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Der Beginn des Hartmannschen Epos "Gregorius" und die Frage: Worin besteht die Schuld des Gregorius?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 38 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Prolog des „Gregorius“: Inhalt und Motive
2.1 Das Motiv des „zwîvels“
2.2 Die beiden gegensätzlichen Wege: der „wec der helle“ und die „saelden straze“
2.3 Das Samaritergleichnis

3. Die Erzählung unterteilt nach Schauplätzen und Entwicklungsstufen im Leben des Helden
3.1 Die Vorgeschichte: Schauplatz Aquitanien: Der Geschwister-Inzest, Geburt und Aussetzung des Gregorius
3.2 Der zweite Schauplatz: Die Klosterinsel ( zugleich erste Station des Gregorius)
3.2.1 Der Disput zwischen Gregorius und dem Abt
3.2.1.1 Der erste Teil des Disputes: Der Abt übergibt Gregorius die Ritterrüstung
3.2.1.2 Der zweite Teil der Auseinandersetzung zwischen Gregorius und dem Abt
3.2.1.3 Der dritte Teil des Disputes zwischen Gregorius und dem Abt: Gregorius’ Abschied von der Klosterexistenz

4. Schauplatz Aquitanien: das Ritterdasein Gregorius’ (zweite Station des Helden)

5. Die Frage nach der Schuld des Gregorius
5.1 Über die These, gemäß der das Verlassen des Klosters die persönliche Schuld des Gregorius darstellt
5.1.1 Die Cormeausche Argumentation gegen die These, gemäß der die Schuld des Gregorius in dessen Klosterabschied zu finden ist
5.1.2 Die Schieb-Nobelsche These der Unterlassungssünde des Gregorius
5.1.2.1 Die Begründung der Bußpflicht des Gregorius
5.1.2.2 Kritik an der Nobelschen These
5.1.2.3 Die Nichtübernahme der Buße als Ausdruck der superbia des Gregorius
5.1.2.4 Eigene Kritik an der Nobelschen These, dass Gregorius der superbia verfallen ist
5.2 Die Argumentation Kings gegen die Schieb-Nobelsche These der
Unterlassungssünde des Gregorius
5.3 Die Cormeausche Auffassung, gemäß der Gregorius nur in objektiver Hinsicht schuldig ist

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit unterteilt sich in zwei Themenbereiche:

Sie beschäftigt sich sowohl mit der Frage nach dem Beginn des mittelhochdeutschen Epos[1] „Gregorius“ Hartmanns von Aue als auch mit der Thematik der Schuld des Gregorius, der hier eine bedeutende Rolle zukommt.

Im Zuge dieser Hausarbeit werden folgende Fragen beantwortet:

1. Welches sind die wesentlichen Elemente, die den Prolog, die Vorgeschichte und den Beginn der Handlung des Gregorius kennzeichnen? Wie und aufgrund welcher Kriterien läßt sich Hartmanns „Gregorius“ gliedern?
2. Welche Bedeutung besitzt der Begriff der Schuld in diesem Epos, und warum ist dieser so zentral? Worin liegt die Schuld des Gregorius begründet?

Der erste Fragenkomplex bezieht sich auf die Form[2] des Epos, der zweite behandelt die zentrale Thematik desselben. Da Form und Inhalt dieses Werkes unauflöslich miteinander verbunden sind, ergänzen sich die beiden Fragestellungen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es, zu zeigen, dass weder die These, gemäß der die personale Schuld des Gregorius` in dessen Klosteraustritt zu finden ist, noch die Schieb- Nobelsche These , nach der die Schuld des Gregorius` in der Nichtübernahme der Buße für die Sünde seiner Eltern bestehe, überzeugend ist.

Diese Arbeit will vielmehr belegen, dass die Schuld des Gregorius´ in dessen Inzest mit seiner Mutter besteht, und dass es sich dabei aber um keine personale Schuld, sondern nur um eine objektive Schuld handelt, da Gregorius unabsichtlich den Inzest begangen hat.

2. Der Prolog des „Gregorius“: Inhalt und Motive

Der Prolog des „Gregorius“ umfasst die Verse 1-176.

