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Der Einfluss zweier unterschiedlicher Schnellkrafttrainingsmethoden auf die Sprunghöhe

Magisterarbeit 2008 100 Seiten

Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemdarstellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Der Kraftbegriff
2.1 Definition der Kraft
2.2 Dimensionale Struktur der Kraft
2.3 Maximalkraft
2.4 Schnellkraft
2.4.1 Startkraft
2.4.2 Explosivkraft
2.4.2.1 Explosiv-ballistische Kontraktionen
2.5 Reaktivkraft – Schnellkraftleistungen im DVZ
2.6 Zusammenhang von Maximalkraft und Schnellkraft
2.7 Sprungkraft
2.8 Kraft-Geschwindigkeits-Relation nach HILL
2.9 Kraftausdauer
2.10 Morphologische Einflussgrößen der Kraft
2.10.1 Physiologischer Muskelquerschnitt
2.10.2 Muskelfaserzusammensetzung
2.11 Neuronale Einflussgrößen der Kraft
2.11.1 Intramuskuläre Koordination
2.11.2 Rekrutierung
2.11.3 Frequenzierung
2.11.4 Synchronisation
2.11.5 Intermuskuläre Koordination
2.11.6 Inhibitorische Hemmung

3 Trainingsmethoden zur Verbesserung der Schnellkraft
3.1 Methoden zur Verbesserung der Maximalkraft
3.1.1 Methoden zur Vergrößerung des Muskelquerschnitts (Hypertrophiemethoden)
3.1.2 Methoden zur Verbesserung der intramuskulären Koordination
3.2 Schnellkrafttrainingsmethoden (Mischmethoden)
3.2.1 Schnellkraftmethode
3.2.2 Methode nach dem Prinzip der Muskelleistungsschwelle
3.3 Trainingsmethoden zur Verbesserung der Reaktivkraft

4 Empirische Befunde
4.1 Methodenkombination
4.2 IK-Methode
4.3 Ballistisches Training und Plyometrie

5 Hypothesenbildung

6 Methodik
6.1 Standardsprungkrafttest
6.1.1 Squat-Jump
6.1.2 Counter-Movement-Jump
6.1.3 Drop-Jump
6.2 Datenverarbeitung und Statistik

7 Ergebnisse
7.1 Entwicklung bei Squat-Jump und Counter-Movement-Jump
7.2 Entwicklung bei Drop-Jumps aus verschiedenen Fallhöhen
7.3 Gruppenvergleiche für die Leistungsentwicklung bei SJ und CMJ

8 Diskussion
8.1 Entwicklung der Sprungleistung beim Squat-Jump
8.2 Entwicklung der Sprungleistung beim Counter-Movement-Jump
8.3 Entwicklung der Sprungleistung beim Drop Jump
8.4 Erklärungsansätze für die Entwicklungen

9 Zusammenfassung

10 Literaturverzeichnis

11 Anhang
11.1 Abbildungsverzeichnis
11.2 Abkürzungsverzeichnis
11.3 Tabellenverzeichnis

Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch die Irrtümer auf der Welt immer wieder gepredigt werden. Und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse.“ (Johann Wolfgang von Goethe 1749-1832)

1 Einleitung

In jüngster Vergangenheit wurden im Bereich der Trainings- und Bewegungswissenschaft immer neue Erkenntnisse bezüglich der motorischen Beanspruchungsform Kraft gewonnen. Dies ist insofern sehr interessant, als dass die Kraft die wichtigste Grundlage für sportliche Bewegungen darstellt. „Alle körperlichen Tätigkeiten des Menschen sind ohne Kraft undenkbar. Insbesondere können sportliche Leistungen nur mit einem bestimmten Einsatz an motorischer Kraft verwirklicht werden.“ (Ehlenz, Grosser, Zimmermann 2003). So schreibt auch Komi (1994): „Körperliche Aktivität und sportliche Leistung entstehen als Ergebnis der Auswirkungen muskulärer Kontraktionen auf das Hebelsystem des Knochengerüsts.“ Im Sport, insbesondere im Leistungs- und Hochleistungssport, ist es aufgrund zunehmender Professionalisierung in letzter Zeit immer wichtiger geworden, die Trainingsmethoden entsprechend dem neuesten wissenschaftlichen Stand weiter zu entwickeln und gegebenenfalls daran anzupassen. Gerade im Teilbereich Krafttraining gab und gibt es allerdings immer wieder Verfechter unterschiedlicher Trainingsmethoden und -theorien. Allen gemein ist jedoch das verstärkte Interesse an den Kraftfähigkeiten und ihrer Komponenten (vgl. Schmidtbleicher & Güllich 1999). Hierbei ist hervorzuheben, dass die Strukturierung der einzelnen Kraftfähigkeiten seit den späten achtziger Jahren einen Umbruch erfahren hat. Pampus (2001) schreibt dazu: „Durch neuere Forschungsergebnisse sind nämlich die etablierte, gleichgewichtende Strukturierung der einzelnen Kraftfähigkeiten und das daraus abgeleitete Konzept zur Klassifizierung der Trainingsmethoden sowie die daraus folgenden methodischen Maßnahmen zu deren Verbesserung zu Recht in Frage gestellt worden.“ Vor allem die wichtigen Teilkomponenten Maximalkraft und Schnellkraft einschließlich ihrer Trainingsmethoden wurden neu strukturiert und aufgeschlüsselt, da laut Schmidtbleicher & Güllich (1999) eine effektive Gestaltung des Krafttrainings nur unter Berücksichtigung der Struktur der Kraftfähigkeiten möglich ist. Bührle in Bührle (1985) schreibt: „Die traditionellen Komponenten Maximalkraft und Schnellkraft sind häufig unzulänglich interpretiert und vor allem in ihrem Zusammenhang nicht richtig erkannt.“ Die logische Konsequenz dessen ist, dass in der Vergangenheit Trainingsmethoden zur Anwendung kamen, die nur suboptimal die angesteuerte Zielgröße zu beeinflussen im Stande waren. Dies hatte somit unmittelbare Folgen auf die jeweilige sportliche Leistung. So vermutet auch Pampus (2001): „[…] sodass dadurch möglicherweise in einigen Sportarten eine optimale Leistungsentwicklung gehemmt wurde.“

