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Künstler und Kritiker - Akteure und Zuschauer

Hannah Arendts Urteilslehre im Spannungsfeld zwischen vita activa und vita contemplativa

von Paul Trachmann (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Reflektierende und bestimmende Urteilskraft

Die subjektive Notwendigkeit des Geschmacksurteils

Die Einbildungskraft

Der sensus communis

Das „erweiterte Denken“ als Emanzipation vom zufälligen Eigeninteresse

Grenzen des „unparteiischen Urteilens“

Urteilskraft als „Denken ohne Geländer“

Fazit

Literaturverzeichnis

„Das Leben [...] ist wie ein Festspiel; zu einem solchen kommen manche als Wettkämpfer, andere um ihrem Gewerbe nachzugehen, doch die Besten kommen als Zuschauer, und genau so ist es im Leben: die kleinen Naturen jagen dem Ruhm oder dem Gewinn nach, die Philosophen aber der Wahrheit.“1

Pythagoras differenziert in dieser Parabel zwischen dem betrachtenden, kontemplativen Leben und dem aktiven, tätigem Leben. Diese Unterscheidung prägt auch das Denken unserer Zeit. In Begriffspaaren wie „Denken und Handeln“ oder „Wort und Tat“ wird die Spannung zwischen den Welten „Theorie und Praxis“ deutlich. Da wir den täglichen Gebrauch und das Denken in diesen Begrifflichkeiten gewöhnt sind, erscheint uns die Verschiedenheit von „theoretischem Wissen“ und „praktischem Handeln“ als natürlich gegeben. So erwartet zum Beispiel niemand von einem Musikkritiker, virtuos Geige spielen zu können. Gleichermaßen wird auch von keinem politischen Feuilletonisten verlangt, tatsächlich brauchbare Strategien vorzulegen, sollte er eine bestimmte Sicherheitspolitik kritisieren. Politik zu „machen“ ist Gegenstand der „praktischen Politik“. Sie in ihren Entwicklungen zu beschreiben und diese zu beurteilen, hingegen Aufgabe der Politischen Wissenschaften; so hört man es häufig an der Universität.2

Im Rahmen dieser Arbeit soll nun untersucht werden, wie sich Hannah Arendt und Immanuel Kant zum Verhältnis von Theorie und Praxis in Kunst und Politik stellen. Grundlage bilden dabei Hannah Arendts „Lectures on Kant’s Political Philosophy“, die sie im Herbstsemester 1970 an der New School for Social Research in New York gehalten hat. Arendt entwickelte aus Kants „Kritik der Urteilskraft“ eine politische Philosophie des Urteilens, die sie im dritten, abschließenden Teil ihres Werkes „Vom Leben des Geistes“ darlegen wollte. Noch für das Frühjahr 1976 hatte sie dazu eine Vorlesung angekündigt. Hannah Arendt verstarb jedoch unerwartet im Dezember 1975. Ihr Werk blieb somit unvollendet.3 Sieben Jahre nach ihrem Tod veröffentlichte Ronald Beiner das Skript der Kant- Vorlesung zusammen mit dem Essay „Die Einbildungskraft“ unter dem Titel „Das Urteilen“.4

Obwohl in den hinterbliebenen Texten Arendts keine vollständige Theorie des politischen Urteilens enthalten ist, lassen sich doch einige der wichtigen Leitgedanken Arendts fassen. Diese grundlegenden „Bausteine“ sollen im einführenden Teil der Arbeit dargestellt werden. Dabei werden zunächst einige Begriffe aus der „Kritik der Urteilskraft“ erarbeitet, um zu zeigen, in welcher Weise Arendt die Theorie der ästhetischen Urteilskraft Kants für ihre eigene, politische Theorie nutzbar macht. Im zweiten Teil soll dann die eigentliche Kernfrage dieser Arbeit, nämlich die Beziehung von Theorie und Praxis thematisiert werden. Dabei wird der Focus auf dem Verhältnis von „Kritiker“ und „Genie“ in der Ästhetik Kants, bzw. dem von „Zuschauer“ und „Akteur“ in der politischen Theorie Arendts liegen. Literatur von Ernst Vollrath, Volker Gerhard, Heiner Bielefeldt u. a. wird helfen, sich in den umfangreichen Werken Kants und Arendts zu Recht zu finden.