Zu Beginn des Prologs widerruft Hartmann die Motivation seines früheren dichterischen Schaffens: „Mîn herze hât betwungen dicke mîne zungen daz si des vil gesprochen hât, daz nâch der werlde lône stât: daz rieten im diu tumben jâr.“[3]

Darauf folgt die Mahnung Hartmanns an sein Publikum, dass es unabdingbar sei, für die in der Jugend begangenen Sünden zur rechten Zeit, und nicht erst im Alter zu büßen. Denn derjenige, der sich nicht um rechtzeitige Buße für seine Sünden bemühe, nehme an, dass er das Heil jederzeit mühelos erlangen könne. Diese Haltung, die unangemessene Heilssicherheit, bezeichnet Hartmann als „vürgedanc“.

Diese Haltung seiner jungen Jahre, beurteilt er nun aber als Sünde (V.38ff.), und gegen den Begriff der Sünde hebt er den der „wârheit“ (V.36) hervor. Sein Bestreben, die Wahrheit zu erzählen, ist einerseits dadurch motiviert, den Willen Gottes zu erfüllen, andrerseits geht dieses auf den persönlichen Wunsch zurück, sich von der Last, die er angesichts seiner begangenen Sünden verspürt, zu befreien.[4]

Hartmann erzählt die Geschichte des Gregorius dem Prolog zufolge aber nicht nur in der Absicht, von der eigenen Schuld zu sprechen, sondern es ist zugleich seine Intention, durch sie zu zeigen, dass keine Schuld so schwer wiegt, dass sie vor Gott nicht getilgt werden kann, wenn die schuldige Person sie von ganzem Herzen bereue und niemals wieder sündige.

2.1 Das Motiv des „zwîvels“

Dem Begriff der Reue gegenüber stellt Hartmann den des Zweifels („zwîvel“), der den Unglauben des Sünders bezeichnet, durch Bitten an Gott und die dazugehörige Buße, schließlich doch das Heil zu erlangen. Es handelt sich dabei um eine von Verzweiflung getragene Einstellung des Sünders, die wahre Reue und somit auch das Erlangen des Heils verhindert. So sagt auch Cormeau zur Bedeutung des Begriffs des Zweifels („zwîvel“) in Hartmanns Erzählung: „Zwîvel ist die Verzweiflung am Heil, das Festhalten an der Sünde aus der Verzweiflung, keine Gnade mehr zu finden.“[5]

Innerhalb der germanistischen Forschung ist es aber umstritten, in welchem Verhältnis der im Prolog mehrfach genannte „zwîvel“ zur Erzählung steht. Der These Cormeau gemäß, stellt dieser nicht das Thema der Erzählung dar, sondern dient nur der Ermahnung der Leser.[6]

Der erste Teil dieser Behauptung, der „zwîvel“ sei nicht das Thema der Erzählung, ist schlüssig, denn dieser wird innerhalb der Erzählung nicht als zentraler Punkt behandelt. Ob er dagegen aber nur der Ermahnung der Leser dient, ist fraglich, denn nachdem Gregorius und dessen Mutter zu der Erkenntnis gelangt sind, dass sie Inzest begangen haben, leitet der Erzähler die Rede des Gregorius mit den folgenden Worten ein: „sinen zorn huop er hin ze gote.“[7] Denn Gregorius klagt Gott an, dass er seine Bitte um ein Wiedersehen mit der Mutter zwar erfüllt habe, aber nicht in der Form wie er ihn darum gebeten hatte. Schließlich hatte er ihn um eine Begegnung in Liebe und Güte gebeten, aber nicht um Inzest, und nun wünsche er sich, sie niemals kennen gelernt zu haben.

Auch der Kommentar des Erzählers hebt die Verzweiflung des Sohnes und seiner Mutter angesichts des von ihnen begangenen Inzests hervor:

„Ich weiz wol daz Jûdas niht riuweger was dô er sich vor leide hie danne ouch diu zwei nû hie.“[8]

Das Thema des „zwivels“ findet sich also innerhalb der Erzählung wieder, und dies an einer bedeutenden Stelle der Erzählung, nachdem beide erkannt haben, dass sie miteinander eine inzestuöse Verbindung eingegangen sind

Der zweite Teil der Cormeauschen These ist also leicht zu widerlegen.

