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Deutung und Bedeutung des ersten Gebotes im Rahmen der Dekalogauslegung in Luthers Kleinem Katechismus

Seminararbeit 2004 20 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort
1.1 Einleiten de Worte
1.2 Werkimmanente Überlegungen

2. Vom Gebot zum Glauben
2.1 Vom biblischen Gesetz zum allgemeinen Gesetz
2.2 Das erste Gebot bei Luther
2.3 Das Evangelium im Dekalog I

3. Vom Glauben zum Gebot
3.1 Die triadische Formel
3.2 Furcht und Liebe als Bedingung zur Gesetzestreue
3.3 Sündenspiegel oder Lebensnorm - Das Evangelium im Dekalog II

4. Nachwort
4.1 Zusammenfassung
4.2 Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

1.1 Einleitende Worte

„Grundlegend ist das erste Gebot […], das uns zum Vertrauen auf Gott herausfordert.“1 Diese Formulierung des KEEK zeigt, dass auch nach beinahe fünf Jahrhunderten das Verständnis Martin Luthers und dessen Auslegung über das erste Gebot, „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ (Ex 20,3; Dtn 5,7), nichts an seiner Aktualität verloren hat. So verweist denn der KEEK auf Luthers Kleinem Katechismus aus dem Jahr 1529 und zeigt daher Unvergänglichkeit seiner Deutung des ersten Gebotes auf,2 welche lautet: „Wir wollen Gott über aller Ding fürchten, lieben und vertrauen.“3

Neben die durch die Prägnanz gegebene Lernerleichterung regt die kurze Formulierung zur Reflektion an, denn auf die Frage: „Du sollt nicht ander Götter haben. Was ist das?“4, folgt eine Antwort, die wiederum zur Gegenfrage einlädt, wie denn dieser Satz zu verstehen ist.5 Besonders das Verhältnis und die Aussage der Wörter „fürchten“, „lieben“ und „vertrauen“ stehen dabei im Mittelpunkt des Interesses. Hinzu kommt, dass sich diese dreigliedrige Formel „als zweigliedriges Konzentrat“6 in den weiteren Gebotsauslegungen wiederholt. „Wir wollen Gott fürchten und lieben, […]“7 steht als Bedingung vor jeder Auslegung vom zweiten bis zehnten Gebot.

Die Bedeutsamkeit und Unabdingbarkeit des ersten Gebotes an sich und hinsichtlich der übrigen Gebote ist offensichtlich und drängt sich gerade zu auf. Wenn es also im KEEK heißt das erste Gebot sei „grundlegend“, so ist dies richtig, betrachtet man allerdings das erste Gebot aus der Perspektive Luthers beziehungsweise aus der Perspektive des Kleinen Katechismus heraus, kann diese Ansicht erweitert und vertieft werden. Es ist daher eine genauere Untersuchung zur Deutung und Bedeutung des ersten Gebotes im Rahmen der Dekalogauslegung Luthers im Kleinen Katechismus nötig.

1.2 Werkimmanente Überlegungen

Es ist ratsam eine einführende Untersuchung mit Überlegungen und Ergebnissen aus einer Darstellung rein aus der Quelle zu beginnen, da eine immanente Betrachtungsweise zum einen den Vorteil einer ungefähren Objektivität hat und zum anderen sich oft als unbeeinflusst von vorgegebenen Interpretationslinien erweist.

Schon dem Titel kann man entnehmen, dass man es mit einem Lehrbuch oder Lehrtext zu tun hat: „Der kleine Katechismus für die gemeine Pfarrherr und Prediger.“8 Auch in der Vorrede macht Luther die Verwendung des Kleinen Katechismus deutlich: „Darumb bitte ich umb Gottes willen Euch alle, meine lieben Herrn und Brüder, so Pfarrherr oder Prediger sind, wollet Euch Eures Ampts von Herzen annehmen, Euch erbarmen über Euer Volk, das Euch befohlen ist, und uns helfen, den Katechismon in die Leute, sonderlich in das jungen Volk bringen, […]“9. Der für diese Arbeit relevante Text über „die zehen Gebot wie sie ein Hausvater seinem Gesinde einfältiglich furhalten soll“10 folgt direkt der Vorrede und bildet somit das erste Lehrstück des Katechismus. Es folgen Erklärungen zum Glauben, Vaterunser, Taufe, Beichte, Abendmahl und Texte über Segen, Beten, sowie Haustafel, Traubüchlein und Taufbüchlein. Dass der Dekalog am Anfang steht, verwundert nicht, da es doch, so meint man, Grundlage eines gesellschaftlichen Lebens ist und somit auch heute einer der „Quellen evangelischer Ethik“11 darstellt.

