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Kultur - Identität - Sprache

Interdisziplinäre Zugangsweisen in der postmodernen Gesellschaft

Hausarbeit 2007 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kultur
2.1 Kultur als Programm
2.2 Anbindung an die Cultural Studies
2.2.1 Das Encoding-Decoding-Modell nach Stuart Hall
2.2.2 Stuart Halls Identitätspolitik

3. Kennzeichen der Postmoderne und postmoderner Gesellschaften

4. Sprache als natürliches soziales Phänomen

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Meine These lautet, dass das Selbst- und Weltbild der postmodernen Gesellschaft einen Perspektivwechsel in Bezug auf die Konzepte von Kultur, Identität und Sprache erfordert. Die Postmoderne kreiert ein neues Weltbild, das gravierende Auswirkungen auf das Verständnis von Kultur, Identität und Gesellschaft hat. Daher werde ich folgenden Fragen nachgehen: Welche gesellschaftlichen Veränderungen hat die Postmoderne bewirkt? Wie hängt die Postmodernisierung mit Kultur und Identität zusammen?

Ich werde mich dem Problem aus sozialwissenschaftlicher Seite nähern und verschiedene Sichtweisen aus der Kulturwissenschaft, der Kommunikations- und Medienwissenschaft, der Soziologie und der Psychologie vorstellen, um letztendlich auf die Linguistik zurück zu schließen. Durch Kontingenzerfahrung ist Sprache zu einem Spielzeug geworden, mit dem Wirklichkeit und Identität bewusst konstruiert und dekonstruiert werden können.

Welcher sprachtheoretische Ansatz kann dem heutigen Verständnis von Kultur, Identität und Sprache sowie Wirklichkeit und Gesellschaft daher gerecht werden?

2. Kultur

2.1 Kultur als Programm

Um über Kultur sprechen zu können, bedarf es zunächst eines klar definierten Kulturbegriffs. Ich möchte daher hier in die Begrifflichkeiten Wirklichkeit, Kultur und Gesellschaft des Kommunikations- und Kulturwissenschaftlers Siegfried J. Schmidt einführen und zudem auf seinen Medienkompaktbegriff eingehen.

Schmidts Kulturbegriff gehen seine Überlegungen zur Wirklichkeit voraus:

„Wirklichkeitsmodelle systematisieren für alle Aktanten den Umgang mit allen für lebenspraktisch wichtig gehaltenen Handlungs- bzw. Bezugnahmebereichen in gesellschaftlichen Interaktionen […].“[1] Unter diesen lebenspraktisch relevanten Bereichen versteht Schmidt Umwelten, Aktanten, Vergesellschaftungsformen (Institutionen und Organisationen), Gefühle und Werte. In Bezug auf die Wirklichkeitskonstruktion stellt sich das Individuum demnach die Fragen: Wo befinde ich mich? Mit wem interagiere ich? Durch welche politischen und gesellschaftlichen Institutionen ist mein Handeln beschränkt? Wie sind meine persönlichen Emotionen? Welche gesellschaftlichen Werte stehen diesen gegenüber? Diese Überlegungen, die im Unterbewusstsein ablaufen, bestimmen die eigene Wirklichkeit, in der man agiert.

[Wirklichkeitsmodelle] […] werden erst dann handlungswirksam, wenn ein Programm zur Verfügung steht, das die möglichen Formen von Bezugsnahmen auf Kategorien und semantische Differenzierungen in einer gesellschaftlich verbindlichen Weise in konkrete Unterscheidungssetzungen zu überführen erlaubt, also situationsspezifische Selektionen aus möglichen Beziehungen zwischen Setzungen und Voraussetzungen ermöglicht.[2]

Dies führt zu Schmidts Konzept von Kultur als Programm:

Das Programm der gesellschaftlich praktizierten bzw. erwarteten Bezugnahmen auf Wirklichkeitsmodelle […] einer Gesellschaft nenne ich Kultur. […] [Sie] sei die Energie, die die ‚Maschine’ zur Wirklichkeitsproduktion ‚zum Laufen bringt’ […].[3]

Kultur ist somit ein Programm der Anwendung und Bewertung, das sich auf die Verwendung dreier strikter Komplementaritäten – lebenspraktische Relevanz, Emotion und Moral – bezieht. Das Arbeiten mit dem Kulturprogramm verläuft unbewusst: Durch Entscheidungen kommt es zu einer dauerhaften Reduktion von Möglichkeiten, woraus Wirklichkeiten resultieren, die kontingente Selektionen eben dieser Fülle an Möglichkeiten darstellen. Kultur fungiert als Kontingenzinvisibilisierungsmaschine: „Erst als Einheit der Differenz von kontingenter Selektion und unendlicher Mannigfaltigkeit von Beobachtbarem und Nicht-Beobachtbarem gewinnt eine jeweilige Wirklichkeit prozesshaft Identität.“[4]