2.2 Die beiden gegensätzlichen Wege: der „wec der helle“ und die „saelden straze“

In Z usammenhang mit der Warnung vor dem „zwîvel“, führt Hartmann zwei weitere Motive an, die gegensätzlich aufeinander bezogen sind: Dem „wec der helle“ stellt Hartmann das Motiv der „saelden straze“ gegenüber.

Der „wec der helle“ (der Weg zur Hölle) ist dadurch gekennzeichnet, dass er bequem zu gehen ist, aber er führt in den ewigen Tod. Dagegen wird die „saelden strâze“ als ein Pfad beschrieben, der nur unter großem Aufwand beschritten werden kann, aber den Menschen aber an ein süßes Ende geleitet.[9]

Der Mensch ist Hartmann zufolge dafür verantwortlich, zwischen diesen gegensätzlichen Wegen zu wählen. Dabei bezeichnet der „wec der helle“ eine Lebensweise, die den Menschen immer weiter von Gott entfernt, während der Pfad der „saelden straze“ den Menschen zu Gott führt.[10]

Cormeau behauptet, das Bild dieser gegensätzlichen Wege richte sich an die Hörer des Prologs, es beziehe sich – wenn auch in abgeschwächter Weise – auf Gregorius.[11]

2.3 Das Samaritergleichnis

Das sich anschließende Samaritergleichnis handelt von einem Mann, der den Pfad der „saelden strâze“ genommen hat aber noch rechtzeitig der Gewalt seiner Mörder entrinnt. Nachdem er in ihre Hände gefallen ist, schlagen sie ihn nieder, berauben ihn seiner Besinnung und fügen ihm furchtbare Wunden zu. Aber Gott bleibt ihm gegenüber barmherzig und sendet ihm die folgenden zwei Gewänder: die Hoffnung auf Erlösung und die Furcht vor dem Tode. Diese sollen ihm und allen Sündern ein Schutz sein. Als der Mann wieder zusammengesunken ist, beflügelt ihn die Hoffnung so, dass er sich schwankend aufrichtet. Außer der Hoffnung gibt ihm noch die Unerschütterlichkeit seines Glaubens allgemein, vermischt mit seiner Reue, Kraft. Durch Gottes Gnade wird er nach Hause gebracht und von seinen Wunden geheilt. Diese Gnade verbindet ihm dort seine Wunden, die ohne Narben verheilen. Die Allegorie endet damit, dass der von Krankheit befreite Held zum Kämpfer für die Christenheit wird.

Cormeau interpretiert das Ende dieser Allegorie als Bezugnahme auf Gregorius, die Hauptfigur der nun folgenden Geschichte:

„So wie Hartmann seine Allegorie endet und zur Erzählung überleitet – der Genesene ein Streiter für die Christenheit (V 142)–, ist das Bild ganz auf Gregorius bezogen. Er ist der Verwundete. Ein Licht fällt auf sein Schicksal dadurch, daß er sich auf der saelden strâze befindet (den selben wec V 97).“[12]

Diese Interpretation des Samaritergleichnisses ist zum einen insofern sinnvoll, als dieses dem Beginn der Erzählung und der Nennung Gregorius’ als dem guten Sünder und Held der Erzählung direkt vorangeht. Denn es wäre ja unlogisch anzunehmen, der Autor habe das Samaritergleichnis nur zufällig an das Ende des Prologs gesetzt, und es bestehe kein Zusammenhang zur Geschichte vom „guoten sundaere“, auf die Hartmann in den letzten Versen des Prologs verweist. Außerdem weisen die sich unmittelbar an das Samaritergleichnis anschließenden Worte Hartmanns darauf hin, dass dieses das Schicksal des Helden der Erzählung in verschlüsselter Form darstellen soll: Er kündigt an, die Art der Wunden sowie die Genesung des Gregorius von diesen im Verlauf der Erzählung zu erörtern.[13]

Auch die paradoxe Benennung des Gregorius als „gutem Sünder“[14] spricht für diese Deutung Cormeaus, weil der in der Samariterallegorie beschriebene Mann auch als Sünder bezeichnet wird, aber insofern gut ist, als er die von Gott gesandten Gewänder – die Furcht und die Hoffnung – annimmt, an Gottes Gnade glaubt und angesichts seiner eigenen Sünden Reue empfindet.

