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Theorie der Autobiographie und ihre Umsetzung bei Günter de Bruyn

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Günter de Bruyn - Leben und Werk

3 Zur ‘Gattung’ der Autobiographie
3.1 Ursprünge und Gattungsproblematik
3.2 Das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in der Autobiographie
3.3 De Bruyns Theorie der Autobiographie: Das erzählte Ich

4 Günter de Bruyns Autobiographie
4.1 Zwischenbilanz
4.1.1 Inhalt
4.1.2 Merkmale einer Autobiographie in Zwischenbilanz
4.2 40 Jahre. Ein Lebensbericht
4.2.1 Inhalt

5 40 Jahre – Autobiographie oder Memoiren?
5.1 Autobiographie in Abgrenzung zu Memoiren
5.2 Die 40 Jahre als Memoiren

6 Schluss

1 Einleitung

Günter de Bruyn gehört zu den kritischen Schriftstellern der DDR, aber auch zu denen, die ihre Meinung eher leise äußern. Um seine doppelbändige Autobiographie, die beiden Werke Zwischenbilanz und 40 Jahre sowie de Bruyns Autobiographientheorie Das erzählte Ich, soll es in dieser Arbeit gehen.

Seine streng katholische Erziehung und die Angewohnheit seiner Eltern, über manche Dinge nicht zu sprechen, d.h. unangenehme Dinge oder Kummer lieber ungesagt zu lassen, trugen vielleicht mit dazu bei, dass de Bruyn– wie er selbst schreibt – eher von innen Widerstand übte, selten auch nach außen hin. Sein Widerstand gegen Nazi-Diktatur und SED-Regime äußert sich deutlich in seinem autobiographischen Werk, in der Öffentlichkeit, außerhalb seiner Werke, wird dies seltener deutlich. Seine politische Einstellung und die Verachtung jeglicher Diktatur und Bevormundung wird eher in kleinen Dingen deutlich, hier dann aber zahlreich: seine literarischen Werke, die zensiert werden – wenn dies auch damals nicht so bezeichnet wurde –, seine Abneigung gegen Parteiangehörige und –hörige, seine Teilnahme an der Aussortierung antikommunistischer Bücher, die er, anstatt sie zu entsorgen, heimlich in seinen Privatbesitz überführte. Charakteristisch für de Bruyn ist die Vorliebe für ein Leben in Zurückgezogenheit und Ruhe, er möchte in Ruhe gelassen werden, betont er mehrmals in seiner Autobiographie, möchte nicht für- noch widersprechen, sondern lediglich in Frieden leben. De Bruyn ist politisch nicht gleichgültig, aber auch nicht ausgesprochen interessiert: „Ich wollte auf eigne Verantwortung leben und von jeglicher Ordnung, wenn sie schon sein musste, in Ruhe gelassen werden.“[1] Diese Haltung zieht sich durch de Bruyns Leben und Werk und erschwert ihm das Leben unter den Diktaturen, die ihre Untertanen nach ihren Regeln und Motiven ins Glied bzw. Kollektiv einordnen wollen und dirigieren möchten. So ordnet sich de Bruyn nach außen hin mehr oder weniger unter, bleibt aber innerlich stets kritisch und leistet inneren Widerstand. Doch eben dieses ambivalente Verhalten beschämt ihn und ist mit ein Grund für seine Suche nach Selbsterkenntnis.

So sind die beiden Bände seiner Autobiographie, Zwischenbilanz und 40 Jahre, ein selbstkritischer, ungeschönter Rückblick auf sein Leben. Skeptisch hinterfragt de Bruyn die Gründe für sein Handeln oder sein Unterlassen. Eben diese Selbstzweifel de Bruyns – aber auch sein Wunsch, Chronist und Berichterstatter seiner Zeit zu sein – veranlassen ihn, einen Rückblick über sein Leben zu unternehmen.