Die Neustrukturierung geht vor allem auf Bührle und Schmidtbleicher zurück, die seit Anfang der achtziger Jahre umfassende Untersuchungen zu diesem Themenkomplex durchgeführt haben. Güllich & Schmidtbleicher (1999) halten die ursprüngliche Einteilung in Maximalkraft, Schnellkraft und Kraftausdauer für Sinnvoll, allerdings seien diese drei Subkategorien nicht gleichrangig auf einer Ebene einzuordnen. Vielmehr bilde die Maximalkraft die Basisfähigkeit für Schnellkraft und Kraftausdauer. So bestätigt auch Letzelter (1994): „Im weitesten Sinne sind auch Ausdauer und Schnelligkeit Erscheinungsformen der Kraft.“ Insbesondere die Schnellkraft, welche in dieser Arbeit von hoher Bedeutung ist, ist laut Ehlenz, Grosser & Zimmermann (2003) stark von der Maximalkraft abhängig. Sie sind der Meinung, „[…] dass durch Steigerung der Maximalkraft auch die Bewegungsgeschwindigkeit erhöht werden kann.“ Genau an dieser Stelle jedoch scheiden sich die Geister. Es ist bis heute nicht sicher, welche Trainingsmethode zur Verbesserung der Schnellkraft die Methode der Wahl darstellt. Es ist zudem fraglich, ob es eine Methode der Wahl überhaupt gibt. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass die zu wählende Trainingsmethode stark vom Trainingszustand des Trainierenden abhängig ist. Außerdem gibt es Tendenzen in Richtung einer Methodenkombination im Rahmen der Periodisierung eines Trainings.

1.1 Problemdarstellung

Allgemein lässt sich sagen, dass bezüglich der Trainingsmethoden, insbesondere im Bereich der Schnellkraft, ein gewisses Durcheinander herrscht. So gibt es diverse Trainingsmethoden, die jeweils eine Optimierung der Schnellkraftleistungen versprechen. Wie bereits zuvor beschrieben, scheint sich die Schnellkraft verschieden trainieren zu lassen, wobei unterschiedliche Trainingsmethoden zum Tragen kommen können. Während Schmidtbleicher (1980) nachwies, dass sich über ein Maximalkrafttraining auch die Bewegungsgeschwindigkeit der trainierten Muskulatur signifikant verbessern lässt, kamen Wilson et al. (1993) zu dem Ergebnis, dass ein spezielles Schnellkrafttraining (in diesem Fall explosive Sprünge mit einer Zusatzlast von 30% des 1 RM) ebenfalls signifikant verbesserte Schnellkraftparameter ergab, wobei in dieser Studie kein IK-Training stattfand. Ein direkter Vergleich beider Methoden war demnach leider nicht möglich. Bührle (1985) schreibt jedoch in diesem Zusammenhang: „Bei all unseren vergleichenden Längsschnittuntersuchungen verbesserten „kurzfristige maximale Krafteinsätze“ die Explosivkraft in einem deutlich stärkeren Ausmaß als die Schnellkraftmethode.“ Ziel dieser Studie ist es, den Einfluss zweier unterschiedlicher Schnellkrafttrainingsmethoden auf die Sprunghöhe beim Standardsprungkrafttest (vgl. Frick et al. 1991) zu untersuchen. Außerdem sollen mögliche Unterschiede zwischen den beiden Methoden bezüglich einer Sprungkraftverbesserung herausgestellt werden.

1.2 Aufbau der Arbeit

Einleitend wird zunächst ein Überblick über die Erkenntnisse zum Thema Schnellkraft der letzten Jahre gegeben. Es folgt eine kurze Darstellung der bearbeiteten Problematik und eine Übersicht zum inhaltlichen Aufbau der Arbeit. Um ein gewisses Grundwissen zu vermitteln, wird zunächst der Kraftbegriff definiert und die Dimensionen der Kraft erklärt, wobei insbesondere auf die Sprungkraft eingegangen wird. Anschließend folgt eine Aufteilung der Einflussgrößen der Kraft in morphologische und neuronale Faktoren. Danach werden bekannte Trainingsmethoden zur Verbesserung der Schnellkraft aufgeführt, um im Anschluss daran die wichtigsten empirischen Befunde zur Thematik vorzustellen. Aus diesen leiten sich dann die Hypothesen ab. Folgend wird die angewandte Methodik erklärt und die gewonnenen Ergebnisse vorgestellt, welche sodann diskutiert werden. Abschließend folgen eine kurze Zusammenfassung der Arbeit sowie ein Ausblick in die Zukunft des bearbeiteten Themenbereichs.

