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Die Darstellung der Industrialisierung in den deutschen Staaten aus der Perspektive unterschiedlicher Geschichtsbücher

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 26 Seiten

Didaktik - Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeine Vorbemerkungen

2. Grundtendenzen und Forschungsstand
2.1 Definition und Verlauf der Industrialisierung
2.2 Rolle des Staates in den deutschen Gebieten

3. Beurteilungskriterien einer Schulbuchanalyse
3.1 Allgemeine Kriterien
3.2 Idealtyp eines Arbeitsbuches

4. Analyse der Schulbücher
4.1 Aufbau
4.2 Autorentext und Inhalt
4.3 Quellen, Karten, Tabellen und Graphiken

5. Zusammenfassung

Bibliographie

1. Allgemeine Vorbemerkungen

Die Geschichte in den Schulbüchern ist eine geschichtliche Macht, die ungeheure Energien entfalten kann, zum Guten oder zum Bösen. Die Mächtigen und diejenigen, die zur Macht drängen, haben das immer gewußt.

(Walter Scheel, 1976)

Selbst wenn dem einen oder anderen die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten etwas zu pathetisch und unheilvoll erscheinen mögen, so enthalten sie dennoch eine Tatsache, die nicht unerheblich ist: Das Schulbuch im Geschichtsunterricht spielte und spielt heute immer noch eine herausragende Rolle bei der Vermittlung von Geschichtswissen im Schulunterricht. Wider der Erwartung vieler Experten ist es nicht durch andere moderne Medien ersetzt worden,[1] vielmehr passt es sich an die jeweiligen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Gegebenheiten an und kann dadurch mit der stets fortschreitenden Entwicklung Schritt halten. Im Laufe der Zeit haben sich die Vorstellungen von einem idealen Schulbuch mehrfach grundlegend gewandelt, es würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit jedoch sprengen, all diese unterschiedlichen Ansprüche und Kriterien an ein Schulbuch nachzuzeichnen. Vielmehr beschränkt sich die vorliegende Analyse auf Schulbücher, die um das Jahr 1970 erschienen sind.

Aus thematischer Sicht geht es vordergründig um die Industrialisierung in den deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts. Zunächst erfolgt eine Betrachtung der Forschungslage, der Grundprobleme in Bezug auf die Industrialisierung, sowie etwaiger Streitpunkte. Hiervon ausgehend soll ein Geschichtsbuch aus der ehemaligen DDR, „Geschichte 7“[2], untersucht werden, um festzustellen, wie der selbst proklamierte Arbeiter- und Bauernstaat die Modernisierung in der Industrie beurteilte und im Schulunterricht vermittelt haben wollte. Das Buch „Reise in die Vergangenheit“[3], das etwa zeitgleich Ende der 1960er Jahre in der BRD erschien, soll dem erstgenannten Lehrwerk gegenübergestellt und mit diesem verglichen werden. Neben allgemeinen Beurteilungskriterien werden auch kritische Stimmen aus den 1970er Jahren zu bis dahin vorliegenden Schulbüchern Erwähnung finden, zudem soll das klassische Beispiel des in diesen Jahren propagierten Arbeitsbuches „Fragen an die Geschichte“[4] vorgestellt werden. Mittlerweile gilt dieses Modell als überholt und nur bedingt einsetzbar im herkömmlichen Geschichtsunterricht. Gerade weil es aber eine gänzlich andere Position innerhalb der Geschichtsdidaktik einnimmt und sich so drastisch von den Vorgängern abgrenzt, darf es bei der vorliegenden Untersuchung nicht unberücksichtigt bleiben. Selbst wenn die betrachteten Geschichtsbücher nur einen eng begrenzten Zeitraum repräsentieren, kann dennoch ein deutlicher Wandel bezüglich der Vorstellungen über die Aufgabe und den Sinn eines Schulbuches festgestellt werden. Veränderungen im Lehrwerkbereich wird und muss es immer geben, die vorliegende Arbeit steht exemplarisch für die Notwendigkeit und die Berechtigung derartiger Konzeptionsänderungen.