Kultur ist nicht direkt lokalisierbar. Sie wird nicht substantialisiert, es gibt sie nur als Diskurs. Da die Aktanten lediglich Ausschnitte aus dem für sie relevanten Kulturprogramm anwenden können, bleibt „‚die Kultur’ […] eine Diskursfiktion.“[5] Zudem kann sie unterschiedlich stark ausdifferenziert sein, es entstehen Sub- und Teilprogramme.

Hier ist zudem auf das ontologische Problem hinzuweisen, dass jede Beschreibung von Kultur auch eine Kultur der Beschreibung voraussetzt. Wir sind also gewissermaßen in unserer Kultur gefangen und können uns auch durch eine reflexive Beobachtungshaltung zweiter Ordnung nie vollständig über sie hinwegsetzen. Diese Erkenntnis ist eine notwendige Voraussetzung, wenn man über Kultur sprechen will.

Kultur hat immer zwei Seiten. Einerseits produziert sie Tradition und ein gesellschaftliches Gedächtnis in Form aller „zu einem bestimmten Zeitpunkt realisierten Programmanwendungen, über die als bekannt verfügt werden kann“[6], andererseits zeichnet sie sich durch Potentialität aus, also durch Programmanwendungen, die alternativ realisierbar sind und einen kreativen und lebendigen Umgang mit Kultur ermöglichen.

Kultur beruht auf kollektivem Wissen:

Jede Herstellung und Nutzung von Medienangeboten, sei es in natürlicher Sprache oder unter Zuhilfenahme von Medientechnologien, beruht auf dem kollektiven Wissen, was jedem Gesellschaftsmitglied im Wirklichkeitsmodell sowie in den Kulturprogrammen seiner Gesellschaft zur Verfügung steht.[7]

Folglich besteht ein unlösbarer Zusammenhang zwischen Medien, Kultur und Wirklichkeit. Der Medienbegriff nach Schmidt wird definiert als Medienkompaktbegriff und umfasst Medienangebote (z.B. Film, Fernsehsendung), technische Dispositiven (z.B. Fernsehstudio, Sender), sozialsystemische Institutionalisierungen (z.B. Redaktion, Verlag) und Kommunikationsinstrumente (z.B. Fernsehgerät), welche in systemische Interaktion treten. Es handelt sich also um eine sehr umfassende Auffassung von Medien. Die Interaktion der verschiedenen Bereiche spielt dabei die entscheidende Rolle.

Medien sind unsere alltäglichen Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion. Sie beobachten sowohl andere Medien als auch die Gesellschaft. Kulturprogramme werden damit zum Beobachtungsgegenstand, ihre Kontingenz wird aufgedeckt. Medien fungieren als Kontingenzrevisibilisierungsmaschine.

Aus Schmidts Verständnis von Wirklichkeit und Kultur ergibt sich auch sein Gesellschaftsbegriff. Gesellschaft versteht er „als Einheit der Differenz von Wirklichkeitsmodell und Kulturprogramm.“[8] Folglich ist auch Gesellschaft keine gegenständlich existente Größe, sondern wie Kultur eine Diskursfiktion. Sie vollzieht sich im In-Anspruch-Nehmen der Wirklichkeitsmodelle und Kulturprogramme.

Traditionelle kulturelle Ordnungen werden in der Postmoderne in eine Medienkultur transformiert. Wir leben in einer Medienkulturgesellschaft, da das Wirklichkeitsmodell sowie das Kulturprogramm permanent in den Mediensystemen, welche zunehmend vernetzt und reflexiv werden, zirkuliert. Medien dienen der individuellen sowie sozialen Wirklichkeitskonstruktion „als Instrumente der Sozialisation und gewinnen steigende Bedeutung für die Inszenierung und Kommunikation von Gefühlen.“[9] Ihre Hauptfunktion ist die Selbstbeobachtung. So entsteht ein internes Verweissystem (Intermedialität). Folglich gibt es keine Kultur ohne Medien, keine Medien ohne Kultur mehr. Schmidt formuliert den Verflechtungszusammenhang folgendermaßen: „Medien gestalten die Beziehung zwischen Kultur und Gedächtnis, zwischen sozialer und kultureller Differenzierung und Entdifferenzierung.“[10]

Schmidts Begriff von Kultur als Programm ist kein wertender, sondern ein offener, der eine „wechselseitige[…] Anerkennung im Kulturrelativismus“[11] fordert.