2 Der Kraftbegriff

Im Folgenden soll auf den Begriff der Kraft allgemein und im speziellen auf ihre Erscheinungsformen eingegangen werden. Die grundlegenden Begriffe der Maximalkraft, Schnellkraft und Reaktivkraft werden erklärt, wobei die Kraftausdauer nur kurz vorgestellt werden soll, da sie für die durchgeführte Untersuchung nicht von Relevanz ist. Die Maximalkraft, aber insbesondere die Schnellkraft und ihre einzelnen Komponenten stehen im Mittelpunkt dieser Studie und bilden somit deren Basis. Aus diesem Grund werden diese Krafteigenschaften ausführlich erläutert. Gleichzeitig soll versucht werden, eine Übersicht über die in der Literatur teilweise sehr unterschiedlichen Definitionen und Ansichten vor allem der Schnellkraft und ihrer Struktur zu bieten. Weiterhin wird der starke Zusammenhang von Maximalkraft und Schnellkraft sowie deren Einfluss auf die Sprungkraft erklärt. Abschließend werden diverse Trainingsmethoden bezogen auf die Optimierung der jeweiligen Kraftfähigkeiten vorgestellt. Gerade hier kommt es in der Literatur immer wieder zu Diskrepanzen und Missverständnissen zwischen den einzelnen Autoren. Die Trainingsmethoden sollen möglichst einfach dargestellt und verständlich gemacht werden.

2.1 Definition der Kraft

Die Kraft weist unterschiedliche Charakteristika auf und ist in der Literatur unterschiedlich definiert. Bezogen auf den menschlichen Körper spricht man meist von „der motorischen Kraft“ (vgl. Ehlenz; Grosser; Zimmermann 2003). Letzelter (1994) definiert die motorische Kraft als „Die Fähigkeit, Muskeln wunschgemäß zu kontrahieren, […].“ „Die Physik bestimmt Kraft als Masse mal Beschleunigung“ (ebenda). Allerdings ließe diese Definition keine Abgrenzung zur Ausdauer und zur Schnelligkeit zu. Kraft äußert sich physikalisch nicht nur als Beschleunigung, sondern auch als Verformung. Hier wird deutlich, dass es schwer fällt, eine eindeutige Definition des eigentlichen Begriffs Kraft zu finden. So beschreibt Letzelter in Steinmann (1988) die Kraft zu Recht als komplexes „Konstrukt mit vielen Gesichtern“. Auch Hollmann & Hettinger (2000) schreiben: „Die eindeutige naturwissenschaftliche Formulierung des Begriffes Kraft als Eigenschaft des Muskels fällt schwer und gelingt im Grunde nur über den Weg ihrer Messbarkeit.“ Meusel in Steinmann (1988) definiert die Kraft als „[…] die Fähigkeit des Menschen, eine Masse (seinen eigenen Körper, ein Körperteil mit und ohne Gerät, einen Gegner, ein Gerät) zu bewegen, also seine Fähigkeit, einen äußeren Widerstand zu überwinden oder ihm durch Muskelarbeit entgegenzuwirken.“ Laut Steinmann (1988) stellt dies eine einfache, aber dennoch vollständige Definition der motorischen Kraft dar. Dennoch bezeichnet auch er die Kraft als komplexe Fähigkeit.

Komi (1994) definiert die physikalische Kraft folgendermaßen: „Kraft ist die Eigenschaft, die zu einer Änderung des Ruhe- und/oder Bewegungszustandes eines Gegenstandes führt. Der Muskel produziert bei seiner Kontraktion Kraft (Standardeinheit: Newton).“

Laut Schmidtbleicher (1999) erfolgt zudem häufig eine Unterscheidung der Kraft anhand ihrer äußeren Erscheinungsform. So sprechen Hollmann & Hettinger (2000) von einer „statischen“ und einer „dynamischen“ Kraft. Weineck (2007) schreibt: „Die Kraft tritt in den verschiedenen Sportarten niemals in einer abstrakten „Reinform“, sondern stets in einer Kombination bzw. mehr oder weniger nuancierten Mischform der konditionellen physischen Leistungsfaktoren auf.“ Diese werden auf den folgenden Seiten dargestellt.

2.2 Dimensionale Struktur der Kraft

Das Wissen um die unterschiedlichen Kraftfähigkeiten, deren Erscheinungsform sowie deren Zusammenhang untereinander stellt die Basis zur Gestaltung eines effektiven Krafttrainings dar (vgl. Güllich & Schmidtbleicher 1999). Auf ihrer dimensionalen Struktur gründend werden die Kraftfähigkeiten bei Güllich & Schmidtbleicher (1999) wie folgt dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Struktur der motorischen Eigenschaft Kraft (nach Güllich & Schmidtbleicher 1999)

Es wird deutlich, dass entgegen ursprünglicher Einteilungen die Maximalkraft an Bedeutung gewonnen hat. Zwar bleibt die bis dato angewandte Differenzierung in Maximalkraft, Kraftausdauer und Schnellkraft (vgl. Nett 1964) weiterhin grundsätzlich bestehen, allerdings wird die Maximalkraft aus einer Ebene mit den zwei anderen Kraftfähigkeiten hervorgehoben. Sie ist somit als Basisfähigkeit für Schnellkraft und Kraftausdauer anzusehen. Hieraus geht logischerweise hervor, dass Schnellkraft- und Kraftausdauerleistungen in gewissem Maße von der Maximalkraft abhängig sind. So schreibt Pampus (2001): „So weiß man heute, dass die einzelnen Kraftfähigkeiten keine voneinander unabhängigen motorischen Dimensionen darstellen, sondern dass die Schnellkraft in nicht unerheblichem Maße von der Maximalkraft beeinflusst wird.“ Bührle in Bührle (1985) schreibt dazu: „Es sei mit Nachdruck herausgestellt: Die Maximalkraft ist der wichtigste Bestimmungsfaktor aller Schnellkraftleistungen. Wer diesen Zusammenhang begriffen hat, kann niemals annehmen, dass Krafttraining langsam macht.“

Desweiteren wird ersichtlich, dass innerhalb der Schnellkraftfähigkeit ein Splitting in isometrische und konzentrische sowie in exzentrisch-konzentrische Arbeitsweise stattfindet. Daran angelehnt werden nach Weineck (2007), Martin, Carl & Lehnertz (1991) und Pampus (2001) die drei Hauptformen Maximalkraft, Schnellkraft und Kraftausdauer neuerdings noch durch den Begriff der Reaktivkraft ergänzt, welche eng mit der Schnellkraft verbunden ist. Die Reaktivkraft kommt bei exzentrisch-konzentrischen Bewegungen zum Tragen und repräsentiert immer eine Bewegung im Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus (DVZ). Hierauf wird später in Kapitel 2.5 noch genauer eingegangen.