Reflektierende und bestimmende Urteilskraft

„Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken.“5 Mit diesen Worten skizziert Kant in der Einleitung zur Kritik der Urteilskraft den Charakter des Urteilens. Kant bedient sich dabei, wie so häufig, der juristischen Sprache: „Ist das Allgemeine (die Regel, das Prinzip, das Gesetz) gegeben, so ist die Urteilskraft, welche das Besondere darunter subsumiert, […] b e s t i m m e n d.“6 Urteilen meint also subsumieren, wenn ein Allgemeines gegeben ist. Beispiele für bestimmendes Urteilen begegnen uns täglich. So lautet eine allgemeine Regel: „Unverheiratete Männer sind Junggesellen“. Ist der Mann X unverheiratet, leiten wir aus der Regel ab, dass X ein Junggeselle ist.

Wir kennen allerdings auch Urteile, für die keine allgemeine Regel gefunden werden kann. Sagen wir beispielsweise auf einer Wanderung: „Was für eine schöne Landschaft!“, so finden wir keine allgemeine Regel zur Schönheit von Landschaften, von der wir den Charakter dieser besonderen Landschaft ableiten könnten. Kant nennt diese Urteile r e f l e k t i e r e n d.7 Bemerkenswert ist dabei, dass wir trotz der Abwesenheit allgemeiner Regeln, Geltung für unser Urteil beanspruchen. Würden wir bloß bemerken: „Ich empfinde diese Landschaft als schön.“, so bliebe diese Aussage eine persönliche Einschätzung. In dem aber gesagt wird: „Diese Landschaft ist...“, fordern wir allgemeine Geltung unseres Urteils. Kant erklärt dazu:

„Die reflektierende Urteilskraft, die von dem Besondern in der Natur zum Allgemeinen aufzusteigen die Obliegenheit hat, bedarf also eines Prinzips, welches sie nicht von der Erfahrung entlehnen kann, weil es eben die Einheit aller empirischen Prinzipien unter gleichfalls empirischen aber höheren Prinzipien, und also die Möglichkeit der systematischen Unterordnung derselben unter einander, begründen soll. Ein solches transzendentales Prinzip kann also die reflektierende Urteilskraft sich nur selbst als Gesetz geben, nicht anderwärts hernehmen […].“8

Die subjektive Notwendigkeit des Geschmacksurteils

Urteilen wir über Kunst, so treffen wir nach Kant Geschmacksurteile. Beurteilen wir ein Objekt als schön, also nach unserem Geschmack, dann nehmen wir dabei an, dass das Objekt nicht möglicher Weise, sondern notwendiger Weise als schön gilt. Kant spricht von einer gedachten „notwendigen Beziehung auf den Wohlgefallen“.9 Diese gedachte Notwendigkeit kann aber keineswegs theoretisch- objektiv sein, denn sonst wäre es möglich, für einen bestimmten Gegenstand logisch schließen, dass er tatsächlich auf das Wohlgefallen unserer Mitmenschen stoßen würde. Gleichfalls ergibt sich auch keine im kantischen Sinne praktische Notwendigkeit, was bedeuten würde, dass es ein objektives Gesetz gäbe, das uns vorschreiben würde, wie wir gegenüber dem bestimmten Gegenstand fühlen sollen. Und auch von einer „Allgemeinheit der Erfahrung“ können wir auf keine Notwendigkeit eines Wohlgefallens schließen, denn unsere persönliche Erfahrung lehrt uns, dass bestimmte Gegenstände (z. B. eine bayerische Barockkirche) von manchen Menschen als schön empfunden werden, von anderen jedoch nicht.

Obwohl es also keine objektive, praktische oder empirische Notwendigkeit des Wohlgefallens gibt, erwarten wir doch die Zustimmung der anderen: „Das Geschmacksurteil sinnet jedermann Beistimmung an; und wer etwas für schön erklärt, will, dass jedermann dem vorliegenden Gegenstande Beifall geben und ihn gleichfalls für schön erklären s o l l e.“, stellt Kant fest. Er fügt hinzu: „Man wirbt um jedes andern Beistimmung, weil man dazu einen Grund hat, der allen gemein ist […].“Als diesen gemeinsamen Grund führt Kant die Idee eines Gemeinsinnes, des s e n s u s c o m m u n i s an. Dieser Sinn weist über das isolierte Privatgefühl des Einzelnen hinaus und ermöglicht eine gemeinschaftliche Basis des ästhetischen Urteilens. Der Gemeinsinn ist Bedingung für jede begründete Annahme „intersubjektiver“ Gültigkeit von Geschmacksurteilen.10

