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Die pindarischen Oden des Andreas Gryphius

Seminararbeit 2008 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Religiöses Zwiegespräch

2. Angst im Diesseits

3. Hoffnung auf das Jenseits

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Textanhang

Einleitung

Wendet man sich dem lyrischen Werk von Andreas Gryphius zu und betrachtet die Sekundärliteratur, so fällt auf, dass es vor allem die Sonette sind, die Aufmerksamkeit erregt haben. Seine Oden waren nur in einem begrenztem Umfang Gegenstand literaturwissenschaftlicher Betrachtung. Im Gegensatz zu den Sonetten, bei denen eine Vielzahl von Einzeluntersuchungen existieren, kann im Bereich der Oden des Andreas Gryphius weitestgehend nur auf eine Gesamtuntersuchung von Karl Viëtor aus dem Jahre 1923 zurückgegriffen werden.[1] Diese literaturwissenschaftliche Lage hat Mannack feststellen lassen, dass die Oden eine intensivere Beachtung verdient hätten.[2] Die vorliegende Untersuchung wendet sich dieser vernachlässigten Gattung zu, beschränkt sich jedoch auf die pindarischen Oden im lyrischen Werk von Andreas Gryphius.

Andreas Gryphius veröffentlichte 14 pindarische Oden.[3] Im ersten Odenbuch aus dem Jahr 1643 sind es die Oden 1, 2, 3, 6 und 10, im zweiten Odenbuch von 1650 die Oden 1, 6 und 11, im dritten Odenbuch von 1657 die Oden 1, 3, 4 und 6. Zwei pindarische Begräbnisoden[4] befinden sich unter den Vermischten Gedichten von 1698, die aus dem handschriftlichen Nachlass herausgegeben wurden. Die Untersuchung erfolgt anhand von zwei repräsentativen pindarischen Oden, der ersten Ode des ersten Odenbuchs „Der Herr hat mich verlassen.“[5] sowie der ersten Ode des zweiten Odenbuchs „Psal. LXX. v. 20. Quantas ostendisti mihi tribulationes multas & magnas, & conversus vivificasti me![6].

Auffälligstes Merkmal der pindarischen Ode ist ihre äußere Gestalt mit der Dreiteilung in Satz, Gegensatz und Zusatz. Ob und wie diese äußere Form mit dem Inhalt korrespondiert, soll im Folgenden Gegenstand der Untersuchung sein. Im ersten Kapitel wird die inhaltliche Bezugnahme von Andreas Gryphius auf biblische Vorlagen thematisiert und auf die Art und Weise der Paraphrasierung dieser Vorlagen eingegangen. Dabei soll ebenso besprochen werden, inwieweit literaturtheoretische Positionen des Barocks Einfluss ausübten. Der zweite und dritte Teil wenden sich der Interpretation der Oden zu. So werden die Sätze Gegenstand des zweiten und die Gegensätze sowie Zusätze Gegenstand des dritten Teils sein. Die Schlussbetrachtung soll schließlich die Ergebnisse der Interpretation zusammenfassen sowie einen Bezug zu den pindarischen Oden von Andreas Gryphius herstellen, die nicht primärer Gegenstand dieser Untersuchung waren.

1. Religiöses Zwiegespräch

Dass es sich um die Paraphrasierung einer biblischen Vorlage handelt, wird allein durch den Titel der Ode „Psal. LXX. v. 20.“ deutlich. Eine solche Bezugnahme drängt sich aber auch spätestens mit der Nennung des Namens Sion im ersten Vers der Ode „Der Herr hat mich verlassen.“ auf.

Der Herr mein leben / Hatt mich in meiner angst verlassen! (V. 11f.), dieser Kernthese der Klage Sions entgegnet Gott, dass eine Mutter ihr Kind nie vergessen werde, folglich könne auch Sion nicht von Gott vergessen sein. Dieses Zwiegespräch der Ode „Der Herr hat mich verlassen.“ basiert auf einem biblischen Vorbild. Sie paraphrasiert Jesaja 49, 14-16[7] und korrespondiert inhaltlich mit dem biblischen Vorbild von der Klage der Sion, über das Mutter-Kind-Gleichnis als Entgegnung Gottes bis zur letzten Zeile in der symbolhaft gefolgert wird, dass Gott Sion nicht vergessen könne, da ihm Sion in die Hand gezeichnet sei.

