Mormonen und die moderne Körperlichkeit

ANHANG
Word of Wisdom
The Articles of Faith

LITERATUR

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Nordosten der USA mit dem Staat New York

Abbildung 2: Palmyra im Staat New York

Abbildung 3: Siedlungen in Missouri, Illinois und Iowa

Abbildung 4: Exodus nach Utah

Abbildung 5: Salt Lake Temple

Faust: „ Bedenke wohl die erste Zeile, da ß deine Feder sich nichtübereile! “

(Goethe 1986: 37, Vers 1230)

Einleitung

Sport, Körper und Mormonen als Thema einer studentischen Abschlussarbeit - lediglich ein weiterer Beweiß für die spezialisierte Absurditätenproduktion deutscher Universitäten? Dies mag auf den ersten Blick so erscheinen. Allerdings hat das Thema seine Berechtigung, und zwar durch den Aktualitätsbonus der Olympischen Winterspiele, die im Februar 2002 in Salt Lake City, der heutigen Heimatstadt der Mormonen im US-Bundesstaat Utah, stattfinden werden. Zwangsläufig wird dann, sozusagen als kurioser medialer Kollateralschaden, die Religion der Mormonen in den Fokus der Zuschaueraufmerksamkeit gezogen werden.

Die Mormonen - was assoziiert der wenig informierte Normalbürger mit dieser religiösen Gruppe? Wenn er sie nicht gleich mit den Amish People an der Ostküste des nordamerikanischen Kontinents verwechselt, sind die meisten Antworten „Polygamie“ und „kein Alkohol“. Etwas kundigere Menschen erwähnen eventuell den Großen Salzsee bei Salt Lake City und dass man schon von einem Paar netter mormonischer Missionare - sie treten beinahe ausschließlich als duale Einheit auf - an seiner Haustüre oder auf dem Marktplatz der Innenstadt angesprochen wurde. Sportbegeisterte Informanten werden vielleicht noch die bevorstehende Winterolympiade in Salt Lake City ansprechen oder das unglückliche Händchen der NBA Basketballmannschaft Utah Jazz bei den Finalspielen der letzten Jahre, wobei dieses Beispiel sich schon gar nicht mehr auf die Mormonen selbst, sondern lediglich auf ihr Umfeld beziehen. Und damit endet das wenig produktive Brainstorming.

Eine Darstellung des Körperbildes der Mormonen ist aus zwei Gründen für eine wissenschaftliche Untersuchung interessant: zum einen ist die These von der allmählichen Austrocknung des religiösen Elements in der Gesellschaft, wie sie besonders in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts vertreten wurde, angesichts der hohen Wachstumsraten von religiösen Gemeinschaften wie etwa der Mormonen nicht länger haltbar. Die Religion ist ein Bereich der Gesellschaft, der den Menschen als zentrales Objekt seines Interesses hat, und der Körper kann dabei nicht abgetrennt werden. Wie inkludiert nun eine außergewöhnliche Glaubensgemeinschaft wie die der Mormonen den Körper in die Logik ihres Systems? Zum anderen kann am Beispiel der Mormonen exemplarisch dargestellt werden, wie sich Versuche einer Neudefinition des Menschseins nach dem Zeitalter der Aufklärung und zu Beginn der jüngeren Neuzeit (ab etwa 1800) auf das Körperbild neuartiger metaphysischer Welterklärungsversuche auswirkten.[1]

In dieser Arbeit wird aus sportwissenschaftlicher Sicht dargestellt, wie die Vorstellung von Körperlichkeit im religiösen System der Mormonen konstruiert, beurteilt und behandelt wird, und welche Folgen sich daraus für die Einstellung der Mormonen zu Sport und Vergnügen ergeben. Fragen, die sich dabei stellen, sind: Was ist der menschliche Körper im Glaubenssystem der Mormonen? Ist der Körper etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Darf man seine Bedürfnisse ausleben oder muß man sie unterdrücken? Darf oder muß er sogar sportlich bewegt werden? Gibt es Vorschriften zu seiner Behandlung? Aufgabe der Arbeit ist es dagegen nicht, die sportlichen Aktivitäten der Mormonen ausführlich zu beschreiben oder die praktischen Auswirkungen der Religion auf die Art und Weise des Sporttreibens genauer zu untersuchen. Sowohl der zeitliche wie auch der inhaltliche Rahmen einer Examensarbeit bedingt diese Entscheidung; das auszuwertende Material war umfangreich genug, und das Werk soll ja auch ein schlüssiges Ende finden.

Obwohl die Mormonen für den Forscher aufgrund des außergewöhnlichen Charakters ihres Glaubenssystems und Lebensstils bei einer gleichzeitigen Homogenität als soziale Gruppe ein lohnenswertes Objekt für Untersuchungen darstellen, wurden sie bis heute in der deutschen Wissenschaftslandschaft weitgehend vernachlässigt. Dies geschah sicher auch deswegen, weil die Mormonen hierzulande nur eine kleine Gruppe bilden, die wenig Einfluß auf das soziale Leben in Deutschland hat und daher auch wenig Aufmerksamkeitszuwendung genießt. In den Vereinigten Staaten von Amerika stellt sich die Situation jedoch völlig anders dar. Dort hat die Mitgliederzahl im Jahr 2001 die fünf Millionen Grenze bereits überschritten,[2] und zahlreiche wissenschaftliche Bearbeitungen zum Thema Mormonentum wurden unternommen. Entsprechend sieht die geographische Distribution der Informationsquellen aus: in Deutschland ist nur sporadisch und zumeist wenig aktuelle wissenschaftliche Literatur über diese Kirche zu finden. Für das Studium von Quellen aus erster Hand ist daher eine Recherche vor Ort, d. h. im US-Bundesstaat Utah selbst, unerlässlich.

In der Zeit von September 1997 bis August 1998 studierte ich an der staatlichen University of Utah in Salt Lake City; allerdings hatte ich damals nur spärlichen Kontakt zu den Mormonen. Im Sommer diesen Jahres (2001) verbrachte ich dann einen vierwöchigen Forschungsaufenthalt in Utah, um an der University of Utah in Salt Lake City und an der Brigham Young University in Provo, einer mormonischen Privatuniversität, die nötigen Quellenstudien zu betreiben. Dass der überwiegende Teil der für diese Arbeit ausgewerteten Literatur daher englischsprachig ist, ist leicht einsehbar. Aus diesem Grund und weil die Mormonen in ihrer Religion großen Wert auf sprachliche Exaktheit legen,[3] habe ich mich dazu entschlossen, auch die heiligen, kanonischen Schriften (Bibel, „The Book of Mormon,“ „Doctrine and Covenants,“ „Pearl of Great Price“) im englisch Original zu zitieren. So bleibt die linguistische Kontiuität gewahrt. Bei der zitierten Sekundärliteratur handelt es sich zum größten Teil um Kirchenpublikationen und Aussagen von Personen, die in der Kirchenhierarchie eine hochstehende Position einnehmen und somit zumindest bis zu einem gewissen Grad die offizielle Kirchendoktrin vertreten.[4]

Ein Problem, das sich bei jeder Einführung in ein unbekanntes Themengebiet ergibt, ist die „Sequenzierung des Theorieaufbaus“ (Luhmann 1993: 173), also die Frage, an welchem Punkt eines komplex strukturierten Theoriegebäudes man mit Erklärungen einsteigen soll: A erklärt B, B erklärt C, A ist ohne C nicht verständlich und so läuft man Gefahr, im Zirkelschluss des Unerklärbaren zu enden. Meine Bitte an den Leser lautet daher, besonders am Anfang seine Toleranzgrenze für Unverständnis möglichst hoch anzusetzen.