Wie in 1.1 genannt wiederholt sich die Auslegung des ersten Gebotes als zweigliedrige Formel in allen weiteren Auslegungen und macht das Einhalten dieser Gebote vom ersten Gebot abhängig. So heißt es etwa zum fünften Gebot: „Du sollst nicht töten. Was ist das? Antwort. Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir unserem Nähisten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und sodern in allen Leibesnöten.“12 Man kann also schon allein vom konsekutiven Satzgefüge die Aussage treffen, dass die Einhaltung des ersten Gebotes die grundlegenden Vorraussetzung für alle übrigen Gebote darstellt. Darüber hinaus lässt sich eine weitere Textbeobachtung machen: Luther wechselt in seiner Antwort vom singulären Prohibitiv der zweiten Person zur ersten Person Plural und macht hier grammatisch deutlich, dass das Verbot Gottes an eine Person eine Verpflichtung aller Menschen darstellt. Weiter begegnen dem Leser die Elemente der tiadischen Formel am Ende der Dekalogauslegung noch einmal.13 In diesem Epilog findet sich ein Hinweis auf die Veränderung zur zweigliedrigen Formel, denn die Furcht bezieht sich auf den Zorn Gottes bei Nichteinhaltung der Gebote; die Wörter „lieben“ und „vertrauen“ werden hier gleichwertig gebraucht: „ […], darumb sollen wir ihn auch lieben und vertrauen und gerne tun nach seinen Geboten.“14 Die dadurch gegebene Äquivalenz der beiden Wörter macht die Kürzung nachvollziehbar. Darüber hinaus ist die Kürzung auch mit einer grammatikalischen Erleichterung zu erklären, da „fürchten“ und „lieben“ ihr Objekt im Akkusativ haben; eine durch „vertrauen“ erweiterte Satzstruktur würde dem Satz hinsichtlich Prägnanz und Sprachfluss schaden.15

Zum Abschluss der Einführung möchte ich vorgreifend feststellen, dass sich schon mit der einfachen Lektüre des Kleinen Katechismus die Besonderheit und die Bedeutung des ersten Gebotes innerhalb des Dekalogs und als Teil des Dekalogs innerhalb des Kleinen Katechismus erschließen lassen. Dies ist durch eine genauere Betrachtungsweise und Bezugnahme zu Luther und weiterer seiner Schriften, sowie durch die Überlegungen und Erkenntnisse wissenschaftlicher Arbeiten zu diesem Thema zu prüfen.

2. Vom Gebot zum Glauben

2.1 Vom biblischen Gesetz zum allgemeinen Gesetz

Die Bezeichnung des Dekalogs als „Zehnwort“ geht auf Ex 34,28 zurück und kommt in zwei sehr ähnlichen Fassungen in Ex 20,1-17 und Dtn 5,6-21 vor, wobei die erstgenannte wohl die ältere Fassung darstellt.16 Ein Vergleich mit dem Wortlaut im Kleinen Katechismus ergibt, dass Luther eine Kürzung im ersten Gebot vorgenommen hat: Die Selbstvorstellung Gottes mit dem Attribut als Befreier der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten lässt Luther weg. Während im Alten Testament Gott der Gott Israels ist, so weitet Luther ihn durch die Kürzung des Bibeltextes zu einem Allgemeinwesen aus. Wie bedeutsam diese Kürzung ist zeigt sich etwa daran, dass nach dem Bibeltext die Existenz anderer Götter nicht bestritten wird.17 Die Formulierung Luthers: „Du sollt nicht ander Götter haben“18, geht über einen monotheistischen Gedanken hinaus, welches in der Auslegung mit „über aller Ding“19 noch weiter bestärkt wird. Für andere mögliche Götter oder Götterbilder treten neue Bezeichnungen oder Definitionen ein, wie Luther es in seinem Großen Katechismus wie folgt beschreibt: „Also ist es ümb alle Abgötterei getan; denn sie stehet nicht allein darin, daß man ein Bild aufrichtet und anbetet, sondern fürnemlich im Herzen, welchs anderswohin gaffet, Hülfe und Trost suchet bei den Kreaturen, Heiligen oder Teufeln […].“20 Die Verallgemeinerung, welche die Kürzung mit sich bringt, macht demnach einen qualitativen Unterschied über das Gottesverständnis und dadurch über das Verständnis des ersten Gebotes aus.