Im Mittelpunkt dieser Arbeit soll neben de Bruyns Theorie der Autobiographie, die er in Das erzählte Ich veröffentlichte, vor allem deren praktische Umsetzung, sein autobiographisches Werk stehen. Dabei sollen auch der Memoirencharakter der 40 Jahre sowie die Motivation von de Bruyns Lebensbeschreibung näher untersucht werden.

2 Günter de Bruyn - Leben und Werk

Günter de Bruyn wird 1926 in Berlin geboren. Seine Schulzeit ist geprägt vom nationalsozialistischen System, endet mit dem Notabitur und dem Einsatz als Luftwaffenhelfer und Soldat von 1943 bis 1945. Er wird verwundet und leidet vorübergehend unter Verlust von Sprach- und Schreibfähigkeit. Nach Kriegsende kommt er in amerikanische Gefangenschaft. Aus der Haft entlassen wird er, zurück in Berlin, in drei Jahren zum Neulehrer[2] ausgebildet und arbeitet als solcher bis 1949. Anschließend erfolgt eine Bibliothekarsausbildung. 1953 bis 1961 arbeitet de Bruyn als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Bibliothekswesen in Ost-Berlin. Zu dieser Zeit beginnt er mit dem Schreiben. Seit 1961 arbeitet er als freier Schriftsteller.

Sein erster großer Erfolg ist der Roman Der Hohlweg (1963), von dem sich de Bruyn jedoch später distanziert, ihn als den Holzweg bezeichnet, da dieser erste Versuch, autobiographische Elemente in einen Roman einzubinden schon allein technisch misslungen sei. Der Erfolg des 1968 erschienenen Romans Buridans Esel gewährt de Bruyn mehr Freiraum innerhalb des Literaturbetriebs der DDR, den er für zum Teil kritische Arbeiten nutzt.

Selten äußert sich de Bruyns Widerstand gegen das DDR-Regime auch öffentlich: zum einen unterschreibt er 1976 den offenen Brief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR. 1987 bezeichnet er die sogenannte Druckgenehmigungspraxis der DDR öffentlich als Zensur und fordert deren Aufhebung; die Zurückweisung des Nationalpreises der DDR blieb in Folge der Ereignisse 1989 zunächst eher unbemerkt. Doch immer kosteten de Bruyn diese öffentlichen Äußerungen von Kritik und Unmut viel Mut. In seiner Autobiographie hinterfragt er nun auch seine Position als erfolgreicher Autor der DDR, der zwar keineswegs den Anwerbeversuchen der DDR nachgibt und sich so zu ihrem Handlanger und Sprachrohr macht, gleichzeitig aber auch nicht, wie es ihm möglich gewesen wäre, öffentlich und deutlich gegen die Praktiken der SED-Diktatur das Wort ergriffen hat. Im Grunde ordnete sich de Bruyn immer so weit unter, wie es nötig war, um als Schriftsteller in der DDR tätig sein zu können. Wäre er kritischer gewesen, wären seine Werke gar nicht erst an die Öffentlichkeit gelangt bzw. hätte dies weitere Konsequenzen für ihn bedeutet.

Zu seinen größten schriftstellerischen Erfolgen gehören die beiden autobiographischen Werke Zwischenbilanz (1992) und 40 Jahre. Ein Lebensbericht (1996), in denen er sowohl auf seine Kindheit zur Zeit des Nationalsozialismus zurückblickt als auch auf sein Leben in der DDR unter sozialistischem Regime.

Für sein umfangreiches Werk wurde er mit einer Vielzahl an Preisen geehrt.

De Bruyn lebt heute in Görsdorf in der Mark Brandenburg und in Berlin.

3 Zur ‘Gattung’ der Autobiographie

3.1 Ursprünge und Gattungsproblematik

Autobiographien haben eine sehr lange Tradition, das älteste Beispiel sind die Confessiones von Augustinus um 400 n. Chr; weitere bekannte Beispiele sind Les Confessions von Rousseau (1782) und Goethes Dichtung und Wahrheit (1808-1831). Während Augustinus und Rousseau sich in ihren Lebensbeschreibungen ganz mit der für die Autobiographie typischen Selbsterkenntnis und Selbstanalyse beschäftigen, beschreibt Goethe vornehmlich das problematische Verhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit in der Autobiographie und schafft eine Theorie derselben, die bis heute als vorbildhaft gilt.

