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Krankheit und Tod in den Romanen von Charlotte Brontë

Untersucht am Beispiel von Jane Eyre, Shirley und Villette

Magisterarbeit 2003 106 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Krankheit und Tod im Viktorianischen Zeitalter
2.1 Der kranke Geist: Wahnsinn im Viktorianischen Zeitalter
2.1.1 „Krankheit Frau“: Sexualität und Wahnsinn
2.1.2 Formen geistiger Erkrankungen
2.1.2.1 Der verlorene Anstand: „moral insanity“
2.1.2.2 Der nervöse Körper: Hysterie
2.2 Körperliche Krankheiten
2.2.1 Tuberkulose
2.2.2 Fieberkrankheiten
2.3. Das ‚richtige’ und das ‚falsche’ Sterben: Tod im Viktorianischen Zeitalter
2.3.1 Der „gute Tod“
2.3.2 Der „schlechte Tod“
2.3.3 Der Tod von Kindern
2.4 Die viktorianischen Ärzte

3 Romananalyse: Jane Eyre
3.1 Tod und Religion
3.1.1 Die Befreiung des Geistes: Helen Burns
3.1.2 Der glorreiche Tod: St. John Rivers
3.2 Die Herrschaft des Geistes über den Körper: Bertha Mason
3.3 Die poetische Gerechtigkeit
3.3.1 Krankheit und Tod als Strafe: Mrs. Reed
3.3.2 Aus dem Leiden lernen: Mr. Rochester
3.4 Der unbeugsame Lebenswille: Jane Eyre
3.5 Orte und Krankheit
3.5.1 Ein Ort der Krankheit: Lowood School
3.5.2 Ein ungesunder Ort der Fruchtbarkeit: Ferndean

4 Romananalyse: Shirley
4.1 Weiblich und krank: drei Schicksale
4.1.1 Leiden und Leidenschaft: Caroline Helstone
4.1.2 Die erweckte Weiblichkeit: Shirley Keeldar
4.1.3 Der ‚weibliche’ Tod: Mary Cave
4.2 Männlich und krank: zwei Schicksale
4.2.1 Täter oder Opfer? Robert Moore
4.2.2 Die männliche Leidenschaft: Louis Moore
4.3 Die Yorkes: ein Spiegel der viktorianischen Familie?
4.3.1 Hysterie und Häuslichkeit: Mrs. Yorke
4.3.2 Ein Tod in der Fremde: Jessy Yorke
4.4 Sprache und Tod

5 Romananalyse: Villette
5.1 Gelähmte Gefühle – gelähmte Körper: die weiblichen Figuren
5.1.1 Der Kampf mit den Gefühlen: Lucy Snowe
5.1.2 Liebe und Tod: Miss Marchmont
5.2 Hilfe oder Kontrolle: die männlichen Figuren
5.2.1 Der Arzt: Dr. John Graham Bretton
5.2.2 Der Lehrer: Monsieur Paul Emanuel
5.3 Ein Ort der Gesundheit? Madame Becks Pensionat

6 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1 Einleitung

Krankheit und Tod haben schon immer eine zentrale Rolle im Denken der Menschen gespielt. In manchen Epochen gewinnen sie jedoch besonders an Bedeutung, so zum Beispiel im Viktorianischen Zeitalter, für das man von einem regelrechten „cult of death“ (Wheeler 1994: 28) sprechen kann. Die Literatur der Zeit ist als Spiegel der Gesellschaft durchsetzt von diesen Motiven, und die Romane Charlotte Brontës stellen keine Ausnahme dar. Tatsächlich kann gerade für ihre Romane von einer „obsessiven Verwendung von Tod und Todessymbolik“ (Rublack 1985: 32) gesprochen werden. Ihre Romane Jane Eyre, Shirley und Villette, die hier im Zentrum der Untersuchung stehen sollen, illustrieren beispielhaft die Durchdringung der Literatur mit einer aus­geprägten Krankheits- und Todesthematik.

Diese Magisterarbeit setzt es sich daher zum Ziel, die große Bedeutung dieser Themen anhand verschiedener Beispiele aufzuzeigen. Dabei soll herausgearbeitet wer­den, welche Funktionen die Themen Krankheit und Tod im Kontext der Romane ha­ben. Die Figurenanalyse stellt eines der Hauptwerkzeuge der Interpretation dar, da es in der Natur der Sache liegt, dass hauptsächlich Menschen – hier die Figuren der Ro­manwelt – von Krankheiten und Tod betroffen sind. Dennoch sollen weitere Bereiche, in denen sich diese Aspekte ebenfalls niederschlagen, untersucht werden. Dazu gehört zum einen die Sprachmetaphorik der Romane, zum anderen die Raumgestaltung.

Der Theorieteil dieser Arbeit soll den für die Interpretation nötigen historischen und kulturellen Hintergrund liefern und aufzeigen, welche Rolle Krankheit – dazu zählen sowohl körperliche als auch geistige Erkrankungen – und Tod in der Kultur des Vik­torianischen Zeitalters spielten. Zu den körperlichen Krankheiten, die von beson­derer Bedeutung für die spätere Analyse sein werden, zählen Tuberkulose – die be­deu­tendste Krankheit des 19. Jahrhunderts – und Fieberkrankheiten; zu den psychischen Erkrankungen „moral insanity“ und Hysterie. Da diese eine Vorrangstellung innerhalb der Romane einnehmen, wird ihnen dementsprechend viel Raum zukommen. Um die Relevanz und die Hintergründe der psychischen Leiden zu erschließen wird ausführ­lich auf das in diesem Zusammenhang besonders bedeutsame Thema der weiblichen Sexualität im Viktorianischen Zeitalter eingegangen.

Die Kapitel zum Thema Tod lassen sich nach zeitgenössischen Gesichtspunkten auf­teilen in die für Viktorianer wichtige Unterscheidung des „guten“ und des „schlechten Todes“, die mit besonderen Konnotationen besetzt waren. Spezielle Beachtung verdient darüber hinaus die Thematik des Todes von Kindern, der innerhalb der viktorianischen Kultur eine Sonderstellung zukommt.

Nachdem in den Romanen Jane Eyre und Shirley Ärzte nur am Rande Er­wäh­nung fanden, wendet sich Charlotte Brontë in Villette mit der Figur des Dr. John einem Arzt in einer zentralen Position zu. So kommt dieser Berufsgruppe erhöhte Relevanz für das Verständnis von Villette zu. Daher soll im Theorieteil dieser Arbeit auch auf die Rolle des viktorianischen Arztes, der als Bindeglied zwischen Mensch und Krank­heit fungiert, eingegangen werden.

Mit den drei anschließend zu untersuchenden Romanen Jane Eyre, Shirley und Villette wurde das Hauptwerk der Autorin ausgewählt, nicht nur, weil sie die Durch­dringung der Literatur mit Krankheit und Tod vorbildlich illustrieren, sondern auch, weil sie einen sich wandelnden Umgang der Autorin mit diesem Themen­komplex ver­anschaulichen. Dieser Aspekt wurde von der Forschung bisher oft vernachlässigt. Warum zum Bespiel ist Jane Eyre, Protagonistin des gleichnamigen Romans, in einer von Krankheit und Tod durchsetzten Romanwelt kaum von eben diesen bedroht, wäh­rend die Protagonistinnen der folgenden Romane Tod (Caroline Helstone) und Wahn­sinn (Lucy Snowe) nahe sind?

Um diesen Zusammenhang aufzuzeigen, werden die drei Romane in chrono­logischer Reihenfolge analysiert, wobei sich die interne Strukturierung dieser Kapitel nach der Bedeutung der Themen Krankheit und Tod für die Protagonistinnen richten wird. So steht Jane Eyre, die wichtigste Figur des Romans, am Ende der Figuren­ana­lyse zu Jane Eyre, da einer der Schwerpunkte der Untersuchung auf der in der For­schung nur wenig beachteten Bedeutung der Todes- und Krankheitsthematik für die Figur Jane liegen soll. Jane selbst setzt sich zum Ziel: „I must keep in good health and not die“[1] (Jane Eyre 32) und wirklich ist Jane die einzige Hauptfigur, die nicht ernsthaft erkrankt. Anhand der vorausgehenden Analyse der anderen Todes- und Krank­heitsfälle soll aufgezeigt werden, dass dieser Plan Janes eine weitaus größere symbolische Funktion sowohl für die Figur als auch für das Verständnis des gesamten Romans hat, als ihm oft zuerkannt wird. Caroline Helstone und Lucy Snowe werden jeweils am Anfang der folgenden Analysen stehen, da sie am schwersten von allen Figuren der jeweiligen Romane erkranken, und beispielhaft für die Konfrontation der anderen Figuren mit Krankheit und Tod sind.

Die weitere Gliederung der drei Romananalysen orientiert sich an dem Symbolcharakter der Krankheiten und Todesfälle. Für Jane Eyre bietet sich dabei eine Aufteilung in Repräsentanten einer spirituellen Darstellung von Krankheit und Tod, Opfer der poetischen Gerechtigkeit sowie Weiblichkeit und Wahnsinn an, während für die beiden folgenden Romane eine Unterteilung in weibliche und männliche Figuren sinnvoll ist, da in diesen Fällen die gender -Thematik eine ungleich größere Rolle spielt. Untersucht werden soll ebenfalls die Bedeutung von Krankheit und Tod für die Sprache und Räumlichkeit der Romane (wie z.B. Lowood School, Ferndean und Madame Becks Pensionat), um ein abge­rundetes Gesamtbild entstehen zu lassen.

