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Islam, Islamismus, Al-Qaida?

Der ideologische Hintergrund Osama bin Ladens und Ayman al-Zawahiris

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entkolonialisierung und Radikalisierung im Islam

3. Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri

4. Der Diskurs von Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri
4.1 Analyse
4.2 Lösung
4.3 Ziel

5. Ausgewählte Aspekte und ihr ideologischer Ursprung
5.1 Bündnis der Juden und Kreuzfahrer gegen den Islam
5.2 Abfall von Muslimen und muslimischer Herrscher vom Glauben
5.2.1 Ibn Taimiyya und die Anti-Mongolen-Fatwa
5.2.2 Sayyid Qutb und die Jahiliyya
5.3 Jihad ist zu allererst Kampf
5.4 Der Jihad ist eine individuelle Pflicht

6. Schlussbetrachtung: Ein Phänomen, sein Ursprung und dessen Verdrängung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben in der westlichen Welt eine tiefe Verunsicherung darüber hinterlassen, was der Islam sei und ob man sich in Zukunft dauerhaft auf Terror von islamischer Seite einstellen müsse. Vor allem die Frage nach der Gewalttätigkeit des Islam und dem Ursprung und Hintergrund des Islamismus ist seitdem immer wieder gestellt worden. Schnell wurden Stimmen laut, die für eine harte Gangart im Umgang mit Muslimen plädierten: „We should invade their countries, kill their leaders and convert them to Christianity“[1] forderte etwa die amerikanische Kolumnistin Anne Coulter, und George W. Bush sprach von einem Kreuzzug gegen den Terrorismus – er schien wieder da, der alte, unversöhnliche Gegensatz zwischen dem christlich geprägten Westen und der islamischen Welt.

Vor allem Vertreter islamischer Organisationen und der Kirche sowie Politiker aus dem Westen, aber auch aus dem Nahen Osten betonten hingegen, die Anschläge hätten nichts mit dem Islam zu tun, vielmehr sei die Religion zu politischen Zwecken missbraucht worden.[2] Muslimische Führer und Geistliche weltweit betonten, dass der Islam die Tötung von unschuldigen Zivilisten verbiete. Das ist zwar richtig, unterstützt wird diese Aussage jedoch auch von der Hisbollah, die gleichzeitig Selbstmordanschläge gegen Israelis mit der Begründung rechtfertigt, dass es in Israel keine Zivilisten gäbe.[3] Eine seltsame Allianz fand sich hier ein, mit seltsamen Fürsprechern für eine islamische Friedfertigkeit.

Bei der Diskussion um die Militanz des Islam tritt ein Begriff immer wieder in den Vordergrund: Der Jihad (auch gihad, Djihad, Dschihad) reizt die Vorstellung westlicher Zeitgenossen in ähnlicher Weise wie der Begriff des Kreuzzuges die Vorstellung der Muslime reizt. Die einen verbinden mit dem Begriff Jihad säbelrasselnde Muslime vor den Toren von Wien; die anderen verbinden mit dem Begriff Kreuzzug mordende und plündernde Kreuzritter in Jerusalem. Es ist kein Zufall, dass diese Begriffe gerade in dieser Zeit eine neue Konjunktur erleben, in der der alte Widerspruch zwischen Orient und Okzident, zwischen Islam und Christentum, aufs Neue hervorzutreten scheint. Denn jenseits der moderaten Stimmen in beiden Lagern gibt es eine nicht unbedeutende Anzahl an Ideologen, die die Eskalation des Konfliktes betreiben.

Im Zentrum dieser Auseinandersetzung stehen zwei Männer: Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri, die Köpfe des so genannten Terrornetzwerkes Al-Qaida. Sie sind die Galionsfiguren des internationalen Jihadismus[4] und in den Medien wie keine anderen Ideologen vor ihnen als Folge der Medialisierung und des Internets präsent.

