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Was ist Futurologie und hat die Zukunftsforschung eine Zukunft?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 15 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung - Zukunft jetzt!

2. Wissenschaftliche Untersuchungen der Futurologie
2.1. Ossip K. Flechtheim
2.2. Daniel Bell
2.3. Bertrand de Jouvenel 1

3. Von der Theorie zur Praxis: Die Delphi-Methode 1

4. Die Zukunft als Wissenschaft - Die Wissenschaft der Zukunft? 1

Literaturverzeichnis 1

1. Einleitung - Zukunft jetzt!

„Ich beschäftige mich nicht mit dem, was getan worden ist. Mich interessiert, was getan werden muss.“

Dieses Zitat der Chemikerin Marie Curie[1] ist als Postulat der Futurologie geeignet. Die Zukunftsforschung ist interessiert an verlässlichen und gültigen Strukturen und Aussagen für zukünftige Aufgaben und Problemstellungen. Um möglichst aussagekräftige Ergebnisse zu generieren, können verschiedene „Werkzeuge“ eingesetzt werden. Doch stellt sich zunächst die Frage, ob sich dieser Aufwand überhaupt lohnt? Ist die Zukunft nicht von zu vielen voneinander abhängigen und unabhängigen Variablen geprägt? Man ist dazu verleitet, dem ohne Nachforschungen aufgrund alltäglicher, individuell erfahrener Geschehnisse zuzustimmen. Doch in diversen wissenschaftlichen Disziplinen wird der Erforschung der Zukunft eine große Bedeutung zugemessen. Zur Einführung seien nur kurz einige Erkenntnisse einer wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung zur Bedeutung der Zukunftsforschung in deutschen Unternehmen genannt. 94% der Teilnehmer (Zukunftsforscher, Wissenschaftler, Manager) einer im Jahr 2005 durchgeführten Delphi-Studie, in deren ersten Runde 84 und in deren zweiten Runde noch 64 Teilnehmer vorhanden waren, stimmten der Ansicht zu, dass die Auseinandersetzung mit der Zukunftsforschung für ein Unternehmen sinnvoll ist, vor allem, wenn strategische Fragen behandelt werden müssen[2]. Desweiteren sind 71% der Befragten der Meinung, dass die Bedeutung der Zukunftsforschung zunehmen wird. 61% der Teilnehmer waren sogar der Meinung, dass Unternehmen eigene Bereiche für die Zukunftsforschung einrichten werden. Sogar 83% der Befragten sind der Meinung, dass die Zukunftsforschung sich zu einem kontinuierlichen innerbetrieblichen Prozess entwickeln wird. 69% sprechen sich für die Einrichtung eines Lehrstuhls für Zukunftsforschung an einer deutschen Universität aus[3].

Die hier angesprochene Delphi-Studie ist ein Zukunftsforschungsinstrument, das in vielen Wissenschaftsgebieten angewendet wird[4]. In meiner Arbeit widme ich mich nun der soziologischen Bedeutung der Futurologie. Ich werde hierzu Ausführungen von Ossip K. Flechtheim, Daniel Bell und Bertrand de Jouvenel analysieren, um festzustellen, ob die Futurologie in der Soziologie und der Wissenschaft generell als wissenschaftliches Instrument geeignet ist.

