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Ludwig Tieck als Anti-Illusionist?

Hausarbeit 2008 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Shakespeares Behandlung des Wunderbaren – Thesen

3. ‚Der gestiefelte Kater‘
3.1 Der Kater Hinze
3.2 Das Wunderbare im ‚Gestiefelten Kater‘
3.3 Inwiefern ist Tiecks Stück Satire?
3.4 Illusionsdurchbrechung

4. Tieck als Anti-Illusionist? - Ausblick

5. Quellenangabe

1. Einleitung

Ist es denn eine Oper? […] Ein Kindermärchen? […] Am Ende ist es ein ordentliches Familiengemälde, […] Ein Revolutionsstück, so viel ich begreife. […] Aber wie kann man denn solch Zeug spielen?[1]

Der Verfasser des Theaterstücks Der gestiefelte Kater[2] ist der Aufklärer, Romantiker und Realist Ludwig Tieck. Das Stück besitzt den Nebentitel ‚Ein Kindermärchen in drei Akten‘, und ist damit der Bezeichnung zufolge ein Märchen. Das Theaterstück entstand zur Zeit der Frühromantik, erstmals veröffentlicht wurde es 1797, eine zweite Fassung wurde 1911 herausgegeben. Ursprünglich von einem Märchen stammend, handelt es von einem wie ein Mensch denkenden und sprechenden Kater, welcher durch eine List dem Müllerssohn Gottlieb auf den Thron verhilft. Durch einige Änderungen und Erweiterungen hat Tieck dem Märchen ein neues ironisches, satirisches Gesicht verliehen. Da der Autor Tieck sich seiner Zeit und seinen Werken zufolge unterschiedlichen Epochen zuordnen lässt und diese sich auch überschneiden, stellt sich nun die Frage, von welcher Strömung und Denkweise Der gestiefelte Kater am stärksten durchzogen ist, und was ihn als ein Stück der Romantik oder der Aufklärung auszeichnet. Viele unterschiedliche, sich teilweise widersprechende Züge sind in dem Stück aufzufinden. Mit vielen Begriffen lässt sich Der gestiefelte Kater beschreiben, es handelt sich dabei, wie bereits erwähnt, um ein abgewandeltes Märchen, ein Theaterstück, eine Komödie, eventuell auch um eine Satire, ein Revolutionsstück? Für jede dieser Annahmen lassen sich Thesen finden. Interessant ist, welche Forderungen Tieck selbst an Literatur, insbesondere an Komödien stellte, und ob er diese in seinem eigenen Werk befolgt hat. Dabei soll sein Aufsatz Über Shakespeare‘s Behandlung des Wunderbaren[3] aus den Schriften von 1789 bis 1794 zu Hilfe gezogen werden. Hierin hat Tieck Maximen aufgestellt, welche eine wirklich gute Komödie oder Tragödie aufzuweisen hat, um ihren Zuschauern glaubhaft das Wunderbare zu vermitteln. Tieck zufolge beherrschte nur Shakespeare diese Kunst und zeichnete sich dadurch als Genie aus. Das ‚Wunderbare‘ wird hier im romantischen Sinn verstanden, es handelt sich dabei um Übernatürliches, Unerklärliches, Verzaubertes, auch Erschreckendes und Geisterhaftes.

In dieser Arbeit soll Der gestiefelte Kater literaturhistorisch eingeordnet werden. Erstaunlich ist, wie stark Tieck, welcher ein groβer Bewunderer des englischen Dramatikers Shakespeare war, von seinen eigens aufgestellten Thesen über das Wunderbare abweicht, wie er mit ihnen spielt. Helmut Prang bezeichnete Tieck als einen Schriftsteller, welcher in keiner Weise ein systematischer Denker war[4]. Dies ist jedoch womöglich ein Kennzeichen seiner Zeit und seiner Epoche, der Romantik zuzuschreiben, welche sich keiner Richtung verpflichtete, keine Regeln aufstellte und sich nicht an solche hielt. Die Romantik zeichnet sich durch ihre Vielseitigkeit aus, stellt den Dichter und sein Genie in den Vordergrund, lässt den Leser an das Wunderbare glauben. Eben dies war es, was für Tieck an Shakespeare einzigartig war:

„Man hat oft Shakespeares Genie bewundert, das in so vielen seiner Kunstwerke die gewöhnliche Bahn verlässt […] Man hat zu oft über die Kühnheit, mit der Shakespeare die gewöhnlichen Regeln des Drama verletzt, die ungleich gröβere Kunst übersehen, mit der er den Mangel der Regel unbemerkbar macht; denn eben darin besteht der Probierstein des echten Genies“.[5]

In dieser Arbeit soll nun der Frage auf den Grund gegangen werden, wie stark Der gestiefelte Kater von den jeweiligen Strömungen seiner Zeit beeinflusst war. Insbesondere soll dabei auf das Wunderbare im Stück, auf die Figur des Katers und die angewandte Ironie in der Erzählung eingegangen werden. Zuerst sollen Tiecks Thesen im Bezug auf seinen Aufsatz über Shakespeare und das Wunderbare analysiert und herausgearbeitet werden, um diese schlieβlich auf Tiecks eigenes Werk anzuwenden. Die leitende Fragestellung soll sein, inwiefern Tieck das Märchen verfremdet, zu welchen Mitteln er dafür greift und wie er immer wieder die Illusion durchbricht.