Häufig ist zu lesen, die Gründe für Islamismus und Jihadismus lägen in politischen und sozioökonomischen Faktoren, vor allem der Armut in der Dritten Welt. Im Zusammenhang mit dem 11.9. und der Al-Qaida führt diese These jedoch in die Irre: Osama bin Laden ist Millionär, und die Mehrheit der Attentäter kam aus Saudi-Arabien und entstammt gut situierten Verhältnissen. Des Weiteren entstand die Bewegung während des Afghanistan-Krieges der Sowjetunion 1979, und ihr Ziel war der Kampf gegen die Sowjetunion und nicht für eine gerechte Weltordnung. Somit handelt es sich bei ihren Aktionen nicht um eine bloße Reaktion auf die Globalisierung oder ein Aufbegehren gegen die Dominanz des Westens.[5]

Statt diesen „Reiz-Reaktion-Modellen“[6] zu folgen empfiehlt es sich, um zu verstehen, was Jihadisten zu ihren Taten treibt, auch den religiösen und historischen Hintergrund mit einzubeziehen. Dies soll das Ziel der vorliegenden Arbeit am Beispiel bin Ladens und al-Zawahiris sein. Ihre Anknüpfungspunkte sind, wie sich zeigen wird, die gleichen wie für viele andere Islamisten und können deshalb gewissermaßen stellvertretend behandelt werden.

Ausgehend von den Verlautbarungen Osama bin Ladens und Ayman al-Zawahiris soll ihr Gedankenkonstrukt dargestellt und in den historischen und ideologischen Kontext eingebettet werden. Dazu ist es zunächst notwendig, einige grundlegende Aussagen über den Zustand und die Entwicklung der islamischen Welt zu tätigen: Die europäische Kolonialisierung konfrontierte sie erstmals seit den Kreuzzügen wieder mit dem Westen, der diesmal auch zur dominierenden Kraft wurde. Wie reagierten die Muslime darauf, was für Konzepte wurden als Antwort auf diese Herausforderung entwickelt? Sie sind die Grundlage des Islamismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sollen an dieser Stelle deshalb kurz dargestellt werden. Vor allem die Muslimbrüder, eine der einflussreichsten islamistischen Organisationen, sind hierfür von Bedeutung. Im Anschluss soll kurz auf die Entwicklung und politische Bewusstseinsbildung von Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri eingegangen werden, bevor im vierten Abschnitt ihr Diskurs dargestellt wird. Im fünften Abschnitt werden dann einige zentrale Aspekte des Diskurses herausgegriffen und in ihren ideologischen und ideengeschichtlichen Zusammenhang eingeordnet: Was gab es für Vorläufer, auf wen gründen sich die Überlegungen und Überzeugungen? Dabei soll sich herausstellen, wie der Jihadismus im Islam verankert ist und aus welchen Autoritäten und Überzeugungen er sich speist.

Die Koranzitate wurden der Koranübersetzung von Rudi Paret[7] entnommen, es sei denn, sie waren bereits im zitierten Text vorhanden. In diesem Fall wurde die im Text vorgeschlagene Übersetzung gewählt.

2. Entkolonialisierung und Radikalisierung im Islam

Besonderen[8] Einfluss auf die islamische Reformbewegung hatte die 1928 in Ägypten durch den Lehrer Hasan al-Banna gegründete Muslimbruderschaft. Sie entstand in einer Zeit, als die muslimische Welt in einer tiefen Sinnkrise steckte: Die westliche Kolonialisierung erreichte ihren Höhepunkt, gleichzeitig schaffte Mustafa Kemal Atatürk 1924 das osmanische Kalifat von Istanbul ab – die islamische Welt wurde von außen durch die christlichen Mächte zerstückelt und von innen in ihren Grundfesten erschüttert, da das Kalifat die Einheit der Muslime auf der ganzen Welt symbolisiert hatte und jetzt durch einen nationalistischen und laizistischen Staat ersetzt wurde. Die Muslimbrüder waren eine Antwort auf diese Sinnkrise. Sie wurden in den 1920er Jahren rasch zu einer Massenbewegung, die insbesondere das städtische Kleinbürgertum für sich gewinnen konnte.[9]