Die Einbildungskraft

Kant rekurriert mit seinem Begriff des Gemeinsinns keineswegs auf ein allen Menschen gemeinsames Gefühl der Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit bei der Betrachtung bestimmter Gegenstände. Dieses Gefühl, das uns „durch den Sinn in das Gemüt kommt und wir dabei also passiv sind“, nennt Kant die Lust des G e n u s s e s. Beim reflektierenden Urteil geht es aber nicht um die direkte Wahrnehmung der Gegenstände, sondern um das Schöne, „das in der bloßen Beurteilung (nicht in der Sinnenempfindung, noch durch einen Begriff) gefällt.“11 Urteilen wir nach Kant über die Schönheit eines Gegenstandes, so bringen wir uns, gleich einem Richter, in Abstand zu dem zu beurteilenden Objekt. Wir lassen uns von dem Gegenstand nicht direkt affizieren, denn die Antwort auf die Frage, ob etwas „gefällig“ ist oder nicht, stellt noch kein Urteil über die Schönheit, sondern bloß über die Gefälligkeit dar. Kant fordert: „Man muß nicht im mindesten für die Existenz der Sache eingenommen, sondern in diesem Betracht ganz gleichgültig sein, um in Sachen des Geschmacks den Richter zu spielen.“12 Er spricht hier auch von einem „uninteressierten Wohlgefallen“, womit die Abwesenheit von sinnlichem Interesse gemeint ist. Um diese Bedingung zu erfüllen, bedienen wir uns unserer „E i n b i l d u n g s k r a f t“.13 In der Zurückgezogenheit und ohne unmittelbare Sinneswahrnehmung stellen wir uns den Gegenstand vor. Das vorgestellte Objekt steht uns dabei mittels der Einbildungskraft als Ganzes vor unseren inneren Sinnen. Der sensus communis bildet nun den Maßstab, mit dem der repräsentierte Gegenstand beurteilt wird.14

[...]


1 Pythagoras zitiert durch Hannah Arendt in: Beiner 1985 S. 75

2 Zu diesem Thema gibt zweifellos sehr unterschiedliche Auffassungen. Eine Einführung dazu bietet beispielsweise das Kapitel „Politikwissenschaft und praktische Politik“ bei Berg-Schlosser, Maier, Stammen 1974: S. 288ff.

3 In ihrer Schreibmaschine fand man noch das Titelblatt zur ungeschriebenen Abhandlung „Judging“. Noch gut drei Monate vor ihrem Tod schrieb Sie an den Schriftsteller Uwe Johnson: „Mir geht es gut und ich genieße, im Unterschied zu den meisten meiner Freunde, nach wie vor das Alt-sein. Daß es endliche, wie ich Ihnen vielleicht schon mitteilte, ein Ende mit dem Werden (Werde der Du bist) hat und man ruhig sein kann, der man geworden ist. Vgl. Beiner 1985 Vorwort, bzw. Schönherr-Mann 2006 S. 177.

4 Ronald Beiner: Lectures on Kant’s Political Philosophy, edited an with an Interpretive Essy by Ronald Beiner. Chicago. 1982.

5 Kant in: Einleitung zur K. d. U., Kap IV, BXXVI

6 Ebenda

7 Ebenda. Wie im Folgenden gezeigt werden wird, urteilen wir nicht nur hinsichtlich des „Naturschönen“ reflektierend, sondern auch in Sachen der „Kunstschönheit“.

8 Ebenda. B XXVII.

9 Ebenda. § 20. B 65.

10 Kant nennt reflektierende Urteile „subjektiv-allgemein“. Hannah Arendt übersetzt den Begriff treffend diesen Begriff Treffend mit „intersubjektiv“ in unsere heutige Sprache: „Das nichtsubjektive Element bei den nichtobjektiven Sinnen ist Intersubjektivität.“, heißt es in ihrer Kant Vorlesung. Siehe: Beiner 1985: S. 91

11 Kant in K. d. U.: § 39. B 154.

12 Ebenda. § 2. B 7.

13 Ebenda. § 39. B 155, 156.

14 Freilich klingt Kants Vorstellung von „Einbildungskraft“ zunächst fremd. Vergegenwärtigt man sich aber, dass viele Gegenstände aus Musik, Film oder Literatur sinnlich angenehm auf uns wirken, in der nüchternen Reflektion jedoch keineswegs als „schön“ beurteilt werden würden, so wird klar, welchen Unterschied Kant hier meint. Anhand von Fahrstuhlmusik, Hollywood-Komödien oder Wartezimmerlektüre ließe sich dies eingehend darlegen.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640139033
ISBN (Buch)
9783640139866
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94301
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Künstler Kritiker Akteure Zuschauer Arendt Kant Kritik der Urteilskraft Urteilskraft Politische Theorie Denken ohne Geländer Eichmann Totalitarismus

Autor

  • Paul Trachmann (Autor)

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