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Die Dialekte Mittel- und Süditaliens

Wissenschaftlicher Aufsatz 2008 10 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

il sistema dei dialetti italiani dell’ Italia centrale e meridionale

Der Vielsprachenstaat Italien ist das mit Abstand dialektal am vielfältigsten ausgegliederte Gebiet der gesamten Romania. Die Mundarten[1] auf dem Apennin sind dermaßen differenziert, dass es für einen Norditaliener, beispielsweise aus dem Piemont, nahezu unmöglich wäre, sich adäquat mit einem Sizilianer zu unterhalten, wäre da nicht die gemeinsame Verständigungsbrücke der italienischen Hochsprache[2], der Sprache von Verwaltung, Verkehr, Schrift und Literatur Italiens. Innerhalb dieses so variantenreichen Sprachgebiets[3] vollzieht sich ferner sogar die Trennung der gesamten Romania in eine Ost- und eine Westhälfte[4]. Entlang der Linie von La Spezia in Ligurien bis zur Adria südlich von Rimini lässt sich diese Unterteilung in zwei Romaniae vornehmen, welche Linguisten, allen voran Walt(h)er von Wartburg (1888-1971) & Heinrich Lausberg (1912-1992), nicht etwa allein mittels geografischer Kriterien, sondern vielmehr anhand konkreter sprachlicher (vornehmlich phonischer) Phänomene ermittelt haben. Doch ungeachtet jener Einteilung in Ost- und Westromania[5] zieht diese Linie zudem auch die Grenze zwischen zwei von drei großen Dialektkomplexen innerhalb Italiens: Sie trennt das Norditalienische vom Mittel- und letztendlich auch vom Süditalienischen ab. Giovan Battista Pellegrini (1921-2007) unterscheidet hier sogar 5 Dialektbereiche in seinem Aufsatz
i cinque sistemi linguistici dell’italo-romanzo[6]: 1. L’italiano settentrionale o cisalpino, 2. il friulino, 3. il sistema dei dialetti „centro-meridionali“, 4. il sardo und 5. il toscano.[7] Im Folgenden möchte ich das sistema dei dialetti „centro-meridionali“ näher vorstellen.

Hierzu sollte zu Beginn kurz geklärt werden, worum es sich bei einem Dialekt[8] letzten Endes eigentlich handelt, denn seine Abgrenzung vom Begriff Sprache bereitet dem Laien prinzipiell keine Probleme, ist jedoch auf linguistisch-wissenschaftlicher Ebene nur mit großen Schwierigkeiten klar zu vollziehen[9]. Die Übergänge sind z.T. fließend, oder es gibt Abstufungen und/oder Zwischenstufen. Oftmals bestimmen politische und kulturgeschichtliche Bedingungen, ob ein sprachliches System als Sprache oder Dialekt aufgefasst wird. Wobei hier anzumerken ist, dass die areale Ausdehnung eines Dialekts natürlich nicht immer mit dem Verlauf politischer Grenzen übereinstimmen muss (z.B.: Die territoriale Verbreitung des Piemontesischen im Vergleich zum Gebiet der Verwaltungsprovinz Piemont). Jedoch wissenschaftlich betrachtet bilden beide Begriffe Systeme von Isoglossen[10]. Die momentane Einteilung der linguistischen Systeme der Welt in Sprachen und Dialekte ist an vielen Stellen nicht unumstritten, jedoch wird sie aus praktisch-didaktischen Gründen weitestgehend akzeptiert. In dieser Abhandlung möchte ich mich lediglich auf die als Mundarten des Italienischen klassifizierten Sprachsysteme in Mittel- und Süditalien beschränken. Aus diesem Grunde wird eine gesonderte Betrachtung aller anderen Sprachen auf dem italienischen Territorium, wie beispielsweise dem Französischen, Albanischen oder (Neu-)Griechischen, etc. an dieser Stelle unterbleiben. Auch werden hier lediglich Dialekte des Italienischen Beachtung finden, ohne auf andere Dialekte in Italien (z.B.: okzitanische oder deutsche Dialekte, etc.) einzugehen.

Damit ein sprachliches System als Dialekt gelten kann, muss es verschiedene Kriterien erfüllen (nach Heinrich Löffler). U.a. sind dies folgende:

1) Es muss innerhalb eines eingegrenzten Gebietes ungestört verstehbar sein.
2) Es wird vorrangig im familiär-intimen Bereich und generell eher mündlich verwendet (keine Schriftlichkeit bzw. Standardisierung, „Natürlichkeit“).
3) Es hat eine geringe räumliche Verbreitung/Geltung, weshalb es auch nur einen minimalen Verständigungsradius besitzt (regionale Gebundenheit).

[...]


[1] Die Begriffe ‚Dialekt’ und ‚Mundart’ sollen im Folgenden synonym verwendet werden.

[2] Dieses Standarditalienisch der modernen Republik Italien ist die ursprünglich florentinische Variante des Toskanischen.

[3] In der Romanistik wird deshalb eigens von einer „Italoromania“ gesprochen.

[4] Die Insel Sardinien nimmt hierbei eine Sonderstellung ein. Sardu ist durch seine geografische Isolation stark konserviert worden, steht dem Lateinischen extrem nahe und ist nicht den italienischen (Festlands-)Dialekten zuzurechnen. Vielmehr stellt es eine eigene, archaisch anmutende romanische Sprache dar. (vgl. Schlösser, S. 91-97)

[5] Welche genauer gesagt in Gänze auch lediglich auf die mittelalterlichen Entwicklungsphasen der lingue romanze zutrifft.

[6]con ’italo-romanzo’ alludo alle varie parlate della Penisola e delle Isole che hanno scelo, già da tempo, come ’lingua guida’ l’italiano.“ (Geckeler/Kattenbusch, S. 3)

[7] Die Dialekte der nicht zum italienischen Staatsgebiet gehörenden Insel Korsika (zu Frankreich) gehören ebenfalls den italienischen Mundarten an, und werden in die dialetti oltramontani und die dialetti cismontani unterteilt. Die nördlichen cismontani -Dialekte stehen den toskanischen Mundarten, die süd(-west-)lichen oltramontani -Dialekte dem Sardischen nahe.

[8] Von griech.: διάλεκτος = Redeweise, Mundart.

[9]Language and dialect are relative concepts without necessarily clear boundaries ;“ (ebd., S. 16)

[10] Von griech.: ἴσος = gleich & γλῶσσα = Zunge, Sprache; „Grenzlinien gleicher Sprachausprägung. I. zeigen auf Sprachkarten die areale Verbreitung bestimmter sprachlicher Phänomene an und können somit zur Abgrenzung unterschiedlicher Dialektgebiete verwendet werden“ (Bußmann, S. 321).

Details

Seiten
10
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640102433
Dateigröße
769 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93848
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Romanisches Seminar
Note
2,7
Schlagworte
Dialekte Mittel- Süditaliens Proseminar Linguistik Einführung

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Titel: Die Dialekte Mittel- und Süditaliens