Obwohl sich die Interpretation der Zielsetzung entsprechend geschichts- und kulturwissenschaftlicher Ansätze bedient, soll hier der biographische Ansatz kurz Erwähnung finden. Dieser Ansatz wird von vielen Literaturwissenschaftlern heran­gezogen, um die Romane Charlotte Brontës zu erschließen. Tatsächlich ist Charlotte Brontë eine Autorin, deren Biographie sie dazu prädestiniert erscheinen lässt, sich in ihrem Werk mit den Themen Krankheit und Tod auseinanderzusetzen. Der frühe Tod ihrer Mutter, der Tod ihrer vier Schwestern an Typhus bzw. Tuberkulose, sowie der ihres Bruders unter zweifelhaften Umständen haben ihr schriftstellerisches Schaffen zweifellos beeinflusst. Sie selbst litt unter Depressionen, Kopfschmerzen und Nieder­geschlagenheit, während das als pathologisch zu bezeichnende Interesse ihres Vaters an den Krankheiten seiner Kinder das Leben in Haworth definitiv beeinflusste.[2]

Es steht also außer Frage, dass Charlotte Brontë Erfahrungen und Ereignisse in ihrem Leben in ihre Romane einfließen ließ, doch es ist unmöglich, genau fest­zu­stellen, wann dies der Fall ist. Zwar besteht in der Forschung weitgehend Einigkeit darüber, dass z.B. die Figur der Helen Burns Charlottes Schwester Maria nach­empfunden ist und dass die Erlebnisse von Lucy Snowe sich an Charlottes eigenen Erfahrungen in Brüssel orientieren, doch der Erkenntniswert, den diese auto­bio­gra­phi­schen Einflüsse liefern können, ist sehr gering und der Erschließung der Ro­mane kaum dienlich.

Beachtung verdient vielmehr die Tatsache, dass Charlotte Brontë und ihre Familie keinen Einzelfall darstellten. Tuberkulose dezimierte zahlreiche Familien und mindestens ebenso viele waren von realen oder imaginären psychischen Problemen betroffen. Selbst in ihrem Leben im abgeschiedenen Haworth war Charlotte Brontë keinesfalls so isoliert, dass sie frei von den Einflüssen einer dermaßen von Krankheit und Tod besessenen Gesellschaft wie der viktorianischen sein konnte. Zeitungen und Magazine genügten, um den notwendigen Kontakt sicherzustellen. Deshalb setzt es sich die vorliegende Arbeit ebenfalls zum Ziel, diese Beeinflussung aufzuzeigen, um zu belegen, dass biographische Aspekte allein die Durchdringung ihrer Romane mit den vielfältigen Krankheiten, Unfällen und Todesfällen nicht erklären können.

Für die zu untersuchenden Fragestellungen steht bereits eine umfangreiche Sekundärliteratur zur Verfügung, die keinesfalls vernachlässigt werden darf. An dieser Stelle sind vor allem die Werke von Jalland (1996) und Shuttleworth (1996) zu nennen, die neue Ansätze verfolgen und zeigen, dass noch nach Jahrzehnten der For­schung neue Erkenntnisse keinesfalls ausgeschlossen sind. Aber auch wegbereitende Standardwerke wie die von Gilbert und Gubar (1979), Showalter (1977 u. 1987) und Sontag (1981) werden in die Interpretation einfließen. Obwohl viele der heran­gezogenen Sekundärwerke einen feministischen Ansatz verfolgen, soll dieser keines­falls die vorliegende Arbeit dominieren. Vielmehr soll es zu einer kritischen Aus­einandersetzung mit den dargestellten Theorien kommen, da dies unerlässlich ist, um zu einer ausgewogenen Interpretation zu gelangen.

2 Krankheit und Tod im Viktorianischen Zeitalter

Die Themen Krankheit und Tod tauchen in fast jeder neueren Abhandlung über die Viktorianische Zeit auf. Zunehmend erkennen Wissenschaftler wie Shuttleworth (1996) die Bedeutung der viktorianischen medizinischen und vor allem auch psycho­lo­gischen Doktrin. Aufgrund ihrer enormen Bedeutung für die gesamte Gesell­schaft sind diese kulturwissenschaftlich von höchstem Interesse und verdienen eine ausführliche Betrachtung. Die Erkrankungen des menschlichen Geistes sollen daher am Beginn des folgenden Abschnitts stehen, auch da viele der Viktorianer in ihnen tatsächlich die größte Bedrohung sahen. Warum dies so war und welche Auswirkungen es hatte, soll im Folgenden untersucht werden.

2.1 Der kranke Geist: Wahnsinn im Viktorianischen Zeitalter

A new body appeared in Britain in the late eighteenth century, one marked by its susceptibility to hysteria and a host of related nervous conditions, variously called hypo­chondria, spleen, vapours, lowness of spirits, melancholia, bile, excess sensibility, or, simply, nerves. These complaints were not themselves new; they had previously been the exclusive province of the English aristocracy. But their appearance as an epidemic in the middle class of the late Georgian years reflected a new set of assumptions about the bodies of speculators, traders, and businessmen and their wives, daughters, and servants. As a consequence, nervous disorders such as hysteria became the leading category of illness, accounting for two-thirds of all disease, and the new middle-class nervous body was viewed with considerable alarm (Logan 1997: 1).

Diese Textpassage zeigt deutlich, welch bedeutende Rolle die Erkrankungen des mensch­lichen Geistes in der Viktorianischen Zeit spielten. Sie waren von ungleich größerem Interesse als die des Körpers, und das nicht nur für Ärzte. Die gesamte Gesellschaft war von diesem Thema betroffen und dadurch in ihrem Wesen beein­flusst: „Insanity was no longer a self-evident disease which demarcated the suf­ferer from the rest of humanity; it could lurk, Victorian psychiatrists suggested, within the most respectable breasts, to be spotted only by the trained eye“ (Shuttleworth 1996: 15).

Im Verlauf des Jahrhunderts nahm die Empfindung des Wahnsinns als all­gegen­wärtige Bedrohung eher zu als ab. Dies mag damit zusammenhängen, dass wissen­schaftliche Theorien über mentale Degeneration und erbliche Krankheiten des Gehirns in den Vordergrund traten. Dadurch wurde die Machtlosigkeit des Indi­vi­duums gegenüber der Krankheit betont und die Fähigkeit des Einzelnen, sich durch Selbst­kontrolle zu schützen, vermehrt in Frage gestellt. Der Wahnsinn wurde nun als vorübergehender Zustand begriffen. Stress und Sorgen konnten ihn auslösen, und mit ihrem Verschwinden verschwand dann auch der Wahnsinn. Shuttleworth geht dabei von einer unbewusst ständig vorhandenen Angst vor einem Kontrollverlust aus: „[...] ever present fears of loss of control“ (Shuttleworth 1996: 33). Selbst die Furcht, verrückt zu werden, reichte aus, um die Krankheit auszulösen (vgl. ebd. 43). Dabei konnte bereits eine geringe Abweichung von den viktorianischen Verhaltensnormen als Anzeichen einer geistigen Erkrankung gedeutet werden.[3] Wer als gesund gelten wollte,[4] musste sich also anpassen und durfte nichts nach außen dringen lassen, was als Zeichen einer geistigen Erkrankung gelten konnte. Auf diese Weise wurde die soziale Konformität zum Beweis der geistigen Gesundheit. Es besteht Grund zu der Annahme, dass die Furcht vor dem Wahnsinn von den Autoritäten absichtlich geschürt wurde, um diese Konformität zu gewährleisten: „The only measure available to the individual fearful of their own normality would be willing obedience to designated social roles“ (Shuttleworth 1996: 35). Shuttleworth spricht in diesem Zusammenhang von einer „socially engendered insecurity of selfhood“ (ebd.). Von Bedeutung ist hier die ein­flussreiche Studie Mental Maladies: A Treatise on Insanity von J.E.D. Esquirol[5]:

The notion of psychological normalcy underlying his work is predicated on a condition of concealment. [T]rue selfhood is not the naked display of the insane, but rather the art­ful concealment and dissimulation of the social creature. [T]he Victorian conception of self-hood is then, paradoxically, of a private state of being which is constituted only within the social act of exchange (Shuttleworth 1996: 38f.).

Diese Wechselbeziehung zwischen wahrem Selbst und äußerem Schein wird vor allem bei der Analyse von Villette eine Rolle spielen.

Die Ursache für die wachsende Besorgnis in Bezug auf den Wahnsinn liegt laut Shuttleworth in den Veränderungen, die durch die Industrialisierung in England her­vorgerufen wurden:

Dramatic shifts in the country’s economic and social organization gave rise, in the eco­nomic sphere, to a new concern with regulating and channelling the country’s material resources and, in the psychological sphere, to ideologies of selfhood which focused on inner regulation and the acquisition of self-control (Shuttleworth 1996: 36).

Welche Ausprägungen die Erkrankungen des Geistes annehmen konnten, wie sie beur­teilt wurden und welche Relevanz dies für die Betroffenen und ihre Umwelt hatte, soll in den folgenden Kapiteln eingehend untersucht werden. Obwohl in der zeit­ge­nös­sischen Medizin oft keine klare Trennung zwischen den einzelnen Krank­heitsbildern stattfand, werden im Folgenden allgemein gängige Einteilungen eingehalten. Dabei wird es vorrangig um Erkrankungen der Frau gehen, nicht nur, weil dies für die untersuchten Romane eine größere Rolle spielt, sondern weil es nach zeitgenössischer Ansicht in der Natur der Sache lag – Wahnsinn traf hauptsächlich die viktori­ani­sche Frau: „The psychic vulnerability of women provides an unbroken thread in the medical literature“ (Skultans 1979: 77).