Es besteht zudem ein inhaltlicher Zusammenhang zwischen dem Ende der Allegorie und dem Ende der Erzählung, da Gregorius, obwohl er ein Inzestkind ist und durch die Inzestverbindung mit seiner Mutter eine schwere Sünde begangen hat, schließlich zum Papst ernannt wird. Diese Ernennung zum Papst stellt eine Genesung seiner Wunden dar: Denn seine Abkunft aus einem Inzest sowie der mit seiner Mutter begangene Inzest, die beide seelisches Leid bereiten sowie soziale Nachteile zur Folge haben, wird so überwunden.

3. Die Erzählung unterteilt nach Schauplätzen und Entwicklungsstufen im Leben des Helden

3.1 Die Vorgeschichte: Schauplatz Aquitanien: Der Geschwister-Inzest, Geburt und Aussetzung des Gregorius

Der Herrscher des Herzogtums Aquitanien ist dem Tode nahe, aber bevor er stirbt, ermahnt er seinen Sohn aufrichtig, beständig, freigebig, bescheiden, kühn, aber doch voller Güte zu sein. Den Höhepunkt dieser Ermahnung bilden die folgenden Worte des Vaters an seinen Sohn: „vor allen dingen minne got, rihte wôl durch sîn gebot.“[15]

Diese Weisung des Vaters an den Sohn enthält einerseits einen religiösen Aspekt (die Liebe zu Gott), andrerseits bezieht sie sich aber auch auf das zukünftige Dasein des Sohnes als Herrscher Aquitaniens, denn er fordert ihn auf, gerecht nach Gottes Gebot zu herrschen (schließlich erbt der Sohn nun die Position des Herzogs von Aquitanien).

Außerdem übergibt er ihm sein Seelenheil und gebietet ihm, seine brüderlichen Pflichten gegenüber seiner Schwester sorgfältig zu erfüllen, ihr in brüderlicher Weise beizustehen. Denn so werde es den beiden Geschwistern gut ergehen.

Der junge Herrscher handelt zuerst auch der Ermahnung seines Vaters entsprechend. Dementsprechend wird das Verhältnis der Geschwister zueinander von Hartmann zunächst auch als ein glückliches beschrieben:

„Si wâren aller sache/ gesellic und gemeine/, si wâren selten eine/, si wonten zallen zîten /einander bî sîten (daz gezam vil wol in beiden)/, si wâren ungescheiden/ ze tische und ouch anderswâ. /ir bette stuonden alsô nâ /daz si sich mohten undersehen.“[16]

Die vorangehende Behauptung, ihnen werde es bei entsprechender Fürsorge gut ergehen, ist allerdings insoweit einzuschränken, als der letzte Vers darauf verweist, dass in dieser Geschwisterbeziehung auch schon Gefühle angelegt sind, die gemäß eines idealen, platonischen Geschwisterverhältnisses nicht vorhanden sein sollten. Das kommende Geschehen lässt sich hier schon erahnen.

Daraufhin tritt eine Wandlung der Beziehung zwischen den Geschwistern ein, die durch das Wirken des Teufels motiviert ist, denn dieser kann die Ehrbarkeit der Geschwister nicht ertragen. Es ist sein Wille, Freude und Ehre im Leben der Geschwister zu zerstören. Er wirkt so auf den Bruder ein, dass sich dessen brüderliche Liebe zu seiner Schwester in ein Gefühl des sexuellen Begehrens wandelte.

So schreibt auch Cormeau in Bezug auf den Einfluss des Teufels auf die geschwisterliche Beziehung: „Die Versuchung des Teufels beginnt in der Verkehrung der geistigen Beziehung wirksam zu werden. Minne und Freude an der Schönheit verwandeln sich zur Begierde an der Schwester.“[17]

Der Erzähler nennt insgesamt vier Gründe dafür, dass der Bruder sich entschließt, seine Schwester zu missbrauchen:

Erstens die Minne, die seine Sinne verführt, zweitens die Schönheit seiner Schwester, drittens das schädliche Wirken des Teufels und viertens des Bruders Jugend, die ihn schließlich soweit bringt, die Tat zu vollziehen.

Die Werte der Minne und Schönheit werden dabei nicht als an sich verdammenswert dargestellt, sondern der Erzähler verdeutlicht anhand dieser Cormeau zufolge nur, dass sie (wie jeder Wert) insofern sie die Sünde motivieren, auch verdreht werden können.

