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Der entfremdete Mensch in der spätkapitalistischen Gesellschaft am Beispiel Theodor W. Adornos Minima Moralia

Hausarbeit 2007 23 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Theodor W. Adorno und die Minima Moralia
1. Kurzbiografie des Autors
2. Minima Moralia – Entstehungsgeschichte, Struktur und Inhalt

III. Exkurs: Die Entfremdung
1. Eine Einführung
2. Allgemeine sozialphilosophische Betrachtungen
3. Der Verlust der Authentizität bei Rousseau
4. Die Befreiung des Hegelschen Knechts
5. Heidegger: Das Selbstverhältnis zur Welt
6. Entfremdung und Arbeit bei Marx
7. Zusammenfassung

IV. Adornos Entfremdungsbegriff am Beispiel des
Aphorismus` Asyl für Obdachlose
1. Inhalt
2. Interpretationen
3. Sur l’Eau

V. Fazit

VI. Bibliografie
1. Bibliografie
2. Hyperlinkverzeichnis

I. Einleitung

Die Frage, ob und wie die Menschen von einem ursprünglichen Naturzustand durch die Gesellschaftsform und das soziale Miteinander entfernt werden, beschäftigt die Philosophie schon seit Jahrhunderten. Inhalt dieser Hausarbeit ist es, am Beispiel Theodor W. Adornos Minima Moralia die Aktualität der Problematik aufzuzeigen. Nach der Einführung über den Autor und sein Werk schließen sich ein Exkurs über den Begriff der Entfremdung und dessen Interpretation bei unterschiedlichen Philosophen der Neuzeit an. Anhand Adornos Aphorismus Asyl für Obdachlose wird dann die gegenwärtige Entfremdung des Menschen in der spätkapitalistischen Gesellschaft konkretisiert. Den Ausklang bildet Adornos Vorstellung vom „richtigen Leben“, in der er andeutet, wie ein nicht entfremdetes Dasein aussehen könnte.

II. Theodor W. Adorno und die Minima Moralia

1. Kurzbiografie des Autors

Theodor Ludwig Wiesengrund-Adorno wird am 11. September 1903 in Frankfurt am Main als Sohn des Weingroßhändlers Oscar Alexander Wiesengrund (1870-1946) und der Sängerin Maria Barbara Calvelli-Adorno (1865-1952) geboren.[1] Nach dem Besuch des Gymnasiums begann Adorno seine Studien in Philosophie, Psychologie und Musikwissenschaft, welche er mit einer Promotion über Die Transzendenz des Dinglichen und Noematischen in Husserls Phänomenologie abschloss. Nach einigen Jahren unter anderem in Wien und Berlin, in denen er sich auf seine musikalische Seite konzentrierte, habilitierte er 1931 im zweiten Anlauf wiederum in Frankfurt am Main über Die Konstruktion des Ästhetischen bei Kierkegaard (Adorno, 2003a). Anschließend arbeitete Adorno als Privatdozent für Philosophie an der Universität Frankfurt und für die Zeitschrift für Sozialforschung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Während dieser Zeit wirkte er mit Max Horkheimer zusammen, den er bereits aus seiner Zeit des Studiums kannte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wird Adorno die venia legendi[2] wegen seiner „nicht-arischen Abstammung“ – Adornos Vater entstammte einer jüdischen Familie - entzogen. Ein Jahr nach der Heirat mit Margarete Karplus emigrierte Adorno 1938 in die USA, wo er offizielles Mitglied des nach New York übergesiedelten Frankfurter Instituts für Sozialforschung wurde. Adornos Lebensmittelpunkt war 1941 bis 1949 Los Angeles. In dieser fruchtbaren Zeit schrieb er etwa die Minima Moralia (Adorno, 2003b), die Philosophie der neuen Musik (Adorno, 2003d) und zusammen mit Horkheimer die Dialektik der Aufklärung (Horkheimer/Adorno, 2006). Zudem arbeitete Adorno ab 1944 am Berkeley Project on the Nature and Extent of Antisemitism an den Studies in Prejudice mit, dessen Ergebnisse er 1950 mit dem Werk The Autoritarian Personality (Adorno, 1996a) veröffentlichte.

1949 kehrte Adorno in die Bundesrepublik Deutschland zurück und gründete im darauf folgenden Jahr gemeinsam mit Horkheimer das Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im Jahr 1950 wurde er zunächst dessen stellvertretender Direktor, bevor er 1959 die Hauptleitung des Instituts übernahm. Zugleich wurde Adorno außerplanmäßiger, 1957 dann ordentlicher öffentlicher Professor für Philosophie und Soziologie. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nahm er aktiv am Positivismusstreit[3] der Soziologie teil, veröffentlichte die Drei Studien zu Hegel (Adorno, 1963) und die Negative Dialektik (Adorno, 2003c). Weiterhin wurde er zum Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (1963) gewählt. Horkheimer, Marcuse und Adorno sind die Hauptvertreter der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Die Kritische Theorie fand mit ihrer Analyse des Faschismus und ihrer Kritik an der Nachkriegsgesellschaft großen Anklang bei den protestierenden Studierenden der sechziger Jahre. Allerdings bewegten sich die radikaler werdenden Studierenden und Adorno inhaltlich – zum Beispiel an der Frage, wann und ob Gewalt legitimes Mittel zur Veränderung einer Gesellschaft sei - immer weiter auseinander, bis es schließlich 1969 zur polizeilichen Räumung des von Studierenden besetzten Instituts für Sozialforschung kam. Am 06. August 1969 starb Adorno in Visp, Kanton Wallis (Schweiz), an den Folgen eines Herzinfarkts.