Die Frage jedoch, ob man die Autobiographie als eigene Gattung bezeichnen kann, ist umstritten. Dies ist darin begründet, dass die Autobiographie nur schwerlich eindeutig einem Bereich zuzuordnen ist; sie enthält Merkmale historischer und literarischer Werke, sie ist also einerseits immer „historisches Zeugnis“[3], andererseits zugleich erzählende Literatur.

Philippe Lejeune zufolge ist die Autobiographie durchaus eine eigene Gattung, die er folgendermaßen definiert: „Rückblickende Prosaerzählung einer tatsächlichen Person über ihre eigene Existenz, wenn sie den Nachdruck auf ihr persönliches Leben und insbesondere auf die Geschichte ihrer Persönlichkeit legt.“[4] Dieser Definition zufolge fasst Wagner-Egelhaaf die Merkmale einer Autobiographie so zusammen: „Die Autobiographie ist eine Erzählung in Prosa, sie behandelt eine individuelle Lebensgeschichte, Autor und Erzähler sind identisch, Erzähler und Hauptfigur sind ebenfalls identisch und die Erzählperspektive ist retrospektiv.“[5]

Autobiographien kann man aus mehreren Gründen nicht als grundsätzlich zuverlässige historische Quellen verwenden, sie sind zwar historische Quellen, aber eben nicht immer verlässliche: die subjektive Autorposition steht immer hinter der objektiven Berichterstattung über historische Ereignisse und Gegebenheiten, diese subjektive Sicht verschwindet niemals. Auch Erinnerungslücken und Verdichtungstechniken beeinträchtigen den historischen Wahrheitswert einer Autobiographie.

Auch für Imgenberg/Seifert ist die Autobiographie eine eigene literarische Gattung, geboren im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung. Mensch und Vernunft rückten in den Vordergrund, man betete nicht mehr unhinterfragt die Dogmen der Kirche nach, sondern begann, selbst zu denken, die bisher einfach hingenommenen Wahrheiten der Kirche anzuzweifeln. In diesem Zuge wird alles in Frage gestellt, was auch zu einer neuen Unsicherheit führt. Die neue Beschäftigung des Menschen mit sich selbst führt auch zu einer neuen literarischen Gattung, der Autobiographie, die den Versuch unternimmt, „ im Medium der erinnernden Rückschau auf das eigene Leben verlorengegangene Gewissheiten über das Selbst neu zu gewinnen.“[6] Die Suche nach dem eigenen Ich, die Reflektion über sich selbst sind die Grundmotive der Autobiographie, so wie sie es auch schon bei jenen von Augustinus und Rousseau sind.

3.2 Das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in der Autobiographie

Die Tatsache, dass sich die Autobiographie gattungsmäßig zwischen historischem Werk und literarischem Text befindet, also beides vereint, führt dazu, dass sie weder reine Dichtung noch reine Wahrheit ist. Da sie historisches und literarisches Werk zugleich ist, enthält sie Dichtung und Wahrheit. Diese Eigenschaft der Autobiographie bespricht bereits Goethe in seiner eigenen Lebensdarstellung Dichtung und Wahrheit. Aus meinem Leben, erschienen von 1811 bis 1833.

In der Theorie der Autobiographie nicht geschulte Leser erwarten wohl von dieser immer eher die Darstellung einer vergangenen Realität, also Wahrheit und zwar ausschließlich Wahrheit. Immerhin ist es der Anspruch der Autobiographie, das reale Leben des Autors so darzustellen, wie es war, andererseits wird diese objektive Darstellung der vergangenen Realität natürlich zwangsläufig gefiltert durch die subjektive Sicht des Autors. Es ist bekannt, dass dasselbe Ereignis, z.B. ein Autounfall oder auch ein historisch bedeutendes Ereignis von verschiedenen Zeugen unterschiedlich dargestellt wird, da jeder die Welt subjektiv wahrnimmt. Zum Teil kann diese Sicht oder Darstellung so differieren, dass es scheint, die Menschen seien tatsächlich Zeugen unterschiedlicher Ereignisse gewesen.