2. Grundtendenzen und Forschungsstand

Bevor das Augenmerk auf die eigentliche Analyse der Schulbücher gerichtet werden kann, ist es sinnvoll, knapp auf die Industrielle Revolution in den deutschen Einzelstaaten einzugehen. Es soll an dieser Stelle nicht der Verlauf der industriellen Entwicklung dargestellt, sondern lediglich auf den aktuellen Forschungsstand verwiesen werden. Dies ist vor allem deshalb unabdingbar, da bei der Betrachtung der Geschichtsbücher unter anderem auch untersucht werden soll, ob und inwieweit Streitpunkte in der Forschung thematisiert werden und wie differenziert die „Industrialisierung“ den Schülern[5] angeboten wird. Zunächst wird die Position der Forschung hinsichtlich des Verlaufs der Industrialisierung angeführt, im Anschluss findet sich die vieldiskutierte Frage nach der Rolle des Staates – in diesem Fall insbesondere des preußischen Staates – bei der industriellen Entwicklung in den deutschen Gebieten.

2.1 Definition und Verlauf der Industrialisierung

Der Begriff Industrielle Revolution wird in der Forschung sehr unterschiedlich definiert, die eine Seite beschränkt sich allein auf technische Innovationen, die andere Seite bezieht zusätzlich soziokulturelle und politische Wandlungsprozesse mit ein.[6] Allgemein wird vor allem für Deutschland eher von einer Industrialisierung gesprochen, um den relativ langen Prozess zu verdeutlichen; Historiker in der ehemaligen DDR verwendeten dagegen von Anfang an sehr bestimmt den Ausdruck Industrielle Revolution, und mittlerweile hat sich dieser – vor allem unter der Berücksichtigung der gesamten Entwicklung in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor – auch allgemein in der Forschung durchgesetzt.[7] Ein einziger Auslöser des Industrialisierungsprozesses kann heutzutage nicht mehr angenommen werden, vielmehr wird die Ansicht vertreten, dass zahlreiche günstige Faktoren zusammenwirkten.[8]

Die ältere Forschung betrachtete den Prozess der Industriellen Revolution ausschließlich unter den Rahmenbedingungen: Die staatliche Handels- und Wirtschaftspolitik, der Merkantilismus, der in das Laissez-faire-Prinzip überging, die Bedeutung der inneren sowie äußeren Nationalstaatsbildung, aber ebenso die Rolle des Handels- und Bankkapitals.[9] Durch das Aufkommen von Wachstumsmodellen in den 1920er Jahren hat sich der Blick der Historiker verstärkt auf den innerwirtschaftlichen Prozess der wachstumsfördernden Kräfte gerichtet und ist bis heute dort geblieben.[10] Die aus dieser Sicht abgeleitete Definition der Industriellen Revolution als Wachstumsprozess, der schlagartig einsetzte und sich von selbst beschleunigte, ist für viele Forscher zu allgemein, denn sie berücksichtigt nämlich nicht deutlich vorhandene regionale Unterschiede. Je differenzierter man sich mit der industriellen Entwicklung beschäftigt, um so größer werden die Zweifel diese jemals mit einem gültigen Modell erklären zu können.[11] W. W. Rostow hat einen Verlaufstypus entworfen, der bei unterschiedlichen Ländern ähnlich ablief. Die wirkliche Industrialisierung bildet für Rostow nur die sogenannte „take-off“ Phase, die den Beginn des enormen Wachstums kennzeichnet.[12] Diese Sichtweise wird bis heute umstritten diskutiert, daneben verweist man häufig auf das Vorbild Englands, das der Industrialisierung der anderen Nationen vorausging.

Demgegenüber müssen aber auch die Grenzen des englischen Modells berücksichtigt werden. So war, laut Gall, jeder Staat verpflichtet zunächst seinen eigenen Binnenmarkt zu erweitern, aber zugleich vor Konkurrenz abzuschirmen und sodann wachstumsfördernde Momente zu verstärken.[13] Aufgrund dieser Unterschiede hat sich die Forschung in den letzten Jahren und Jahrzehnten verstärkt engere Ziele gesetzt und infolgedessen nationale und regionale Entwicklungen hervorgehoben. Im Gegensatz zum Konzept der abgestuften Rückständigkeit, das wiederum die Vorreiterrolle Englands betont, hat sich der Forschungsschwerpunkt auf die eigenständige Entwicklung der einzelnen Länder konzentriert.[14] Die somit nationalstaatlich gesehene Aufspaltung der Forschung hat vor allem unter Zuhilfenahme von statistischem Material neue Erkenntnisse hervorgebracht und insbesondere für die Bevölkerungsgeschichte wertvolle Einsichten geliefert. Für Europa im Ganzen wurden Statistiken gesammelt und zusammengestellt, außerdem wurde Fragen nach vorindustriellen Faktoren sowie dem Nebeneinander von „alten“ und modernisierten Zuständen Rechnung getragen.