2.1.1 „Krankheit Frau“: Sexualität und Wahnsinn

Fast alle Modelle, die den Wahnsinn bei der Frau erklären sollten, stehen in einem engen Zusammenhang mit der weiblichen Sexualität. Im Viktorianismus kam es zu einer genauen Untersuchung der ‚Spezies Frau’. Von besonderer Bedeutung ist der Wandel vom so genannten „one-sex model“ zum „two-sex model“ (Laqueur 1990: ii.), der sich im Laufe des 18. Jahrhunderts vollzog, und der den weiblichen Sexualorganen eine neue Rolle zuwies: „Organs that had been seen as interior version of what the male had outside – the vagina as penis, the uterus as scrotum – were by the 18th century construed as of an entirely different nature“ (ebd.). War die Frau bisher eher als eine Art ‚niederer Mann’ gesehen worden, so wurde sie nun zu einem eigen­ständigen Geschlecht erhoben: Frau und Mann wurden somit zum Gegensatzpaar. Die Entdeckung, dass die Frau nicht, wie man bisher angenommen hatte, einen Orgasmus haben musste, um zu empfangen, veränderte die Vorstellung von der weiblichen Sexualität vollends.[6]

Als Gründe für das Aufkommen des „two-sex model“ nennt Laqueur den me­dizi­nischen Fortschritt sowie die folgende Erkenntnis: „The body was no longer regarded as a microcosm of some larger order. [S]ex as it has been seen since the Enlightenment – as the biological foundation of what it is to be male and female – was made possible by this epistemic shift“ (ebd. 10). Verbunden mit dem Aufkommen des „two-sex model“ war, dass die Medizin nun – in Folge der oben erwähnten Erkenntnis – postu­lierte, dass, während Männer einen Orgasmus brauchten, um die Frau zu schwän­gern, der Orgasmus für die Frau unnötig sei. Folglich erschienen Frauen, die leiden­schaftlich waren und ein Interesse an Sexualität hatten – und zwar auch verheiratete Frauen[7] – verdächtig. Es stellte sich die Frage, ob diese Frauen bei voller geistiger Ge­sundheit waren. Als logische Konsequenz folgte, dass Sexualität unterdrückt werden musste, wenn die Frau als „normal“ gelten wollte. Dies spiegelte sich in der Ideal­vorstellung, dass die Frau vor der Ehe unschuldig und in sexueller Hinsicht unwissend sein sollte, während der Mann über zahlreiche Erfahrungen verfügen konnte – es ent­stand der viktorianische „double standard“ (vgl. Vicinus 1972: ix). Diese Entwicklung kann durchaus als gesellschaftlicher Umbruch gesehen werden. Frauen wurde eine neue Rolle zugeschrieben, die auf ihrer Sexualität gründete:

[T]he bodies of women – the perennial other – thus became the battleground for rede­fining the ancient, intimate, fundamental social relation: that of woman to man. [R]e­pro­ductive organs came to bear an enormous new weight of meaning. Two sexes [...] were invented as a new foundation for gender (Laqueur 1990: 152).[8]

Der neuen Rolle zufolge offenbarte sich die wahre Weiblichkeit – und damit die geistige Gesundheit – erst in der Fähigkeit, sexuelle Energien bis zur völligen Unter­drückung zu kontrollieren.[9] So erklärt sich die Entstehung des Stereotyps der frigiden viktorianischen Frau (vgl. Laqueur 1990: 191).[10] Da angeblich nur die kon­stante Repression der weiblichen Sexualität vor Wahnsinn schützen konnte, waren viele Frauen bemüht, diesem Ideal zu entsprechen.

Die zunehmende Besorgnis, dass der weibliche Körper besonders durch den Wahnsinn bedroht war, führte zu einer Überwachung der Funktionen des weiblichen Körpers, die weit über die oben erwähnte Selbstbeobachtung hinausging, zumal nun auch Mediziner ein gesteigertes Interesse an dem Untersuchungsgegenstand Frau entwickelten. Vor allem die Menstruation geriet in diesem Kontext ins Blickfeld der Ärzte: „Menstruation [figured] as an external sign system, or instrument by which doctors could read the internal health, both mental and physical, of their patients“ (Shuttleworth 1996: 77). Wenn die Menstruation nicht den (von Männern auf­gestell­ten) Regeln entsprach[11] bedeutete das eine Störung im Organismus der Frau: „Any aberration in the menstrual flow [...] creates an equivalent form of mental disorder“ (ebd.). Eine solche Störung musste behoben werden, da sonst Gefahren für die Frau bestanden: „Strong emotions could cause menstrual obstructions which could in turn lead to insanity and death [because the] blood is forced to flood the brain and leads to irreparable psychological breakdown“ (ebd.). Dazu gab es speziell entwickelte Pillen, welche die während der Periode auftretenden „obstructions“ beseitigen sollten (vgl. ebd. 81).

Menstruierende Frauen galten allgemein (und nicht nur in der viktorianischen Kultur) als unsauber.[12] Die Verbindung zu der allgegenwärtigen Gefahr des Wahn­sinns war für die Viktorianer offensichtlich, denn der spezielle Zustand der Men­strua­tion ließ Frauen angeblich die Kontrolle verlieren. In diesem Zeitraum konnten ner­vöse Störungen bis hin zum Wahnsinn auftreten: „Every body of the least experience must be sensible of the influence of menstruation on the operations of the mind. In truth, it is the moral and physical barometer of the female constitution.“[13] Dabei spielt die angebliche körperliche und geistige Unterlegenheit der Frau eine große Rolle, denn diese erleichtert es, die Frau während ihrer Menstruation für unzurechnungsfähig zu erklären:

Although the duration of the menstrual period differs greatly according to race, tempe­rament, and health, it will be within the mark to state that women are unwell, from this cause, on the average two days in the month, or say one month in the year. At such times, women are unfit for any great mental or physical labour. They suffer under a languor and depression which disqualify them for thought or action, and render it extremely doubtful how far they can be considered responsible beings while the crisis lasts. Much of the inconsequent conduct of women, their petulance, caprice, and irri­tability, may be traced directly to this cause. It is not improbable that instances of feminine cruelty (which startle us as so inconsistent with the normal gentleness of the sex) are attributable to mental excitement caused by this periodical illness. [...] Michelet defines woman as an invalid. Such she emphatically is, as compared with man. [...] In intellectual labour, man has surpassed, does now, and always will surpass woman, for the obvious reason that nature does not periodically interrupt his thought and ap­plication.[14]

Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert war es zudem ein weit verbreiteter Glaube, dass ein Zusammenhang zwischen Menstruation und dem Verlangen, Feuer zu legen bestand. Diese Theorie, welche die damals häufig vorkommende Brandstiftung durch Frauen erklären sollte, fand vor allem auf junge Mädchen Anwendung. Zahlreiche Mediziner vertraten die These, dass junge Mädchen von einer übermäßigen „Veno­si­tät“ beherrscht waren, so z.B. Friedrich Benjamin Osiander:

In dieser Venosität ist [...] eine besondere [...] Eigenschaft der Seele in den Entwicke­lungsjahren des weiblichen Geschlechts begründet, nemlich die Feuerlust, oder der Hang Feuer anzulegen [...]. Wahrscheinlich liegt diese Feuerlust, diese ausserordent­liche Lichtgier in der Entweichung des arteriösen Blutes an einer, und Anhäufung des venösen Blutes an einer andern Stelle, besonders in der Gegend der Augennerven; denn gerade alsdann, wenn bey der Pubertätsentwicklung das Blut überhaupt dunkler, mit Kohlenstoff übersättigter ist, wie vor jeder Menstruation, und die Anhäufung des venö­sen Blutes im Gehirn grösser ist, [...] äussert sich die Begierde nach Feuer, das ist, nach dem Lichtreitz der irritabilitätsarmen Sehwerkzeuge.[15]

Nicht nur Brandstiftung, sondern auch Mord, vor allem an den eigenen Kindern, Selbst­mord und Diebstahl konnten angeblich menstruell bedingt sein und so ent­schuldigt werden (vgl. Fischer-Homberger 1979: 67). Die Menstruation wurde zu ei­nem der Haupterklärungsmodelle für geistige Störungen der Frau.[16] Gleichzeitig entwickelte sie sich zu einem Kontrollinstrument: „Medical theories of the role of menstruation in the female economy were used in fairly overt ways to police the boundaries of gender identity“ (Shuttleworth 1996: 77).

2.1.2 Formen geistiger Erkrankungen

Der weibliche Körper und die weibliche Sexualität spielten folglich eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Entstehung des Bildes, das die Viktorianer von Geistes­krankheiten hatten. Wie dies bei den einzelnen Krankheitsformen – die für die Analyse der Romane relevant sind – zum Tragen kam, und wie eng die Verbindung wirklich war, soll im Folgenden untersucht werden.