Um diese Verständnishürde jedoch nicht zu groß werden zu lassen, muß einige definitorische Vorarbeit geleistet werden. Die Ausführungen in dieser Arbeit beziehen sich ausschließlich auf die Religionsgemeinschaft der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints mit Hauptsitz in Salt Lake City. Das ist insofern wichtig zu vermerken als es zahlreiche mormonische Splittergruppen gibt, die teilweise gravierende Unterschiede in ihrer Theologie aufweisen.[5]

Wenn in dieser Arbeit von Sport ohne weitere Spezifizierung die Rede ist, ist immer die gesamte Familie sportlicher Betätigungen mit eingeschlossen (Breitensport, Leistungssport, Freizeitsport u.ä.). Für das weite Feld der Freizeitbeschäftigung, der Zerstreuungen und des Vergnügens werde ich als Oberbegriff in Anlehnung an den englischen Begriff „recreation“ das deutsche Fremdwort „Rekreation“ verwenden; die deutsche Sprache bietet für diesen Bereich meines Wissens keinen vergleichbaren Ausdruck. Hinzu kommt, dass die Amerikaner auf dem Gebiet „recreation and leisure studies“ schon seit längerem wissenschaftlich tätig sind.

Bei der Definition des Begriffes „Körper“ wäre es zwar ‚theologisch’ treffender, von der Leiblichkeit als Aspekt menschlicher Existenz zu sprechen und dabei die ganze Spannbreite dessen im Auge zu behalten, was im Neuen Testament mit den Worten »Leib« (soma) und »Fleisch« (sarx) angesprochen wird“ (Kurz 2000: 152, Hervorh. von mir). Da wir uns hier allerdings im Bereich der Sportwissenschaft befinden, wird die Bedeutung des Wortes „Körper“ als die rein physische Einheit des Menschen definiert. Dass die Mormonen dies etwas anders sehen, ist eben das Kernproblem dieser Arbeit Und noch ein schwieriges Definitionsproblem möchte ich hier gleich am Anfang noch erwähnen, das sich aber im Laufe dieser Arbeit häufig stellen wird: Sind die Mormonen Christen, bzw. können sie dem Christentum zugerechnet werden? Die traditionellen christlichen Kirchen verneinen dies vehement (vgl. Lutherisches Kirchenamt 2000: 413). Die Mormonen selbst bestehen allerdings auf der Klassifizierung als Christen, da für sie als Aufnahmekriterium der Glaube an Jesus Christus gilt, und dieser spielt in der Tat in ihrer Religion eine zentrale Rolle (vgl. Hinckley 1982). In einer vieldiskutierten Studie über das Wachstum der Mormonen meint der Soziologe Rodney Stark (1984: 23) dazu: „the Mormons are a new religion“ (Hervorh. von Stark), trotz aller Ähnlichkeiten mit dem Christentum. Stark und Bainbridge (1985: 245ff) klassifizieren die Church of Jesus Christ of Latter-day Saints aufgrund wichtiger Elemente in ihrer Geschichte und Theologie, die in zentralen Fragen stark von grundlegenden Lehren des Christentums abweicht, zwar als Kult, sind aber selbst nicht ganz zufrieden mit diesem Urteil: die Größe, Verbreitung und Organisation der Kirche und die anvisierte Zielgruppe für die Missionsanstrengungen sprächen dagegen.[6] Im folgenden werde ich um der Klarheit wegen die Mormonen als nicht-christliche Religion bezeichnen; eine Wertung soll damit nicht erfolgen.

Auch der Generalwissenschaftler Harold Bloom (1992: 81) zählt die Mormonen nicht zu „what historically has been considered Christianity“, hält sie dafür aber für eine genuin amerikanische Religion, da sie einzig und allein auf amerikanischem Boden entstanden sei (Bloom 1992: 116). Wenn auch diese Reduktion der Charakterisierung auf eine geographische Verortung das Problem stark vereinfacht - schließlich beruht die dominante Religion des Abendlands, das Christentum, in ihren

Ursprüngen auf einer Ideologie aus dem hebräischen Morgenland und wird dennoch als westliche, europäische Religion bezeichnet - so kann man die Klassifizierung als amerikanische Religion dennoch stehen lassen insofern man in den Oberbegriff „Amerika“ nicht nur die geographische, sondern auch die ideologische Verortung mit einbezieht. Es sind nämlich meiner Meinung nach zutiefst amerikanischen Werte, die die Grundzüge dieser Religion ausmachen.[7]

Den Anfang (Kap. 1) soll nun eine kompakte Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Mormonen und ihrer Kirche machen. Dies halte ich für nötig, da man eine entsprechende Kenntnis beim Leser nicht voraussetzen kann und die geschichtlichen Entwicklungen eine wichtige Rolle für das Verständnis des mormonischen Glaubens spielen. Einige Worte zu Struktur und Organisation der Kirche (Kap. 2) haben die gleiche Funktion. Daran anschließen wird sich eine ausführlichere Beschreibung der grundlegenden Glaubensinhalte der mormonischen Theologie (Kap. 3), die eine Verständnisbasis für die folgenden Kapitel aufbauen soll. Auf diese Basis wird dann das nächste Kapitel (Kap. 4) mit dem Menschen als zentrales Thema zurückgreifen, bevor dann auf den Bereich Rekreation und Sport (Kap. 5) eingegangen wird. Schließlich soll nach einer kurzen Zusammenfassung eine Einordnung des Menschenbildes in die theologische und gesellschaftliche Geschichte und Gegenwart sowie ein Ausblick gegeben werden (Kap. 6). Den Abschluß bildet ein Anhang mit Abschriften des „Word of Wisdom“ und den „Articles of Faith.“ Inhaltlich bauen die einzelnen Kapitel aufeinander auf und sind untereinander stark verflochten. Gelegentliche Inhaltsredundanzen sollten daher als Rückbezüge auf vorher Gesagtes und außerdem als Verständnishilfen angesehen werden.

Und schließlich: ich bin weder Mormone, noch habe ich die Intention, jemals Mormone zu werden; im Grund bin ich Atheist.

Faust: „ Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln “

(Goethe 1986: 19, Verse 575 und 576)

1 Geschichte

Obwohl die historische Entwicklung der Mormonenkirche nicht das eigentliche Thema dieser Arbeit ist, bietet sich ein Umweg über eine konzise Darstellung der geschichtlichen Genese dieser Glaubensgemeinschaft dennoch aus zwei Gründen an: zum einen soll sie als kognitive und emotionale Aufwärmphase vor der abstrakteren Behandlung der theologischen Zusammenhänge dienen. Zum anderen wäre eine Darstellung der Theologie ohne den geschichtlichen Hintergrund nur schwer zu verstehen und auch nicht vollständig, denn bestimmte Ereignisse in der Geschichte der Mormonen sind von zentraler Bedeutung für ihr Glaubenssystem.

Allerdings stößt man hier schon auf eine Besonderheit, die bei allen historischen Abhandlungen über Glaubensgemeinschaften beachtet werden muß. Aufgrund des konstitutiven Elements des Glaubens[8] erfährt Geschichte in glaubensbasierten sozialen Systemen eine andere Behandlung als etwa im Wissenschaftssystem: in der Logik der Religion ist geschichtliches Faktum das, was als solches definiert wird.

Dieser Definitionsakt wird vom Glauben kontrolliert, und dessen Grundcharakteristikum ist die vorbedinungslose, axiomatische Setzung von göttlichen Wahrheiten. Es sind auch meist solche grundlegende, den theologischen Überbau tragende Glaubenselemente, die geschichtswissenschaftlicher Überprüfung oftmals nicht standhalten und dennoch von Gläubigen als wahr akzeptiert werden.