Insofern ist die Autobiographie eher subjektive Lebensdarstellung als objektive Darstellung der Realität, da die subjektive Sichtweise des Autors zwangsläufig immer vorhanden ist und auch nicht abgelegt werden kann. Doch soll dies nicht implizieren, die Subjektivität sei ein Mangel der Autobiographie. Man muss diese Eigenheit der Autobiographie bloß berücksichtigen, wenn man sie als historische Quellen heranzieht. Autobiographien sind zweifellos historische Quellen, da sie über vergangene Realitäten und historische Begebenheiten berichten, dies aber eben immer aus subjektivem Blickwinkel. Dies kann den Eindruck einer vergangenen Zeit für den gegenwärtigen Leser natürlich sehr verfälschen: wenn de Bruyn seine Kindheit im Nationalsozialismus als idyllisch beschreibt, da er zunächst durch die Eltern von jeglichen Gräueltaten, Mord und Krieg abgeschottet wurde, entsteht für den heutigen Leser ein anderes, geschöntes Bild der damaligen Zeit als wenn er die Autobiographie von Ruth Klüger über ihr Leben vor, im und nach dem KZ liest.

De Bruyn betont, dass Subjektivität eines der zentralen Merkmale der Autobiographie ist, sie will ja nicht objektiv sein.

„Wenn es möglich wäre, das eigne Leben wie das eines anderen zu betrachten und zu beschreiben, verfehlte der Autobiograph seine Aufgabe. Das Besondere der Autobiographie besteht ja nicht darin, dass hier derjenige ein Leben beschreibt, der am meisten über es weiß, sondern darin, dass hier jemand sich so beschreibt, wie er sich selbst sieht und beurteilt.“[7]

Eine Autobiographie ist also nicht die bloße, neutrale Zusammenfassung eines Lebens, sondern sie ist „Formung der Vergangenheit“[8], sie interpretiert ein Leben vom Zeitpunkt des Verfassens aus, gibt ihm im Nachhinein eine ‘Richtung’ und eine Ordnung. „Die Abfassung einer Autobiographie bedeutet Herstellung von Einheit; Strategien der Einheitssynthesis sind beispielsweise die Beschränkung auf eine Grundthematik oder die Verfolgung der Frage, wie und wodurch das autobiographische Ich geworden ist, was es zum Zeitpunkt der Abfassung seiner Autobiographie zu sein glaubt.“[9]

[...]


[1] Bruyn, Günter de: Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin. Frankfurt am Main: S. Fischer 1992, S. 307.

[2] Neulehrer ersetzten die nach Kriegsende entlassenen Lehrer mit nationalsozialistischer Vergangenheit

[3] Wagner-Egelhaaf, Martina: Autobiographie. Sammlung Metzler; Bd. 323. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler 2000, S. 1.

[4] Lejeune, Philippe: „Der autobiographische Pakt“. In: Niggl, Günter (Hg.): Die Autobiographie: zu Form und Geschichte einer literarischen Gattung. Wege der Forschung; Bd. 565. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1989, S. 215.

[5] Wagner-Egelhaaf, S. 5f.

[6] Imgenberg, Klaus G./Seifert, Heribert (Hg): Autobiographische Texte. Arbeitstexte für den Unterricht. Stuttgart: Philipp Reclam Jun. 1999, S. 5.

[7] Bruyn, Günter de: Das erzählte Ich. Über Wahrheit und Dichtung in der Autobiographie. Frankfurt am Main: S. Fischer 1995, S. 61f.

[8] Pascal, S. 167.

[9] Wagner-Egelhaaf, S. 52.

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638068185
ISBN (Buch)
9783638953672
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93372
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Theorie Autobiographie Umsetzung Günter Bruyn

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