2.1.2.1 Der verlorene Anstand: „moral insanity“

Eine der Ausprägungen, die der Wahnsinn der Frau annehmen konnte, war der so ge­nannte moralische Wahnsinn, „moral insanity“. Er spiegelte die animalische, un­kon­trollierte Art der Frauen wider. Der Viktorianer Prichard definierte „moral insanity“ folgen­dermaßen:

[...] a morbid perversion of the natural feelings, affections, inclinations, temper, habits, moral dispositions, and natural impulses without any remarkable disorder or defect of the intellect or knowing and reasoning faculties, and particularly without any insane illusion or hallucination.[17]

Eine derart veränderte Wahrnehmung des Wahnsinns ließ die äußerlichen Zeichen einer geistigen Erkrankung immer mehr in den Hintergrund treten. Die Intelligenz und andere geistige Fähigkeiten waren nicht mehr betroffen (vgl. Shuttleworth 1996: 49). Daraus ergab sich wiederum, dass eine fehlende soziale Konformität, d.h. eine man­gelnde Anpassung an das viktorianische Gesellschaftssystem, genügte, um als wahn­sinnig diagnostiziert zu werden. Die Diagnose hing entscheidend von der Inter­pretation des Betrachters ab, sodass sich verengende Netzwerke der sozialen Kontrolle entstanden: „[T]he inner self becomes the target of ideological surveillance“ ( ebd.).[18]

Als Anzeichen für den Ausbruch der „moral insanity“ galten laut Prichard bereits Ver­änderungen der Verhaltensmuster, selbst wenn das Verhalten der Person an sich akzeptabel war. Ein Geizhals zum Beispiel, der sich plötzlich zum Philanthropen wan­delte, konnte als wahnsinnig gelten. Somit wurden normative Verhaltensmuster fest­gelegt, die über Wahnsinn und Gesundheit entschieden (vgl. ebd.).[19]

Besonders Frauen waren von diesem System betroffen. Ein von Prichard heran­gezogenes Beispiel erklärt, wie man „moral insanity“ bei Frauen erkennen konnte:

[...] a female, modest and circumspect, [...] who becomes violent and abrupt in her man­ners, loquacious, impetuous, talks loudly and abusively against her relations and guar­dians, before perfect strangers. Sometimes she uses indecent expressions, and betrays without reserve unbecoming feelings and trains of thought.[20]

Es wird deutlich, dass die „moral insanity“ ein Kontrollinstrument war, um vor allem Frauen zur sozialen Konformität zu zwingen.[21] Die Patienten hatten die sozialen An­nahmen und Voraussetzungen, die hinter diesem Konzept des Wahnsinns standen, jedoch bereits in einem solchen Maße internalisiert, dass sie sich selbst auf mögliche Anzeichen überprüften: „[N]otions of moral insanity passed rapidly into general social currency, offering scientific form and validity to the more vaguely defined social beliefs which had, in their turn, originally fuelled the psychiatrists’ formulation of this category“ (Shuttleworth 1996: 51).

Es zeigt sich, dass auf diese Weise versucht wurde, ein typisches, d.h. ‚dem Ge­schlecht entsprechendes’ Verhalten festzulegen und zu bewahren.[22] Die medizinischen Theo­rien, die dies unterstützten, bedienten sich gerne literarischer Vorlagen:

[...] Bucknill and Tuke, in their standard textbook, A Manual of Psychological Medi­cine, supported their explanation of the phenomenon of moral insanity by reference to an account of a „snake woman“ originally published in the American Journal of Insanity (October, 1846) (Shuttleworth 1996: 12).

So kam es auch hier zu einer außerordentlichen Wechselwirkung von Literatur und Medizin: „Literary representations have had a significant role in shaping the history of female insanity, but in approaching the representation of nervous illness in literature we need to recognize that [...] it was already the stuff of fiction in the real world“ (Small 1996: 18f.). Das von Bucknill und Tuke beschriebene Mädchen war durchaus intelligent, besaß aber keinerlei Sinn für Anstand und Moral. Sie war nur äußerlich ein Mensch, und selbst dies war trügerisch, denn ihre Bewegungen glichen denen einer Schlange, ihre Haut war kalt und mit Punkten übersäht, der Blutfluss war langsam. Die unter „moral insanity“ leidende Frau wurde zu einer Personifikation des Bösen in der Frau:

With this vision of Eve and Satan rolled into one, the oldest cultural and literary archetype of the western world is sanctified by the imprimatur of science, revealing all too clearly some of the social anxieties which underpinned the rise of psychiatry in the Victorian era (Shuttleworth 1996: 12).

Es galt als wissenschaftlich bewiesen, dass Frauen – im Gegensatz zu Männern – den Tieren ähnlich waren: „Behaviour hidden in women, just as ovulation is hidden, could be made manifest by associating it with the more transparent behaviour of animals“ (Laqueur 1990: 217). Inzwischen ist unumstritten, dass diese Theorien die Furcht der patriarchalischen Gesellschaft widerspiegeln. Die weibliche Sexualität wurde als Be­drohung empfunden (vgl. Shuttleworth 1996: 15).[23]

Eine andere, verwandte Ausprägung der „moral insanity“ war die Monomanie, die sich ebenfalls des Konzepts der „partial insanity“ bediente. Prichard definiert die Monomanie als eine Form des intellektuellen Wahnsinns:

[A form of insanity] in which the understanding is partially disordered or under the in­fluence of some particular illusion, referring to one subject, and involving one train of ideas, while the intellectual powers appear, when exercised on other subjects, to be in a great measure unimpaired.[24]

Beide Krankheitsbilder gelten als die entscheidenden Veränderungen in der Psychia­trie des 19. Jahrhunderts (vgl. Shuttleworth 1996: 51). Sie sehen den Geist nicht länger als Einheit, sondern als aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt und im Gehirn verbunden. Die damals als Wissenschaft anerkannte Phrenologie, welche die Eigen­schaften und Fähigkeiten eines Menschen an der Form seines Kopfes ablesen wollte, tauchte ebenfalls im 19. Jahrhundert auf. Die Phrenologie teilte das Gehirn in ver­schiedene Bereiche, so genannte „faculties“ auf und ordnete jedem dieser Bereiche bestimmte Aufgaben bzw. Veranlagungen zu. Dieses Konzept erleichterte die Akzep­tanz der „moral insanity“ und „monomania“ als Krankheiten. Es war einfacher zu verstehen, warum nur ein Bereich (wie z.B. die Moralvorstellung) vom Wahnsinn be­troffen war: Es war auch nur ein Teil des Gehirns betroffen (vgl. ebd. 52). Die Phrenologie spielt in allen Romanen Charlotte Brontës eine große Rolle. Mit ihrer Hilfe versuchen die Figuren, sich gegenseitig zu entschlüsseln, indem sie die Kopf­form ihres Gegenübers analysieren:

The interest manifest in Brontë’s fiction in the possibilities of reading the mind from the details of external form must also be placed within this nexus of psychological thought [...] Once the possibility of invisible insanity emerges, the interpretation and decoding of external signs takes on an unprecedented importance (Shuttleworth 1996: 53).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verloren die „moral insanity“ und die „monomania“ langsam aber stetig an Bedeutung, da zunehmend die Zugehörigkeit der Kranken zur Gesellschaft aller Menschen statt ihrer gesellschaftlichen Außenseiterrolle betont wurde (vgl. ebd. 34).

2.1.2.2 Der nervöse Körper: Hysterie

Eine weitere wichtige Variante des Wahnsinns war die Hysterie. Dabei handelte es sich jedoch weniger um eine spezifische Krankheit als vielmehr um eine Art Sammel­begriff für Krankheiten des Nervensystems: „‚Hysteria’ was the term most often used for nervous conditions“ (Logan 1997: 8). Die Hysterie war schon lange vor dem Viktorianischen Zeitalter bekannt. Die ersten Hinweise auf die Existenz dieser Krank­heit finden sich bereits im alten Griechenland. Der Brief des Demokrit an Hippokrates, der den Titel „Über die Natur des Menschen“ trägt, führt die Hysterie auf die weiblichen Geschlechtsorgane, genauer den Uterus, als „die Ursache von 1000 Übeln“ zurück.[25] Dass die Hysterie als eine hauptsächlich weibliche Erkrankung gesehen wurde, lag daran, dass sie als Krankheit galt, die vor allem das Nervensystem befiel. Und da man glaubte, dass Frauen im Gegensatz zu Männern unreife, unter­ent­wickelte Nervensysteme besaßen, ergab sich als logische Konsequenz, dass vor allem Frauen an Hysterie erkrankten. In einem Zirkelschluss wurde die „beobachtete Häufung der Hysterie beim weiblichen Geschlecht zum Beweis für dessen nervliche Minder­wertigkeit“ (Fischer-Homberger 1979: 42). Wie bei der „moral insanity“ ist hier Sexu­alität der entscheidende Faktor.[26]

Die Hysterie trat oft in akuten Schüben auf. Ein hysterischer Anfall begann üblicherweise mit dem globus hystericus, dem Gefühl, dass eine Art Kloß im Hals aufstieg und ein Erstickungsgefühl hervorrief. Danach setzten Schmerzen in der Gebär­mutterregion ein, gefolgt von sich abwechselndem Weinen und Lachen, Zuckun­gen des gesamten Körpers, Visionen und Herzrasen bis hin zur Bewusstlosigkeit. Anschließend folgte eine tiefe Erschöpfung, die mehrere Tage lang andauern konnte (vgl. Showalter 1987: 130).

Die hysterischen Anfälle selbst wurden auf einen vom Genitalsystem, genauer, den Ovarien, ausgehenden speziellen Reiz zurückgeführt. Die von viktorianischen Ärzten angewandte Praktik, die Hysterie der Frau durch Ovarektomie zu behandeln, schien daher logisch und sinnvoll zu sein.[27] Doch auch die Menstruation konnte als Er­klärung für Hysterie herangezogen werden. So schrieb Thomas Laycock in An Essay on Hysteria: „The first appearance of this secretion is almost always accompanied with symptoms of hysteria, more or less severe; recurring also occasionally at each monthly period.“[28]

Hysterie kann als eine Steigerung der Nervosität betrachtet werden: „Enlighten­ment medicine set the nerves center stage, and its nineteenth-century heirs further de­veloped the exploration of ‚nervousness’. Elevated nervousness was both the fulfil­ment of human potential and an expression of hysterical or hypochondriacal sickness“ (Logan 1997: xii). Die Veranlagung zu diesen nervösen Krankheiten konnte sogar ver­erbt werden: „Yet the female body [...] is also the contagious source of the nervous epidemic, the nervous mother, in her debility, infects her offspring with a constitutio­nal nervous temperament“ (Logan 1997: 24).[29]

Aber auch wenn kein akuter Anfall stattfand, konnte man einen hysterischen Men­schen an bestimmten Symptomen erkennen. Dazu zählten eine extrem gesteigerte Sensibilität, Unruhe, Kopfschmerzen und der Wunsch, ständig zu reden, vor allem über die eigene Befindlichkeit (vgl. Logan 1997: 169). Die von Small aufgelisteten möglichen Symptome zeigen, wie weit das Krankheitsbild ausgelegt werden konnte: „a nervous temperament, violent and unstable emotions, depres­sion, excitement, poor attention span, disturbed intellect, disturbed will, deficient judgement, dependency, immaturity, egocentricity, attention-seeking, deceitfulness, theatricality, simulation, jealousy, fearfulness, and irritability“ (Small 1996: 17f.). Das Einbilden von Krank­heitssymptomen konnte ebenfalls hinzutreten und unter Umständen in ein eigen­ständiges Krankheitsbild, die Hypochondrie, münden.