Dieses Charakteristikum jeder Glaubensgemeinschaft trifft auch für die mormonische zu. Auch hier basieren zentrale Elemente des Glaubens auf historisch schwer zu verifizierenden Ereignissen und der Existenz von religiösen Artefakten, die als Grundwahrheiten bzw. als historische Tatsachen wegen ihres Charakters als Glaubenselemente jedoch nicht infrage gestellt werden. Man kann Parallelen zum Christentum ziehen: die Existenz und das Wirken Jesu Christi werden in einer Mischung aus theologischem und historischem ‚Wissen’ als Tatsachen angesehen, deren Kernelemente auch durch die Aufdeckung historischer Ungereimtheiten, wie etwa der Unsicherheit über das genaue Geburtsjahr Jesu Christi, auf dem die Zeitrechnung der westlichen Welt basiert, ihren ‚Wahrheitswert’ für gläubige Christen nicht verlieren.

Für die Entwicklung des religiösen Systems der Mormonenkirche ist die Frage nach der historischen Beweisbarkeit ihrer Anfänge daher zwar keineswegs irrelevant; In der Tat unternimmt die Kirche große Anstrengungen, durch archeologische Grabungen und Quellenstudien ihren Glauben abzusichern. Solange diese Ereignisse aber ohnehin als wahre, als axiomatische Tatsachen akzeptiert werden, kann man auf dieser Grundlage ein stabiles theologisches Konstrukt aufbauen.

Im Übrigen sollte und kann eine grundsätzliche Diskussion über mormonische und nicht-mormonische Konstruktion von historischer und theologischer Wahrheit in einer sportwissenschaftlichen Abschlußarbeit nicht geführt werden. Ich werde mich daher an Darstellungen und Fakten halten, die als relativ gesichert gelten.[9] Historische wie metaphysische Ereignisse werden dabei als Tatsachen, in der sprachlichen Form des Indikativ, wiedergegeben, sofern sie von der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints offiziell als Tatsachen anerkannt werden und somit für die Entwicklung der Theologie bedeutsam sind.

1.1 Die Anfänge in Neu England

Die Kirchengeschichte der Mormonen läuft mit der Geschichte der Mormonen als sozialer Gruppe, zumindest im gesamten neunzehnten und in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, weitgehend parallel.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Nordosten der USA mit dem Staat New York[10]

Lässt man den Bereich der Mythologie hier außer acht,[11] kann man den Beginn dafür wohl mit dem Ereignis festsetzen, das gemeinhin als die „first vision“ des Kirchengründers und -führers Joseph Smith Jr.[12] bezeichnet wird. Smith, geboren am 23. Dezember 1805 in Sharon im US-Bundesstaat Vermont, war im Alter von 10 Jahren mit seiner Familie infolge wirtschaftlicher Zwänge nach Palmyra und später Manchester im westlichen Teil des Bundesstaates New York (vgl. Abb. 1) gezogen (Arrington/Bitton 1979: 5). Im Alter von etwa 15 Jahren erfuhr der junge Joseph eine spirituelle Krise[13] über die Frage, welche der vielen Religionen und Konfessionen die richtige und die daher zu wählende sei: "During this time of great excitement my mind was called up to serious reflection and great uneasiness; … but so great were the confusion and strife among the different denominations, that it was impossible for a person young as I was, and so unacquainted with men and things, to come to any certain conclusion who was right and who was wrong I often said to myself: What is to be done? Who of all these parties are right; or, are they all wrong together? If any one of them be right, which is it, and how shall I know it” (Pearl of Great Price 1974: 47).[14]

Die Antwort auf seine Fragen fand er im Neuen Testament im Brief des Jakobus: „If any of you lack wisdom, let him ask of God, that giveth to all men liberally, and upbraideth not; and it shall be given him” (KJV: James 1:5). Joseph zog aus dieser Bibelstelle den Schluß, dass er Gott selbst um Rat fragen müsse. Und tatsächlich erschienen ihm während eines innigen Gebetes in einem kleinen Waldstück in der Nähe von Palmyra zwei himmlische Gestalten, die er später als Vater und Sohn, als Gott und Jesus Christus identifizierte (Arrington/Bitton 1979: 5). Ihm wurde mitgeteilt, dass alle bisherigen Religionen und Konfessionen nicht das wahre Christentum nach Jesus Christus repräsentierten, sondern vielmehr „an abomination in his eyes“ (Pearl of Great Price 1974: 48) seien und er, Joseph Smith, daher zu diesem Zeitpunkt keiner beitreten solle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Palmyra im Staat New York[15]

Während den nächsten drei Jahren hielt sich Joseph an diese göttliche Weisung der konfessionellen Abstinenz, bis dann in der Nacht des 21. September 1823 das Ereignis stattfand, das die eigentliche Entstehung der Kirche der Mormonen in Gang setzte: wiederum versunken in tiefem Gebet, erschien ihm mehrmals der Engel Moroni, letzter Überlebender eines israelischen Stammes auf amerikanischem Boden, der ihm von goldenen Platten erzählte, auf denen die Geschichte und Glaubensgrundsätze der früheren Einwohner dieses Kontinents und zudem das vollständige Evangelium des Erlösers Jesus Christus eingeschrieben war, so wie er es eben diesen Ureinwohnern verkündet hatte. Weiterhin gebe es zwei magische Steine, Urim und Thummim, mit denen er, Joseph Smith, diese Platten, die in einem reformierten Ägyptisch geschrieben seien, wie die Priester und Seher zu Moses Zeit übersetzen könne, sobald die Zeit dazu gekommen sei (vgl. KJV: Exodus 28:30). Zum Schluss kündigte der Engel eine Zeit der Apokalypse sowie bestimmte, dieser Zeit vorausgehende Zeichen an, welche noch in dieser Generation, also noch während des neunzehnten Jahrhunderts, über die Erde kommen würden.

Am nächsten Morgen erschien dieser Engel Moroni nochmals und führte Joseph zu dem nahegelegenen Hill Cumorah, wo die Artefakte vergraben sein sollten (vgl. Abb. 2). Er fand sie dort auch, durfte sie aber noch nicht an sich nehmen, da die Zeit dafür noch nicht reif war. Er wurde jedoch angewiesen, jedes Jahr wieder an diese Stelle zu kommen, um neue Anweisungen zu empfangen. Drei Jahre später, am 22. September 1827, erhielt er schließlich den Auftrag, die Platten endgültig auszugraben und diese mit Hilfe der Sehersteine zu übersetzen.[16]

Nachdem er sich von New Yorker Wissenschaftlern die archäologische Echtheit der Platten, d.h. ihrer neu-ägyptischen Inschriften hatte bestätigen lassen, machte er sich mit Hilfe des Schreibers Martin Harris und später Oliver Cowdery an die Übersetzung dieser Platten. Das Ergebnis war das Buch Mormon, eine Chronik der Geschichte mehrere Völker Amerikas vor der Ankunft Columbus.[17] Etwa 100 Seiten, die durch eine Unachtsamkeit Martin Harris’ verloren gingen, wurden nach einer Weisung Gottes nicht neu übersetzt, sondern lediglich basierend auf anderen Textstellen zusammengefasst. Dieses Buch Mormon wurde 1830 veröffentlicht und mit einer Auflage von 5000 Exemplaren gedruckt. Es enthält auch heute noch auf den ersten Seiten die Aussagen von insgesamt elf Männern, die bezeugen, diese Platten selbst gesehen zu haben. Nach diesen Zeugnissen gab Smith die Platten und die Steine an den Engel Moroni zurück (Arrington/Bitton 1979: 14).[18] Am 15. Mai 1929 erhielten Joseph Smith und Oliver Cowdery durch eine Erscheinung Johannes des Täufers das Aaronische Priestertum, das unter anderem die Taufe konvertierter Mitglieder ermöglicht; etwas später im selben Jahr zudem das Melchisedekische Priestertum ebenfalls durch ein himmlische Erscheinung, diesmal von Petrus, Jakobus und Johannes, das mit seinen weitreichenden geistlichen Funktionen als Voraussetzung für den Aufbau der Kirche galt (Chronology of church history 2001).[19]

