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Zwischen mimesis und innovatio - Das Selbstbild des Dichters in der Lyrik von Jan Kochanowski

Hausarbeit 2008 16 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Ursprung der Inspiration Kochanowskis: die antike Mythenwelt des „Methamorphoseon libri“

3 Kochanowski und die humanistische Begeisterung für antike Meister
3.1 Der Zimmermann als Inbegriff der Tradition: Fraszka III 29
3.2 Erhebung über die irdischen Dinge: Lied II 24

4 Traditionelle und innovative Aspekte in Kochanowskis Dichtung

5 Fazit

6 Bibliografie
6.1 Primärquellen
6.2 Sekundärquellen

1 Einleitung

„Rymy głupie, rymy nieobaczne,
W których jako we zwierciedle znaczne
Me szaleństwo (...)”[1]

Thema der vorliegenden Arbeit ist die Verarbeitung des antiken Mythos vom Flug des Dädalus und des Ikarus in der Dichtung des polnischen Renaissancepoeten Jan Kochanowski. In Kochanowskis Interpretation des Sujets manifestiert sich sein Selbstbild als Autor. Dieses ist, wie die Ausarbeitung hoffentlich zu beweisen vermag, nicht eindeutig positioniert und nur vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Geisteswelt und der Biografie des Dichters verständlich. Ich möchte der Frage nachgehen, welche Faktoren dazu führen, dass man in der Wissenschaft von Jan Kochanowski und Ioannes Cochanovius spricht.

Diese Untersuchung wird es nicht vermeiden können, sich zumindest teilweise der Methoden des in Kreisen von Autorschaftsforschern lange Zeit verteufelten Biografismus zu bedienen. Die Gefahren, die mit einer möglichen Betretung völligen Neulands verbunden sind, bleiben mir indes erspart. Im Falle Kochanowskis kam die Forschergemeinde schon in den 80er Jahren zu dem Ergebnis, dass das Interesse an seiner Person sehr wohl Legitimität besitzt, und dass das pauschal ausgerufene Verbot einer biografischen Betrachtung die Forschung eher behindert als unterstützt.[2] Diese Erkenntnis mündete jedoch nicht in einem Rückfall in hemmungslosen Biografismus nach dem Muster des 19. Jahrhunderts, sondern in der Suche nach dem „implizierten Autor“, dem alter ego Kochanowskis. Ein solcher Ansatz erscheint im Hinblick auf das Werk des Meisters aus Czarnolas angemessen, sowohl was die Fülle der von ihm gestreuten autobiografischen Angaben als auch seine Janusköpfigkeit und seine Freude an der Ambivalenz von Aussagen angeht.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen zwei kurze Texte in Versform: das Lied II 24 und Fraszka III 29[3]. Der Vergleich beider Texte miteinander sowie mit der Darstellung des Flugmythos bei Ovid soll zwei konträre Autorkonzepte aufzeigen, zu denen sich Kochanowski bekennt.

2  Ursprung der Inspiration Kochanowskis: die antike Mythenwelt des „Methamorphoseon libri“

Das epische Werk „Metamorphoseon libri“[4] des römischen Dichters Ovid ist die umfassendste antike Mythensammlung mit insgesamt 250 in Hexametern verfassten Sagen. Es beinhaltet im achten Buch unter anderem die erste schriftliche Fassung des Mythos vom Flug Daedalus´ und Ikarus´. Eine kurze Zusammenfassung des Inhalts sollte hilfreich sein, um die Verwendung einiger hier vorhandenen Motive Kochanowskis besser zu verstehen:

Minos, der König von Kreta, ist durch die Vereinigung seiner Frau Pasiphaё mit einem Stier und das daraus hervorgegangene Mischwesen Minotauros tief beschämt. Er lässt den fähigen Handwerker Dädalus ein Labyrinth errichten, in dessen Innerem die Frucht seiner Schmach vor der Welt verborgen werden soll. Der Bau ist aufgrund der gewollten Komplexität und Unübersichtlichkeit selbst für den Baumeister, „rühmlich bekannt durch Geschick in den bildenden Künsten“ (Z. 159), beschwerlich:

„ (…) so machte der Gänge

Wirrwarr Daidalos auch voll Trug, und er fand zu der Schwelle

Selbst kaum wieder den Weg“ (Z. 166ff)

Dädalus, den die Verbannung aus seiner Heimat zum Exil auf Kreta zwingt, wird von Minos an der Rückkehr gehindert. Daher wählt er die Flucht:

„,Mag Länder er sperren und Wogen‘,

Sprach er, ,der himmlische Raum ist frei. Dort wollen wir ziehen.

Sei er von allem der Herr, nicht Herr der Lüfte ist Minos‘“ (Z. 185ff)

Er ersinnt einen Flugapparat, riesige aufsetzbare Flügel für sich und seinen Sohn Ikarus. Der Vater, der die Schwachstellen seiner Konstruktion genau kennt, unterweist seinen verspielten und arglosen Sohn:

„In der Mitte des Weges,

Ikaros, bleib, dass nicht dir Wasser beschwere die Schwingen,

Wenn zu niedrig du gehst, zu hoch, sie versenge das Feuer.