Ihr Ziel war eine tief greifende Reform der ägyptischen Gesellschaft, sie sollte sich wieder auf die islamische Rechts- und Werteordnung, die Scharia, gründen. Dies wurde zum bestimmenden Merkmal des islamischen Staates und ist noch heute bei allen islamistischen Gruppen als Ziel zu finden: Die Lösung für die politischen und sozialen Probleme der Muslime „besteht in der Errichtung eines islamischen Staates, der die Scharia (das aus den heiligen Schriften des Islam abgeleitete Recht) anwendet.“[10] Die Muslimbrüder formulierten eine Liste mit 46 Forderungen, die teils politischer, teils wirtschaftlicher Natur waren. Im Kern liefen sie auf eine Kontrolle der öffentlichen und privaten Moral hinaus: Tanzlokale und Verkaufsstellen alkoholischer Getränke sollten geschlossen, Literatur, Theater und Film streng zensiert, der Gebrauch von Schönheitsmitteln untersagt und die Vernachlässigung des Fastengebots im Monat Ramadan und des Freitagsgebets verfolgt und geahndet werden.[11] Anders als bei den muslimischen Reformern vor ihnen war für die Muslimbrüder der Westen ein abschreckendes Beispiel und der europäische Imperialismus ein konkreter Feind, den es zu bekämpfen galt, und zwar in Wort und Schrift, aber auch mit dem Schwert.[12] Als Symbol wählten sie einen von zwei Schwertern beschützten Koran, und zu einer ihrer Hauptparolen machten sie den Spruch: „Der Dschihad ist unser Weg, und der Tod auf dem Wege Gottes unser erhabenstes Verlangen.“[13]

Nach dem 2. Weltkrieg geriet die Muslimbruderschaft in einen starken Gegensatz zu den von nationalistischen und sozialistischen Ideologien beeinflussten Teilen der antikolonialen Bewegung. Nach der Revolution der freien Offiziere 1952, die von den Muslimbrüdern gestützt wurde, übernahm Gamal Abd al-Nasser die Regierungsgeschäfte in Ägypten. Seine nationalistische Politik beschwor jedoch den Konflikt mit den Muslimbrüdern, der sich 1954 in einem Mordanschlag auf Nasser entlud. Die folgenden schweren Repressionen drängten die Bedeutung der Organisation zurück, viele Mitglieder flohen nach Saudi-Arabien, das ohnehin schon wahabitisch[14] geprägt, damals gewissermaßen zu einer Brutstätte des Islamismus wurde. Auch später waren die Muslimbrüder bei Verhaftungswellen immer wieder starken Repressionen ausgesetzt, endgültig zerschlagen wurden sie aber nie und sind derzeit in über 70 Ländern präsent. Heute ist die Muslimbruderschaft wieder verstärkt in den Schlagzeilen, da ihr oberster Führer Muhammed Mahdi Akif den gewaltsamen Widerstand im Irak öffentlich unterstützt und dem jüdischen Volk jegliches Existenzrecht zwischen Mittelmeer und Jordan abspricht.[15]

Der Nachfolger Nassers, Anwar as-Sadat, leitete eine Entnassifizierung ein und ließ nach und nach alle aus politischen Gründen inhaftierten Muslimbrüder frei.[16] In der Folge hatte die islamistische Bewegung starken Zulauf. Sadats Ziel war es, eine islamistische Bewegung zu fördern, auf deren politische Unterstützung er spekulierte und die er in gesellschaftlichen Fragen für konservativ hielt, um dadurch radikale Islamisten, die einen Umsturz der politischen Ordnung erreichen wollten, zu schwächen. Diese Koalition zerbrach jedoch 1977, als Sadat nach Jerusalem reiste und mit Israel Frieden schloss. Die islamistische Opposition radikalisierte sich weiter und die Auseinandersetzungen gipfelten in der Ermordung Sadats 1981.[17]

Im Laufe dieser Entwicklung hatte Saudi-Arabien die Deutungshoheit über den Islam erlangt. Das Königreich konnte den Wahabismus in Folge der gestiegenen Einnahmen nach dem Erdölembargo 1973 stärker fördern und so trat er seinen Siegeszug innerhalb der islamischen Welt an. Auch die Pilger, die jedes Jahr die beiden heiligen Stätten besuchen, und die große Anzahl an Gastarbeitern aus allen Ländern führten zu einer Verbreitung des wahabitischen Gedankenguts. Moscheen wurden überall in der Welt gebaut und Bücher mit wahabitischem Gedankengut gedruckt und kostenlos verteilt. Gleichzeitig war der Nationalismus der muslimischen Staaten nach den Niederlagen gegen Israel politisch am Ende. Es wurden gesamt-islamische Institutionen wie die Islamische Konferenz oder die islamische Weltliga[18] gegründet. Vor allem die islamische Konferenz ist auf Grund der enormen finanziellen Beteiligung Saudi-Arabiens ebenfalls als Wahabismus-Exporteur anzusehen.[19]

