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Die Thematik der Grenzüberschreitung im Roman 'La frontera de cristal' von Carlos Fuentes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 27 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Grenze und Grenzüberschreitungen: eine begriffliche Abgrenzung

3 Das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA
3.1 Historischer Kontext der Migration an der Nordgrenze Mexikos
3.2 Aktuelle Situation der Mexican Americans unter dem Gesichtspunkt der Assimilation
3.3 Darstellung des historischen Kontextes in La frontera de cristal

4 Grenzüberschreitungen im Roman La frontera de cristal
4.1 „La capitalina“
4.2 „La pena“
4.3 „El despojo“
4.4 „La raya del olvido“
4.5 „Malintzin de las maquilas“
4.6 „Las amigas“
4.7 „La frontera de cristal“
4.8 „Río Grande, Río Bravo“

5 Schlusswort

6 Bibliographie
6.1 Bücher und Artikel
6.2 Internetseiten

1 Einleitung

Grenzen begrenzen das, was zum Eigenen gehört und grenzen gleichzeitig das Fremde aus. Dadurch, dass die Grenze eigenes und fremdes voneinander trennt, schließt sie es mit ihm zusammen.[1] So verhält es sich auch bei der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Dies sind zwei in jeglicher Hinsicht ungleiche Länder, die durch ihre Grenze im Süden der Vereinigten Staaten und im Norden von Mexiko unweigerlich miteinander verbunden sind. Austauschprozesse bestehen hinsichtlich wirtschaftlicher Kooperationen und den Migrationsbewegungen von Süden gen Norden.[2]

Es gibt eine Vielzahl an literarischen Werken, die die Problematik jener Grenze zum Thema haben. Viele setzen sich mit der mexikanischen Migration oder dem Leben an der Grenze auseinander. So auch der mexikanische Schriftsteller Carlos Fuentes im Roman „La frontera de cristal“, der die nordamerikanisch-mexikanische Grenze behandelt. Dies erfolgt anhand der Erzählung von Episoden von Grenzgängern. Der Titel des Romans symbolisiert mit dem Bild der gläsernen Grenze auf treffende Weise die trennende wie einigende Eigenschaft der Grenze zwischen den USA und Mexiko. Fuentes selbst kann als Grenzgänger bezeichnet werden. Er ist Sohn eines mexikanischen Diplomaten und verbringt seine Kindheit in den USA und verschiedenen lateinamerikanischen Staaten. Neben dem Spanischen ist die englische Sprache seine Muttersprache. Seine literarischen Werke verfasst er jedoch in Spanisch.[3] In Worten von Fuentes ist die Grenze „una cicatriz“[4] – „reflejo de una herida que no acababa de curarse“[5]

Im Folgenden soll der Roman „La frontera de cristal“ hinsichtlich der Grenzüberschreitungen analysiert werden. Zur Schaffung einer theoretischen Basis werden zunächst diesbezüglich wichtige Begriffe definiert bevor der historische Kontext des Grenzraums abgesteckt wird

2 Grenze und Grenzüberschreitungen: eine begriffliche Abgrenzung

Grenze beschreibt auf einer ersten Bedeutungsebene eine Trennungslinie hinsichtlich zweier Gebiete. Einerseits verbindet sie innerhalb ihrer Grenze, andererseits schließt sie all das aus, was nicht zu ihrem Inneren gehört. Sie formt also ein „Innen und ein Außen“[6]. Unter Grenzüberschreitungen versteht man entsprechend dieser semantischen Belegung das körperliche Überqueren der physisch-topologischen Grenzlinie von einem Land zu einem anderen.[7] Im Roman „La frontera de cristal geschieht dies zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten. Grenzüberschreitungen finden hier am Grenzfluss Río Grande statt

Auf einer zweiten Ebene wird der Begriff aus dem streng geographischen Kontext herausgenommen und metaphorisch betrachtet. Grenze, im Sinn von Grenzraum, bedeutet auf einer weiteren semantischen Bedeutungsebene eine Kontaktzone, in der Gegensätze und Unterschiede zwischen zwei Gesellschaften oder Kulturen aufeinander treffen.[8] Mit der politischen Grenze fallen nämlich oft auch, und dies ist im Falle der US-mexikanischen Nachbarschaft deutlich der Fall, kulturelle Grenzen zusammen. Das physische Übertreten der Grenze schließt so immer auch das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen mit ein. Jedoch ist dies umgekehrt nicht der Fall: Kulturelle Grenzüberschreitungen können auch innerhalb eines Landes zum Beispiel bei der Konfrontation von Menschen zweier Gesellschaftsgruppen auftreten. Analog verhält es sich mit „Sprachgrenzen“ und „Wohlstandsgrenzen[9]