Joseph nutzte die Möglichkeit zur Konvertierung und Taufe in der darauffolgenden Zeit ausgiebig, um neue Mitglieder für seine am 6. April 1930 offiziell gegründete „Church of Christ“[20] zu bekommen, die er zu Beginn vorwiegend im engeren Familien- und Freundeskreis fand. Aber schon zu diesem Zeitpunkt wurden erste Missionare ausgesandt, um die Indianer, die als Nachkommen eines der ausgewanderten Stämme Israels angesehen wurden, wieder zum wahren Glauben zu bekehren (Arrington/Bitton 1979: 21). In Kirtland, Ohio, stießen diese Missionare allerdings auch bei einer christlichen Sekte um Gordon Rigdon auf großes Interesse und konnten über 100 neuen Mitglieder gewinnen. Von solchem Erfolg positiv überrascht, verlegte Joseph Smith seinen Wohnsitz in diese Stadt (Alexander 1996: 82).

1.2 Wachstum in Missouri und Illinois

Hatte sich bis 1930 der Mittelpunkt der Handlung überwiegend im neuenglischen Nordosten der USA befunden, wurden mit dem Jahr 1931 erste Schritte einer Orientierung Richtung Westen unternommen,[21] die in mehreren Etappen bis 1846 erst mit dem Erreichen des Großen Salzsees ein Ende finden sollte.[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Siedlungen in Missouri, Illinois und Iowa[23]

Am 20. Juli 1831 verkündete Smith eine Offenbarung Gottes, die verhieß, dass die Stadt Independence im Staat Missouri (vgl. Abb. 3) der auserwählte Ort für die Errichtung des Neuen Jerusalem im Land Zion sei, von wo aus Jesus über sein tausendjähriges Reich herrschen sollte (vgl. Chronology of Church History 2001). Es war sogar der genaue Bauplatz für den neuen Tempel bekannt, und so forderte eine Sektion der „Doctrine and Covenants“ (D&C 57:1-4)[24] auch wörtlich dazu auf, das Land rund um den zukünftigen Tempelplatz aufzukaufen. Joseph Smith schickte daher einige Mitglieder nach Independence, um den bevorstehenden Bau der Stadt im künftigen Land Zion spirituell und auch materiell durch Landkauf vorzubereiten. Um dieses große Ziel erreichen zu können, führte Smith unter seiner Anhängerschaft einen wirtschaftlichen Kommunitarismus ein, der sich teilweise in krasser Opposition zu dem sich in der Zeit um 1830 in der Ära des Jacksonianismus ausbreitenden Individualismus und Kapitalismus befand. Allmählich sahen auch die „gentiles“, wie die Mormonen alle Nicht-Mormonen nennen, in Mississippi die Mormonen nicht mehr nur als kuriose aber weitgehend harmlose ideologische Randgruppe an. Vielmehr fühlten sie sich zunehmend regelrecht bedroht und setzten den Mormonen heftigen ideologischen und später auch physischen Widerstand entgegen. Hatte Joseph Smith schon von Beginn seiner spirituellen Erfahrungen an aufgrund seiner mitteilungsfreudigen Art gegen Spott, Widerstand und sogar Verfolgung kämpfen müssen, wurde der Widerstand ab 1832 bedrohlich. Mitglieder der Kirchenführung, darunter auch Joseph Smith selbst, wurden auf öffentliche Plätze gezerrt und dort geteert und gefedert, mormonische Familien von ihren Höfen verjagt und zum Teil auch ganz aus Missouri vertrieben. Sie fanden kurzzeitig einen Zufluchtsort in zwei „counties“ (Bezirke) im Norden Missouris, die ihnen extra von diesem Staat zugewiesen worden waren. Der kontinuierliche Zustrom neuer Mitglieder ließ aber bald klar werden, dass dies keine endgültige Lösung sein konnte. Nach kriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit einer mormonischen Miliz, die sich als Reaktion auf die ersten gewalttätigen Übergriffe gebildet hatte, erließ der Gouverneur von Missouri, Lilburn W. Boggs, am 27 Oktober 1838 ein Dekret, nach dem alle Mormonen aus Missouri zu vertreiben seien, wenn nötig mit Gewalt (Alexander 1996: 84). Im Zuge dieser Anordnung verbrachten Joseph Smith und andere Führer der Kirche einige Monate im Gefängnis, 18 Mormonen verloren bei einem Massaker ihr Leben und der größte Teil der Kirchenmitglieder floh in den Nachbarstaat Illinois.

Sowohl dieser externe Druck als auch kircheninterne Spannungen über ideologische Grundsätze und über die Führung der Kirche hatten über die Jahre dazu geführt, dass zahlreiche prominente Kirchenmitglieder wie Oliver Cowdery und andere Mitglieder der ersten Stunde die Kirche entweder aus eigenem Antrieb verlassen hatten oder exkommuniziert worden waren.[25] Illinois sollte nun nach der Vorstellung Smiths einen Neubeginn markieren. Das Zentrum wurde die neugegründete Stadt Nauvoo.[26] Von Beginn an mit dem klaren Ziel entworfen und strukturiert, später als Regierungssitz Jesu Christi auf der Erde zu dienen, wuchs die Siedlung schnell auf Stadtgröße an und war um 1844 schließlich die zweitgrößte Stadt in Illinois (Arrington/Bitton 1979: 69). Die Mormonen übernahmen die Verwaltung der Stadt, formten eine Stadtpolizei und mit der Nauvoo Legion eine halb-offizielle eigene Miliz als Teil der Illinois-Staatsmiliz und entwarfen Pläne zur Errichtung eines Tempels und einer Universität. Sie fügten sich zu Beginn überraschend gut in das demokratische Umfeld Illinois’ ein. Die Praxis des Blockwählens, bei der alle Kirchenmitglieder geschlossen den von der Kirchenführung favorisierten Kandidaten wählten,zusammen mit dem arbeitsamen Wesen der Mormonen förderte die Entwicklung sowohl der Stadt als auch der Kirche. In dieser Zeit der relativen Ruhe machte Smith mehrere persönliche, aber wie immer göttlich inspirierte Offenbarungen zur Kirchenlehre, zu Tempelritualen und zu Anweisungen für das tägliche Leben publik - unter anderem auch die göttlich sanktionierte Aufforderung zur Polygamie -, welche im Laufe der Zeit zusammen mit der dominierenden politischen Stellung der Mormonen in der Stadt den Widerstand des nicht-mormonischen Teils der Bevölkerung erregte. Allerdings waren in dieser Situation zum ersten Mal die Mormonen in der Mehrzahl, und Joseph Smith nutzte diese Situation auch aus, indem er anti-mormonische Stimmungen durch die Präsenz der Nauvoo-Legion unterdrücken ließ; ein missgünstiger Zeitungsvelag wurde auf seinen Befehl hin geschlossen und zerstört, und er verhängte später sogar das Kriegsrecht über die Stadt. Das überschritt nun allerdings das Maß an Autonomie, das die Regierung der Vereinigten Staaten in Washington den Mormonen zu geben bereit war: am 27. Juni 1844 wurde Joseph Smith zusammen mit seinem Bruder Hyrum und zwei weiteren Kirchenmitgliedern unter der Anklage des Hochverrats verhaftet und im Gefängnis von Carthage, Illinois inhaftiert. Die Bevölkerung dieser Stadt war allerdings gegen Smith und seine Anhänger so aufgebracht, dass trotz der Zusicherung besonderen Schutzes seitens des Gouverneurs von Illinois ein aufgebrachter Mob das Gefängnis stürmen konnte und Joseph Smith und seinen Bruder nach kurzer Gegenwehr - Freunde hatten ihnen im Gefängnis Pistolen zuschanzen können - ermordeten (vgl. Alexander 1996: 86).