Kurzum: In der islamischen Welt haben also antagonistische Entwicklungen stattgefunden. Zunächst entwickelte sich der Nationalismus als Reaktion auf die europäische Kolonialisierung. Gleichzeitig kam der Islamismus auf und forderte eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Islam. Dies war und ist an sich nichts besonderes, sondern, wie die meisten religiösen Revitalisierugsbewegungen, lediglich Ausdruck einer gesellschaftlichen Krise.[20] Diese Rückbesinnung führte im Fall der ägyptischen Gruppe al-takfir wa-l hijra[21] (etwa: Exkommunikation und Hedschra, oder: Auswandern und für ungläubig erklären) sogar zu einem zurückgezogenen, asketischen Leben in den Bergen, um den Lebensweg Muhammeds nachzuvollziehen, aber auch zu einer Radikalisierung: Die selbe Gruppe beging 1977 einen Mord an einem Religionsgelehrten. Die Niederlage des islamischen Nationalismus und der Bedeutungsanstieg Saudi-Arabiens führten zu einer Ausbreitung des Wahabismus und damit zum Durchbruch einer strengen Interpretation des Islam. Allerdings ist die Stabilität des saudischen Königshauses, das diese Islamisierung fördert, in hohem Maße von der amerikanischen Militärpräsenz und dem amerikanischen Interesse an der Stabilität in der Region abhängig. Dieser Widerspruch ist auch immer wieder zum Problem für das saudische Königshaus geworden, etwa bei der Besetzung der großen Moschee in Mekka durch eine radikale Wahabitengruppe, die zum Sturz der von Glauben abgefallenen Königsfamilie aufrief, und auch Osama bin Laden greift immer wieder darauf zurück.

3. Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri

Zum Leben Osama bin Ladens ist viel geschrieben und auch spekuliert worden, sodass hier nicht weiter darauf eingegangen werden soll. Wichtig ist im Zusammenhang mit dem Thema lediglich, dass bin Laden offensichtlich eine strenge, wahabitische Erziehung genoss und während seines Studiums in Dschidda mit weiteren radikalen Überlegungen in Kontakt kam. Hinzu kommt der Gegensatz zwischen einer asketischen Erziehung und Lebensweise inmitten des Überflusses, der sich in Saudi-Arabien zu entwickeln begann. Der Überfluss an Geld, einhergehend mit einer Öffnung Saudi-Arabiens zum Westen und die immer häufiger werdenden Kontakte mit dem Westen ließen den jungen Osama bin Laden und andere Saudis fürchten, dass sich die traditionelle Gesellschaft auflösen könnte.[22]

Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan 1979 wurde für ihn zum Wendepunkt. Saudi-Arabien unterstützte von Anfang an den Widerstand gegen die Besatzer und Osama bin Laden wurde der „Vertreter der Familie Bin Laden im afghanischen Dschihad.“[23] Über die Bedeutung bin Ladens in Afghanistan gibt es widersprüchliche Aussagen der Forschung[24], fest steht jedoch, dass der afghanische Jihad ihm fortan zur Herzensangelegenheit wurde, die er finanziell unterstützte. Nach Ende des Afghanistankrieges ging er zunächst zurück nach Saudi-Arabien. Als der König im ersten Golfkrieg jedoch bin Ladens Angebot ausschlug, eine Armee von Jihad -Kämpfern zur Verteidigung des Landes aufzustellen und stattdessen die Amerikaner nach Saudi-Arabien holte, kam es zum Bruch zwischen bin Laden und seinem Heimatland. Da die Amerikaner auch nicht nach dem Ende des Krieges gingen, sondern blieben, sah er sein Land von einer ausländischen, ungläubigen Macht besetzt.[25] Nachdem Saudi-Arabien ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt hatte ging er zunächst in den Sudan, dann nach Afghanistan, wo mittlerweile die Taliban im Bürgerkrieg nach dem Abzug der Sowjets die Oberhand gewonnen hatten.[26]