Bis zum Inzest findet sich tatsächlich keine Textstelle, die anzeigt, dass der Erzähler die Werte der Minne und Schönheit als solche verurteilenswert findet. Ganz im Gegenteil wird gleich zu Beginn der Vorgeschichte die Schönheit der Geschwister in positiver Weise hervorgehoben, und in der Rede des Vaters wird die Schönheit der Schwester betont, ohne dass dies mit einer negativen Wertung verbunden ist.

Die Schwester wehrt sich anfänglich gegen den Übergriff des Bruders, aber sie duldet ihn letztlich, weil sie besorgt um ihrer beider „êre“ (Ansehen) ist. Allmählich findet auch sie Gefallen an der inzestuösen Verbindung mit ihrem Bruder und beteiligt sich aktiv an ihr.[18]

Cormeau definiert die Sünde als „schwere Verfehlung aus freiem Wollen“.[19] Das wirft die Frage auf, inwieweit der Bruder als Sünder zu bezeichnen ist, denn auch wenn von diesem die Initiative zur Sünde ausgeht, wird doch beschrieben, wie er vom Teufel zur Sünde verleitet wird.[20] Und somit ist es fraglich, inwiefern dieser die Sünde aus freiem Wollen heraus begeht, auch wenn er Gefühle verspürt, die ihn für das Wirken des Teufels empfänglich machen.

[...]


[1] In dieser Arbeit wird der Begriff „Epos“ verwendet, um Hartmanns Werk zu bezeichnen, weil eine genauere gattungsspezifische Bestimmung innerhalb der Forschung umstritten ist. Der „Gregorius“ wird in der Hauptsache zwar als Legende eingestuft, aber diese Einstufung beinhaltet zumeist eine Einschränkung: höfische Legende, Legendenroman, Legendennovelle. Denn es finden sich im „Gregorius“ sowohl legendarische als auch höfische Elemente. So findet sich z.B. in der Okkupation Aquitaniens durch einen abgewiesenen Freier, die Befreiung des Landes durch einen Ritter, sowie die Vermählung der Herzogin mit diesem das âventiure- Schema des höfischen Romans wieder. Zu den legendarischen Zügen des „Gregorius“ gehören u.a. die gefahrenlose Aussetzung des Neugeborenen auf dem Meer sowie das Wunder, dass Gregorius, obwohl er 17 Jahre keine Nahrung zu sich nimmt, am Leben bleibt. (s. Cormeau, Christoph, Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche, Werk, Wirkung. München 1993², S.126-127.)

[2] In dieser Arbeit orientiere ich mich an der Dittmannschen Gliederung des „Gregorius“ nach Schauplätzen, die zugleich die verschiedenen Entwicklungsstufen des Gregorius darstellen. Diese Art der Gliederung ist deshalb besonders plausibel, weil der Schauplatzwechsel und die unterschiedlichen Stufen der Entwicklung des Gregorius am Text belegt werden. Und somit stellt dieses Kriterium der Gliederung ein Maß an Objektivität sicher, das andere Gliederungsansätze, wie z.B. die Gliederung Goebels, die auf dem Motiv zweimaliger Trennung und Wiedervereinigung von Mutter und Sohn basierr. Denn im Gegensatz zu dieser erfasst die Dittmannsche Gliederung alle für den Handlungsablauf wichtigen Elemente, ohne schon im Vorab in die Hartmannsche Erzählung etwas hineinzulesen, was gemäß einer objektiven Lesart der Erzählung nicht vorhanden ist.

[3] von Aue, Hartmann, Gregorius: dergute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann, 1959, S.71 (V.1-5):“Oftmals hat meine herz meine zunge gefügig gemacht, daß sie vieles sprach, was den beifall der welt begehrt.“

[4] s. Ebd., S.8-9 (V.35-42).

[5] s. Cormeau, Christoph: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“. Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns, München 1966, S.47.

[6] Ebd., S.47.

[7] von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann, 1959, S.164.

[8] von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann. Ebenhausen bei München 1959, S.166-167: „Ich bin überzeugt, daß Judas, als er sich erhängte, nicht ärger verzweifelt war als hier diese beiden.“

[9] Ebd., S.10-11.