Die Schnellkraft verfügt laut Literatur (vgl. Bührle 1985) über die zwei Teilfähigkeiten Explosivkraft und Startkraft. Die Startkraft bezeichnet laut Ehlenz, Grosser & Zimmermann (2003) die Fähigkeit des Nervensystems, zu Beginn einer Kraftbewegung einen möglichst hohen Kraftwert zu erzielen. Die Explosivkraft dagegen beschreibt die Fähigkeit, diesen begonnenen Kraftanstieg maximal weiterzuführen. Eine schematische Darstellung des Kraftverhaltens wird anhand einer Kraft-Zeit-Kurve in Abb. 2 dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Kraft-Zeit-Kurve (mod. nach Wirth & Schmidtbleicher 2007a)

Laut Bührle in Bührle (1985) sollte der Begriff „Kraft“ allgemein nur dann zur Anwendung kommen, wenn die Krafteinsätze deutlich über dem durchschnittlichen Beanspruchungsbereich liegen. Nach Pampus (2001) dient diese Einschränkung auch dazu, die Kraft von konditionellen Fähigkeiten wie Schnelligkeit und Ausdauer abzugrenzen. Man spricht deshalb nur von Kraftfähigkeiten, wenn die Krafteinsätze mindestens 30% der individuellen Leistungsfähigkeit entsprechen.

Nachfolgend werden die für diese Arbeit relevanten Krafteigenschaften Maximalkraft und Schnellkraft erläutert. Außerdem wird auf die Reaktivkraft bzw. den DVZ näher eingegangen. Die Begriffe Explosivkraft und Startkraft, als Komponenten der Schnellkraft, sollen kurz erklärt und dargestellt werden.

2.3 Maximalkraft

Die Literatur liefert für die Definition der Maximalkraft verschiedene Ansätze. Der Hauptunterschied zwischen den Definitionen liegt darin, dass der Maximalkraft entweder ein statischer (isometrische Arbeitsweise) oder aber ein dynamischer (konzentrische Arbeitsweise) Charakter zugewiesen wird. So definieren Ehlenz, Grosser & Zimmermann (2003) die Maximalkraft als „[…] die höchstmögliche Kraft, die willkürlich gegen einen unüberwindlichen Widerstand ausgeübt werden kann.“ Diese Definition entspricht der von Schmidtbleicher in Steinmann (1988) und Hollmann & Hettinger (2001). Eine andere Definition liefern Letzelter (1994), Martin, Carl & Lehnertz (1991) und Pampus (2001). Bei ihnen ist die Maximalkraft „die höchste Kraft, die das Nerv-Muskelsystem bei maximaler willkürlicher Kontraktion auszuüben vermag.“ Diese Definition geht auf Harre (1973) zurück und kommt ohne den Begriff „unüberwindlichen Widerstand“ aus. Sie deckt somit sowohl eine dynamische als auch eine statische Arbeitsweise ab.

Ob diese Unterscheidung in dynamische und isometrische Maximalkraft überhaupt sinnvoll bzw. zulässig ist, wird von Bührle und Schmidtbleicher in Bührle (1985) stark bezweifelt (vgl. auch Bührle & Schmidtbleicher 1981b). Sie bezeichnen diese Differenzierung sogar als irreführend. Sie begründen ihre Zweifel auf eigenen Untersuchungen und physiologischen Aspekten und interpretieren das isometrische Messverfahren als eine „Grenzsituation“ des dynamischen Verfahrens. Dabei gilt: je mehr sich die dynamische Last der isometrischen Last annähert, desto höher korrelieren beide miteinander. Desweiteren ist die Korrelation umso größer, je höher das Kraftniveau der Testperson ist. Diese Tatsache führen Bührle & Schmidtleicher in Bührle (1985) darauf zurück dass, im Gegensatz zu isometrischen Tests, bei jeder dynamischen Testübung koordinative Fähig- und Fertigkeiten eine große Rolle spielen. Daraus folgt, dass der relative Unterschied zwischen dynamischem und isometrischem Testwert mit zunehmender Testbewegungsroutine immer kleiner wird und sich die Korrelation immer mehr in Richtung r = 1.00 verschiebt. Bei hochtrainierten Kraftsportlern wurden Korrelationswerte von bis zu r = .95 errechnet. Schmidtbleicher in Röthig et al. (2003) ist der Meinung, dass eine Differenzierung aus trainingspraktischer Sicht zwar gerechtfertigt sei, diese jedoch wissenschaftlich nicht haltbar ist. Die Kraft-Zeit-Kurve in Abb. 3 zeigt den sehr engen Zusammenhang zwischen isometrischer und konzentrischer Maximalkontraktion:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Kraft-Zeit-Kurven bei isometrischer und konzentrischer Maximalkontraktion. Der Pfeil markiert den Zeitpunkt des Bewegungsbeginns (mod. nach Schmidtbleicher 1984)

Einen Sonderfall stellt die exzentrische Maximalkraft dar. Hierbei tritt während der Messung eine zusätzliche reflektorische Innervation motorischer Einheiten in Kraft. Aus diesem Grund ist der Messwert der exzentrischen Maximalkraft unabhängig von der willkürlichen Aktivierungsfähigkeit und somit auch von der intramuskulären Koordination. Er kann als Kennwert für das Grundpotential der Kraft gelten, die durch den physiologischen Muskelquerschnitt determiniert ist (vgl. Bührle & Schmidtbleicher 1981a).