Der Tod ihres Führers und Propheten Joseph Smith - später zum Märtyrer erklärt, dessen Blut die Wahrhaftigkeit seiner Botschaft bestätigte (vgl. D&C 136: 37-39) - stürzte die Kirche in eine folgenschwere Krise. Smith hatte zu seinen Lebzeiten keine konkreten Aussagen zur Regelung der Nachfolge im Präsidentenamt gemacht; zudem wurden einige der erst in den letzten Jahren veröffentlichten Offenbarungen von den Kirchenmitgliedern unterschiedlich aufgenommen und zum Teil äußerst kontrovers diskutiert. Besonders das Gebot der Polygamie (D&C 132) stieß bei vielen Gläubigen, die zum größten Teil dem konservativen puritanischen Umfeld Neu Englands und Großbritanniens entstammten, auf heftigen Widerstand. Machtkämpfe unter den Mitgliedern der Kirchenführung, Kirchenausschlüsse und -austritte von Mitgliedern und Gründungen von Splittergruppen waren die Folgen.[27] Der größte Teil der „Heiligen“[28] jedoch erkannte Brigham Young, ein Mitglied der Kirchenleitung, nach einer Konferenz der Kirchenobrigkeit am 8. August 1844 als neuen Führer und Propheten der Kirche an (Alexander 1996: 88). Währenddessen verstärkten sich die anti-mormonischen Ressentiments in der Bevölkerung, und die Zahl der gewalttätigen Übergriffe gegen Mormonen, aber als Gegenreaktion auch von Mormonen gegen Nicht-Mormonen, stieg weiter an, sodass sich die Heiligen in Nauvoo nicht mehr länger sicher - oder zumindest glücklich - fühlen konnten. Da ihnen für die nähere Zukunft auch die Rückkehr in das versprochene Land Zion in Independence in Missouri versagt war, griffen sie auf eine Aussage Smiths aus demselben Jahr zurück, in der er den geographisch ursprünglich auf Jackson County in Missouri begrenzten Begriff Zion als dem gelobten Land auf ganz Süd- und Nordamerika ausdehnte (Alexander 1996: 89). Nach den schlechten Erfahrungen, die die Heiligen mit der wenig toleranten amerikanischen Gesellschaft gemacht hatten, erschien ihnen ein Rückzug aus derselben als attraktivster Ausweg, der ihnen auch von Seiten der Staatsregierung nahegelegt wurde.

Etwa um die gleiche Zeit erreichten Berichte von Pionieren des Westen den Osten Amerikas, in denen von weiten, lediglich von Indianern besiedelten und somit nach damaligem Verständnis prinzipiell als unbewohnt anzusehenden Gebieten jenseits der Rocky Mountains gesprochen wurde. Der Kirchenführung erschien ein Ausweichen in ein Gebiet, in dem sie unbehelligt von der Regierung der Vereinigten Staaten bzw. deren Bürgern leben konnten, als eine gute Lösung. Die Tatsache, dass das anvisierte Gebiet zwischen Oregon und Arizona zu dieser Zeit noch einer anderen Nation, nämlich Mexiko, gehörte, schien kein Hindernis zu sein. Der Plan war, sich am westlichen Ufer des Mississippi zu sammeln und anschließend in das sogenannte „Utah Territory“ zu ziehen. Brigham Young rief in der Folge daher alle Mormonen auf, sich in Nauvoo zu sammeln und sich für den großen Exodus Richtung Westen vorzubereiten. Im Februar 1846 begannen die ersten Gruppen unter seiner Führung mit der Überquerung des Mississippi; im Sommer und Herbst des selben Jahres folgte, durch gewalttätige Übergriffe der Bevölkerung Illinois’ unterstützt, das Gros der Auswanderer. Durch die überstürzte Auswanderung, die eher einer Flucht nahekam, waren die Mormonen allerdings denkbar schlecht auf den langen Marsch durch die Steppen des mittleren Westens und die Täler der Rocky Mountains vorbereitet.

Am 13. Mai 1846 erklärten die Vereinigten Staaten ihrem Nachbar Mexiko den Krieg, in dessen Folge das gesamte Gebiet der heutigen Staaten New Mexico,

Arizona, Colorado, Utah, Nevada und Teile Kaliforniens an die USA fiel. Obwohl für die Mormonen diese Entwicklung im Frühjahr 1846 noch nicht vorauszusehen war, änderte sich ihre Situation dadurch dennoch grundlegend. Hatten sie den Auszug noch unter der Prämisse geplant, den feindlich gesinnten Vereinigten Staaten und seinen Bürgern den Rücken zu kehren, bot sich ihnen unerwartet sogar die Möglichkeit staatlicher Unterstützung ihres Vorhabens. Die Regierung hatte den Mormonenführern angeboten, gegen Überlassung von 500 mormonischen Rekruten für den Mexican War den Auszug finanziell zu unterstützen (Alexander 1996: 92f). Dieses Angebot kam den Mormonen auch insofern gelegen, als sie darauf spekulierten, dass diese ausgebildeten Soldaten nach ihrer Militärzeit als Pioniere den Aufbau des neuen Zion in den Bergen vorbereiten und unterstützen könnten.

1.3 Exodus und Pionierjahre in Utah

Die zurückgebliebenen Mormonen bereiteten sich unterdessen in ihrer Lagerstätte Winter Quarters auf den Auszug im nächsten Frühjahr vor. Am 14. April 1847 machte sich dann die erste Gruppe von 148 Menschen auf den langen Weg. Brigham Young führte, in bewusster Analogie zu Moses und dem biblischen Auszug der Israeliten aus Ägypten, den Treck an (Alexander 1996: 94).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Exodus nach Utah[29]

Er folgte dabei zum großen Teil dem Oregon Trail nach Kalifornien (vgl. Abb. 4), noch unsicher, wo genau die Reise enden sollte. Auf Anraten einiger Trapper und Rückkehrer aus Kalifornien, auf die die Gruppe unterwegs traf, entschieden sich die Führer der Mormonen für das östliche Gebiet des Great Basin, das sich direkt an die Westfront der Rocky Mountains anschließt. Am 24. Juli 1847 erreichte Brigham Young mit seiner Gruppe das Tal des Großen Salzsees. Beim Anblick des fruchtbaren Salt Lake Valley vom Ausgang des später Emigration Canyon genannten Tals soll er die Worte ausgesprochen haben: „This is the right place, drive on“ (Alexander 1996: 96).[30] Die Entscheidung für einen Siedlungsplatz war getroffen.