2. Wissenschaftliche Untersuchungen der Futurologie

2.1 Ossip K. Flechtheim

Ossip K. Flechtheim, verstorben 1998, gilt als der Begründer der Zukunftsforschung in Deutschland[5]. Flechtheim sieht die Welt in einem stetigen Wandel, in welchem Instrumente zur Erforschung der Zukunft stetig an Importanz gewinnen. Diese Mittel, wie zum Beispiel Prognostik und Planung, bezeichnet er als Futurologie[6]. Ob die Futurologie als Wissenschaft anerkannt werden kann, macht er davon abhängig, ob die Untersuchungsgegenstände als wissenschaftlich gelten. Als weiteres Kriterium nennt er, dass die einzelnen Analysen im Rahmen der Zukunftsforschung zu einer wissenschaftlichen Entität formierbar sein müssen. Danach muss analysiert werden, ob diese neugebildete Einheit als individuelle Wissenschaft gelten kann, oder ob ein Gebilde geschaffen wurde, in das Einflüsse verschiedener Wissenschaften einfließen, so dass es eben nicht als eigenständige Wissenschaft gelten kann[7]. Die Zukunftsforschung kann dabei aber nicht mit den Instrumenten anderer Wissenschaften auf ihre eigene Wissenschaftlichkeit hin überprüft werden[8]. Die Futurologie orientiert sich viel mehr an dem für sie relevanten Wahrheitsbegriff der auf vorhandenen Tatsachen, eventuellen Möglichkeiten und wünschenswerten Zuständen in der Historie und der Zukunft beruht[9]. Dieser Wahrheitsbegriff muss immun gegenüber den Herrschern in einem Gesellschafts- bzw. Regierungssystem sein, um einer Verabsolutierung der vorherrschenden Gegebenheiten vorzubeugen und andererseits die Verdinglichung des Gesollten zu vermeiden[10], denn nur so ist ein potenzieller Erkenntnisfortschritt, auf den die Zukunftsforschung abzielt, zumindest theoretisch erzeugbar[11]. Die Zukunftsforschung soll daher ein Werkzeug zur Generierung von Erkenntnisfortschritten sein. Der Wunsch nach Erkenntnisfort­schritten lässt die Forscher daher akzeptieren, dass es keine „naturwissenschaftlichen Gewissheiten und allgültige Methoden“ in der Futurologie gibt. Die Wissenschaftler müssen daher, so Flechtheim, von einem begrenzten und unsicheren Wissensstand aus agieren, dem sie sich bewusst sein müssen, um so weiteren Forschungsansätzen, die auf noch größerer Unsicherheit beruhen, nachgehen zu können, um so potenzielle Wissensfortschritte zu erzielen[12].

Aufgrund dieser theoretischen Grundlagen der Futurologie generiert Flechtheim im Jahr 1970 folgende Aussagen über mögliche gesellschaftliche Probleme im 21. Jahrhundert: Kriege werden weiterhin die Weltpolitik beeinflussen; Überbevölkerung und Hungersnöte werden neue Entwicklungspolitiken der industrialisierten Staaten gegenüber den Schwellenländern und der dritten Welt nötig machen; physische und psychische Gewalt durch staatliches Handeln könnten durch mediale „Gewalt“ ersetzt werden; das Gleichgewicht von künstlicher und natürlicher Umwelt wird ins Wanken geraten; und schließlich stellt sich die Frage, ob sich der Mensch in einer sich stetig verändernden Gesellschaft zunehmend von sich selbst und seiner Arbeit entfremdet, oder ob er es durch die Dynamik der modernen Gesellschaft schafft, eine neue Entität aus Kultur und Umwelt zu prägen[13]. Aufgrund dieser gesellschaftlichen Prognosen Flechtheims begründen sich seine Ansätze aus dem Jahr 1974 zu neuen Gesellschafts- bzw. Herrschaftsordnungen. Er beschreibt dabei drei unterschiedliche Gesellschaftsmodelle: Ein Modell ergibt sich aus dem Gegensatz des westlichen Kapitalismus zum östlichen Kommunismus, dessen Ergebnis eine sozialistisch­freiheitliche Demokratie wäre. Die zweite Variante ist die Splittung der tradierten Arbeiterbewegung in einen reformistischen und einen kommunistischen Flügel. So würde sich seiner Ansicht nach ein liberal-soziales System herausbilden. Die dritte Variante beschreibt schließlich ideologische und utopische Formen von neuen Herrschafts- und Gesellschaftsformen, die im Rahmen der Zukunftsforschung konstruiert wurden[14]. Im Rahmen dieser Arbeit betrachte ich nur das wesentliche Merkmal der dritten Variante seiner Konstruktionen: In dieser hat die Futurologie die Aufgabe, zwischen vergangenheitsorientierter Ideologie und zukunftsorientierter Utopie mit Hilfe wissenschaftlicher Instrumente wie zum Beispiel der Prognostik oder der Planung zu vermitteln[15]. Diese Aufgabe liegt im Ursprung der Futurologie begründet, die sich in einer krisenreichen Zeit entwickelte[16]. Der Ursprung dieser Forschungsrichtung waren die Probleme der Menschheit, die durch Planung und Prognostik kalkulier- und lösbar werden sollten. Daher wird eine brauchbare Zukunftsforschung nicht an empirischen Tatsachen vorbeikommen, wenn sie valide und verlässliche Ergebnisse produzieren will[17]. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, konstruiert Flechtheim in seinem 1987 veröffentlichten Werk „Ist die Zukunft noch zu retten?“ drei unterschiedliche Zukunftszenarien unter Berücksichtigung der damals aktuellen Gesamtlage der Weltbevölkerung[18]. Das erste Szenario beschreibt den totalen Wandel der Lebensführungen. Sie geht von einem Rückfall in Sklaverei und Barbarei aus. Dieses Szenario hat dann drei unterschiedliche Ausprägungen. Die extremste Variante wäre die Ausrottung der Menschheit. Dies wäre denkbar, wenn Kriege oder Umweltkatastrophen sich ausbreiten. Die zweite Variante wäre ein Rückschritt in eine Art Steinzeit nach einem dritten Weltkrieg, den nur einige Millionen Menschen überlebt haben. Dies hätte ein Nomadendasein für die Überlebenden zur Folge. Die dritte Ausprägung wäre der Aufbruch in ein neues „finsteres“ Zeitalter. Diese Variante beschreibt sowohl den städtischen als auch den kulturellen Verfall einer Gesellschaft. Die Fähigkeit des abstrakten Denkens geht verloren, Symbole und Grafik verdrängen die Schrift, die Sprache wird nicht mehr „gepflegt“. Kriege könnten auch die Industriezentren betreffen, was die Dynamik von Wissenschaft und Technik einschränken oder gar zerstören würde. Die Menschheit würde verrohen[19].