2.2 Die Rolle des Staates in den deutschen Gebieten

Beim Verlauf der deutschen industriellen Entwicklung ist immer auch der Einfluss des Staates diskutiert worden. Heute ist sich die Forschung darüber einig, dass nicht der Staat, sondern eigenständige Industrialisierungsprozesse sowie eine eigenmächtig handelnde Unternehmerschaft die entscheidenden Kräfte darstellten.[15] Dennoch wäre es falsch den Staat gänzlich außer Acht zu lassen, denn trotz einiger kontroverser Meinungen wird in der Forschung vor allem die preußische Merkantilismuspolitik in den östlichen Teilen des Landes positiv bewertet.[16] Für Buchheim hat der Merkantilismus trotz zahlreicher Wettbewerbsbeschränkungen die Bedingungen des Angebots der Wirtschaft enorm verbessert, indem beispielsweise brachliegende Felder bebaut, Arbeitskräfte und deren Sachverstand eingeführt, der Zunftzwang gelockert und der Geldumlauf erhöht wurden.[17] Es stellt sich nun die Frage, warum diese Politik dennoch nicht zur Industriellen Revolution führte. Mager führt als Antwort die ständisch gegliederten Sozialstrukturen und die dadurch bedingten Binnenschranken an. Da der Staat sehr eng mit den adligen Führungsschichten verbunden war und diese wiederum noch über relativ altmodische Produktionsverhältnisse verfügten, sei das wirtschaftliche Wachstum erheblich eingeschränkt gewesen.[18]

In den 1960er Jahren entwickelte sich in der Forschung eine verstärkt differenzierte Sicht bezüglich der Rolle des Staates. Fischer unterscheidet vier Funktionen des Staates gegenüber der Ökonomie, die diese in sehr ungleicher Weise beeinflussen und die abgesehen davon schwer messbar sind. Fischer zählt dazu: Die gesetzgebende Kraft des Staates, seine Administration, sein unternehmerische Tätigkeit, sowie das Auftreten des Staates als Konsument und Investor.[19] In scharfem Widerspruch zu dieser Betrachtungsweise steht die Meinung der DDR-Historiker, die den Standpunkt vertraten, dass sich die Industrialisierung gegen die hinderliche staatliche Übermacht durchsetzte und sich weiter entwickelte.[20] Damit wurde eine Richtung innerhalb der Forschung eingeschlagen, die sich mit den industrialisierungshemmenden Verordnungen des preußischen Staates beschäftigte, wie etwa die Behinderung der Gründung von Aktiengesellschaften oder die zögerliche Haltung hinsichtlich des Eisenbahnbaus.[21] Ähnlich kritische Arbeiten folgten in den nächsten Jahren auch in der BRD, jedoch ist vielen Ansätzen gemeinsam, dass sie die wirtschaftlichen Zielvorstellungen der damaligen Regierung falsch einschätzten. Es darf dieser keineswegs ein modernes Industrialisierungsverständnis unterstellt werden, Brose wies vielmehr nach, dass zwar das Gewerbe gefördert werden sollte, allerdings nur in soweit, dass es in einem ausgewogenen Verhältnis zur Landwirtschaft und zum Handel lag.[22] Gerade in den letzten zehn Jahren vor 1848 weigerte sich der Staat den Veränderungen im Unternehmertum nachzugeben und dämmte statt dessen wirtschaftsliberale Bestrebungen ein.[23] Erst mit der Revolution erfolgte auch ein Wandel in der preußischen Wirtschafts- und Finanzpolitik, der das Wachstum stimulierte und in dessen Zuge der Staat versuchte, seinen Führungsanspruch mit der Industrialisierung durchzusetzen.[24]