Ideologisch ist bin Laden gewissermaßen ein islamischer Autodidakt. Komplexe Gedankengebäude lehnte er ab und bevorzugte stattdessen das direkte Engagement, das er als direkte Ausübung der wahren Religion versteht.[27] Er kann also eher als symbolischer Führer des islamistischen Terrorismus bezeichnet werden[28], wohingegen der Ägypter Ayman al-Zawahiri der Chefideologe ist.[29]

Al-Zawahiri wurde 1951 geboren und wuchs im Spannungsfeld zwischen einer sittenstrengen, traditionalistischen familiären Umgebung und einem stark verwestlichten gesellschaftlichen Milieu im Kairoer Vorort Maadi auf. Schon in frühen Jahren fiel al-Zawahiri durch besondere Frömmigkeit auf und gründete 1966 im Alter von nur 15 Jahren seine erste Untergrundzelle. Im gleichen Jahr wurde Sayyid Qutb (siehe 5.2.2), der wichtigste Theoretiker der islamistischen Bewegung, hingerichtet. Dies führte zu einer weiteren Radikalisierung. Die Verhaftungswelle nach der Ermordung des ägyptischen Präsidenten Sadat 1981 erfasste auch al-Zawahiri, und im Gefängnis war er besonders stark Gewalt, Folterungen und Erniedrigungen ausgesetzt, da die ägyptischen Behörden ob seiner zentralen Stellung in der islamistischen Bewegung Ägyptens vermuten, dass er mehr wisse, als er zuzugeben bereit war. In den Jahren im Gefängnis setzte sich al-Zawahiri als eigentlicher Führer des islamistischen Bewegung Ägyptens durch und ergriff zum Prozess gegen ihn und Mitangeklagte vor einer Gruppe ausländischer Journalisten das Wort. Dabei klagte er nicht nur die Behandlung in den Gefängnissen, sondern auch die Untätigkeit des Westens an: „Nun, wo ist die Demokratie? Wo ist die Freiheit? Wo sind die Menschenrechte? Wo ist die Gerechtigkeit? […] Wir werden niemals vergessen!“[30] Nach seiner Freilassung 1984 verließ al-Zawahiri Ägypten und ging zunächst nach Saudi-Arabien, dann nach Afghanistan. Dort lernte er auch Osama bin Laden kennen und versuchte, letzten Endes auch erfolgreich, den jungen Saudi dem Einfluss seines Mentors Abdullah Azzam zu entziehen. Seitdem zeigen sich bin Laden und al-Zawahiri unzertrennlich.[31] War al-Zawahiris Ziel zunächst noch der Kampf gegen ungläubige muslimische Regierungen, vollzog sich 1998 ein Wandel in dieser Einstellung: Zusammen mit bin Laden und anderen Vertretern anderer radikaler islamistischer Organisationen unterzeichnete er die „Erklärung der Internationalen Islamischen Front für den Dschihad gegen die Juden und Kreuzfahrer“ sowie eine Fatwa[32], in der die Ermordung der Amerikaner und ihrer Verbündeten für die Muslime zur individuellen Pflicht erhoben wird. Sein Augenmerk richtete sich nun nicht mehr auf den so genannten nahen Feind, also muslimische Herrscher, sondern auf den fernen Feind, also die Amerikaner und ihre Verbündeten. Al-Zawahiris eigene Organisation löste sich nach inneren Streitereien formal im Juni 2001 auf.[33]

[...]


[1] Zit. nach: Metzger, Albrecht: Der Islam und der Westen. In: Möller, Reinhard (Hrsg.): Islamismus und terroristische Gewalt. Würzburg 2004, S. 13.

[2] Was, wie Martin Riexinger feststellt, zu der Frage reizt, wer über den richtigen Gebrauch einer Religion zu befinden habe. Vgl. Riexinger, Martin: Mißbrauch der Religion? Die religiösen Hintergründe des Islamismus (und ihre Verdrängung). In: Möller, 2004: S. 29.

[3] Vgl. Scheffler, Thomas: Apocalypticism, Innerwordly Eschatology and Islamic Extremism. In: Orientwissenschaftliches Zentrum der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (Hrsg.): Religion und Gewalt. Japan, der Nahe Osten und Südasien. Halle/Saale 2003, S. 62ff.