Wenn Grenzen überschritten werden, so befindet sich der Grenzgänger in einer spezifischen Übergangsphase, die Victor W. Turner als „liminal period“[10] bezeichnet. Obwohl Turner sich zunächst nur auf den Übergang eines Initianten von einer Lebensphase in eine andere bezieht, so lässt sich sein Konstrukt der „liminality“[11] auch auf Grenzgänger zwischen zwei Kulturen übertragen. Jene befinden sich zwischen beiden Gesellschaften. Sie sind nicht mehr und noch nicht klassifiziert, was Probleme bei der Identitätsbildung nach sich zieht. So sind die Teilnehmer, die die Liminalität durchlaufen „[…] neither living nor dead from one aspect, and both living and dead from another. […] They are neither one thing nor another; or may be both; or neither here nor there; or may even be nowhere […].“[12]

Mit der Identität der Chicanos[13] beschäftigt sich Gloria Anzaldúa. Ethnisch gesehen sind Mexikaner Mestizen, die sowohl indigene als auch spanische Wurzeln haben. Chicanos verbinden die mexikanische Kultur, die eng mit der indigenen verbunden ist, mit jener der angloamerikanischen Gesellschaft

„Within us and within la cultura chicana, commonly held beliefs of the white culture attack commonly held beliefs of the Mexican culture, and both attack commonly held beliefs of the indigenous culture.“[14]

Sie sind also Grenzgänger, die aber nicht wie im obigen Sinne identitätslos zwischen den Kulturen stehen. Anzaldúa propagiert vielmehr die Bildung eines eigenen Bewusstseins, einer eigenen Identität der Chicanos, die die verschiedenen kulturellen Einflüsse verbindet:

„The new mestiza copes by developing a tolerance for contradiction, a tolerance for ambiguity. She learns to be an Indian in Mexican culture, to be Mexican from an Anglo point of view. She learns to juggle cultures. She has a plural personality, she operates in plural mode […]. Not only does she sustain contradictions, she turns the ambivalence into something else.“[15]

Anzaldúa behandelt vom theoretischen Sichtpunkt Turners aus den Zustand nach dem positiven Durchlaufen der Übergangsphase. Es ist anzustreben, dass die Chicanos den Zustand der Identitätslosigkeit überwinden und die Grenzerfahrungen positiv für die Entstehung einer eigenen Identität, einer eigenen Kultur, nutzen

3 Das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA

Das Grenzgebiet zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten umfasst mehr als 3300 Kilometer. Im Osten verläuft die Grenze entlang der natürlichen geographischen Begrenzung durch den Río Grande. Dieser trennt Texas von den mexikanischen Provinzen Coahuila, Nuevo León und Tamaulipas bis er schließlich im Osten in den Atlantischen Ozean mündet. Im Westen passiert die Grenze die amerikanischen Staaten Arizona und Neu Mexiko sowie die mexikanischen Provinzen Sonora und Chihuahua.[16] Dieser Grenzraum, die „border“ oder „la frontera“, wurde durch verschiedene politische Entwicklungen im 19. Jahrhundert auf das heutige, oben beschriebene Territorium festgelegt. Diese Entwicklungen sollen in der folgenden Passage kurz skizziert werden. Der nordamerikanisch-mexikanische Grenzraum stellt eine einzigartige Situation auf der Welt dar, da hier „der entwicklungspolitische Norden und Süden an einer gemeinsamen Grenze aufeinander treffen“[17]. Hier stehen sich nicht nur starke ökonomische Differenzen der Dritten und Ersten Welt gegenüber sondern auch ausgeprägte kulturelle Unterschiede.[18]

3.1 Historischer Kontext der Migration an der Nordgrenze Mexikos

Das seit Anfang des 19. Jahrhunderts von Spanien unabhängige Mexiko gab nach 30 Jahren der Auseinandersetzungen um die nördlichen Gebiete Mexikos bis zum Jahre 1853 Texas, New Mexico, Arizona, Kalifornien, Nevada, Utah, Colorado und Teile Wyomings, Kansas und Oklahomas an die USA ab. Die Streitereien um die nördlichen Gebiete Mexikos begannen 1819 mit der Erlaubnis Mexikos die texanischen Gebiete von den Angelsachsen besiedeln zu lassen und führten über die anglo–texanische Revolte und die Phase einer kurzzeitigen Republik zum Krieg zwischen den USA und Mexiko in den Jahren 1846-1848. Durch den Treaty of Guadalupe Hidalgo nach Kriegsende wurde ein großer Teil der nördlichen Gebiete Mexikos an die USA abgetreten. Weitere Gebietsabgaben in Arizona und New Mexiko folgten 1853 als Teil des Gadsden Treaties.[19]