2. „Über Shakespeare’s Behandlung des Wunderbaren“  - Thesen

Ludwig Tieck stellt in seinem Aufsatz Über Shakespeare’s Behandlung des Wunderbaren Thesen und Regeln auf, welche ihm zufolge einzuhalten sind, wenn in einer Tragödie oder einer Komödie das Wunderbare im Stück die Zuschauer in seinen Bann ziehen und für die gesamte Länge des Stückes in eine andere Welt versetzen soll.  Im Folgenden werden die wichtigsten Thesen herausgearbeitet, um anschlieβend im dritten Kapitel analysiert und auf den Gestiefelten Kater angewendet zu werden. Die Thesen, die Tragödien betreffen, variieren dabei jedoch stark von jenen, die Komödien betreffen. Da es sich bei dem Theaterstück Der gestiefelte Kater um eine Komödie handelt, möchte ich mich im Folgenden nur auf diese beziehen.

(1) Zuerst einmal muss ein Schriftsteller den Zuschauer auf das Wunderbare vorbereiten. Für den Dichter zum Beispiel ist dies eher möglich, da es ihm durch poetische Beschreibungen gelingt. Im Schauspiel jedoch sieht der Zuschauer alles mit eigenen Augen, kein Umstand bleibt ihm verborgen. Daher muss der Schriftsteller den Zuschauer glauben lassen, er sei in alle Geheimnisse eingeweiht. Keine Erscheinung und kein Wunder tritt ein, von dem der Zuschauer nicht vorher wusste. Dadurch wird er durch nichts erschreckt oder überrascht, jedoch versetzt ihn alles sanft in neues Erstaunen und in einen traumähnlichen Zustand:

[…]denn eben darin besteht der Probierstein des echten Genie’s, daβ es für jede verwegene Fiktion, für jede ungewöhnliche Vorstellungsart, schon im Voraus die Täuschung des Zuschauers zu gewinnen weiβ[…][6]

In der Komödie „Der Sturm“ sind es die Geister Caliban und Ariel, welche in ihrer Wächterfunktion den Geist nie in die Wirklichkeit zurückentlassen. Die erste These handelt also von der sorgfältigen Vorbereitung des Geistes auf jedes eintretende Wunder.

(2) Tiecks zweite These lautet, die Täuschung welche wie ein heiterer Traum auf den Zuschauer wirkt, dürfe, im Gegensatz zu übernatürlichen Erscheinungen in der Tragödie, nicht unterbrochen werden, der Geist des Zuschauers dürfe nie wieder in die gewöhnliche Welt zurückversetzt werden, die Urteilskraft dürfe sich nicht absondern. Es müsse eine unendliche Fülle magischer Gestalten geben, die die Phantasie unerschöpflich hervorbringt, sodass wir durch die ununterbrochene Beschäftigung unserer Phantasie die Erinnerung an die Wirklichkeit verlieren und der Faden hinter uns abreiβt. Der Zuschauer müsse sich fühlen wie der Träumende, der sich nicht bewusst ist, dass er träumt. In der Tragödie hingegen fühlen wir mit dem Protagonisten, welcher genau wie wir die Wunder erlebt und darüber erstaunt ist. In der Komödie wird uns eine einzige, in sich geschlossene wunderbare Welt dargestellt, die Figuren des Stückes sind ein Teil von ihr, mit keiner identifizieren wir uns vollkommen. Tiecks zweite These behandelt also den ununterbrochenen Sieg der Phantasie über den Verstand während des Stückes:

…dass der Dichter […] die Phantasie […] so spannt, dass wir die Regeln der Ästhetik, mit allen Begriffen unseres aufgeklärten Jahrhunderts vergessen, und uns ganz dem schönen Wahnsinn des Dichters überlassen…[7]

(3)  Tiecks dritte These bezieht sich auf den Schriftsteller selbst, welcher den Menschen und die menschliche Psyche aufmerksam studiert haben muss, um zu begreifen, was ihn erschaudern oder erstaunen lässt. Der Dichter muss mit den leisesten Regungen der menschlichen Seele vertraut sein, wie es Tieck zufolge Shakespeare war.