[4] Jihadismus soll im Folgenden als Sammelbegriff für gewaltbereite islamistische Strömungen dienen, die demnach auch vor Terrorakten nicht zurückschrecken. Um der Islamophobie aber nicht die Hand zu reichen soll an dieser Stelle betont werden, dass der Islamismus zwar eine Spielart des Islam ist, das er aber nicht automatisch, sondern eher als Ausnahme (!) zu Terrorismus führt. Umgekehrt sind islamische Terroristen, also Jihadisten, aber alle Islamisten. Man kann sie auch per Definition als Fundamentalisten bezeichnen. Sie streben „nach einer reinigenden Reform bestehender Glaubensinhalte und religiöser Praktiken vor dem Hintergrund der eigenen Vorstellung von den grundsätzlichen Prinzipien und Normen der vertretenden Religion“. Sie erkennen nur ihre Auslegung der heiligen Texte als gültig an. Vgl.: Elger, Ralf; Stolleis, Friederike: Kleines Islam-Lexikon. Geschichte. Alltag. Kultur. 4. aktualisierte und erweiterte Auflage, Bonn 2006, S. 107.

[5] So behaupet in: Schneckener, Ulrich: Globaler Terrorismus. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung (Heft 280): Globalisierung. Bonn 2003, S. 53; Vgl. dagegen: Riexinger, 2004: S. 29ff; Bizeul, Yves: Zur „Übersetzbarkeit“ des Legitimationsdiskurses der al-Qaida-Anführer. In: Wendel, Hans Jürgen; Bernard, Wolfgang; Bizeul Yves; Müller, Sven (Hrsg.): Brücke zwischen den Kulturen. „Übersetzung“ als Mittel und Ausdruck kulturellen Austauschs. Rostock 2002, S. 31f.

[6] Riexinger, 2004: S. 29.

[7] Der Koran. Übersetzung von Rudi Paret. Zehnte Auflage, Stuttgart 2007. Dabei ist zu beachten, dass mit Klammern in den Übersetzungen Hinzufügungen Parets kenntlich gemacht wurden, die es erleichtern sollen, den Sinngehalt des Verses zu erschließen. Wo es dem Verfasser der vorliegenden Arbeit wichtig erschien, wurden sie übernommen.

[8] Auf Grund des gegebenen Rahmens kann auf die Vorläufer und den Prozess der Radikalisierung im Islam nicht detailliert eingegangen werden. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass die Konfrontation der islamischen Welt mit dem Westen zunächst im Pazifik erfolgte, wo die britische East India Company Indien im Namen Englands kontrollierte. (Vgl. dazu: Malik, Jamal: Islam in Südasien. In: Noth, Albrecht; Paul, Jürgen (Hrsg.): Der islamische Orient – Grundzüge seiner Geschichte. Würzburg 1998, S. 505-543) Die Landung Napoleon Bonapartes 1798 in Ägypten, einem der Kernländer der islamischen Welt, und die technologische Überlegenheit des Westens, mit denen sich die Muslime konfrontiert sahen, führten zu antagonistischen Entwicklungen: Während sich die herrschenden Eliten mit den neuen Machtverhältnissen rasch arrangierten, empfand die Mehrheit der Bevölkerung die Beherrschung muslimischer Gebiete durch Ungläubige als eine Umkehr des Willen Gottes. Jamal al-Din al-Afghani und Muhammed Abduh gehören zu den wichtigsten Gelehrten aus jener Zeit, die sich mit dem Westen auseinandersetzten. (Siehe zu beiden: Heine, Peter: Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam. Bonn 2004, S. 64-92) Sie wollten einen Islam, der sich wieder auf seinen Ursprung, den Text des Korans und die Traditionen des Propheten, besinnt und lehnten den so genannten Volksislam und die islamische Mystik (Siehe zu beiden: Heine: Der Islam. Erschlossen und kommentiert von Peter Heine. Düsseldorf 2007, S. 236-269) strikt ab. Ihr Verdienst war es, den Muslimen bewusst zu machen, dass Moderne und Islam durchaus miteinander vereinbar waren, womit sie eine innerislamische Reformbewegung in Gang setzten. Kriegerische Gedanken waren ihnen jedoch nicht fremd. So befürwortete Afghani einen pan-islamischen Jihad gegen die Kolonialmacht Groß-Britannien. (Vgl. Akbar, M.J.: The Shade Of Swords. Jihad and the conflict between Islam and Christianity. Updated to include the second Gulf war. London 2003, S. 133).