Hysterie konnte auf diese Weise zu einem Erklärungsmodell für sämtliche sonst scheinbar unerklärliche Verhaltensweisen der Frau werden. Obwohl der Zusammen­hang mit dem Nervensystem offenkundig war, wurde sie meist auf körperliche Ursachen (zu wenig Bewegung, falsche Ernährung etc.) zurückgeführt: „Though theories of causation and consequence changed, hysteria remained a functional organic disease – that is, a disease assumed to originate in physical causes even though empirical evidence of the physical cause was unavailable“ (Logan 1997: 8).

Trotzdem war, wie zum Beispiel Gilbert und Gubar (1979) aufzeigen, eine gewisse Neigung der Frauen zu schwachen Nerven gesellschaftlich erwünscht, ver­gleichbar etwa mit der Ohnmacht der Frauen im 18. Jahrhundert.[30] Da die Frau der oberen Schichten im Idealfall der „angel in the house“ war, sollte sie dementsprechend engels­gleich zart und empfindsam sein und als logische Konsequenz eine Disposition zu nervösen Krankheiten haben: „[T]he woman is conceived of as ethereal, scarcely mortal [...]“ (Siefert 1978: 4). Eine gewisse Veranlagung zu „nerves“ wurde gleichsam zum Kenn­zeichen der wahren ‚Lady’ (vgl. Gilbert und Gubar 1979: 54f.).[31] Symptome der Hysterie und des Wahnsinns können jedoch nicht erwünscht gewesen sein, sodass sich die viktorianische Frau offenbar auf einem schmalen Grat bewegte, ständig in der Gefahr, als geisteskrank diagnostiziert zu werden.

2.2 Körperliche Krankheiten

Die im Folgenden untersuchten Krankheiten Tuberkulose und Fieber stellen natürlich nur eine kleine Auswahl der im Viktorianischen Zeitalter existenten Erkrankungen dar. Sie wurden zum einen ausgewählt, weil sie die Krankheiten sind, die in den Romanen Charlotte Brontës eine besondere Rolle spielen und immer wieder auftauchen. Zum anderen waren sie die Krankheiten, die das 19. Jahrhundert entscheidend prägten.

2.2.1 Tuberkulose

Als eine der häufigsten und bedrohlichsten Erkrankungen im Viktorianischen Zeitalter ist Tuberkulose in ihrer Bedeutung kaum überzubewerten, wie die zahlreichen medizinischen Abhandlungen und literarischen Werke dieser Zeit, in denen Tuber­kulose eine Rolle spielt, anschaulich belegen. Es war die Krankheit des 19. Jahr­hunderts, deren Auswirkungen in allen Bereichen der Gesellschaft spürbar waren:

Tuberculosis was as inscrutable as Providence. In its pulmonary form it prodigally dis­abled and killed men and women at all ages and especially at the peak of their early ma­turity between 15 and 35. In its various manifestations in other parts of the body it was a major destroyer of young life. Tuberculosis wrecked hopes, broke courtships, crushed bread­winners as they neared their maximum earning capacity and bereaved young fa­milies. As a fundamental destructive social force it was rivalled among illnesses only by venereal diseases and insanity [...] (Smith 1988: 1).

Tuberkulose war eine chronische, sehr schmerzhafte Krankheit, vor der es keinen Schutz gab. Die Krankheit war im gesamten 19. Jahrhundert unheilbar und über ihre Ursachen war nur wenig bekannt, wenn auch zahlreiche sich widersprechende Theo­rien existierten. Der Verlauf der Erkrankung war sehr langsam und ging mit einer ex­tremen Schwächung der Patienten einher. Deshalb galt Tuberkulose als „heim­tückischer, unerbittlicher Diebstahl des Lebens“ (Sontag 1981: 7). Zu den Symptomen gehörten vor allem ein starker, ständiger Husten, der die Kranken er­schöpfte, sowie ein steter Gewichtsverlust. Die Kranken schienen langsam dahinzuschwinden (vgl. ebd. 14). An der Tuberkulose starben im 19. Jahrhundert mehr Menschen als an den Pocken und der Cholera zusammen und dass, obwohl sie nach 1850 in ihrer Intensität langsam abflaute.[32]

Die Verbreitung der die Infektion auslösenden Bakterien wurde vor allem durch mangelnde hygienische Bedingungen begünstigt, so dass die armen Bevölkerungs­schichten, die in extrem schlechten Verhältnissen lebten, als entscheidender Faktor bei der Ausbreitung der Krankheit gesehen werden müssen. Trotz dieser Entstehungs­gründe war Tuberkulose nicht nur eine Krankheit der unteren Schichten. Es handelte sich vielmehr um eine Erkrankung, die alle Menschen, unabhängig von Klassen­zu­ge­hörigkeit oder Status, betraf (vgl. Jalland 1996: 40).[33] Vielleicht lässt sich so erklären, dass gerade die Tuberkulose, die aus solch elenden Umständen entstand und solche Leiden verursachte, bis ins Religiöse verklärt wurde: „It seems paradoxical that a di­sease which was a product of poverty, overcrowding, and unsanitary conditions should have been idealized, especially as consumptives usually fitted the romantic ste­reotype by virtue only of their youth“ (ebd. 4).

Der These von Sontag zufolge war es ein im 19. Jahrhundert weit verbreiteter Glaube, dass vor allem jene Menschen an Tuberkulose erkranken würden, die nicht genug Lebenswillen hätten: „geborene Opfer, sensible passive Menschen“, die aber gleich­zeitig eine „engelhafte Psyche“ und eine „überlegene Natur“ (Sontag 1981: 30) besäßen. Andere Wissenschaftler sprechen sich jedoch entschieden gegen die Sicht aus, dass Tuberkulose in der Viktorianischen Zeit allgemein idealisiert wurde:

Most Victorians familiar with the disease, especially poor working-class families, did not idealize death from consumption. The Christian Remembrancer noted in 1842, ‚The subject is, to half the families of England, too fraught with painful reality to be thus introduced ... amid dreamy sentiment.’ (ibid, 225). The Lancet in 1882 denounced the romantic view of consumptive death, ‚which seems to us as false as false can be.’ (ibid, 30. Sept. 1882) (Jalland 1996: 40).

Aus den Briefen Charlotte Brontës geht eindeutig hervor, wie die harte Realität der Krankheit aussah. Brontë beschreibt den Tod ihrer Schwester Emily im Jahre 1848:

She is very ill. A more hollow, wasted, pallid aspect, I have not beheld. The deep tight cough continues; the breathing after the least exertion is a rapid pant; and these symptoms are accompanied by pains in the chest and side . . . moments so dark as these I have never known.[34]

Dennoch idealisierte Charlotte Brontë den Tod durch Tuberkulose in ihrem Roman Jane Eyre.[35] Mit dieser Haltung stand sie bei weitem nicht allein, denn zahlreiche andere früh- und hochviktorianische Dichter, Künstler und Autoren wie z.B. Dante Gabriel Rossetti, W. Holman Hunt und John Millais stellten in ihren Werken eine stark romantisierte Sicht der Tuberkulose dar. Werke wie H.P. Robinsons Fading Away aus dem Jahr 1858, Burne-Jones’ Fair Rosamund (1863) und die Oper La Traviata zeigten Tuberkulose-kranke als jung, schön, unschuldig und häufig auch als weiblich (vgl. Jalland 1996: 40).[36] Gleichzeitig galt Tuberkulose als eine der Kunst förderliche Krankheit:

According to Henry Sigerist, the student of medical public policy and historian, tuber­culosis provided artists with that necessary separation from common society, which enabled their egos to express their imaginings. The heightened temperature and myste­rious biochemistry of the disease, stimulated by the greater sensuality of the great artist, drove the ambition and creative faculty (Smith 1988: 227).[37]

Es ist daher wahrscheinlich, dass hier eine Wechselwirkung vorliegt, und dass Sicht­weisen, die von einer allgemeinen viktorianischen Tendenz zur Romantisierung des (Tuberkulose-) Todes ausgehen – wie z.B. die von Philippe Ariès[38] – vor allem durch diese literarische und künstlerische Darstellung beeinflusst wurden (vgl. Jalland 1996: 41).

Zu denen, die in der Viktorianischen Zeit hinter einer Idealisierung und Roman­ti­sierung standen, gehörten zahlreiche Geistliche und vereinzelt evangelikale Ärzte. Diese betrachteten die Tuberkulose als eine verborgene Segnung, da sie dem Kranken viel Zeit und die nötige geistige Klarheit ließ, um sich auf den Tod vorzu­be­reiten, und auf diese Weise den typischen „guten Tod“ ( vgl. ebd.) ermöglichte, auf den später näher einzugehen sein wird. Als beispielhaft für diese Haltung kann der Arzt Samuel Beckett gelten, der sich folgendermaßen an den Tod seiner Schwester erinnert: „[It was delightful] to witness the calm, heavenly, and truly edifying bearing and conversation of a pious young person slowly wearing away under pulmonary consumption.“ Er und andere sprachen in diesem Kontext daher von „the death of the chosen.“[39] Beckett und ähnlich Gesinnte sahen diesen Tod aus der christlichen Perspektive, als eine Prüfung der Glaubensstärke:

A devout woman or man who had led an upright Christian life and achieved spiritual preparedness could triumph over death from certain unpleasant diseases. The committed Christian could purify his or her soul through suffering, provided the disease allowed time and a clear mind for spiritual preparation (Jalland 1996: 41).

