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Ein Epos, zwei Welten?

Die Randbezirke der nibelungischen Welt

Hausarbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: Ein Epos, zwei Welten?
1.1 Das „Wuchern“ des Nibelungennamens

2. Nibelungische Randorte
2.1 Ez was ein küneginne gesezzen über sê – Island
2.2 Nidene bî dem Rîne – Niderlant
2.3 Ze Norwaege in der marke – Das Nibelungenland
2.4 Das Verschwimmen der Randzonen: Das Nibelungenland und Niderlant ab der 12. Aventiure
2.5 Andere Randgebiete

3. Abschlussbetrachtung - Eine alternative Topographie des Nibelungenliedes

4. Literaturverzeichnis
4.1 Textausgaben
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung: Ein Epos, zwei Welten?

Die Welt des Nibelungenliedes zerfällt, so Jan-Dirk Müller in seiner Studie „Spielregeln für den Untergang“, in zwei Zonen: zum einen die höfische, die Worms und Xanten ebenso wie Bechelaren und Etzelnburc umfasse; und auf der anderen Seite jene „fremdartige“, heroische Welt, wie sie dem Leser auf Isenstein oder im Nibelungenland begegne[1]. Diese Welten seien klar abgrenzbar und würden nur zwei mal überschritten werden - einmal, als Isenstein quasi kolonisiert, in die höfische Zone überführt werde, und dann ein zweites mal, als die mythische Welt zurückschlage und die höfische ‚überwuchere’ und schließlich ins Verderben ziehe[2].

Bei allem Wert, den Müllers Werk als Plädoyer gegen den Ausschließlichkeitsanspruch sagengeschichtlicher Herangehensweisen hat, so scheint er mir an dieser Stelle doch genau in die Falle der Sinnunterstellung hereinzulaufen, vor der Joachim Heinzle gewarnt hat[3]. Es ist richtig, dass nicht jede Ungereimtheit im Nibelungenlied ein Fehler ist, dass uns die „nibelungische“ Art des Erzählens z.T. einfach sehr fremd ist; Müller scheint mir jedoch vor allem im Detail dem Bearbeiter (oder den Bearbeitern) des Nibelungenliedes eine zu sehr an neuzeitlichen Maßstäben orientierte Verfügungsgewalt über den Stoff zuzuschreiben, wenn er den aus verschiedenen Traditionen zusammengeflossenen Text als bis ins Kleinste durchorganisiertes Zeichensystem liest. Auch scheint er mir zu oft komplizierte semiotische Deutungen pragmatischen Erwägungen vorzuziehen – als Beispiel sei hier ein Detail genannt, das maßgeblich Müllers These der zwei trennbaren Welten im Nibelungenlied stützt: das „Wuchern“ des Nibelungennamens im zweiten Teil des Epos[4].

1.1 Das „Wuchern“ des Nibelungennamens

In der Tat erscheint es höchst rätselhaft, dass der Nibelungenname im zweiten Teil plötzlich auf die Burgonden übergeht[5]. Müller deutet dies als einen Einbruch der heroischen Sphäre in die gewöhnliche, höfisch geprägte Welt. Nachdem das fremdartige zuvor domestiziert worden sei, bräche es nun erneut in die Welt des Epos ein und führe diese in den Untergang. Doch diese Deutung ist alles andere als zwingend.