Hinzu kommt die Wiederholung der gekürzten Gebotsauslegung in den weiteren neun Auslegungen als „Radikalisierung“, welche ebenso auf einen freien Umgang21 mit dem Gesetz von einem „heilsgeschichtlichen Standort" begründet ist.22 Die alttestamentlichen Gebote werden von Luther neutestamentlich beschienen; es kommt eine „evangelische“ Ansicht hinzu, da das erste Gebot und der gesamte Dekalog ihren historischen beziehungsweise biblischen Kontext verlieren.

2.2 Das erste Gebot bei Luther

Der Kleine Katechismus entstand als, wie Reinhard Schwarz es nennt, „meisterhaft formulierte Kurzfassung“23 nach dem Großen Katechismus im Jahr 1529. Beide gehen aus Luthers Predigttätigkeit, insbesondere auf drei Predigtreihen aus dem Jahr 1528, hervor und finden ihren Initial in den Visitationserfahrungen, die ein „verheerendes Bild“24 ergaben.25

Mit Luthers Bezeichnung des Katechismus als „Laienbibel“26 oder „Kinderlehre, so ein iglicher Christ zur Not wissen soll“27 zeigt sich einerseits die Relevanz des Katechismus hinsichtlich der christlichen Gemeinde und andererseits die Autorität seines Inhalts. Darüber hinaus gibt es noch graduelle Unterschiede innerhalb des Katechismus. So werden denn die Stücke Dekalog, Credo und Vaterunser auch als „Hauptstücke“ bezeichnet.28 Im Großen Katechismus werden die Hauptstücke als solche auch durch die Zusatzbetitelung „Primum“, „Secundo“ und „Tertio“ artikuliert.

Während der Kleine Katechismus gepredigt und gelehrt werden sollte, diente der Große Katechismus als Anleitung dazu.29 Es ist daher sinnvoll Luthers Erklärung des ersten Gebotes im Großen Katechismus einzubeziehen. Auf die anfängliche Frage im Großem Katechismus, was es denn hieße einen Gott zu haben, gibt Luther die Antwort: „Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen lutherischen Kirche. Eine historische und systematische Einführung in das Konkordienbuch. Bd.1, Berlin/New York 1996, 263-264. soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten.“30 Es ist also das Herz, welches sich an Gott hängt; bestimmender Faktor ist hier das Vertrauen.31 Das Vertrauen ist somit eine grundlegende Bedingung für den „rechten Glauben“32, der schwer zu fassen ist. So schreibt denn Luther, dass Gott immateriell ist und wirklich eine Herzensangelegenheit ist: „Mit dem Herzen aber an ihm hängen, ist nichts anders, denn sich gänzlich auf ihn verlassen.“33

Die Trias des Kleinen Katechismus geht mit dieser Aussage einher und bekräftigt durch ihre Verknappung, das heißt durch ihre formal enge Verknüpfung der drei Glieder, das nötige Zusammenspiel von „fürchten“, „lieben“ und „vertrauen“. An etwas hängen, es fürchten und lieben, ist variabel, denn es könnte auch der „Mammon“34 oder andere Abgötter sein; erst durch das Vertrauen kann sich ein wahrer Gottglaube herauskristallisieren, da es den Aspekt der Hingabe verstärkt und den Bezugspunkt qualifiziert. Um ganz unmissverständlich zu sein fügt Luther im Kleinen Katechismus noch das besagte „über alle Ding“ hinzu. Albrecht Peters schreibt dazu: „Die Wendung ‚über alle Ding’ deutet diese ständige Bewegung hinweg von allen geschöpflichen Zufluchtsorten und Trostmitteln hin zum Schöpfer selber an und wendet so das Abgöttereiverbot ins Positive.“35 Keinen anderen Gott haben zu dürfen, bedeutet also auch die Vorgabe einer Zielrichtung zum „alleinigen Lebensspender“36.