[10] s. Cormeau, Christoph; Störmer, Wilhelm: Hartmann von Aue. Epoche, Werk, Wirkung. München 1993², S.128.

[11] Ebd., S.128. Das Bild dieser zwei Wege meint insofern Gregorius, als die anfangs glückliche Inzestverbindung ( die dem Bild des „wecs der helle“ entspricht, da die Beziehung zu Anfang keine Schwierigkeiten in sich birgt) die er unwissentlich mit seiner Mutter eingegangen ist, zu dessen Entschluss führt, siebzehn Jahre lang angekettet an einem Stein für die Sünde mit der Mutter zu büßen. Diese Buße entspricht dem Bild der „saelden strâze“, weil diese eine Abkehr von den angenehmen Seiten des weltlichen Lebens für Gregorius bedeutet.

[12] Cormeau, Christoph: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“. Studien zur Interpretation mit Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München 1966, S.48.

[13] von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder, mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann. Ebenhausen bei München 1959, S.14-15, V.144- 149.

[14] Dies ist eine paradoxe Bezeichnung, weil der Begriff des Sünders notwendigerweise beinhaltet, dass die derart bezeichnete Person schlecht ist.

[15] von Aue, Hartmann: Gregorius: der gute sünder: mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Friedrich Neumann. Ebenhausen bei München 1959, S.22-23: „Vor allen dingen: liebe Gott und herrsche gerecht nach seinem gebot.“

[16] Ebd., S.24-25: „In allem fühlten sich die beiden eng miteiander verbunden; sie waren selten allein und weilten immerfort gesellig seite an seite (das schickte sich gut für sie); bei tische und wo immer waren sie eins; auch standen ihre betten so nahe beisammen, daß sie einander sehen konnten.“

[17] Cormeau, Christoph: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich und „Gregorius“. Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München 1966, S.50.

[18] Ebd., S.51.

[19] Ebd., S.51.

[20] Der Teufel, der als eine von außen wirkende Macht den Bruder dazu verleitet, den Inzest zu begehen, ist insofern eine typische Gestalt mittelhochdeutscher Epen, als deren Figuren Entscheidungen meistens nicht selbst treffen, sondern diese durch eine außerhalb von ihnen liegende Macht motiviert werden. (s. Dittmann, Wolfgang:

Hartmanns „Gregorius“: Untersuchungen zur Überlieferung, zum Aufbau und Gehalt. Berlin 1966, S.218.). Der Annahme Dittmanns gemäß wird allein dem Teufel die Schuld an dem Inzest zugesprochen; diese Schuld zu büßen, sei aber Aufgabe der Menschen (es handele sich also um einen paradoxen Schuldbegriff Hartmanns). (s. Ebd., s.219-220). Dagegen behauptet aber Zieren, dass Gott in Hartmanns „Gregorius“ das Verführungsgeschäft des Teufels zulasse, aber im Menschen, in seiner Begierde, der Grund für die Empfänglichkeit seiner Schuld liege. ( Zieren, Helene: Studien zum Teufelsbild in der deutschen Dichtung von 1050- 1250 ( Dissertation), 1937, S.37). Sie beruft sich an dieser Stelle auf Ehrismann, durch dessen Argumentation ihre These gestützt wird: „Und im Menschen selbst liegt die Empfänglichkeit für die Schuld, in seiner Begierde, in der Concupiscentia.“ ( Ehrismann, Gustav: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters, zweiter Teil, Die mittelhochdeutsche Literatur, 2. Blütezeit, erste Hälfte, München 1927, S.195, in: Handbuch des Deutschen Unterrichts an Höheren Schulen, begründet von Dr. Adolf Matthias, Sechster Band, Zweiter Teil, Zweiter Abschnitt, Erste Hälfte, München 1927). Hätte der Mensch also die Begierde nicht, dann könnte auch der Teufel keine Macht über ihn ausüben. Geben die Menschen ihrer Begierde nach, hier dem Inzest, werden sie schuldig und müssen diese Schuld büßen.

Details

Seiten
38
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640098057
ISBN (Buch)
9783640115273
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93387
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Germanistik 1
Schlagworte
Beginn Hartmannschen Epos Gregorius Frage Worin Schuld Epen

Autor

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Titel: Der Beginn des Hartmannschen Epos "Gregorius" und die Frage: Worin besteht die Schuld des Gregorius?