Der biblische Bezug der Ode „Psal. LXX. v. 20.“, bereits durch den Titel der Ode vorgegeben, zeigt sich in der inhaltlichen Entfaltung des Themas. Im Satz dieser Ode dominiert die Angst des Ichs, der im Gegensatz die Hoffnung auf Gottes Hilfe, die scharffe pein vnd herbe thränen stille t (V. 19), entgegengestellt wird. Diese Hoffnung findet Erfüllung, Gott erweist dem Geplagten die Allmacht seiner Ehren (V. 34) und führt ihn zum Triumph über seine Not. Inhaltlich deckt sich dieses Geschehen mit Psalm 71. In diesem Gebetslied[8] wendet sich ein Mensch in Todesgefahr, verborgen vor seinen Verfolgern, an Gott, und ist doch sicher, dass Gott eingreifen und ihn retten werde. Vers 20[9] dieses Psalms drückt im Gefühl des Triumphes rückblickend die erfahrene Angst und Not aus.

Beide Oden als lyrische Inszenierungen biblischer Vorlagen unterliegen einer äußerlichen Dreiteilung in Satz, Gegensatz und Zusatz. Dabei bestehen Satz und Gegensatz aus jeweils 16 Versen, der Zusatz aus 12 Versen. Satz und Gegensatz weisen jeweils das gleiche Reimschema auf. Umschließende Reime dominieren in „Der Herr hat mich verlassen.“, die in den Versen 5 und 6 sowie 15 und 16 und entsprechend im Gegensatz in den Versen 21 und 22 sowie 31 und 32 durch Paarreime getrennt werden. Satz und Gegensatz der Ode „Psal. LXX. v. 20.“ beginnen jeweils in den ersten vier Versen mit einem Kreuzreim, in den folgenden Versen wechseln sich umschließender Reim und Paarreim zweimal ab. Von dieser äußeren Kongruenz der Sätze und Gegensätze grenzen sich die Zusätze der Oden ab. Der Zusatz der Ode „Der Herr hat mich verlassen.“ zerfällt in zwei Teile, im ersten besteht der Reim aus dem Schema abbcca, der zweite Teil besteht aus Paarreimen. Der Zusatz der Ode „Psal. LXX. v. 20.“ besteht aus Kreuz- und Paarreimen.

Der äußere Aufbau folgt dem von Opitz vorgegebenen Muster für die pindarische Ode. Danach ist:

[...] die στροφη [Strophe] frey / vnd mag ich so viel verse vnd reimen darzue nehmen als ich will / sie auch nach meinem gefallen eintheilen vnd schrencken: αντιστροφη [Antistrophe] aber muß auff die στροφην [Strophe] sehen / vnd keine andere ordnung der reime machen: επωδος [Epode] ist wieder vngebunden.[10]

Dieser äußeren Dreiteilung entspricht aber auch eine inhaltliche. Wo sich Opitz nur auf die äußeren Anforderungen bezieht, befasst sich Siegmund von Birken auch mit dem inhaltlichen Aspekt, wenn er in Bezug auf seine pindarische Beispielode schreibt:

Eine uralte Art von Liedern / sind die Pindarischen Oden / von dem Griechischen Poeten Pindaro, als erstem Erfinder / also genennt. [...]Allhier wird / dem Himmel-Leben im ersten Satz / das Irdische ElendLeben im GegenSatz entgegen gesetzet / und endlich durch den NachSatz gleichsam ein Ausspruch gemacht: welches / in dieser Lieder-Art / die KunstZier ist.[11]

Im Gegensatz zu Opitz verwendet Birken statt der Bezeichnung Strophe, Antistrophe und Epode bereits die Lehnübersetzung Satz, Gegensatz, Nachsatz, die dann auch von Gryphius analog verwendet wird. Birken beschreibt erstmals, dass sich die Dreiteilung der pindarischen Ode nicht nur äußerlich abzeichnet, sondern auch inhaltlich niederschlägt und den gedanklichen Aufbau beeinflusst.[12]