In Anlehnung an Weineck (2007) und Bührle & Schmidtbleicher (1981a) ist die Maximalkraft von folgenden Komponenten abhängig:

- vom physiologischen Muskelquerschnitt
- von der intermuskulären Koordination
- von der intramuskulären Koordination

Eine Verbesserung der Maximalkraft ist über jede dieser Komponenten möglich. Bührle (1989) verdeutlicht die dimensionale Struktur der Maximalkraft mit folgender Abbildung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die dimensionale Struktur der Maximalkraft (mod. nach Bührle 1989)

Ehlenz, Grosser & Zimmermann (2003) führen neben den bereits genannten noch weitere Komponenten auf. Diese sind:

- Muskelstruktur
- Muskelfaserlänge und Zugwinkel
- Kontraktionsgeschwindigkeit der Muskulatur
- Energiebereitstellung
- Anthropometrische Merkmale
- Muskelvordehnung
- Motivation

Diese Faktoren sind einerseits abhängig von der genetischen Disposition, andererseits von Trainingszustand, Geschlecht und Alter.

2.4 Schnellkraft

Bei dem Versuch, eine Definition für die Schnellkraft zu finden, fällt auf, dass es hierzu diverse Ansätze gibt. Dies liegt vor allem daran, dass die verschiedenen Autoren mit dem Begriff Schnellkraft unterschiedliche Termini assoziieren. Ein häufig begangener Fehler liegt darin, die Schnellkraft mit der Bewegungsgeschwindigkeit bzw. dem Begriff Schnelligkeit gleichzusetzen und somit die Schnellkraftfähigkeiten anhand des äußeren Habitus einer Bewegung zu definieren. Dies erscheint auf den ersten Blick logisch und einfach. Jedoch ist diese Vorgehensweise keinesfalls korrekt. Vielmehr scheint es je nach Art der Belastung unterschiedliche Gewichtungen der einzelnen Schnellkraftkomponenten zu geben. So spielen hierbei die Start-, Explosiv- und Maximalkraft (dynamisch realisierbares Kraftmaximum) eine Rolle, wobei ein hohes Maximalkraftniveau relativ einheitlich als Basis für gute Schnellkraftleistungen angesehen wird. So schreiben Bührle & Schmidtbleicher (1981b): „Die Schnellkraft ist nicht nur von der Kontraktionsgeschwindigkeit, sondern auch von der Kontraktionskraft abhängig. Damit ergibt sich eine direkte Abhängigkeit vom Muskelquerschnitt und von der Maximalkraft.“

„Das dynamisch realisierbare Kraftmaximum bezeichnet die Fähigkeit, in Abhängigkeit von der äußeren Last bei deren Überwindung (Beschleunigung) einen möglichst hohen Kraftwert zu erzeugen.“ (Güllich & Schmidtbleicher 1999). Das dynamisch realisierbare Kraftmaximum ist wiederum in hohem Maße vom Maximalkraftniveau abhängig (vgl. ebenda). Je schwerer der zu überwindende Widerstand ist, desto mehr ist die Beschleunigung vom dynamisch realisierbaren Kraftmaximum und damit von der Maximalkraft abhängig. Wird der äußere Widerstand verringert, so verschiebt sich die Abhängigkeit der Beschleunigung immer mehr in Richtung Explosivkraft, der Anteil der Maximalkraftkomponente nimmt ab, während der Anteil der Explosivkraftkomponente zunimmt. Hierbei verläuft laut Güllich & Schmidtbleicher (1999) bei etwa 200 msec Kontraktionszeit eine imaginäre Grenze. So sind Schnellkraftleistungen innerhalb von 200 msec vorrangig von der Explosivkraft abhängig, oberhalb dieser 200 msec sind alle Bewegungen überwiegend durch das dynamisch realisierbare Kraftmaximum determiniert. Diese oder eine sehr ähnliche Sichtweise wird auch von vielen anderen Autoren vertreten (vgl. Bührle in Bührle 1985, Letzelter 1994, Schmidtbleicher in Röthig et al. 2003, Pampus 2001, Hollmann & Hettinger 2001).

Eine größtenteils akzeptierte Definition der Schnellkraft stammt von Güllich & Schmidtbleicher (1999): „Schnellkraft ist die Fähigkeit des neuromuskulären Systems, einen möglichst großen Impuls (Kraftstoß) innerhalb einer verfügbaren Zeit zu entfalten.“ (vgl. auch Schmidtbleicher in Röthig et al. 2003, Martin, Carl & Lehnertz 1993 und Pampus 2001). Aus der Gleichsetzung der Schnellkraft mit dem Begriff Impuls ergibt sich nach Bührle in Bührle (1985) die Formel:

F x t = m x v

Da die Masse (m) des zu bewegenden Körpers konstant bleibt, hängt dessen Beschleunigung bzw. Geschwindigkeit von dem Produkt aus Kraft (F) x Zeit (t) ab. Je mehr Kraft pro Zeiteinheit entwickelt werden kann, desto größer ist demnach die Beschleunigung. Da die Zeiteinheit meist fest vorgegeben und in der Regel sehr kurz ist, lässt sich die Geschwindigkeit also einzig über eine Verbesserung der (Maximal-) Kraft steuern. Aus dieser Folgerung resultiert auch die Tatsache, dass die Maximalkraft dimensionalistisch über der Schnellkraft anzusiedeln ist und sich mit dieser keinesfalls auf einer Ebene befindet, wie es in manchen Lehrbüchern immer noch geschrieben steht. Außerdem geht hieraus hervor, dass sich über eine Verbesserung des Maximalkraftniveaus folglich auch eine Steigerung der Bewegungsschnelligkeit erreichen lässt. Die Schnellkraft ist nach Pampus (2001) von den folgenden drei Faktoren abhängig:

- vom schnellen Kraftanstieg (Start- und Explosivkraft)
- vom Kraftmaximum (isometrische Maximalkraft)
- von der Dauer der Kraftwirkung

Bührle & Schmidtbleicher (1981a) betonen außerdem, „[.]dass sich das Schnellkraftvermögen in gleicher Weise bei der dynamischen wie auch bei der isometrischen Kontraktion realisiert.“ Die Messbarkeit des Schnellkraftvermögens mit Hilfe einer Kraftanstiegskurve als Parameter ist somit sowohl isometrisch als auch dynamisch möglich. Die Steilheit einer solchen Kraftanstiegskurve hängt vor allem von folgenden drei Faktoren ab:

- Von der Zahl der zu Bewegungsbeginn synchron einsetzenden motorischen Einheiten, also von der intramuskulären Koordination
- von der Kontraktionsgeschwindigkeit der aktivierten Muskelfasern
- von der Kontraktionskraft der eingesetzten Muskelfasern, also vom Muskelquerschnitt

2.4.1 Startkraft

Die Startkraft stellt laut Hollmann & Hettinger (2001) eine relativ eigenständige Komponente der Schnellkraft dar und wird nur dann zum leistungsbestimmenden Faktor, wenn ein Ereignis eine Reaktion mit hoher Anfangsbeschleunigung erfordert, wie z.B. beim Boxen oder Fechten. Sie ist in Anlehnung an Tidow & Wiemann (1993a) von der Kontraktilität und vom Querschnitt der schnellen motorischen Einheiten des Typ-II determiniert. Laut Bührle in Bührle (1985) kommt die Startkraft nur während der ersten 30 msec eines Kontraktionsvorganges zum tragen. Nach Bührle & Schmidtbleicher (1981b) ist sie für die Beschleunigungskraft relativ unbedeutend.

2.4.2 Explosivkraft

Die Explosivkraft muss als ein Teil der Schnellkraft angesehen werden und wurde erstmals von Werchoshanskij et al. (1973) benannt. Allerdings ist ihre Definition der Explosivkraft aus dem osteuropäischen Sprachraum der westeuropäischen Definition von Schnellkraft gleichzusetzen.

So schreiben sie: „Verf. Verstehen die Explosivkraft als ein System, das aus folgenden Komponenten (Elementen) besteht:

1. absolute Muskelkraft;
2. Startkraft der Muskulatur;
3. Beschleunigungskraft;
4. absolute Bewegungsschnelligkeit.“

(Werchoshanskij et al. 1973).

Interessant ist, dass auch Werchoshanskij et al. (1973) schon von unterschiedlicher Dominanz der einzelnen Komponenten in Abhängigkeit vom Widerstand sprechen und den Einzelkomponenten eine verschiedene Trainierbarkeit zusprechen.

In der neueren Literatur wird die Explosivkraft als „Maximale Kraftentwicklung / Zeiteinheit“ (Hollmann & Hettinger 2001) definiert. So schreiben auch Gollhofer & Schmidtbleicher (1999): „Die Fähigkeit, einen möglichst steilen Kraftanstieg zu erzeugen, wird als Explosivkraft bezeichnet.“. Grosser, Starischka & Zimmermann (2004) kommen zu folgender Definition: „Die Explosivkraft wird durch den maximalen Kraftanstieg innerhalb einer Kraft-Zeit-Kurve bestimmt, der bei maximal schneller Kontraktion gegen einen statischen Widerstand erzeugt wird […].“. Die Autoren verwenden hier den Begriff „statisch“. Dies resultiert wohl daraus, dass sie bei der Maximalkraft ebenfalls einen „unüberwindlichen Widerstand“ in ihre Definition mit einbeziehen und eine Aufspaltung in eine isometrische und eine dynamische Arbeitsweise der Muskulatur ablehnen. Deutlich wird diese Sichtweise auch bei folgendem Zitat:

Die Explosivkraft beschreibt das Vermögen, möglichst schnell hohe Kraftwerte zu entwickeln. Sie ist aber ausschließlich auf den Zeitbereich des Kraftanstiegs definiert (ca. 150msec). Nur bei sehr kurzzeitigen Krafteinsätzen und Bewegungsabläufen genügt der Kraftgradient (Δ K / Δ t), um die Schnellkraft ausreichend abzuschätzen. Die Explosivkraft realisiert sich sowohl bei isometrischen als auch bei konzentrischen Kontraktionen. (Bührle & Schmidtbleicher 1985)