[9] Vgl. Kepel, Gilles: Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus. München 2002, S. 44f.

[10] Ebd.: S. 45.

[11] Vgl. Franke, Patrick: Rückkehr des Heiligen Krieges? Dschihad-Theorien im modernen Islam. In: Stanisavljevic, André; Zwengel, Ralf (Hrsg.): Religion und Gewalt. Der Islam nach dem 11. September. Potsdam 2002, S. 54.

[12] Vgl. Heine, 2007: S. 343.

[13] Franke, 2002: S. 54f.

[14] Beim Wahabismus handelt es sich um eine besonders strenge Form des Islam. Sie geht zurück auf Muhammed ibn Abd al-Wahhab (1703-1792). Mit Hilfe des Stammesführers des Stammes der Banu Saud bekehrte Wahhab die anderen Stämme der arabischen Halbinsel zum „wahren Islam“, was auch bei ihm eine strenge Orientierung am Koran und den Überlieferungen des Propheten und eine Ablehnung des Volksislams bedeutete. Der Wahabismus gewann damit an Einfluss, ebenso die durch ihn religiös legitimierte Herrscherfamilie Saud. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts konnten sie auch Medina und Mekka unter ihre Kontrolle bringen. Vgl. Heine, 2007: S. 328.

[15] Vgl. Grundmann, Johannes: Islamische Internationalisten. Strukturen und Aktivitäten der Muslimbruderschaft und der islamischen Weltliga. Wiesbaden 2005, S. 8.

[16] Vgl. Kepel, 2002: S. 93.

[17] Vgl. Ebd., S. 103-109.

[18] Siehe dazu: Grundmann, 2005: S. 75-83.

[19] Vgl. Kepel, 2002: S. 94-102.

[20] Vgl. Riesebrodt, Martin: Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“. 2. Auflage, München 2001, S. 52.

[21] Vgl. detaillierter dazu: Kepel: Der Prophet und der Pharao. Das Beispiel Ägypten: Die Entwicklung des muslimischen Extremismus. München 1995, S. 71-108.

[22] Vgl. Burke, Jason: Al-Qaida. Wurzeln, Geschichte, Organisation. Düsseldorf 2004, S. 75-87; und: Saghi, Omar: Osama bin Laden, Volkstribun im Medienzeitalter. In: Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre (Hrsg.): Al Qaida. Texte des Terrors. München 2006, S. 25-29.

[23] Saghi, 2006: S. 31f.

[24] Eine große Bedeutung messen ihm unter anderem bei: Hirschmann, Kai: Terrorismus. Hamburg 2003, besonders S. 56f. Im Gegensatz dazu: Burke, 2004: besonders S. 25-30.

[25] Vgl. Saghi, 2006: S. 21-38; Kepel: Die neuen Kreuzzüge. Die arabische Welt und die Zukunft des Westens. München 2005, S. 114f.

[26] Vgl. Saghi, 2006: S. 38.

[27] Vgl. Ebd., S. 31.

[28] Vgl. Burke, 2004: S. 40 und S. 47.

[29] Vgl. Lacroix, Stéphane: Ayman al-Zawahiri, der Veteran des Dschihads. In: Kepel; Milelli, 2006: S. 272.

[30] Zit. nach: Lawrence Wright: The Man Behind Bin Laden. In: Lacroix, 2006: S. 279.

[31] Vgl. Ebd., S. 272-281.

[32] Eine Fatwa ist ein Rechtsgutachten, das muslimische Rechtsgelehrte auf Anfrage zu einem bestimmten Thema ausstellen. Obwohl bin Laden und al-Zawahiri dazu nicht berechtigt sind – keiner ist ein Religions- oder Rechtsgelehrter – stellen sie diese Fatwa aus. Allerdings werden die Gelehrten, die ulema, von Islamisten ohnehin meist kritisch betrachtet, da sie immer wieder die Ansprüche verschiedener Herrscher zu legitimieren versucht haben.

[33] Vgl. Ebd., S. 281-287.

Details

Seiten
34
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640100552
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93694
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Islam Islamismus Al-Qaida Theoretische Reflexionen Krieg

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Titel: Islam, Islamismus, Al-Qaida?