Diese inhaltliche Dreiteilung kann auch in den hier untersuchten Oden nachvollzogen werden. In beiden Oden wird im Satz eine Behauptung aufgestellt. Diese Behauptung besteht darin, dass Gott vorgeworfen wird, er habe den Menschen in seiner Angst und Not verlassen. Dieser Behauptung wird im Gegensatz entgegengetreten und dargestellt, dass Gott seinen Schutzbefohlenen nie verlassen könne und sich diesem immer wieder zuwenden werde. Die These des Satzes und die Antithese des Gegensatzes finden im Zusatz zusammen, es wird „gleichsam ein Ausspruch gemacht[13] und die antithetischen Prämissen zu einer Synthese zusammengeführt. Diese Synthese ist die Formulierung der religiösen Erfahrung, dass Gott im irdischen Leid der einzige Halt ist und die Erlösung durch ihn eine Gewissheit darstellt.

Das grundlegende Wesen der pindarischen Ode ist somit die Korrespondenz von äußerer und inhaltlicher Dreiteilung, wobei der gedankliche Gang der Oden über antithetische Vordersätze auf das Ziel der Konklusion im Zusatz hinausläuft.

2. Angst im Diesseits

Die elementaren Erfahrungen Noth, angst, weh`, schmertzen, plagen und Marter, aufgrund derer das Ich weint, schreit, klagt, zagt und verzweifeln muss, bestimmen die Situation des lyrischen Ichs in den Sätzen der Oden. In beiden Oden wird das Vokabular der Vanitas-Dichtung ausgebreitet, die mit ihren Wendungen die Tatsache der Vergänglichkeit, des Untergangs und eines von Angst und Verzweiflung geprägten Lebens in der diesseitigen Welt festhält.[14]

Reiß Erde! Reiß entzwey! (V. 1) mit dieser eindringlichen Formel hebt die Ode „Psal. LXX. v. 20.“ an, einer Formel, die wie eine Beschwörung wirkt. Beschworen wird die Erde, die sich auftun soll, und die Berge, die brechen sollen. Die äußeren Elementargefahren eines Erdbebens, eines Bergrutsches werden heraufbeschworen gegen die inneren Verwerfungen des lyrischen Ichs. Das Ich ist verzagt, erschrocken durch Blitz, ach, noth, angst, weh' und wehmutt. Es ist einer Vielzahl von Plagen und Martern ausgesetzt. Deren Vielzahl ist so groß, dass das Ich nicht in der Lage ist, diese konkret benennen zu können. Um die Auslöser der empfundenen Not beschreiben zu können, bleibt dem Ich nur die Möglichkeit der Aufzählung. Diese Aufzählung in Form der polysyndetischen Akkumulation ist als Stilelement des Barock typisch für die pindarischen Oden von Andreas Gryphius. Es handelt sich dabei um Worthäufungen, die den lyrischen Punkt durch wiederholende Abwandlungen einkreisen sollen.[15]

Diese insistierende Nennung wirkt sich in zweifacher Hinsicht aus. Einerseits wird die Aussage bekräftigt, denn das Individuum empfindet die Bedrängnis in einem Maß, dass nicht nur ein Wort ausreichen würde, um diese beschreiben zu können. Andererseits stellt die Akkumulation aber auch die Suche nach dem passenden Wort, dem rechten Abbild für das Beschreibungsobjekt dar. Darüber hinaus wird die Aussage erweitert, da diese aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden kann.[16] Unter diesem Gesichtspunkt unterstützt die Akkumulation die Aussage des lyrischen Ichs, denn dieses befindet sich in einer Bedrängnis, in der ihm die konkrete Benennungen seiner Anfeindungen nicht möglich ist. Der verzweifelten Suche nach dem rechten Wort wird dadurch Nachdruck verliehen, dass diese Suche Satz und Vers sprengt, wodurch die syntaktische und gedankliche Einheit als Enjambement von Vers 3 auf Vers 4 übergreift.