Ab 1850 nahm die Häufigkeit der Erkrankungen langsam aber stetig ab. Mögliche Gründe sind verbesserte hygienische Bedingungen, verbesserte Ernährungs­gewohn­hei­ten und Lebensverhältnisse. Diese allein erklären den Rückgang, der die Forschung bis heute beschäftigt, jedoch nicht (vgl. Smith 1988: 1). Im Jahre 1882 gelang es Robert Koch schließlich, das für die Erkrankung verantwortliche Bakterium zu identifizieren, doch bis ein Mittel zur Heilung gefunden wurde, dauerte es noch bis 1943 (vgl. Jalland 1996: 40).

2.2.2 Fieberkrankheiten

Zu den Fieberkrankheiten der Viktorianischen Zeit zählten u.a. Typhus, Scharlach, Windpocken und Masern, die oft in Epidemien auftraten (vgl. Pelling 1978: 4).[40] In ihrer Bedeutung wurden sie jedoch von Tuberkulose weit übertroffen. Dennoch gab es speziell für Fieberkrankheiten das London Fever Hospital, damals das einzige seiner Art (vgl. ebd. 9). Die Untersuchung der Fieberkrankheiten führte zu neuen Konzepten in der Medizin, denn ihre Ursachen und Hintergründe wurden ausgiebig diskutiert:

Fever appeared as the fundamental phenomenon in a large number of diseased con­ditions where the whole body was affected; its explanation had, therefore, to be in terms of those fluids or organic systems (the circulatory, the nervous) which were capable of determining the state of the whole constitution (Pelling 1978: 14).

Fieber konnte also ein Anzeichen für eine andere Erkrankung, z. B. des Nerven­systems, sein. So kam es zu der Bezeichnung „nervous fever“ (ebd. 136). Oft setzte eine Fieberkrankheit schnell ein und führte zum Tod des Patienten; auf diese Weise offenbarte sich die Hilflosigkeit der Ärzte im Umgang mit diesen Krankheiten. Denn ein Heilmittel für Fieberkrankheiten gab es nicht (vgl. Jalland 1996: 78). Zudem existierten verschiedene Theorien über die Ursachen und Behandlungsweisen, die eine einheitliche Vorgehensweise unmöglich machten. Einigkeit herrschte allein in der Ansicht, dass ungesunde Lebensbedingungen und schlechte Ernährung eine entscheidende Rolle für den Ausbruch der Krankheit spielten (vgl. Pelling 1978: 20f.). Es wurden jedoch verschiedene Ursachen hinter den unterschiedlichen Arten von Fieber vermutet: „The vegetable exhalations of bogs and marshes tended to produce intermittent and remittent fever; the predominantly animal wastes of crowded cities in temperate climates lead to ‚continued fever of the typhoid character’“ (ebd. 38). Von Bedeutung ist der Glaube, dass Fieber aus der Luft übertragen werden konnte, wenn diese „verseucht“ war (vgl. Bewell 1996: 774). Diese Theorien waren zwar weit verbreitet, jedoch unter Medizinern durchaus umstritten: „[There existed] an important medical controversy on the cause of disease, that between the believers in miasma and the believers in contagion“ (Lerner 1997: 38).[41]

Verschiedene Institutionen, die sich mit Fragen der Gesundheit beschäftigten, wie z.B. das General Board, stellten umfangreiche Untersuchungen an und ließen Sta­tistiken erstellen, um den Fieberkrankheiten auf den Grund zu gehen (vgl. Pelling 1978: 34ff.). Aber wie im Fall der Tuberkulose sollten noch Jahrzehnte verstreichen, bis die entscheidenden Fortschritte erzielt wurden.

2.3 Das ‚richtige’ und das ‚falsche’ Sterben: Tod im Viktorianischen Zeitalter

Der Tod im Viktorianischen Zeitalter war keineswegs eine für alle Menschen gleiche Erfahrung. Es gab zahlreiche Unterschiede zwischen oberen und unteren Bevöl­ke­rungsschichten bezüglich Einstellungen, Bräuchen und religiösen Ansichten (vgl. Jalland 1996: 1). Aber auch zwischen männlichen und weiblichen Erfahrungen be­standen ausgeprägte Differenzen: „Victorian women were also less likely than men to express anger in response to the death of a spouse or child, perhaps because religious and social training taught women the virtues of submission to the will of God, as to that of husbands and fathers“ (ebd. 13). Die deutliche Trennung von Mann und Frau setzte sich am Sterbebett fort. Die Pflege der Kranken und Sterbenden fiel fast ausschließlich den Frauen zu, da man im Viktorianischen Zeitalter annahm, dass diese Pflege Teil der natürlichen weiblichen Rolle in der Familie war (vgl. ebd. 12). Dies entsprach dem viktorianischen Sozialgefüge, das die ‚natürliche’ Trennung der Sphären – für Männer die öffentliche, für Frauen die häusliche – vorsah.[42] Die Kran­kenpflege kann somit als eine der primären Aufgaben der viktorianischen Frau gesehen werden. Dies traf besonders auf Töchter zu, vor allem, wenn sie unverheiratet waren. Diese ‚alten Jungfern’ kümmerten sich um das Wohlergehen ihrer kranken Eltern; waren diese hohen Alters, bedeutete dies oft aufopfernde Pflege, bis die Eltern verstarben (vgl. ebd. 99). Die Mehrzahl der viktorianischen Mittel- und Oberschicht wurde zu Hause behandelt und nicht in einem Krankenhaus – wenn es überhaupt eines in der Nähe gab (vgl. Bailin 1994: 9).

Die Sterblichkeitsrate war im Viktorianischen Zeitalter hoch, vor allem bei Säug­lingen und Kindern, und die Lebenserwartung war allgemein niedrig und blieb so bis ca. 1870:

In 1840 the annual death rate per 1,000 persons in England and Wales was 22.9; by 1880 it had only fallen to 20.5, and in 1900 was still 18.2 [...]. In 1840 there were 154 infants of under a year old who died out of 1,000 life births, and this figure remained fairly constant until 1900. [I]t would probably be fair to say that, by the time the child reached the age of ten, it was likely that he would have experienced at least one death in the family and quite possibly more (Rowell 1974: 12).[43]

Obwohl der Tod und der Sterbeprozess in romantischer und didaktischer Lite­ratur beschönt und verklärt wurden, so traf das auf die Lebenswirklichkeit der Viktori­aner nicht zu. (vgl. Jalland 1996: 8) Der Tod war für sie ein schreckliches Ereignis, selbst wenn sie versuchten, sich damit zu trösten, dass die Toten nun im Himmel waren und ein dortiges Wiedersehen mit ihnen sicher war. Wie genau der Umgang mit dem Tod war, und was für Todesarten die Viktorianer unterschieden, soll in den nun folgenden Kapiteln untersucht werden.[44]

2.3.1 Der „gute Tod“

Das Ideal des „guten Todes“ wurde vor allem von der Evangelikalen-Bewegung pro­pagiert, die dieses Ideal im späten 18. Jahrhundert wieder belebte. Die Evangelikalen, die sich dadurch auszeichneten, dass sie in Glaubensfragen mehr Wert auf die eigene Interpretation der Bibel als auf die Autorität der Kirche legten,[45] hatten großen Ein­fluss auf die viktorianische Gesellschaft und ihre Werte und Normen:

Evangelicalism drew heavily on the ars moriendi for inspiration and ideals of death and dying. [It] had great influence on large portions of the population during the 19th century, not just those who belonged to its churches. The Evangelical impulses of seriousness, piety, discipline, and duty were important in the upper classes and became the basis for Victorian morality and Victorian values (Jalland 1996: 19).

Die Evangelikalen sahen den Tod nicht als schreckliches Ereignis, sondern als eine Prüfung ihrer Glaubensstärke (vgl. Rowell 1974: 7). Eine entsprechende Vorstellung davon, wie ein „guter Tod“ auszusehen hatte, wurde auch auf Nicht-Evangelikale übertragen. Der „gute Tod“ war folglich für alle Viktorianer genau definiert. Von be­sonderer Bedeutung war dabei, dass er zu Hause stattfand, im Kreise der Angehörigen, die ihre Zuneigung, Sorge, und anschließende Trauer offen bekundeten (Jalland 1996: 3). Gläubige Christen waren schon lange vor der Viktorianischen Zeit besonders darauf bedacht, diesem Ideal des „guten Todes“ zu entsprechen (vgl. ebd. 17).[46]

In der Viktorianischen Zeit war der Zustand der Seele des Sterbenden von größter Bedeutung für den „guten Tod“, da nach dem Tod über jeden sofort ein gött­liches Gericht gehalten wurde. Dies erforderte eine ständige Vor­be­reitung auf den Moment des Todes, damit man nicht in einem unvorbereiteten Augen­blick davon überrascht werden würde: „Notions of ‚good death’ were introduced into Christian culture to suggest that the moment of death be seen as the correct fulfilment of and so a judgement on a person’s life“ (Bronfen 1993: 77f.). Das sich daraus ent­wickelnde protestantische Modell des „guten Todes“ basierte auf dieser katholischen Tra­dition, doch in der Reformation prägten sich deutliche protestantische Bestandteile aus (ebd. 18). So nahm die Bedeutung des Geistlichen am Strebebett langsam ab und die Riten wurden verändert oder verschwanden völlig, je nachdem, welchem Zweig der Anglikanischen Kirche man angehörte.