(4) Auβerdem sollen die Phantasie des Volkes erkannt und aufgegriffen, jedoch das Gefühl verfeinert und dem Aberglauben das Abgeschmackte und Kindische genommen werden. Das Seltsame und Abenteuerliche muss dabei erhalten bleiben:

In dieser Vereinigung veredelte er den gemeinen Aberglauben zu den schönsten poetischen Fiktionen […][8]

(5) Diese Analyse soll sich nur auf Shakespeares Komödien beziehen. In ihnen soll den Menschen die Geisterwelt näher gerückt werden, sie sollen mit vielen magischen Gestalten in vertraute Bekanntschaft treten, ohne Schrecken und Schauder empfinden zu müssen, sondern nur sanfte Magie.

Das Reich der Nacht ist hier von einem sanften Mondschein erhellt[9].

(6)  Ganz anders als in der Tragödie, in der der Zuschauer zu Anfang des Stückes in die ungewöhnliche Situation eingeführt wird, wie zum Beispiel im Macbeth, wo das drohende Unheil bereits durch die Hexen angekündigt wird und die Ausgangssituation das ganze dramatische Potential und das tragische Ende in sich birgt, ist die Anfangssituation der Komödie eher unspektakulär.  Sie ist wenig dramatisch, die Geschichte beginnt mit einem relativ einfachen Sujet: […] eine Begebenheit, die an sich, wegen des Unpoetischen der Situation, wenig Interesse hat.[10] Nun kommen einige ‚wunderbare‘ Details hinzu, welche eine auβerordentliche und romantische Situation erzeugen. Im Gegensatz zum Beispiel zum Sommernachtstraum birgt allerdings zum Beispiel der Sturm für eine Komödie relativ viel dramatisches Potential.

(7) Die siebte These ergänzt die vorhergehende. Genau wie die Ausgangssituation wenig spektakulär ist, sollten Tieck zufolge auch die Charaktere einer Komödie nicht so stark ausgeschildert sein wie die der Tragödien, die Geschichte dreht sich nicht um miteinander im Widerstreit liegende Charaktereigenschaften einer oder mehrerer Figuren des Stückes, sondern vielmehr um den Komplott welcher sich um die einzelnen Figuren der Komödie rankt. Die Protagonisten in Shakespeares Tragödien sind meistens tragische Figuren welche das Mitgefühl der Zuschauer erregen. Im Sturm wird keine Figur ausreichend ausgeschildert, um des Zuschauers Rührung oder Mitleid zu erzeugen. ‚Prospero‘ im Sturm ist kein gewöhnlicher Mensch, er hat die Schwächen und Leidenschaften welche einen Menschen auszeichnen abgelegt, der Zuschauer fühlt nicht mit ihm, weil ‚Prospero‘ selbst sein Unglück nicht tief genug spürt. Dies ist ein wichtiger die Komödie betreffender Punkt. Würde Prospero oder eine andere Figur des Stücks starke Gefühle des Mitleids in uns erregen, wäre der Zauber gebrochen, er erschiene uns als lästige Nebensache, in Wahrheit würden wir nur mit dem tragischen Helden fühlen:

[…]das Wunderbare erscheint uns nur als ein nichtssagender Scherz des Dichters. Wenn das Wunderbare und hoher Pathos auf eine solche Art abwechseln, so entsteht dadurch die widrigste Unterbrechung.[11]

Dadurch jedoch dass Shakespeare in seinen Komödien seine Figuren nicht bis ins Detail ausführt, kein tiefes Leid darstellen lässt, widmet sich unser Geist ganz und gar dem Wunderbaren:

[...]


[1] Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater. Kindermärchen in drei Akten. Hrsg. von Helmut Kreuzer. S.5-6.

[2] Ebd.

[3] Ludwig Tieck: Schriften 1789 – 1794. Hrsg. von Achim Hölter. S. 685-722.

[4] Prang, Helmut: Die Romantische Ironie. Erträge der Forschung, Bd.12.

[5] Ludwig Tieck: Schriften 1789 – 1794. Hrsg. von Achim Hölter. S. 685.

[6] Ludwig Tieck: Schriften 1789 – 1794. Hrsg. von Achim Hölter. S. 685.

[7] Ludwig Tieck: Schriften 1789 – 1794. Hrsg. von Achim Hölter. S.685.

[8] Ebd. S.687.

[9] Ebd. S.689.

[10] Ludwig Tieck: Schriften 1789 – 1794. Hrsg. von Achim Hölter. S.693.

[11] Ludwig Tieck: Schriften 1789 – 1794. Hrsg. von Achim Hölter. S. 702.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638070430
ISBN (Buch)
9783638957403
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93778
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Germanistik
Note
1.0
Schlagworte
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Autor

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Titel: Ludwig Tieck als Anti-Illusionist?