Die Leiden des lyrischen Ichs sind aber nicht nur seelischer Art, sie wirken sich auch körperlich aus, denn die krafft der Angst (V. 7) hat seine Glieder zerbrochen. So will es denn auch, dass seine Glieder von den Sternen (V. 5) als himmlische Zeichen Gottes beschienen werden. Diese Hoffnung auf göttlichen Beistand in seiner Not wird aber sogleich verworfen (V. 6). Dieses Verwerfen in antithetischer Gegenüberstellung stellt das Hin- und Hergeworfensein des lyrischen Ichs dar. Diese Situation wird dadurch verdeutlicht, dass beide Aussagen jeweils mit der Interjektion Ach, die einmal verstanden als Ausruf der Zuversicht und andererseits gelesen als Ausdruck der Betrübnis, beginnen. Dabei erzeugt der Zusammenprall von Antithesen in einem Vers Unruhe und lässt die seelische Verwirrung des lyrischen Ichs deutlich werden.

In Vers 8 tritt erstmals der Adressat der Klage auf. Der Angerufene ist Gott, der auf zwei Weisen apostrophiert wird. Einmal ist Gott der strenge Richter, aber wird auch als der gute Gott empfunden, so dass selbst in der Existenznot die Hoffnung auf den guten Gott gesetzt wird. Die Hoffnung wird in einen allmächtigen Gott gesetzt, denn der bedrängte Mensch weiß, dass er diesem Gott ausgeliefert ist und deshalb setzt er seine Hoffnung in ihn. Er fragt sich, ob dieses Ausgeliefertsein notwendig ist, ob dieses Leben, für welches ihm die Augen verliehen wurden (V.11), nur da ist, damit er herbe Plagen und Marter (n) (V. 12) erleben soll.

[...]


[1] Viëtor, Karl: Geschichte der deutschen Ode, 2. unveränd. Auflage (1. Aufl. 1923), Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1961.

[2] Mannack, Gryphius, S. 38; zustimmend Kaminski, Gryphius, S. 72.

[3] Ebenso Szyrocki, Gryphius, S. 69 u. 125 Anm. 25. Abweichend hiervon zählt Szyrocki nur 13 pindarische Oden, in: Barock, S. 193. Browning, S. 94f., zählt 12, bezieht sich dabei auf die ersten drei Odenbücher. Meid, Barocklyrik, S. 71, zählt 15, seine Zählung beinhaltet alle Veröffentlichungen. Mannack, Gryphius, S. 36 u. 41 zählt 16, wobei er sich wie Browning nur auf die ersten drei Odenbücher stützt.

[4] Gryphius, Gesamtausgabe, Bd. 3., S. 125ff. und 130ff.

[5] Die Ode trägt diesen Titel erst seit der Ausgabe von 1650. In der ersten Ausgabe von 1643 trug sie keinen Titel. Vgl. hierzu Gryphius, Gesamtausgabe, Bd. 2, S. 3f.

[6] Vgl. Gryphius, Gesamtausgabe, Bd. 2, S. 33f.; in den nachfolgenden Ausführungen wird aus Gründen des Umfangs der Titel dieser Ode mit „Psal. LXX. v. 20.“ abgekürzt.

[7] Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Siehe her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.

[8] Vgl. Kraus, Psalmen, S. 651.

[9] Du ließest mich viel Angst und Not erfahren. Belebe mich neu, führe mich herauf aus den Tiefen der Erde!

[10] Opitz, Buch von der Deutschen Poeterey, S. 62.

[11] Birken, Teutsche Rede- bind- und Dicht-Kunst, S. 132f.; ähnlich auch Rotth, Vollständige Deutsche Poesie 1688, S. 102f. Der Bezug von Birken auf Pindar ist verwirrend, da Oden dieser Form nicht die Nachahmungen eines antiken Vorbilds waren, sondern dem französischem Vorbild Ronsards folgten. Vgl. hierzu Manheimer, Lyrik, S. 52; Viëtor, Ode, S. 69ff.; Beckmann, S. 98.

[12] Vgl. Viëtor, Ode, S. 74.

[13] Birken, Teutsche Rede- bind- und Dicht-Kunst, S. 133.

[14] Vgl. Szyrocki, Gryphius, S. 55; Mannack, Gryphius, S. 35.

[15] Vgl. Braak, Gattungsgeschichte, S. 37.

[16] Vgl. Szyrocki, Barock, S. 56.

Details

Seiten
19
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638068260
ISBN (Buch)
9783638954846
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93384
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
Oden Andreas Gryphius Lyrik Barock

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