Das zweite Szenario beschreibt eine subtile Veränderung der Gesellschaft, ohne dass diese es bemerkt. Die erste mögliche Ausprägung des Szenarios wäre ein Überwachungsstaat. Durch diese unterschwellige Manipulation würde die Gesellschaft zu einem zufriedenen, nicht mehr nachfragenden Rezipienten des Handelns eines Staates. Die zweite Ausprägung wäre laut Flechtheim der Neo­Cäsarismus. In einer solchen Gesellschaft würden eher technokratische und autoritäre staatliche Steuerungen vorgenommen werden als totalitäre. Die dritte Variante des zweiten Szenarios wäre, dass der Status Quo weiterhin vorherrscht. Das dritte Szenario ist das, nach Flechtheim, wünschenswerte Szenario. Um es zu erreichen, müssten die Menschen die anderen beiden Szenarien vermeiden.[20]

[...]


[1] Vgl. http://zitate.net/zitate/zukunft/zitate.html

[2] Vgl. www.jan-schwarz.de/downloads/executivesummary.pdf, S. 1 / 3.

[3] Vgl. eben da, S. 3.

[4] Vgl. zum Beispiel: Vorgrimler, Daniel: Die Delphi-Methode und ihre Eignung als Prognoseinstrument, Wiesbaden 2003.

[5] Vgl. zum Beispiel: http://science.orf.at/science/news/8441

[6] Vgl. Ossip K. Flechtheim: Futurologie, Köln 1970, S. 233.

[7] Eben da.

[8] Eben da, S. 264.

[9] Eben da, S. 263.

[10] Eben da, S. 264.

[11] Eben da.

[12] Vgl. Ossip K. Flechtheim: a. a. O., S. 264.

[13] Eben da, S. 311 / 312.

[14] Vgl. Ossip K. Flechtheim: Zeitgeschichte und Zukunftspolitik, Hamburg 1974, S. 352.

[15] Eben da, S. 356.

[16] Vgl. Ossip K. Flechtheim: Zeitgeschichte und Zukunftspolitik, a. a. O., S. 356 / 357.

[17] Eben da, S. 357.

[18] Vgl. Ossip K. Flechtheim: Ist die Zukunft noch zu retten?, Hamburg 1984, S. 201.

[19] Eben da, S. 201 - 204.

[20] Eben da, S. 204 - 209.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638072786
ISBN (Buch)
9783638957069
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94053
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,7
Schlagworte
Futurologie Zukunftsforschung Zukunft Modernisierung

Autor

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