Auch in der Kurzen Form der Zehn Gebote, des Glaubens und des Vaterunsers von 1520 geht das Verhältnis zwischen Mensch und Gott vom Herzen aus: „Das erst gepott leret, wie sich der mensch gegen gott halten soll innewendig im herzen […]“37, jedoch akzentuiert sich das Verhältnis im Sinne der beschriebenen Trias etwas anders. Das Gottverhältnis vergleicht Luther hier wie das zu einem „vatter und guten freundt, in aller treu, glauben und lieb, mit furcht zu allerzeit, das er ihn nit beleidige, wie ein kind seinen vatter“38 und scheint eher einer Strafandrohung gleich zu kommen. Zwar erkennt man auch hier die Bestandteile der Trias, jedoch in einem anderen Verhältnis zueinander.

[...]


1 Kleiner Evangelischer Erwachsenen Katechismus. Im Auftrag des Lutherischen

Kirchenamtes der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), hrsg. von Manfred Kießig, Norbert Dennerlein, Heiko Franke, Michael Kuch, Gütersloh 2004, 100.

2 Vgl. Ebd., 101.

3 BSLK, hrsg. im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, Göttingen 121998, 507,42-

4 Ebd., 507,40-41.

5 Vgl. Beutel, Albrecht, „Gott fürchten und lieben“. Luthers Katechismusformel - Genese und Gehalt, in: ThLZ 121 (1996), 511.

6 Ebd.

7 BSLK, 508-509.

8 Ebd., 501.

9 Ebd., 502,28-38.

10 Ebd., 507,35-38.

11 KEEK, 99.

12 BSLK, 508,28-34.

13 Ebd., 510,15-21.

14 Ebd., 510,20-21.

15 Vgl. Peters, Albrecht, Kommentar zu Luthers Katechismen. Bd.1: Die Zehn Gebote. Luthers Vorreden, hrsg. von Gottfried Seebaß, Göttingen 1990, 131.

16 Vgl. Grimm, Werner, Art. Dekalog, in: Calwer Bibellexikon 1 (2003), 238.

17 Vgl. Ebd.

18 BSLK, 507,40.

19 Ebd., 507,42.

20 Ebd., 562,21-24.

21 Dieser freie Umgang mit dem biblischen Text äußert sich auch im Wegfall des Bilderverbotes. Vgl. dazu: Wenz, Gunter, Theologie der Bekenntnisschriften der evangelisch-

22 Vgl. Fraas, Hans-Jürgen, Katechismustradition. Luthers Kleiner Katechismus in Kirche und Schule (APTH 7), Göttingen 1971, 34-35.

23 Schwarz, Reinhard, Luther. Studienausgabe, Göttingen 21998, 193.

24 Fraas, Hans-Jürgen, Art. Katechismus. I. Protestantische Kirchen. I/1. Historisch (bis 1945), in: TRE 17 (1988), 712.

25 Vgl. BSLK, 501,8-12.

26 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimar 1883ff., 30/1,27.

27 BSLK, 553,37-554,1.

28 Vgl. Fraas, Katechismus, 711. - Vgl. Mildenberger, Friedrich, Theologie der Lutherischen Bekenntnisschriften, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1983, 124.

29 Vgl. BSLK, 504,35-43.

30 Ebd., 560,10-13.

31 Vgl. Ebd., 560,13-24.

32 Ebd., 560,31.

33 Ebd., 563,8-10.

34 Ebd., 561,14.; 563,15.

35 Peters, Kommentar, 100.

36 Ebd.

37 WA 7, 205,12-13.

38 Ebd., 205,14-16.

Details

Seiten
20
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783640097982
ISBN (Buch)
9783656287360
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93318
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Kirchengeschichte
Note
1- (13 Punkte)
Schlagworte
Deutung Gebotes Proseminar Kirchengeschichte Martin Luther erste Gebot Katechismus

Autor

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