Die Siedler gingen sogleich daran, das Land urbar zu machen. Sie entwarfen den Grundriss von Salt Lake City, der auch heute noch gültig ist: ausgehend vom „Temple Square“ mit dem noch zu bauenden Tempel wurde das Land in „10-acres“ große Quadrate eingeteilt mit ungewöhnlich breiten Straßen (44 yards): Youngs Wunsch war es „to be able to turn a span of oxen around without backing them up“ (Alexander 1996: 98).[31] Sie legten Bewässerungsanlagen an, verlegten große Farmen an den Rand der Stadt und planten auch gleich Siedlungen für die nachfolgenden Auswanderer.

Im selben Jahr noch wurde die Organisation der Kirche überarbeitet: Brigham Young wurde als Präsident und Prophet der Kirche bestätigt, und zusammen mit Heber C. Kimball und Willard Richards formte er die First Presidency (Erste Präsidentschaft).[32]

In den folgenden Jahren waren die Mormonen damit beschäftigt, das Land zu kultivieren, Neuankömmlinge zu integrieren und die Kirche auf- und auszubauen. Anfangs waren die meisten der Heiligen noch unsicher, ob denn ihr neuer Prophet Salt Lake Valley auch die richtige Wahl mit dem getroffen hatte: Indianerüberfälle und widrige klimatische Bedingungen ließen so manchen zweifeln. Ein Ereignis im Sommer 1848 überzeugte jedoch die Gläubigen und bestärkte sie darüber hinaus noch in dem Glauben an ihre Auserwähltheit durch Gott: als nach einem entbehrungsreichen Winter die ausgesähte Saat auf eine reiche Ernte im Herbst hoffen ließ, fielen im Mai und Juni Horden von Heuschrecken über die Felder her und zerstörten einen großen Teil des Getreides. Dann jedoch tauchten Scharen von Seemöwen vom nahe gelegenen Großen Salzsee auf, die ihrerseits über die Heuschrecken herfielen und so die Ernte retteten (vgl. Chronology of Church History sowie Arrington/Bitton 1979: 104).

Nachdem alle Zweifel durch diesen als göttliche Intervention zugunsten des auserwählten Volkes gedeuteten Vorfalls beseitigt waren, konnte man daran gehen, Salt Lake City zu dem zu machen, was der Literaturwissenschaftler Bloom als das „pragmatic Jerusalem“ (Bloom 1992: 87) bezeichnet, eine Art temporäres Paradies bis zur Wiederkunft Jesu. Bereits 1849 wurde die Deseret Musical and Dramatic Society gegründet, 1850 die University of Deseret (die heute staatliche University of Utah), allerdings mit noch äußerst rudimentärem Lehrbetrieb, und im selben Jahr die heute noch existierende, in Kirchenbesitz befindliche Tageszeitung „Deseret News“ (Alexander 1996: 104ff). Im April 1853 wurde mit dem Bau des Tempels begonnen (vgl. Abb. 5, Fertigstellung 1893).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Salt Lake Temple[33]

Nachdem Mexiko als Verlierer des Krieges im Vertrag von Hidalgo seine Besitzungen südlich des 42. Breitengrades, das auch das Siedlungsgebiet der Mormonen einschloss, an die Vereinigten Staaten abgetreten hatte, war abzusehen, dass die Regierung in Washington dieses Gebiet nicht lange ohne eine legitimierte Verwaltung lassen würden. Aus nicht unbedingt uneigennützigen Gründen boten die Mormonen daher an, diese Aufgabe zu übernehmen, und bewarben sich im Sommer 1849 für die Verwaltung des Gebietes mit dem Status eines Territoriums und bald darauf für die Aufnahme des Bundesstaates Deseret[34] in den amerikanischen Staatenbund. Die beginnenden Spannungen zwischen den Nord- und den Südstaaten der USA über die Frage der Sklaverei, ungelöste Grenzprobleme, Unsicherheiten über den seltsamen Namen und Gerüchte über ‚unchristliche Praktiken’ führten allerdings dazu, dass das beanspruchte Gebiet schließlich auf etwa das des heutigen Utahs zusammengeschnitten wurde und auch lediglich den Status eines Territoriums zugesprochen bekam.

Im August 1852 verkündete dann Orson Pratt, ein Mitglied der Kirchenführung, in einer Ansprache, dass die Polygamie eine von Gott erlaubte und sogar erwünschte Sache sei (Alexander 1996: 108). Damit wurde offiziell, was schon seit Jahren mehr oder weniger heimlich praktiziert wurde und auch in den „Doctrine and Covenants“ nachzulesen war (D&C 132). Der Historiker Thomas G. Alexander (1996: 108) spricht davon, dass „by 1860 approximately two-thirds of the married women lived in polygamous households.” Es war besonders dieser Punkt, der eine baldige Aufwertung des Territoriums in den Rang eines eigenständigen amerikanischen Staates verhinderte. Hatte es bis zu diesem Zeitpunkt schon leichte Querelen mit einzelnen Verwaltungsbeamten und Militärs gegeben, kam es ab 1857 zu offenen kriegerischen Auseinandersetzungen mit der Bundesregierung, in deren Verlauf auf der einen Seite Mormonen aus dem gesamten Westen der USA zur Verteidigung Zions gerufen wurden und auf der anderen amerikanische Bundestruppen Salt Lake City kurzzeitig besetzten. Ein besonders trauriges Ereignis ist das Mountain Meadows Massacre, bei dem eine Abteilung der mormonischen Miliz zusammen mit befreundeten Indianern etwa 100 unbeteiligte und unbewaffnete Siedler, darunter Frauen und Kinder, auf ihrem Weg nach Kalifornien im Süden Utahs niedermetzelten (Alexander 1996: 130-134).[35] Nach dieser Eskalation waren beide Seiten wieder zu Gesprächen bereit. Eine relative Normalität in den Beziehungen zwischen der LDS-Kirche und Washington kehrte allerdings erst wieder ein, nachdem hohe, den Mormonen feindlich gesinnte Verwaltungsbeamte ausgetauscht worden waren.

In den folgenden Jahren entwickelte sich die Gemeinschaft der Mormonen mit großer Geschwindigkeit: Das anfänglich kooperativ geführte Unternehmen ZCMI (Zions Cooperative Mercantile Institution) in Salt Lake City florierte und dominierte den Handel, ein neues Gebäude für den Tabernacle Choir wurde errichtet und philosophische und wissenschaftliche Gesellschaften gegründet; 1862 öffnete das Salt Lake Theatre seine Pforten (vgl. Alexander 1996: 149ff) und es wurde der Versuch unternommen, ein kircheneigenes Schulsystem aufzubauen (Alexander 1996: 282). Der Status eines US-Staates wurde aber weiterhin verweigert, hauptsächlich wegen des Beharrens auf der Praxis der Polygamie. Nach relativer Ruhe in den Jahren um die Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges machte sich die Bundesregierung gegen Ende der 1870er Jahre daran, diesen letzten Rest ‚unchristilchen’ Widerstandes im eigenen Land auszumerzen. Bekennende Polygamisten wurden verfolgt und inhaftiert, und mit dem Edmunds-Tucker Act von

1887, der den Einzug des Vermögens von polygamiefördernden Religionsgemeinschaften zum Gesetz machte, war die Kirche ernsthaft in ihrer Existenz bedroht (Alexander 1996: 194ff). Die Kirchenführung zog schließlich die Konsequenzen: am 9. Oktober 1890 erklärte der damalige Prophet und Kirchenpräsident Wilford Woodruff in einem Manifest die Polygamie als eine von der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints im irdischen Leben nicht länger geduldete Praxis. Die Kirchenversammlung erhob dieses Manifest schließlich zur bindenden Offenbarung (Alexander 1996: 200f). Die positive Reaktion seitens der Bundesregierung erfolgte prompt - in politischer Zeitrechnung: am 4. Januar 1896 wurde der Staat Utah als 45. Stern der amerikanischen Flagge hinzugefügt (Arrington and Bitton 1979: 244).