Fliege von beiden entfernt“ (Z. 203ff)

Nach dem Aussprechen dieser Warnung brechen die beiden auf. Beobachtern am Boden kommt der Gedanke, „die im Aither vermögen zu schweben, / Müssten Unsterbliche sein“ (Z. 219f). Auch im Flug weist Dädalus den Jungen immer wieder an, den von ihm vorgegebenen Weg nicht zu verlassen. Doch Ikarus findet immer mehr Gefallen am Flug und entzieht sich schließlich der Führung seines Vaters, indem er hoch hinaufsteigt, seinem eigenem Trieb folgend. Unter der Glut der Sonne schmilzt das Wachs, das die Federn zusammenhält. Ein kurzer Moment des Verharrens:

„noch schwingt er die nackenden Arme,

Aber des Ruders beraubt kann Luft nicht weiter er fassen“ (Z. 227f)

und der entsetzte Junge, der, eben noch auf der Höhe der Entfaltung, seinen nahenden Fall erkennt, schreit vergebens um Hilfe. Er stürzt ins Meer, und dem Vater bleibt nur die Trauer über den Verlust und die zu spät eingesetzte Einsicht.

Im Laufe der Geschichte hat die Saga von der Tragödie des Ikarus viele Interpretationen erlebt. Ein Kapitel des Buchs „Der Autor am Werk“ von Felix Philipp Ingold[5] fasst diese Entwicklung innerhalb der Literaturgeschichte zusammen. Für diese Untersuchung sind v. a. diejenigen Überlegungen wichtig, die sich auf Künstlerbilder beziehen. Ingold erkennt bei Ovid eine eindeutige Positionierung auf Seiten des vernunftsgeleiteten Vaters und wenig Sympathie für den leichtfertig wagenden Sohn. Tatsächlich findet sich im Text der „Metamorphosen“ einerseits ein langer und anerkennender Blick auf das Schaffen des Handwerkers („(…) richtend den Geist auf neue Erfindung / Ändert er schlau die Natur“ (Z. 188f)). Andererseits wird der Spieltrieb des Ikarus, der für das ingenium des Vaters keinen Blick übrig hat, herausgestellt. Ovid stellt eine Hierarchie auf, in der das Wissen Vorrang hat vor dem Wagemut.

Mit dieser von Ingold beleuchteten Interpretation nimmt der römische Dichter Teil an einem philosophischen Disput um die Rolle des Autors in der Gesellschaft. Zu seiner Schaffenszeit (etwa um Christi Geburt) wurde dieser Disput von zwei gefestigten Lagern geführt: dem platonischen und dem aristotelischen. Stark vereinfacht, ging es ursprünglich (also zur Schaffenszeit Platons und Aristoteles´) um den Unterschied zwischen einem auf göttlicher Eingebung basierendem produktiven Wahnsinn und der Kunst der Nachahmung, der mimesis. Während man die mediale Gabe und somit den Segen der Götter mit dem in Trance gesprochenem Wort in Verbindung brachte, fand die Kunst der Nachahmung der natura naturans[6] (der schöpferischen Kräfte der Natur) ihren Ausdruck im Bild. Da die mimesis keinerlei göttlich legitimierte Begabung voraussetzte, sondern unter die Kategorie des (im Altertum als niedere Beschäftigung angesehenen) Handwerks fiel, war sie gegenüber dem gesprochenen Wort als Kunstform lange Zeit benachteiligt und mit Legitimationsproblemen behaftet.

Im I. Jahrhundert n. Ch. wurde das Gefälle in der Gewichtung der Wort- und der Bildkunst zugunsten einer Gegenüberstellung zweier entgegengesetzter Künstlermodelle aufgegeben[7]. Diese finden in Ovids Flüchtlingsdrama ihren Ausdruck. Dädalus steht das Modell des homo faber, für Wissen und Erfahrung, für die Nachbildung des Altbewährten, somit für Tradition. In Ikarus erlebt man die Ungeduld und Verspieltheit des homo ludens, des Wagemutigen, den Drang, Unbekanntes kennenzulernen, den Göttern im Himmel ihre Geheimnisse zu entlocken – Innovation. Ovid hat sich, wie oben bereits erwähnt, eindeutig auf die Seite des Herkommens gestellt und für den leichtsinnigen Ikarus nur wenig Verständnis gezeigt. Seine Position ist der antiken Gewichtung von Dicht- und Handwerkskunst entgegengesetzt.

Das gerade noch ins Gleichgewicht gekommene Verhältnis von Herkommen und Fortschreiten wurde also, durch das Gleichnis von homo faber und homo ludens ausgedrückt, wieder hierarchisch, nur diesmal unter Führung des Bewahrers von Werten. Bis zum Anbruch des Mittelalters wurde an dieser Neuausrichtung wenig verändert, und die folgenden tausend Jahre Autorität christlicher Doktrin und feudaler Herrschaft gaben Ovid Recht. Die Diskussion um das Gleichnis von Vater und Sohn wurde erst mit Anbruch der Renaissance in Italien wieder aufgenommen.

[...]


[1] Jan Kochanowski, Fraszka II 74, zit. nach Fieguth 1987, S. 13.

[2] Gemeint ist das Freiburger Symposium von 1984, wo der damals aktuelle Stand der Kochanowski-Forschung erörtert wurde. Vgl. Fieguth 1987, S. 12.

[3] Bei der Bezeichnung „Fraszka“ folge ich der in der deutschen Kochanowski-Forschung üblichen Konvention, den Begriff wegen drohender Bedeutungsverluste nicht zu übersetzten.

[4] Da gute Übersetzungen in Versform schwer zu finden sind, verwende ich an dieser Stelle eine Internetquelle: http://www.gottwein.de/Lat/ov/met08de.php (21.04.2008)

[5] Vgl. Ingold 1992

[6] Vgl. Ziomek 1973, S. 24

[7] Vgl. Ingold 1992, S. 22

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638073196
ISBN (Buch)
9783638957533
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93792
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Slavistik
Note
1,0
Schlagworte
Zwischen Selbstbild Kochanowski Autorschaft Konzepte Funktionen mimesis innovatio Polen Dichter Lyrik polnische Jan Kochanowski

Autor

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