Bestand in den Jahren vor der Annexion ein Migrationsfluss von Angloamerikanern in den Süden, um den von den Mexikanern vernachlässigten heutigen Southwest zu besiedeln, so immigrierten seit dem Abschluss der Annexion Mexikaner in den reicheren Norden. Die Einwanderungspolitik der Vereinigten Staaten richtete sich in den Folgejahren nach dem Bedarf an billigen Arbeitskräften. Um die Jahrhundertwende verstärkte sich aufgrund der aufsteigenden Wirtschaftslage des amerikanischen Südwestens die Migration von Mexikanern in die USA. In den 30er Jahren kam es durch die Weltwirtschaftskrise zu verschärften Einwanderungsbestimmungen. Außerdem wurde eine große Anzahl an mexikanischen Arbeitskräften deportiert. Ab dem zweiten Weltkrieg stieg aufgrund der florierenden Rüstungsindustrie die Nachfrage an Arbeitskräften.[20] So wurde im Jahr 1942 das bracero[21] – Programm in Kraft gesetzt. Dieses Programm galt der Anwerbung mexikanischer Arbeitskräfte, um den in den USA herrschenden Arbeitskräftemangel ausgleichen zu können. Den braceros wurde meist ein Zeitarbeitsvertrag für die jeweilige Saison gewährt. Bis zum Ende des Programms im Jahr 1964, nutzten vier Millionen Zeitarbeiter das Angebot bis zum Ablauf ihres Vertrags in den USA zu arbeiten und zu leben. Die Mexikaner wurden hauptsächlich als billige Arbeitskräfte eingesetzt und waren vor allem in der Landwirtschaft, im Bergbau oder in der städtischen Industrie tätig.[22] Da die Anzahl der braceros auf 500.000 jährlich beschränkt war und gleichzeitig die Nachfrage nach Arbeitskräften in den USA anhielt, immigrierten zahlreiche Mexikaner illegal in die USA. Nach Beendigung des Koreakrieges nahm der Arbeitskräftebedarf ab, was zur Deportation der illegal in den Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner führte. Dies gipfelte 1954 in der Operation Wetback[23], durch welche 1,5 Millionen Mexikaner ausgewiesen wurden.[24] 1994 trat das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen Mexiko, den Vereinigten Staaten und Kanada in Kraft, welches zu einer ökonomischen Öffnung durch die Schaffung einer Freihandelszone zwischen den Mitgliedsstaaten führte. Die Öffnung der Grenze für den Austausch von Arbeitskräften wird durch das Abkommen jedoch nicht gewährleistet.[25]

3.2 Aktuelle Situation der Mexican Americans unter dem Gesichtspunkt der Assimilation

Das U.S. Census Bureau 2002 datiert den Anteil der hispanischen Bevölkerung der Gesamtbevölkerung in den westlichen US-Staaten auf 44,2 %.[26] Im Jahr 2004 ist New Mexiko – gefolgt von Texas - der Staat mit dem größten Anteil an Bewohnern hispanischen Ursprungs (New Mexiko: 43,4 %, Texas: 34,9 %). In ganz USA beträgt der Gesamtanteil an Hispanics im Jahre 2004 14,2 %. Davon sind 64 % mexikanischer Herkunft.[27]

[...]


[1] Vgl. Wokart, 1995

[2] Vgl. Maihold, 2003

[3] Vgl. ebd., 2003

[4] Fuentes, 1994, S. 109

[5] González Carbajo, 2000, S. 378

[6] Maihold, 2003, S. 224

[7] Vgl. Christ, 1999

[8] Vgl. Maihold, 2003

[9] Beide Begriffe sowie das Konzept der Grenzüberschreitungen aus diesem Absatz von Christ, 1999, S. 14 übernommen

[10] Turner, 1967, S. 94

[11] Ebd., 1967, S. 95

[12] Ebd., 1967, S. 97

[13] Chicanos sind „Männer und Frauen mexikanischer Abstammung, die in der ersten, zweiten oder dritten Generation in den USA leben.“ (Ikas, 2004, S. 787) Was Wort Chicano ist abgeleitet von mechicano und wurde von den Mexikoamerikanern selbst geprägt. Bis zum Chicano Movement hatte die Bezeichnung eine eher negative Konnotation. Im Chicano Movement wird der Begriff „im Sinne einer ethnischen Selbstidentifikation interpretiert und ideologisiert.“ (ebd., 2004, S. 790) Im Laufe der Jahre verliert er seine politisch-radikale Bedeutung; heute wird der Begriff als Synonym zu Mexican American verwendet. (vgl. ebd., 2004)

[14] Anzaldúa, 1999, S. 78

[15] Ebd., 1999, S. 79

[16] Vgl. Brockhaus, 1974

[17] Maihold, 2003, S. 225

[18] Vgl. Huntington, 2005

[19] Vgl. Martínez, 1993

[20] Vgl. Kühler, 1989

[21] bracero heißt im Deutschen „Erntehelfer“ oder „Tagelöhner“. (vgl. Kühler, 1989)

[22] Vgl. Martínez, 1993

[23] Die Bezeichnung wetback gilt den illegal in den USA lebenden Mexikanern. Sie spielt auf die Flussüberquerungen der Einwanderer an. (vgl. Kühler, 1989)

[24] Vgl. Kühler, 1989

[25] Vgl. Fritz, 2004

[26] Vgl. Ramirez, de la Cruz, 2003

[27] Vgl. U.S. Census Bureau, 2007

Details

Seiten
27
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640102754
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94128
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Romanisches Seminar
Note
1,5
Schlagworte
Thematik Grenzüberschreitung Roman Carlos Fuentes Migración

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