1.4 Zeit des Wandels nach der Jahrhundertwende

Die Aufnahme Utahs in den amerikanischen Staatenbund markiert einen deutlichen Wandel innerhalb der Kirche sowie in der Art, wie sich die Kirche nach außen präsentierte und auch wie sie wahrgenommen wurde. Waren die Mormonen zuvor als spirituelle Rebellen und Frauen diskriminierende Terroristen angesehen worden, wandelte sie sich in der Wahrnehmung der amerikanischen Geselschaft in den Jahren nach dem Polygamieverbot zu Vertretern des prototypischen, konservativen Amerikaners (Shipps 1988: 662). Zwar gab es noch gelegentliche Probleme wie etwa die halböffentlichen polygamen Ehebeziehungen des Kirchenpräsidenten Joseph F. Smith zwischen 1901-1918. Im allgemeinen war die Zeit zwischen 1890 und 1930 jedoch eine Periode der Anpassung an die amerikanische Gesellschaft und des Auf- und Ausbaus der Kirche in- und außerhalb des nordamerikanischen Kontinents (Shipps 1988: 662ff).[36] Die verschiedenen Kirchenorganisationen wurden ausgebaut, das Missionarsprogramm erweitert und, basierend auf einer Offenbarung Joseph F. Smiths vom 3. Oktober 1918 über die Erlösung und Taufe der Toten (D&C 138), die Anstrengungen in der Genealogieforschung verstärkt.[37] Weiterhin erfuhr die Vorstellung von Zion als dem Reich Gottes auf Erden eine Umdeutung von einer geographischen Bedeutung hin zu einer metaphysischen: Zion war nicht länger begrenzt auf das Gebiet Utahs oder auch des amerikanischen Kontinents, sondern umfasste nun alle Gebiete der Erde, „’where the people of God are’“ (Shipps 1988: 663, Zitat in Shipps). Die Bedeutung des Word of Wisdom, eine Offenbarung Joseph Smiths über den erwünschten, gottgefälligen Lebenswandel der Heiligen, wurde gestärkt; es erhielt den „status of revelation and adherence to it became the most visible means of differentiating Mormons and Gentiles“ (Shipps 1988: 662).[38] Als Reaktion auf die miserablen sozialen Zustände in der Folge der Weltwirtschaftskrise nach 1929 wurden kircheneigene Wohlfahrtsorganisationen aufgebaut, die jedoch nicht nur Kirchenmitgliedern unterstützten (Shipps 1988: 663).

1.5 Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg

Nach dem 2. Weltkrieg erfuhr die Kirche einen ungeahnten Zustrom an Mitgliedern, und ein Ausbau des Missionarssystems in den 1960ern verstärkte diesen Trend weiter: 1947 hatte die Kirche weltweit 1 Million Mitglieder; bis 1963 verdoppelte sich diese Zahl (vgl. EvInf 2001). Die stetig wachsende Zahl an Mitgliedern, noch dazu viele in fernen Ländern und Kulturen, brachte nun neue, unerwartete Probleme mit sich: hatten die Mitglieder der Kirche besonders in der relative ruhigen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch die Fiktion einer zusammengehörigen Gemeinschaft, einer - zugegeben - überaus groß

[...]


[1] In Anlehnung an Nietzsche: Die Geburt des neuen Menschenbildes aus dem Geist der Moderne.

[2] Nach Angaben der Kirche gab es im Dezember 2000 weltweit über elf Millionen Mormonen (Watson 2001: 22), in den Vereinigten Staaten etwa 5 Millionen. Sie gehört damit in der bunten Glaubenslandschaft der USA zu den sechs größten unter den organisierten Kirchen (Lindner 2001: 11). In Deutschland hatte die Kirche gegen Ende des Jahres 1999 mehr als 36000 Mitglieder (Deseret News 2001-2001 Church Almanac 2001: 331). Der Soziologe Rodney Stark (1984: 23ff) errechnete 1984 auf der Basis der damaligen jährlichen Wachstumsraten der Kirche von etwa 50%, dass bei gleichbleibendem Wachstum im Jahr 2080 etwa 265 Millionen Mormonen, bei einer Wachstumsrate von 30% jährlich etwa 63 Millionen die Erde bevölkern würden. Stark (1994: 13ff) weißt dabei ausdrücklich auf die Gefahren solcher „straight-line projections“ hin: „I am, in fact, very sensitive to the dangers involved in making projections that rest on the assumption that tomorrow will be like yesterday“ (Stark 1994: 13). Die errechnete Zahl für das Jahr 2000 bei der Berechnung mit 50% Wachstum betrug 10,5 Millionen; mit der aktuellen Mitgliederzahl von über 11 Millionen wurde diese Schätzung somit sogar übertroffen.

[3] Vgl. dazu Kapitel 3.2 „Die kanonischen Schriften“.

[4] Zur Problematik der Gültigkeit solcher Aussagen siehe Kapitel 3 „Allgemeine Dogmatik“. Um Missverständnissen über abweichende Zitationsweise in dieser Arbeit vorzubeugen, verweise ich auf die Erläuterungen, die dem Literaturverzeichnis vorangestellt sind.

[5] Vgl. dazu Kapitel. 2 „Wachstum in Missouri und Illinois“, Fußnote 29.

[6] Für eine Diskussion und Definition der Begriffe Religion, Sekte und Kult siehe Stark und Bainbridge (1985: 19-37).

[7] Vgl. Kapitel 6 „Zusammenfassung, Einordnung und Ausblick.“

[8] Also das „Nicht-Wissen“ um den Wahrheitsgehalt eines Sachverhalts und das gleichzeitige Akzeptieren desselben als Faktum.

[9] Umfassendere neutrale Darstellungen der Geschichte der Mormonenkirche sind nicht einfach zu finden, da das Thema die Autoren solcher Werke scheinbar immer polarisiert: mormonische bzw. mormonen-freundliche Autoren betonen bei aller Wissenschaftstreue die Apologetik zu stark (vgl. Alexander 1996; Arrington/Bitton 1979); mormonen-feindliche Autoren lassen die nötige Neutralität und Objektivität ebenfalls oft vermissen, da sie meist aus dem gläubigen christlichen Lager stammen und nur allzu leicht in eine selbstgerechte Polemik gegen das Mormonentum verfallen (vgl. Lutherisches Kirchenamt 2000; Tanner/Tanner 1981); ohne wertende Kommentare geht es fast nie. Eine deutschsprachige Ausnahme scheint mir Mössmer (1995) zu sein.

[10] Quelle: Homepage der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints: http://scriptures.lds.org/chmaps/1

[11] Die mythologischen Ursprünge, beschrieben im Buch Mormon, einem Werk aus dem mormonischen Kanon, werden im Abschnitt 3.2 „Die kanonischen Schriften“ behandelt.

[12] In der Literatur ist es allgemein üblich, das „Jr.“ wegfallen zu lassen; dem schließe ich mich an.

[13] Über das genaue Datum der Vision besteht Unsicherheit; die Kirche gibt auf ihrer offiziellen Seite den Zeitraum Frühjahr 1820 an (Chronology of Church History 2001).