Zuletzt soll noch der Zollverein erwähnt werden, der lange Zeit als eigentlicher Motor der deutschen Industrialisierung galt. Die Forschung stimmt mittlerweile überein, dass es nicht Preußens Ziel war, mit dem Zollverein einen kleindeutschen Nationalstaat zu gründen, sondern dass standen lediglich partikularistische und fiskalische Interessen im Vordergrund standen.[25] Obwohl der Zollverein also nicht als die Ursache des Wachstums in den 1830er Jahren zu sehen ist, so hat er dennoch langfristig das Wachstum begünstigt. Best bescheinigt dem Zollverein eine gewisse Skepsis gegenüber einer raschen industriellen Entwicklung und so ging er einen Weg, der diese vermied, zugleich aber auch einer ebenfalls nicht gewünschten ökonomischen Stagnation entgegenwirkte.[26]

[...]


[1] Vgl. Joachim Rohlfes: Schulgeschichtsbücher, in: GWU 45 (1994), S. 460-465, hier: S. 460. Fröhlich spricht gar von einer überragenden Bedeutung gegenüber anderen Medien wie Wandkarten und Dias, und beruft sich dabei auf eine Studie, die den Vorrang des Schulbuches mit 80% deutlich vor dem zweit wichtigsten Medium Landkarte mit 64% bestätigt. Vgl. dazu: Klaus Fröhlich: Das Schulbuch, in: Pandel, Hans-Jürgen/ Schneider, Gerhard (Hg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach 1999, S. 91-114, hier: S. 93.

[2] Vgl. Hans Hübner (Hg): Geschichte. Lehrbuch für Klasse 7, Berlin 1971.

[3] Hans Ebeling: Die Reise in die Vergangenheit. Ein geschichtliches Arbeitsbuch, Band IV, Braunschweig 1967.

[4] Heinz Dieter Schmid: Fragen an die Geschichte. Geschichtliches Arbeitsbuch für die Sekundarstufe I, Band 3, Frankfurt am Main 1980.

[5] Wenn im Folgenden von Schülern und Autoren die Rede ist, so sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass damit Schülerinnen und Autorinnen ebenfalls miteinbezogen sind.

[6] Vgl. Hans-Werner Hahn: Die Industrielle Revolution in Deutschland. Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 49, München 1998, S. 51.

[7] Ebd. S. 57.

[8] Ebd. S. 61 f.

[9] Vgl. Lothar Gall: Europa auf dem Weg in die Moderne 1850-1890. Grundriss der Geschichte, Band 14, München 1997, S. 111.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S. 112.

[12] Vgl. Gall: Europa, S. 112. Gall bezieht sich hier auf Walt W. Rostow: The Stages of Economic Growth. A Non-communist Manifesto, Cambridge 1960.

[13] Ebd., S. 113.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Rudolf Boch: Staat und Wirtschaft im 19. Jh. Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Band 70, München 2004, S. 55.

[16] Vgl. Boch: Staat und Wirtschaft, S. 56.

[17] Vgl. Christoph Buchheim: Einführung in die Wirtschaftsgeschichte, München 1997.

[18] Vgl. W. Mager: Absolutistische Wirtschaftsförderung (am Beispiel Frankreichs und Brandenburg- Preußens), in: Sozialwissenschaftliche Informationen 3 (1974), S. 4-8.

[19] Vgl. Wolfram Fischer: Das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in Deutschland am Beginn der Industrialisierung, in: R. Braun et al. (Hg.) Industrielle Revolution – wirtschaftliche Aspekte, Köln 1976, S. 287-304.

[20] Vgl. Boch, Staat und Wirtschaft, S. 59.

[21] Vgl. Dietrich Eichholtz: Junker und Bourgeoisie vor 1848 in der preussischen Eisenbahngeschichte, Berlin 1962.

[22] Vgl. Eric D. Brose: The Politics of Technological Change in Prussia. Out of the Shadow of Antiquity 1809-1848, Princeton 1993.

[23] Vgl. Ebd., S. 236.

[24] Vgl. Boch: Staat und Wirtschaft, S. 63.

[25] Ebd., S. 73.

[26] Vgl. Heinrich Best: Interessenpolitik und nationale Integration 1848/49. Handelspolitische Konflikte im frühindustrialisierten Deutschland, Göttingen 1980.

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640102662
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94005
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Darstellung Industrialisierung Staaten Perspektive Geschichtsbücher Geschichte Jahrhunderts Geschichtsunterricht

Autor

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