Betrachtet man stofflich mit dem Nibelungenlied verwandte Lieder der älteren Edda[6], fällt auf, dass dort zum einen der Nibelungenname (hier Niflungen genannt) nicht mit dem Hort – und somit auch nicht mit der mythischen Welt - verknüpft ist; der Hort erscheint hier als ein Zwergenschatz, der Erbstreit ist ein Konflikt zwischen den Brüdern Reginn und Fafnir (ein Zwerg, der Drachengestalt angenommen hat). Der Hortgewinn ist hier mit dem Drachenkampf verknüpft[7]. Dagegen trägt die Sippe Gunnars (also Gunthers) hier den Namen der Niflungen[8]. Eine zweite Auffälligkeit betrifft die Variabilität der Namensgebungen. So werden beispielweise im „Atlilied“ Gunnar und Högni (Hagen) nicht nur als Könige der Goten[9], sondern auch als Niflungen und Burgunden bezeichnet. In anderen Liedern kommt auch noch der Sippenname Gjukungen vor[10]. Ein ähnlicher Befund lässt sich auch für Sigurd (Siegfried) feststellen, der als Däne[11] oder Wölsunge[12], aber auch als „Hunnischer König“ und „Hunnischer Heerfürst“[13] bezeichnet wird. Zugleich bleibt aber auch Atli (Etzel) Hunne, und Brynhilt (Prünhilt) wird in der nordischen Überlieferung zu seiner Schwester und ebenfalls zur Hunnin. Was aber sagt nun dieser Befund aus? Wohl kaum kann diese Variation der Namenszuweisungen in jedem Fall mit wohldurchdachter Planung einhergegangen sein. Der Interpret muss sich die Möglichkeit vor Augen halten, dass es ähnliche Probleme bei der Namenszuweisung auch im deutschsprachigen Raum gegeben haben könnte, und dass der Übergang des Nibelungennamens auf die Burgonden im zweiten Teil des Epos ein Produkt einer solchen Konfusion sein könnte.

Ich will nun die nibelungische Topografie, wie Müller sie zeichnet, ebenso wie zuvor die Annahme des „Wucherns“ der Nibelungen, nach pragmatischen Gesichtspunkten einer Prüfung zu unterziehen. Es ist fraglich, ob sich wirklich auf jeder Ebene des Epos eine, wenn man so will, ‚Untergangsstruktur’ ergibt, wie Müller sie letztlich auch in die Karte der nibelungischen Länder hineinzulesen scheint. Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, die Länder des Nibelungenliedes nach Lage wie nach Sitten, unabhängig von einer Gesamtdeutung des Epos, zu beschreiben, und aufzuzeigen, ob und wie sich die nibelungische Welt im Detail aufgliedert. In Anbetracht des beschränkten Umfanges geschieht dies hauptsächlich mit Blick auf die ‚Randzonen’ der Erzählung, allerdings mit der Gegenfolie der im Mittelpunkt der Erzählung stehenden Höfe von Worms und Etzelnburc. Beginnen soll die Reise an einem Ort, den Müller der heroischen Gegenwelt zuordnet: in Isenstein.

2. Nibelungische Randorte

2.1 Ez was ein küneginne gesezzen über sê – Island

Ez was ein küneginne gesezzen über sê (326,1[14]) – so wird die Prünhilt-Handlung in der 6. Aventiure des Nibelungenliedes eingeleitet. Müller sieht in der Lokalisierung jenseits des Meeres einen Beleg dafür, dass Prünhilts Land Isenstein „außerhalb der bekannten Welt“ liege[15]. Dagegen ist allerdings die in einigen Handschriften schon in der Aventiure-Überschrift angedeutete Verortung Isensteins auf Island anzuführen[16]. Bestätigt wird diese Ortsangabe noch durch zwei Textstellen, in denen Prünhilts Leute als degene [...] ûz Îslant (418,1) und später bei der Ankunft in Worms als die von Îslande bezeichnet werden. Die Überfahrt müsste demnach nicht dazu dienen, das Verlassen der ‚realen’ Welt anzuzeigen, sondern ließe sich auch ganz pragmatisch erklären: zwischen den Reichen Gunthers und Prünhilts liegt nun einmal die Nordsee. Für diese Deutung spricht auch der Versuch, die Entfernung zu vermessen. So wird erwähnt, dass die Werber am ersten Tag ihrer Reise bis zum Einbruch der Nacht 20 Meilen zurückgelegt hatten (381), und auch die Gesamtdauer der Reise wird mitgeteilt – am zwelften morgen kommen die Werber in Isenstein an (382). Freilich zeigt sich, dass der Nibelungendichter nur sehr vage Vorstellungen von der Lage Islands hatte; die Reise nach Island dauert nur unbedeutend länger als die siebentägige Reise Siegfrieds von Xanten nach Worms – die genauen Zahlenangaben im Nibelungenlied sind jedoch nicht allzu buchstäblich zu nehmen, zu auffällig ist die häufige Verwendung mystischer Zahlen wie 7 oder 12. Das überhaupt der Versuch einer Vermessung der Wegstrecke vorgenommen wird, spricht jedoch meines Erachtens gegen eine Sonderrolle Isensteins als einem ‚heroischen’ Ort[17].