[14] Die hier wiedergegebenen Stellen beziehen sich auf die von Joseph Smith selbst im Jahr 1842 veröffentlichte und heute von der Kirche als offiziell angesehene Version der Ereignisse der „First Vision“, wie sie in der Ausgabe der Doctrine and Covenants/Pearl of Great Price von 1974 nachzulesen sind. Es sei hier nur am Rande erwähnt, daß Smith es offensichtlich als notwendig erachtete, seine Erinnerungen an die Geschehnisse einer genauen Überprüfung zu unterziehen und den Text in einer späteren Veröffentlichung zu verändern; in diesem wie auch in anderen Schriftstücken finden sich leichte bis gravierende Änderungen in Sprache und inhaltlicher Aussage (vgl. Lutherisches Kirchenamt 2000: 411).

[15] Quelle: Homepage der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints: http://scriptures.lds.org/ chmaps/2

[16] Smith war zu dieser Zeit als ‚moneydigger’, als professioneller Schatzsucher tätig und auch öffentlich als solcher bekannt, was sogar zu einer Anklage wegen Landstreicherei und ungebührlichen Benehmens führte (Arrington/Bitton 1979: 10ff). Diese Art der Schatzsuche - häufig mit Hilfe magischer Hilfsmittel - war zu dieser Zeit in Neu England weit verbreitet, und so wurden auch Smiths Berichte über seinen Fund von seinem sozialen Umfeld zuerst als reine Goldgräbergeschichten abgetan (Mössmer 1995: 20f). Smith begegnet Vorwürfen der eigenen Unglaubwürdigkeit aufgrund seines Berufes mit der Begründung, er sei durch die finanzielle Notlage seiner Familie dazu gezwungen, sich bei dem professionellen Goldgräber Josiah Stoal zu verdingen; seine wahren spirituellen Erfahrungen seien von übelwollenden Zeitgenossen in Verbindung mit seiner Arbeitswelt gebracht worden (Pearl of Great Price 1974: 54). Allerdings gab er in einer Verhandlung zu, mit Hilfe eines magischen Steines erfolgreich bei der Schatzsuche gewesen zu sein (Mössmer 1995: 21), also selbst nicht eindeutig zwischen göttlicher Intervention und eigenem irdischen Handeln unterschieden zu haben.

[17] Siehe Abschnitt 3.2 „Die kanonischen Schriften“.

[18] Einige der Zeugen gaben allerdings später in einer Gerichtsverhandlung zu, diese Artefakte nicht wirklich physisch gesehen, sondern die hinter einem Tuch verborgenen goldenen Platten lediglich ‚spirituell’ gesehen zu haben (vgl. Mössmer 1995: 27).

[19] Über die Bedeutung dieser beiden Priesterämter siehe Abschnitt 3.6 „Priestertum, Tempelrituale und Missionierung“.

[20] 1838 wurde die Kirche offiziell in „The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“ umbenannt, um zu betonen, daß es sich dabei um die wahre restaurierte Kirche Jesu Christi in baldiger Erwartung der Apokalypse handelte (vgl. Arrington/Bitton 1979: 21).

[21] Die Mormonen stehen damit in der abendländischen Tradition der translatio imperii mit dem Grundgedanken, dass sich im Laufe der Jahrhunderte das wirtschaftliche, kulturelle und besonders spirituelle Zentrum der Erde von seinen Ursprüngen im babylonischen Zweistromland, dem heutigen Irak, über Palästina, Griechenland, Rom, Westeuropa, England und schließlich über den Atlantik nach Amerika verlagert habe. Das spezifisch amerikanische Gefühl der Auserwähltheit, das Sendungsbewusstsein und die damit einhergehende Verantwortung für das Schicksal der gesamten Menschheit lässt sich bis zu den puritanischen Einwanderern zurückverfolgen. Einer der ersten Führer der Puritaner in Amerika, John Winthrop, spricht in seiner Rede „A Model of Christian Charity“ auf dem Emigrationsschiff Arabella davon, dass „we shall be as a city upon a hill. The eyes of all people are upon us, so that if we shall deal falsely with our God in this work we have undertaken, and so cause Him to withdraw His present help from us, we shall be made a story and a by-word through the world” (Winthrop 1994: 180).

[22] Die folgenden Aussführungen beziehen sich, sofern nicht anders kenntlich gemacht, auf das Kapitel 4 „Building an new kingdom“ aus Alexander (1996: 78-99).

[23] Quelle: Homepage der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints: http://scriptures.lds.org/chmaps/5

[24] Die „Doctrine and Covenants“ sind eine Art Katechismus, eine Sammlung göttlicher Offenbarungen. Siehe Abschnitt 3.2 „Die kanonischen Schriften“.

[25] Am Ende war keiner der ursprünglichen 11 Zeugen der goldenen Platten mehr Mitglied der Kirche; ihr ursprüngliches Zeugnis über die Existenz der Goldplatten widerriefen sie jedoch nicht.

[26] Smith wählte diesen Namen, da dies seiner Aussage nach das hebräische Wort für ‚schöner Ort’ sei (Mössmer 1995: 78).

[27] Von den vielen einzelnen Gruppierungen ist heute nur noch die Reorganized Church of Jesus Christ of Latter-day Saints zahlenmäßig bedeutend. Daneben gibt es noch u. a. die Church of Christ (Temple Lot), die heute im Besitz des ursprünglichen Tempelgeländes in Independence ist und sich gegen entsprechende Landkaufversuche aus Salt Lake City wehrt, die Church of Jesus Christ (Bickertonites) und schließlich die Church of Jesus Christ of Latter Day Saints (Strangites) (Mead 1985: 137ff).

[28] Diese Titulierung entspricht dem “Saints” aus dem offiziellen Kirchennamen Church of Jesus Christ of Latter-day Saints.

[29] Quelle: Homepage der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints: http://scriptures.lds.org/ chmaps/6

[30] An dieser Stelle befindet sich heute ein staatlicher Park und ein Denkmal in Erinnerung an diesen Augenblick.

[31] Ein Umstand, der der heutigen Stadtplanung sehr zugute kommt. Er macht es sogar möglich, dass in den letzten Jahren im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 2002 zwei Strassenbahnlinien gebaut werden konnten, ohne die autoverliebten Einwohner zu sehr zu verärgern.

[32] ‘First’ ist nicht im zeitlichen Sinn zu verstehen, sondern als Zeichen der Rangordnung; vgl. auch Kapitel 2 „Aufbau der Kirchenstruktur“.

[33] Quelle: Homepage der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints: http://www.scriptures.lds.org/chphotos/18

[34] Deseret ist ein Wort aus dem Buch Mormon mit der Bedeutung ‚Honigbiene’ (BoM Ether 2:3 und Alexander 1996: 117). Der Bienenstock (beehive) ist heute das Symbol des Staates Utah.

[35] Der genaue Hergang und der Grad der Beteiligung der Mormonen an diesem Zwischenfall wird von Historikern je nach ihrer Sympathielage unterschiedlich beurteilt; dass die Mormonen allerdings die Hauptschuld tragen, ist unbestritten (Alexander 1996: 130-132+451).

[36] Für eine detaillierte Analyse dieses wichtigen Zeitabschnittes des Wandels siehe Alexander (1986).

[37] Das Ritual der Totentaufe und der Zusammenhang mit den immensen genealogischen Anstrengungen der Kirche werden im Abschnitt 3.6 „Priestertum, Tempelrituale und Missionierung“ behandelt.

[38] Siehe dazu Abschnitt 4.2 „Das Gesundheitspostulat des ‚Word of Wisdom’“.

Details

Seiten
119
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638161442
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9443
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Sport und Sportwissenschaft
Note
1.0
Schlagworte
Mormonen Sport Körper Religion

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Titel: Körper, Sport und Mormonen