2.2 Anbindung an die Cultural Studies

Medien machen wie bereits herausgestellt Kontingenz erfahrbar. Sie koppeln unterschiedliche Systeme (Aktanten und soziale Systeme) zum Zweck systemspezifischer Sinnbildung orientiert an sozialen Regeln. Dabei handeln die Rezipienten die Bedeutung aktiv aus, d.h. sie nutzen Medienangebote wie zum Beispiel Filme zu ihren Zwecken oder unterlassen dieses: „In der Interaktion mit dem Film schaffen die Rezipienten aktiv Bedeutungen.“[12]

Über die globale Verbreitung von Medienangeboten werden Kulturprogramme beobachtbar, ihre Rituale aufgedeckt und damit partiell hinterfragbar. Insbesondere durch postmoderne Stilmerkmale (z.B. Parodie, Sarkasmus, Ironie, Widerspruch, Übertreibung, Intertextualität) kann auf konventionalisierte Strukturen aufmerksam gemacht werden. Rezipienten gehen kreativ mit ursprünglich hegemonial implizierten Deutungsmustern um (z.B. in der Ausbildung von Fankulturen). Dies kann mit Winter als „Politik des Vergnügens“ bezeichnet werden.[13]

Diese Überlegungen erlauben den Anschluss an die Cultural Studies.

Cultural Studies untersuchen mit interdisziplinären Verfahren, wie Menschen in unterschiedlichen Kontexten Kultur schaffen und erfahren, wobei sie deren produktive und transformative Kraft ins Zentrum rücken. Der Forschungsansatz kombiniert Soziologie, Filmtheorie, Literaturtheorie und Kulturanthropologie in der Betrachtung von kulturellen Phänomenen der Gesellschaft.

2.2.1 Das Encoding-Decoding-Modell nach Stuart Hall

Der britische Soziologe Stuart Hall gilt als einer der Begründer der Cultural Studies. Er entwickelte gegenüber dem überholten Sender-Empfänger-Modell der Kommunikation das Encoding-Decoding-Modell, das sich mit der Bedeutungsproduktion durch Kodierung und Dekodierung beschäftigt. Es stellt den Ausgangspunkt der im Rahmen der Cultural Studies praktizierten Medienstudien dar.

[...]


[1] Schmidt, Siegfried J. (2006): Eine Kultur der Kulturen. In: Christoph Jacke, Eva Kimmich, Siegfried J.

Schmidt (Hg.): Kulturschutt. Über das Recycling von Theorien und Kulturen. Bielefeld: transcript-Verlag, S. 22.

[2] Schmidt: Eine Kultur der Kulturen, S. 23.

[3] Schmidt: Eine Kultur der Kulturen, S. 24.

[4] Schmidt: Eine Kultur der Kulturen, S. 24.

[5] Schmidt: Eine Kultur der Kulturen, S. 26.

[6] Schmidt: Eine Kultur der Kulturen, S. 27.

[7] Schmidt, Siegfried J., Zurstiege, Guido (2000): Orientierung Kommunikationswissenschaft. Was sie kann, was sie will. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, S. 164.

[8] Schmidt: Eine Kultur der Kulturen, S. 26.

[9] Schmidt, Siegfried J. (1998): Modernisierung, Kontingenz, Medien: Hybride Beobachtungen. In: Gianni Vattimo, Wolfgang Welsch (Hg.): Medien – Welten – Wirklichkeiten. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 173.

[10] Schmidt: Modernisierung, Kontingenz, Medien: Hybride Beobachtungen, S. 173f.

[11] Ackermann, Andreas (2002): Wechselwirkung – Komplexität: Einleitende Bemerkungen zum Kulturbegriff von Pluralismus und Multikulturalismus. In: Andreas Ackermann, Klaus E. Müller (Hg.): Patchwork: Dimensionen multikultureller Gesellschaften. Geschichte, Problematik und Chancen. Bielefeld: transcript Verlag, S. 21.

[12] Winter: Filmsoziologie, S. 23.

[13] vgl. Göttlich, Udo, Winter, Rainer (2000): Die Politik des Vergnügens. Zur Diskussion der Populärkultur in den Cultural Studies. Köln: von Halem Verlag.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638064767
ISBN (Buch)
9783638951920
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93191
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Kultur Identität Sprache

Autor

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