2. Minima Moralia – Entstehungsgeschichte, Struktur und Inhalt

Die Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Adorno, 2001) entstand während Adornos Exil in Amerika. Das Werk ist untergliedert in die drei Abschnitte seiner Entstehung: Der erste Teil ist auf das Jahr 1944 datiert, der zweite auf das Jahr 1945 und der dritte Teil auf die Jahre 1946/47. Vor der Trilogie steht eine Zueignung, überschrieben mit den Worten „FÜR MAX als Dank und Versprechen“ (ebd., 2001:5). Adorno nennt in ihr Max Horkheimers fünfzigsten Geburtstag, den 14. Februar 1945, als unmittelbaren Anlass für die Niederschrift der ersten beiden Teile (ebd., 2001:14). Den dritten Teil fügte Adorno nach seiner Rückkehr nach Europa 1946/7 hinzu und vervollständigte so die Buchausgabe der Minima Moralia, die erst 1951 im Suhrkamp Verlag Berlin/Frankfurt/Main veröffentlicht wurde. Zuvor lehnte der S. Fischer Verlag eine Veröffentlichung 1946 ab (Bernard/Raulff, 2003:126).

Das Werk enthält in den Ausgaben zu Lebzeiten des Autors 153 Aphorismen, wobei ein Aphorismus als ein „prägnant-geistreich in Prosa formulierter Gedanke, der eine Erfahrung, Erkenntnis od. Lebensweisheit enthält“[4], definiert ist. In einer späteren Ausgabe wurden zehn bisher unveröffentlichte Aphorismen in einem Anhang hinzugefügt, da die Editoren annahmen, dass Adorno sich aus konzeptionellen Gründen und um inhaltliche Überschneidungen zu vermeiden, gegen den Abdruck dieser Aphorismen entschieden habe und nicht, um sich von dem Geschriebenen zu distanzieren (Adorno, 2003b:303). Eine gezielte Reihung der Aphorismen wird verneint, jedoch eine Unterteilung in Blöcke und Echos, also inhaltliche Bezüge, die einen kurz angerissenen Gedanken zu einem späteren Zeitpunkt erneut aufgreifen und vertiefen, affirmiert (Düttmann, 2004:26-8). Die Gedanken der Aphorismen der Minima Moralia kreisen um die Perspektiven von Moral und Ethik in einer Gesellschaft, deren Antriebsfeder das Gewinnstreben der Menschen ist. Prägnant ausgedrückt also von der „Lehre vom richtigen Leben“ (Adorno, 2001:7). Das richtige Leben ist allerdings aufgrund der kapitalistischen Durchdringung des Lebens bis in die Privatsphäre nicht mehr unmittelbar wahrnehmbar. Unmittelbar zu greifen ist nur dessen entfremdete Form. Wie sich der Terminus der Entfremdung historisch entwickelt hat, wird im folgenden Exkurs dargelegt.

III. Exkurs: Die Entfremdung

1. Eine Einführung

Sprachlich bezeichnet Entfremdung die zielgerichtete Tätigkeit des Fremdmachens oder den Vorgang des Fremdwerdens, in dem eine Person oder Sache aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst und in einen anderen – fremden – Zusammenhang sich einfügt oder eingefügt wird. Semantisch entstammen die Wörter Entfremdung respektive entfremden dem lateinischen alienatio beziehungsweise alienare und dem griechischen αλλοτρίωση beziehungsweise αλλοτριώστε.

Der Begriff Entfremdung wird in verschiedenen Wissenschaften und auch innerhalb einer Wissenschaft mit positiver wie auch negativer Konnotation versehen. Sehr anschaulich zeigt dies das Beispiel der Theologie: Im Brief des Paulus an die Epheser aus dem Neuen Testament wird im vierten Kapitel in Vers 18 die Entfremdung des Menschen von den christlichen Lebensinhalten beklagt und Entfremdung negativ bewertet: „Ihr Verstand ist verfinstert und sie sind entfremdet dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwissenheit, die in ihnen ist, und durch die Verstockung ihres Herzens.“ (EKD, 1999:223) Hingegen sieht der christliche Theologe Hugo von Sankt Viktor (*1096; †1141) Entfremdung als die höchste von drei Stufen auf dem Weg zur contemplatio[5], der geistigen Öffnung des Menschen für sonst nicht erfahrbare Sinnlichkeiten (Ritz, 1972:509-10). Hier wird Entfremdung als ein anzustrebender Zustand definiert.