Die meisten Angehörigen der High Church und der Broad Church hielten trotz der Beein­flussung durch den Evangelikalismus an dem Glauben fest, dass es wichtig war, die Sterbesakramente von einem Geistlichen zu erhalten.[47] Dabei war es nicht unüblich, dass der Geistliche, der in den oberen Schichten die Sakramente erteilte, ein Mitglied der Familie war (vgl. Jalland 1996: 32). Doch die spirituelle und emotionale Bedeu­tung von Familie, Freunden und Nachbarn nahm stetig zu und ersetzte in Viktoriani­scher Zeit zunehmend die Funktionen des Geistlichen (vgl. ebd. 18). Der Geistliche wurde darüber hinaus verstärkt durch einen Arzt abgelöst. Für Katholiken blieb die Bedeutung des geistlichen Beistands und besonders der „letzten Ölung“ je­doch ohne Ein­schränkung erhalten (vgl. ebd. 31).[48]

Bestimmte Rituale am Sterbebett wurden jedoch von allen Viktorianern für not­wendig erachtet. So sollte sich der Sterbende explizit von jedem Familienmitglied ver­abschieden. Im Idealfall hatte er sich in Gottes Willen ergeben, sodass er für seine Sünden büßen und seine Erlösung sichern konnte. Schmerz und Leiden sollten ohne Klagen als eine Art letzte Glaubensprüfung ertragen und sogar begrüßt werden (vgl. ebd. 26). Es sollten dem Sterbenden genug Zeit und Geisteskraft bleiben, um weltliche und spirituelle Dinge zu erledigen, wie z.B. ein Testament zu schreiben – wenn dies nicht schon längst, nämlich bei den ersten Anzeichen der Krankheit, geschehen war[49] – oder ein letztes Mal zu beten. Die Sterbebettszene wurde zu einem sozialen Ereignis:

Death is not just the end of organic existence, but also the removal of a social being from society. Because death emphasises the impermanence of social experience and elicits attempts to preserve some aspects of it in permanent form, the ambivalence between the transient and the permanent it invokes is as much a social as an episte­mo­logical focus for reflections. The ritualisation of the deathbed scene, for example, serves to close the gap in social relations produced by death. As such it becomes the site where a transformation and reorganisation in kinship succession is negotiated, whose aim is to preserve or re-establish the social stability (Bronfen 1993: 77).

Diese Rituale konnten ebenso dazu dienen, die soziale Stellung der Familie wider­zu­spiegeln und zu festigen: „The idea of death as the leveller [...] was rather less pro­minent in the nineteenth century, when the elaborate funeral and mourning customs of the middle classes reinforced in death the subtle gradations of social hierarchy esta­blished in life“ (Wheeler 1994: 29).

Abgesehen von den engeren Familienmitgliedern waren am Sterbebett höchstens noch eine Pflegerin oder ein(e) Diener(in) anwesend, in manchen Fällen zusätzlich ein Arzt. Daher können die viktorianischen Tode als recht private Tode gelten. In der Regel weilten darüber hinaus nicht alle gleichzeitig am Sterbebett:

Victorian deathbed attendants usually increased in number for a few hours only for the final farewells, the sacraments, and sometimes for the last vigil; otherwise attendants were restricted to one or two people, for fear of exciting the patient. There were considerable variations in the number and composition of the attendants at the last vigil, according to personal preference, family size and status, the age of the dying person, and the nature of the disease (Jalland 1996: 27).[50]

Die Angehörigen, die am Bett Wache hielten, brachten ihre Zuneigung offen zum Aus­druck, da der freie Ausdruck von Liebe und Sorge am Sterbebett allgemein be­fürwortet wurde. So hielten die Anwesenden die Hand des Sterbenden oder strichen ihm über das Haar. Dazu lasen sie Gedichte oder Verse aus der Bibel (vgl. ebd. 28).

Von besonderer Bedeutung für die Verbreitung des Modells des „guten Todes“ waren didaktische Schilderungen von so genannten Sterbebett-Szenen in Magazinen und Traktaten, die den Eifer widerspiegelten, mit dem die Evangelikalen zeigen woll­ten, wie man durch „richtiges Sterben“ Seelen retten konnte (vgl. Jalland 1996: 21). In der Literatur spielten Sterbebett-Szenen ebenfalls eine große Rolle: „The deathbed-scene, for example, was a familiar literary convention not only in prose fiction but also in narrative poetry and biography [...]“ (Wheeler 1994: 28).[51] In der Regel waren sie stereotype Szenen voller Melodramatik, in denen die Helden in Würde, die Sünder jedoch in Qualen starben. Oft wurden diese Szenen begleitet von Beweisen der spiri­tuellen Errettung, kleineren Wundern und erbauenden letzten Wor­ten. Doch diese idealisierten Darstellungen entsprachen kaum der Realität:

Even William Wilberforce, founding father of Evangelism, noted on his daughter’s death in 1821 that ‚there was none of that exultation and holy joy which are sometimes manifested by dying Christians.’ Yet he needed no dramatic signs of grace, for he was already confident that Barbara ‚is gone to a better world’, a ‚happy place with God’ (Jalland 1996: 23).

[...]


[1] Alle Zitate aus dem Roman sind der folgenden Ausgabe entnommen: Brontë, Charlotte. Jane Eyre. Oxford: Oxford University Press, 2000.

[2] Vgl. Shuttleworth 1996: 32: „As with the health of his other children, the Reverend Brontë anxiously monitored Branwell’s condition in the pages of his Domestic Medi­cine. [...] Numerous annotations point to his concern with his own state of mental health. [...] Under „Causes of Insanity“ the Reverend Brontë carefully underlines here­ditary disposition, thus unveiling the double layer of anxiety which lay behind his concerns with his own nervous complaints.“

[3] Auf diesen Aspekt wird in Kapitel 2.1.2.1 näher eingegangen werden.

[4] Körperliche und geistige Gesundheit waren in der Viktorianischen Zeit das höchste Gut, vgl. Haley 1978: 3: „No topic more occupied the Victorian mind than Health – not religion, or politics, or Improvement, or Darwinism.“ Vgl auch Shuttleworth 1996: 11: „[...] the Victorian middle classes were obsessed with the health and regulation of their own minds and bodies.“

[5] Trans. E.K. Hunt. 1845. repr. New York: Hafner, 1965.

[6] „The erasure of female pleasure from medical accounts of conception took place roughly at the same time as the female body came to be understood no longer as a lesser version of the male’s (a one-sex model) but as its incommensurable opposite (a two-sex model)“ (Laqueur 1990: ii.).

[7] „[T]he best mothers and wives knew little or nothing of sexual indulgence“ (Cominos in Vicinus 1972: 159f.). Vgl. auch Weeks 1989: 19.

[8] Vgl. auch Matus 1995: 5: „[C]omparative anatomists, biologists, gynaecologists and physiologists confirmed the rigid categorisation of men and women as fundamentally different and provided authority for the culture’s narrow ideals and ideological for­mu­la­tions.“ Vgl. auch Ender 1995: 45. Auch Darwins Theorien wurden herangezogen, um die­se Trennung der Geschlechter zu begründen: „The Darwinian theory of natural selec­tion provided and still provides seemingly limitless material for imagining the process of sexual differentiation. [A]mong animals a passive female selects as mates the most ag­gressive males or the most attractive, the most gorgeously plumed, the most melo­dious. Having given numerous examples, Darwin concludes: ‚Thus it is, I believe, that when the males and females of animals have the same general habits of life, but differ in struc­ture, color or ornament, such differences have been mainly caused by sexual selec­tion.’ The process works in humans as well; modesty is selected for among women and prowess among males – despite the fact that in our species only males do the choosing – be­cause the males with a choice will pick the most beautiful, and by implication the most modest, of the women available“ (Laqueur 1990: 208).

[9] Vgl. auch Matus 1995: 47: „The female body, especially, because it was seen primarily as a reproductive body, demanded special attention and regulation if it was to keep a proper hold on its ‚natural’ sexuality.“ Vgl. auch Smart 1992: 7 u. 31.

[10] Vgl. auch Skultans 1979: 64 ff.. Es gilt jedoch immer zu beachten, dass diese Ansichten zwar weit verbreitet waren, aber keinesfalls von allen Menschen geteilt wurden, wie Laqueur richtig anmerkt: „But no one account of sexual difference triumphed. It may well be the case that almost as many people believed that women by nature were equal in passion to men as believed the opposite“ (Laqueur 1990: 153). Eine genauere Dif­ferenzierung ist jedoch im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht möglich.

[11] Die Blutung konnte zu schwach oder zu stark, zu dick- oder dünnflüssig, zu lang oder zu kurz sein (vgl. Shuttleworth 1996: 77).

[12] „To regard women during menstruation as unclean is certainly very useful [...]. In this country it is firmly believed by many that meat will not take salt if the process is conducted by a menstruating woman.“ John Elliotson, Human Physiology, fifth edition, (London, 1840), pp. 770f., zitiert nach Showalter u. Showalter in Vicinus 1972: 39. Weitere Quellen zu diesen und verwandten frauenspezifischen Themen finden sich in Jalland, Pat u. John Hooper. (eds.) Women From Birth to Death: The Female Life Cycle in Britain 1830-1914. Brighton: Harvester Press, 1986.

[13] George Man Burrows. Commentaries on the Causes, Forms, Symptoms, and Treatment, Moral and Medical, of Insanity. London, 1828., repr. New York: Arno Press, 1976. 146, zitiert nach Shuttleworth 1996: 77.

[14] James MacGrigor Allan. Anthropological Review, VII (1869), cxcviii-cxix. Zitiert nach Showalter u. Showalter in Vicinus 1972: 40.

[15] Ders., Über die Entwickelungskrankheiten in den Blüthenjahren des weiblichen Ge­schlechts. 1. Theil, enthaltend die seltenen und wunderbaren Geistes- und Leibeszufälle in diesem Alter. Göttingen: bei dem Verfasser 1817. 195-197. Zitiert nach Fischer-Homberger 1979: 65f..

[16] Vgl. dazu Oppenheim 1991: 189.