[...]


[1] Müller (1998), S. 304.

[2] Müller (1998), S. 337-343.

[3] Heinzle (1994²), S. 98f.

[4] Müller (1998), S. 338ff.

[5] Erstmals geschieht dies in Strophe 1526.

[6] Als Grundlage dient mir hier die deutsche Reclamausgabe der Heldenlieder: Die Heldenlieder der Älteren Edda. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Arnulf Krause, Ditzingen 2001. Im folgenden zitiert als ‚Heldenlieder’.

[7] siehe Das Reginnlied, Heldenlieder S. 92-101; Das Fafnirlied; Heldenlieder S. 102-114.

[8] so z.B. im Fragment eines Sigurdliedes, Heldenlieder S.127-133; Nennung des Niflungennamens S. 132.

[9] Das Atlilied, Heldenlieder S. 189-202; hier S. 196.

[10] Siehe Das kurze Sigurdlied, Heldenlieder S. 141-157; Die Tötung der Niflungen, Heldenlieder S. 162-163.

[11] Brynhilds Helfahrt, Heldenlieder 158-161; S. 158 wird Sigurd „Wikinger der Dänen“ genannt.

[12] So im Reginnlied (s. Anm. 7) und im kurzen Sigurdlied (s. Anm. 10).

[13] Beides im kurzen Sigurdlied (s. Anm. 10).

[14] Alle Zitate aus dem Nibelungenlied nach der Ausgabe von Bartsch/de Boor: Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch, herausgegeben von Helmut de Boor, bearb. von Roswitha Wisniewski (Deutsche Klassiker des Mittelalters), Wiesbaden 1996²².

[15] Müller 1998, S. 304. Müller hebt die Bedeutung von Gewässern als besonders markierten Grenzen auch in anderem Zusammenhang heraus (S. 305 zur Donaugrenze). Allerdings sind die Gewässer im Nibelungenland wohl kaum ‚mythisch’ gedachte Grenzen zu einer Anderswelt, sie scheinen ganz allgemein Grenzen zu markieren. Sogar bei der Fahrt Siegfrieds von Xanten nach Worms wird der Rhein erwähnt (71 kommt er mit Begleitern ze Wormez ûf den sant, also ans Ufer bei Worms).

[16] Handschrift A, C und d erwähnen Island bereits in der Aventiureüberschrift; siehe hierzu den Kommentar von Siegfried Grosse in: Das Nibelungenlied – Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übersetzt und kommentiert von Siegfried Grosse, Stuttgart 2002, S. 769.

[17] siehe auch den Kommentar von de Boor, der die Vermessbarkeit der nibelungischen Länder im Gegensatz zur vagen Märchenwelt des höfischen Romans betont; Kommentar von Helmut de Boor, in: Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch, herausgegeben von Helmut de Boor, bearb. von Roswitha Wisniewski (Deutsche Klassiker des Mittelalters), Wiesbaden 1996²², S. X.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638070232
ISBN (Buch)
9783638955386
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92962
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für deutsche Philologie
Note
1,3
Schlagworte
Epos Welten Aufbauseminar Germanistische Mediävistik

Autor

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