Es bleibt festzuhalten, dass die Explosivkraft vor allem in den ersten ca. 150-200 msec der Muskelkontraktion eine entscheidende Rolle spielt. Ihr Einfluss auf die Bewegungsgeschwindigkeit erhöht sich umso mehr, je leichter der zu überwindende Widerstand ist. Im Umkehrschluss wird auch mit leichteren Lasten die Bewegungsgeschwindigkeit größer. Den Gegenpart stellt die Maximalkraft dar, deren Einfluss zunimmt, je schwerer der Widerstand ist. Werchoshanskij et al. (1973) schreiben dazu: „Der Zusammenhang zwischen dem Kraftpotential P0 und dem Maximum der Explosivkraft Fmax ist um so größer, je höher der äußere Widerstand ist.“. Weineck (2007) schreibt in Anlehnung an Werchoshanskij (1978) und Bührle & Schmidtbleicher (1981): Der Korrelationsgrad zwischen Maximalkraft und Bewegungsgeschwindigkeit erhöht sich mit der Vergrößerung der Last.“ Eine vereinfachte Darstellung der drei Kennwerte Maximalkraft, Explosivkraft und Startkraft liefert Abb. 5:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Isometrische und konzentrische Kraft-Zeit-Kurve mit den für die Diagnose wesentlichen Kennwerten (mod. nach SCHMIDTBLEICHER 1987)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Je schwerer der Widerstand, desto langsamer die Bewegungsgeschwindigkeit und umgekehrt. Es sei angemerkt, dass die Bewegungsgeschwindigkeit hierbei nicht mit der Kontraktionsgeschwindigkeit der Muskulatur gleichzusetzen ist. Diese ist trotz äußerlich erscheinender langsamer Bewegung bei explosivem Krafteinsatz immer noch hoch, wird aber aufgrund des hohen Widerstandes optisch nicht sichtbar.

Bührle & Schmidtbleicher (1981b) definieren ein Abhängigkeitsverhältnis der motorischen Eigenschaft Explosivkraft von folgenden Faktoren:

- Kontraktionsgeschwindigkeit besonders der schnellen motorischen Einheiten
- Anzahl der kontrahierenden motorischen Einheiten
- Kontraktionskraft der rekrutierten Fasern (Muskelquerschnitt & maximale Aktivierungsfähigkeit)

Nach diesem Abhängigkeitsverhältnis muss sich logischerweise mit der Schulung eines oder mehrerer dieser Parameter auch die Explosivkraftleistung verbessern. Dies hat entscheidenden Einfluss auf die anzuwendenden Methoden im Schnellkrafttraining, auf die in Kapitel 3 näher eingegangen wird.

2.4.2.1 Explosiv-ballistische Kontraktionen

Zum besseren Verständnis des vor allem von Werchoshanskij geprägten Begriffs der explosiv-ballistischen Kontraktionen soll dieser kurz erklärt werden (vgl. Werchoshanskij & Tatjan 1973, Verkhoshansky & Tatjan 1973, Adam & Werschoshanskij 1978).

Werchoshanskij (zitiert nach Tidow & Wiemann 1993a) legt folgende Bedingungen für explosiv-ballistische Kontraktionsbewegungen fest:

- kurze Startzeit
- maximales Tempo
- keine Korrekturmöglichkeit während der Ausführung

Dabei können die Kontraktionen sowohl explosiv-ballistisch als auch explosiv-reaktiv-ballistisch sein. Sie stellen die dem Menschen schnellstmöglichen Aktionen dar und laufen immer vorprogrammiert und hochexplosiv ab.

2.5 Reaktivkraft – Schnellkraftleistungen im DVZ

Die Reaktivkraft, häufig auch als Dehnungs-Verkürzungs-Zyklus (DVZ) bezeichnet, wird seit einiger Zeit als relativ eigenständige Form der Kraft eingestuft, was vor allem mit ihren mechanischen Besonderheiten zu tun hat (vgl. Güllich & Schmidtbleicher 1999, Weineck 2007). Diese mechanischen Besonderheiten gründen auf dem Prinzip, dass dem DVZ immer eine exzentrisch-konzentrische Muskelaktion zugeschrieben wird. Das bedeutet, einer konzentrischen Kontraktion geht immer eine exzentrische voraus, wodurch eine Vordehnung der arbeitenden Muskulatur erreicht wird, der Muskel wird also bei „[…] gleichzeitiger passiver Längenzunahme aktiv kontrahiert.“ (Komi 1994). Bei diesem Vorgang wird mechanische Energie gespeichert, die in der konzentrischen Phase wieder freigesetzt wird und somit zu einer Leistungsverstärkung führt. Die Bewegung im DVZ wird ökonomischer, Komi spricht von einer „elastischen Potenzierung“. Diese Leistungspotenzierung hat laut Komi in Bührle (1985) ihre Ursache im elastischen Verhalten des Muskels während und kurz nach der exzentrischen Kontraktion. So ist laut Martin, Carl & Lehnertz (1993) kurz vor der exzentrischen Phase die synergistische Muskulatur bereits innerviert und angespannt, sie verhält sich während der exzentrischen Phase wie ein Gummiband. Laut Lehnertz in Pampus (2001) wird hierbei elastische Energie in den elastischen und kontraktilen Elementen der Muskulatur gespeichert. Außerdem kommt es zu einer Aktivierung des Muskeldehnreflexes, was zu einer Verstärkung des Effekts und damit zu einer größeren und schnelleren Kraftentwicklung in der konzentrischen Phase führt.

Gollhofer & Schmidtbleicher (1999) teilen ein in einen kurzen (< ca. 200 msec) und einen langen (> ca. 200 msec) DVZ, wobei den zuvor beschriebenen Effekten beim kurzen DVZ eine weitaus höhere Bedeutung zukomme. Der kurze DVZ findet sich vorwiegend bei Bewegungen wie z.B. den kurzen Stützphasen im Sprint sowie in der Leichtathletik und bei Würfen und Stößen wieder. Der lange DVZ hingegen kommt vor allem bei Absprüngen mit relativ langsamer Kniebeugegeschwindigkeit vor, wie z.B. im Volley- und Basketball. „Die Leistungen im langen DVZ werden überwiegend durch das dynamisch realisierbare Kraftmaximum und somit durch die Maximalkraft bestimmt.“ (Güllich & Schmidtbleicher 1999). Schätzungsweise 90% aller sportlichen Bewegungen beinhalten einen DVZ (vgl. Güllich & Schmidtbleicher 1999). Dies verdeutlicht eindrucksvoll den Stellenwert der Reaktivkraft im Sport.