Nach der Sichtung anderer Wissenschaften überwiegt jedoch insgesamt die negative Wortbedeutung in dem Sinne, dass sich der Mensch, der sich in einem entfremdeten Zustand befindet, von etwas entfernt hat oder ausgeschlossen wurde (ebd., 509-12).[6]

2. Allgemeine sozialphilosophische Betrachtungen

Sozialphilosophisch-abstrakt betrachtet umschreibt Entfremdung eine „Beziehung der Beziehungslosigkeit“ (Jaeggi, 2005:19). Es handelt sich nicht um ein Fehlen von Beziehungen, sondern um das Vorhandensein von mit Mängeln behafteten Beziehungen. Symptome des Entfremdungszustandes können sein:[7]

- Wenn Menschen sich vornehmlich nicht an ihren eigenen, sondern an den Wünschen anderer orientieren.
- Wenn Menschen Tätigkeiten verrichten, mit denen sie sich nicht identifizieren können oder in einer zunehmend differenzierter werdenden Arbeitswelt nur noch kleine Rädchen im großen Produktionsprozess sind und die Beziehung zum Produkt ihrer Arbeit verlustig werden (Marcuse, 1979:244-5).
- Wenn Menschen sich an den Orten des sozialen Zusammenlebens (zum Beispiel der Subkultur) nicht mehr heimisch fühlen.
- Wenn zwischenmenschliche Beziehungen verdinglicht werden (ebd., 246).
- Wenn Organisationen oder Institutionen sich denen gegenüber verselbständigen, denen zu dienen sie ursprünglich gedacht waren, beispielsweise die „tote Ehe“ (Jaeggi, 2005:22).
- Wenn Menschen die offenkundige Sinnlosigkeit ihres Handelns hilflos bewusst wird, wie etwa Josef K. in Kafkas „Der Proceß“ (Kafka, 1995).

Der Mensch gestaltet die Welt also äußerlich weiter, hat aber innerlich den emotionalen Bezug zu ihr verloren. Er fühlt sich sinnlos, machtlos und beziehungslos.

Wie sich der Terminus der Entfremdung im Bereich der Philosophie und Gesellschaftskritik entwickelt hat, wird im Folgenden aufgezeigt. Ein französisch-schweizerischer Schriftsteller und Philosoph hat im 18. Jahrhundert erstmalig Entfremdung umschrieben.

3. Der Verlust der Authentizität bei Rousseau

Jean-Jacques Rousseau (* 28. Juni 1712 in Genf; † 2. Juli 1778 in Ermenonville bei Paris) geht von einem Urzustand des Menschen aus, in dem dieser nur seine wahren Bedürfnisse empfindet und der gesellschaftliche Unterschied zwischen den Menschen aufgrund der individuellen Autonomie gering ist. Erst wechselseitige Dependenzen und Bedürfnisse zwischen den Menschen – entstanden aus dem Zusammenleben, der Arbeitsteilung, der Entwicklung von Technik und Kultur - schufen die Grundlage, das im Naturzustand wirtschaftlich unabhängige und mit sich selbst im Reinen befindliche Individuum zu versklaven (Rousseau, 1984:161, 163, 167, 207, 209). Mit diesem Verlust „der Authentizität als ungestörter Übereinstimmung mit „sich“ und der eigenen „Natur““ (Jaeggi, 2005:24) umschreibt Rousseau erstmalig den sozialphilosophischen Entfremdungsbegriff. Er sieht die Möglichkeit der Rückgewinnung der menschlichen Natur in der Unterwerfung des Menschen unter einen Gesellschaftsvertrag, den „contract social“ (Rousseau, 1986), in dem alle Individuen ihre Rechte freiwillig an die Gesellschaft abtreten (ebd., 16-7). So wird aus der entfremdeten Fremdherrschaft des Individuums eine Freiheit unter den selbst gegebenen Gesetzen. „Schließlich gibt sich jeder, da er sich allen gibt, niemandem, und da kein Mitglied existiert, über das man nicht das gleiche Recht erwirbt, das man ihm über sich einräumt, gewinnt man den Gegenwert für alles, was man aufgibt, und mehr Kraft, um zu bewahren, was man hat.“ (Ebd., 18)

[...]


[1] Biografische Angaben aus Schweppenhäuser, 2005:201-3; Wiggershaus, 2006:139-41

[2] Lateinisch für Lehrbefugnis

[3] Weiterführend: Adorno (1969)

[4] Dudenredaktion (2005): Suchwort „Aphorismus“

[5] Lateinisch für Betrachtung

[6] Weitere Nachweise

[7] In Anlehnung an Jaeggi, 2005:21-2

Details

Seiten
23
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640098149
ISBN (Buch)
9783640119530
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94036
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung Münster
Note
1,0
Schlagworte
Mensch Gesellschaft Beispiel Theodor Adornos Minima Moralia

Autor

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