[17] J.C. Prichard. A Treatise on Insanity and Other Disorders Affecting the Mind. Phila­del­phia: 1837, repr. New York: Arno Press, 1973, p.16, zitiert nach Shuttleworth 1996: 49. Vgl. auch Showalter 1987: 29.

[18] Vgl. auch Scull 1993: 160.

[19] Vgl. auch Skultans 1979: 66, sowie Scull 1993: 345f..

[20] J.C. Prichard. „Insanity“, in: J. Forbes, A. Tweedie and J. Conolly. (eds.) The Cyclo­pae­dia of Practical Medicine. 4 vols. London: Sherwood et al: 1833, II, 330, zitiert nach Shuttleworth 1996: 50.

[21] Natürlich konnten auch junge Männer betroffen sein. Ihnen wurde zum Beispiel „failure to show sufficient entreprise in the realm of commerce“ vorgeworfen, und dies genügte als Beweis des Wahnsinns (vgl. Shuttleworth 1996: 50).

[22] Auerbach sieht diese Repression als Beleg dafür, dass die Frau im Viktorianischen Zeit­alter eine Symbolkraft hatte, vor der man sich fürchtete: „The repressiveness of Vic­to­rian culture is a measure of its faith in the special powers of woman, in her association with mobility and change, with a new and strange dispensation, with an unofficial but widely promulgated and frightening mythology“ (Auerbach 1982: 188).

[23] Vgl. auch Showalter 1987: 74: „Nineteenth-century medical treatments designed to con­trol the reproductive system strongly suggest male psychiatrists’ fears of female sexu­ality.“

[24] J.C. Prichard, A Treatise on Insanity and Other Disorders Affecting the Mind. Philadelphia: 1837, repr. New York: Arno Press, 1973. p.17, zitiert nach Shuttleworth 1996: 51.

[25] Hippocrates. Oeuvres complètes. Übers. u. mit dem griech. Text hrsg. v. E. Littré, 10 Bde, Paris: Baillière, 1839-1861 Bd. 9, 1861, s. 392-399, zitiert nach Fischer-Hom­ber­ger 1979: 33. Vgl. auch Logan 1997: 8.

[26] „Hysteria [...] is by definition a ‚female disease,’ not so much because it takes its name from the Greek work for womb, hyster (the organ which was in the nineteenth century supposed to ‚cause’ this emotional disturbance), but because [...] this illness, like many other nervous disorders, was thought to be caused by the female reproductive system, as if to elaborate upon Aristotle’s notion that femaleness was in and of itself a deformity“ (Gilbert u. Gubar 1979: 53).

[27] Vgl. Fischer-Homberger 1979: 75 sowie Laqueur 1990: 176: „Bilateral ovariotomy – the removal of healthy ovaries – made its appearance in the early 1870s and became an instant success to cure a wide variety of „behavioral pathologies“: hysteria, excessive sexual desires and more mundane aches and pains whose origins could not be shown to lie elsewhere. [...] Removing healthy ovaries in the hope of curing so-called failures of femininity went a long way toward producing the data from which the organ’s functions could be understood. The dependence of menstruation of the ovary, for example, was shown by assuming that the swelling of the ovarian follicle produced heatlike, estrous symptoms in some women and that removal of the organ would therefore halt such sexual excesses.“

[28] Thomas Laycock. An Essay on Hysteria. Philadelphia: Haswell, Barrington, and Haswell, 1840. 69, zitiert nach Shuttleworth 1996: 78. Als weitere Ursache galt ein (zu) luxuriöses Leben, das seit dem 18. Jahrhundert für mehr Frauen möglich war: „Some of the ill effects of modern fashionable life were thought to be responsible for hysterical women [...]“ (Matus 1995: 8).

[29] Vgl. auch Small 1996: 16f.

[30] Es gehörte sich für die ‚anständige’ Frau, bei der geringsten Aufregung in Ohnmacht zu fallen, wie Richardsons Pamela beispielhaft zeigt.

[31] „[N]erves became fashionable during the eighteenth century as a sign of social stature or of the acute sensibility associated with the disorder“ (Logan 1996: 19).

[32] „Between 1840 and 1960‚ the death-rates attributed to infectious diseases fell steadily from about 11 per 1,000 to about 2.5 per 1,000; tuberculosis accounted for nearly half this diminuation“ (Smith 1988: 12).

[33] Smith widerspricht dieser Einschätzung nicht direkt, weist jedoch darauf hin, dass die oberen Schichten – aufgrund besserer Lebensbedingungen – eine größere Chance hat­ten, nicht zu erkranken. Vgl. Smith 1988: 10: „Tuberculosis respected rank. Few escaped exposure, but richer people had at every stage of the life cycle better chances than poor people of escaping infection or of enjoying a remission or cure.“

[34] Zitiert nach Peters 1977: 228 ff.

[35] Dies geschieht am Beispiel von Helen Burns. Warum Charlotte Brontë zu dieser Methode der Idealisierung griff, soll im Rahmen der Untersuchung des Romans analysiert werden.

[36] „Tuberculosis had, in the tragic mode, replaced the semi-comic gout of the eighteenth century. It seems that writers and painters draw on one disease and its connotations at a time. Other prevalent chronic, life-threatening illnesses, heart disease, diabetes, cancer, never became aesthetic or emotional devices“ (Smith 1988: 225).

[37] Vgl. auch Bailin 1994: 10.

[38] The Hour of our Death, 2nd edn., 1981, 432-46.

[39] Samuel Beckett. My First Grief: Recollections of a Beloved Sister, by a Principal Surgeon, 2nd edn. Bath 1854. 125 f., 128, zitiert nach Jalland 1996: 41.

[40] Vgl. auch Haley 1978: 7: „At that time the term ‚fever’ encompassed a number of diffe­rent diseases, among them cholera and influenza. In the 1830s the ‚new fever’, typhus, was isolated.“

[41] Vgl. auch Pelling 1978: 76ff..

[42] „Nursing duties were regarded as women’s work, just as much as the domestic service, as Charlotte Maddon indicated in an essay entitled ‚Nursing as a Profession for Ladies’, published in 1871: ‚Where does the character of the „helpmeet“ come out so strikingly as in the sick-room, where the quick eye, the soft hand, the light step, and the ready ear second the wisdom of the physician’“ (in: St Paul’s Monthly Magazine, Aug. 1871, 458) (Jalland 1996: 98). Vgl. auch Wheeler 1994: 34: „Another convention associated with the Victorian deathbed was the presence of a comforter, usually a woman, who ministered to the dying [...] The patient comforter who looked to the spiritual as well as the physical needs of the dying was often described as ‚angelic’.“

[43] Vgl. auch Jalland 1996: 5.

[44] Da der Tod im hohen Alter, der für die Viktorianer ebenfalls mit besonderen Konnotationen versehen war, für die Analyse der Romane keine Rolle spielt, soll darauf im Theorieteil nicht gesondert eingegangen werden.

[45] „Evangelicalism emphasized the scriptures rather than the authority of the Church as the source of spiritual truth. [...] The evangelical Christian achieved salvation theoretically through faith alone, so that the word of the gospel expressed through prayer and Bible-reading had more significance than the priestly administration of the sacraments“ (Jalland 1996: 30f.).

[46] Schon im Mittelalter existierten in England genaue Vorschriften, was ein guter Tod war. Als Vorlage diente eine umfangreiche religiöse Schriftensammlung, die ars moriendi, die Kunst des Sterbens, die den Tod als eine Prüfung für Mut und Tugend ansah, durch den man sogar ein „unwertes“, d.h. unchristliches Leben aufwerten konnte (vgl. Jalland 1996: 17). Die ars moriendi waren den gebildeten Lesern vor allem durch Jeremy Taylors Holy Dying (1651) bekannt (vgl. Wheeler 1994: 32).

[47] Hier wird deutlich, dass, wenn Jalland dem Evangelikalismus große Bedeutung für die Entwicklung der Viktorianischen Werte und Normen zuschreibt, dieser jedoch nicht als eine Art „Universalglaube“ angesehen werden kann.

[48] Da die Katholiken im Viktorianischen England eine Minderheit darstellten, und auch die Figuren in Charlotte Brontës Romanen nur in wenigen Fällen dem katholischen Glauben angehören, wird auf spezifische katholische Vorstellungen an dieser Stelle nicht eingegangen werden.

[49] „The Evangelical model of the good death encouraged the rapid settlement of worldly affairs to minimize distractions from spiritual preparation. In 1856 Henry Goulbourn recognized that his ‚departure’ was not far removed, and returned home ‚to set his papers in order’, allowing him to depart in peace“ (Jalland 1996: 26). Die Überzeugung der Viktorianer, dass es von essentieller Bedeutung war, auf den Tod vorbereitet zu sein, führte dazu, dass sie lange Krankheiten kurzen vorzogen, da sie dem Sterbenden und seiner Familie mehr Zeit zur Kontemplation und spirituellen Vorbereitung ließen.

[50] „At the death of John Keble’s niece by marriage ‚Kenie’ Keble in 1858, her husband and her mother were the only attendants in the final hours. [...] Gib Acland was nursed for twenty months by his stepmother and other relatives before his death in 1874. Five family members took turns in sitting with him in the final hours, and they all knelt round the bed to read the commendatory prayer at the end“ (Jalland 1996: 27).

[51] Vgl. auch Holubetz 1986: 14: „Death-bed scenes, especially those involving dying chil­dren, were ready devices for harrowing the readers, who, in most cases, had themselves suffered the loss of a loved one.“

Details

Seiten
106
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638064446
ISBN (Buch)
9783638951685
Dateigröße
907 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93754
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Anglistik und Amerikanistik
Note
1,0
Schlagworte
Krankheit Romanen Charlotte Brontë

Autor

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Titel: Krankheit und Tod in den Romanen von Charlotte Brontë