Abschließend sollen noch drei neuromuskuläre Faktoren aufgezählt werden, von denen nach Gollhofer & Schmidtbleicher in Bührle (1985) die Qualität der reaktiven Bewegungsfähigkeit abhängt. Diese sind:

- Muskelquerschnitt und Muskelfaserzusammensetzung
- Elastizitätsverhalten des Muskel- und Sehnenapparates
- Innervationsverhalten

Diese drei Faktoren bedingen sich gegenseitig, anders als zwei weitere Faktoren, die anthropometrischen Gegebenheiten und die externen Bedingungen inklusive situationsspezifischer Besonderheiten. Diese sind normalerweise von vorneherein festgelegt. Aufgrund der Tatsache, dass der DVZ eine recht eigene Dimension im Kraftverhalten repräsentiert, bedarf es auch bestimmter Trainingsmethoden, um die reaktiven Kraftfähigkeiten zu schulen (vgl. Schmidtbleicher 1984). Diese werden in Kapitel 3.3 vorgestellt.

2.6 Zusammenhang von Maximalkraft und Schnellkraft

Bührle & Schmidtbleicher haben bereits 1977 in einer vierwöchigen Längsschnittuntersuchung den herausragenden und überlegenen Einfluss von Maximalkrafttraining auf den Zusammenhang zwischen Maximalkraft und Bewegungsschnelligkeit gegenüber der isokinetischen Trainingsmethode und der Schnellkraftmethode nachgewiesen. Bührle & Schmidtbleicher (1981a) schreiben dazu: „Maximale und explosiv durchgeführte submaximale Krafteinsätze sind eine sehr effektive Methode um das azyklische Schnelligkeitsvermögen zu verbessern.“. Allmann in Bührle (1985) spricht somit zu recht vom Maximalkrafttraining als der dominanten Methode zur Entwicklung von Schnellkraft und Schnelligkeit. Um diese Tatsache zu untermauern, seien hier einige ausgewählte Beispiele aus der sportlichen Praxis angeführt (vgl. Allmann in Bührle 1985):

- Jürgen Schneider lief 1983 die 60 m in 6,96 sec. Er wurde im September 1983 Seniorenweltmeister seiner Altersklasse über 100 m in 11,19 sec, und das ohne ein Lauftraining in größerem Umfang. Lediglich sein Maximalkrafttraining war sehr intensiv. Die Saison begann er mit einer Zeit von 10,9 sec.
- Klaus Bieler trainierte zu Anfang seiner Laufbahn als Sprinter mit klassischen Gewichtheberübungen wie Kniebeugen, Reißen und Bankdrücken nach der Maximalkraftmethode. Er verbesserte seine Zeit über 100 m von 10,8 sec auf 10,4 sec.
- Claudia Losch, Kugelstoßerin mit einer Bestleistung von 20,08 m, konnte innerhalb von 18 Monaten ihre Sprintleistung über 60 m von 8,8 sec auf 7,55 sec verbessern. Ihre Leistung bei der tiefen Frontkniebeuge lag bei 140 kp.
- Eva Wilms, ebenfalls Kugelstoßerin mit einer Bestleistung von 20,06 m, lief zu Anfang ihrer Karriere über 13 sec auf 100 m. Später verbesserte sie diese Zeit auf 11,3 sec und lief die 60 m in 7,1 sec. Ihre Frontkniebeugenleistung lag zu dieser Zeit bei 180 kp.
- Die Erst- und Zweitplazierten im Kugelstoßen bei den Deutschen Hallenmeisterschaften 1977 waren ebenfalls die Erst- und Zweitplatzierten im Sprint auf 60 m bei den bayerischen Hallenmeisterschaften 1977.
- Der bayerische Jugendmeister im Sprint war auch gleichzeitig der bayerische Jugendmeister im Gewichtheben.
- Ein 22-jähriger beginnt ein spezifisches Maximalkrafttraining ohne ein begleitendes Lauftraining. Er läuft zu Anfang die 100 m in 13,0 sec. Nach nur drei Monaten Krafttraining verbessert er die Zeit auf 11,5 sec. Nach weiteren drei Monaten verbessert er seine Zeit nochmals auf nun 10,9 sec. Parallel zum Krafttraining führte er beidbeinige, vertikale Strecksprünge durch.

Ein starker Zusammenhang zwischen Maximalkraft und Schnellkraft scheint offensichtlich zu sein (vgl. Allmann in Bührle 1985, Kraemer & Newton 1994, Pampus 2001, Wisløff et al. 2004, Schmidtbleicher in Komi 1994). Die angeführten Beispiele untermauern diese Annahme sehr deutlich. Folgend sollen anhand eines Modells die Einflussgrößen und Komponenten von Maximalkraft und Schnellkraft verdeutlicht werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Einflußgrößen und Komponenten von Maximalkraft und Schnellkraft (mod. nach Bührle & Schmidtbleicher 1981b)

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Details

Seiten
100
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640102884
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94171
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Sportwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Einfluss Schnellkrafttrainingsmethoden Sprunghöhe

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Titel: Der Einfluss zweier unterschiedlicher Schnellkrafttrainingsmethoden auf die Sprunghöhe