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Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit

Hindernisse und Lösungsansätze

Studienarbeit 2004 41 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Aktuelle Bedeutung des Themas / Einbettung in den Seminarkontext
1.2. Aufbau der Arbeit

2. Hindernisse bei der Implementierung von partizipativen Ansätzen
2.1. Diskurse im Dienst des Staates: Partizipation in Sri Lanka
2.1.1. Ausgangsthesen des Autors Mike Woost
2.1.2. Der Staat im internationalen Geflecht aus Wirtschaftsinteressen
2.1.3. Internationale Nichtregierungsorganisationen und die Interessen der Spender
2.1.4. Einheimische NROs und ihre finanzielle Abhängigkeit
2.1.5. Dorfbewohner im südöstlichen Sri Lanka: "It's all gamble"
2.1.6. Fazit
2.1.6.1. Partizipation - ein "schillernder" Begriff
2.1.6.2. Die Rolle des Staates
2.2. Fallstudie: Partizipatives Umweltmanagement im Himalaya
2.2.1. Ausgangsthesen des Autors Andrew Shepherd
2.2.2. Hintergrund zum Doon Valley Projekt
2.2.2.1. Schwache lokale Institutionen
2.2.2.2. Die Ermächtigung lokaler Institutionen
2.2.2.3. Korruption innerhalb lokaler Institutionen
2.2.3. Das Doon Valley Projekt
2.2.3.1. Eine hierarchische Organisationskultur
2.2.3.2. Training
2.2.3.3. Technische Zusammenarbeit
2.2.3.4. Die Organisationstruktur & das Budget
2.2.3.5. Gender
2.2.3.6. Zielvereinbarungen
2.2.3.7. Verunsicherung der Projektmitarbeiter
2.2.3.8. Anreize für "partizipatives Verhalten"
2.2.3.9. Korruptionsbekämpfung
2.2.3.10. Umsetzung in die Praxis: Die Wahl der Technologien
2.2.4. Fazit: Die Organisationskultur des öffentlichen Sektor

3. Lösungsansätze zur Implementierung von partizipativen Ansätzen
3.1. PRA - Partcipatory Rural Appraisal
3.1.1. Ursprünge
3.1.2. Schlüsselprinzipien
3.1.3. Verwendete Methoden
3.1.4. Kritik & Gefahren
3.1.5. Training in partizipativen Methoden
3.2.Who changes?: Das Self-Help Support Programme in Sri Lanka
3.2.1. Hintergrund zum Projekt
3.2.2. Arbeitsweise 1985 -1990
3.2.3. Institutionelle Veränderungen seit der Implementierung von PRA
3.2.3.1. Arbeit vor Ort
3.2.3.2. Budget
3.2.3.3. Geldgeber
3.2.3.4. Bauernorganisationen
3.2.4. Ergebnisse der Arbeit
3.2.5. Fazit
3.2.5.1. Finanzen und Rechenschaft in partizipativen Projekten
3.2.5.2. Differierende Interessen innerhalb der Zielgruppe
3.3. Who sets the Agenda? PAR in einem indischen Slum
3.3.1. PAR - Partizipative Aktionsforschung
3.3.2. Ziele des Projektes
3.3.3. Ausländer oder Einheimische?
3.3.4. Self-Selective Target Group Formation
3.3.5. Gruppenaktivitäten
3.3.6. Fazit
3.3.6.1 Die Frage der Größe von Projekten
3.3.6.2. The Facilitator - Die Rolle der "Vermittler"

4. Schluss

5. Bibliographie

Anmerkungen

1. Einleitung

1.1. Aktuelle Bedeutung des Themas / Einbettung in den Seminarkontext

Partizipation ist ein hochaktuelles Thema, in dem die Ethnologie eine wichtige Rolle spielen kann und sollte.

In der Entwicklungshilfe der 50er bis 70er Jahre hatten die Entwicklungshelfer und Experten von außerhalb die Lösungen, und die "Locals", die Ortsansässigen, die Armen, die Zielgruppe der Hilfsprojekte, waren Teil des Problems, das es zu lösen galt. (Chambers 1998: xiii) Erste Versuche, partizipativere Ansätze in die Entwicklungsarbeit zu integrieren, gab es zwar auch schon 1950/60 mit dem Community Development Ansatz und in den 70ern mit dem Umdenken in Richtung Grundbedürfnis-Befriedigung, aber in der Praxis blieb es beide Male bei allenfalls unverbindlicher Zusammenarbeit mit den Armen selbst. (Krummacher 2004: 9-10) Da "Top-Down", also von oben kommende Entwicklungshilfe, aber immer wieder und auch im "Großen und Ganzen" gesehen scheiterte, wurde diese Ideologie nach und nach in Frage gestellt. (Chambers 1998: xiii) Heute geht es Hunderten von Millionen Menschen schlechter als noch vor 20 Jahren, die Polarisierung der Welt in arm und reich nimmt weiter zu. Das Problem hat viele Ebenen: internationale Handelsbeziehungen, der Schuldendienst der Entwicklungs-länder, Kriege und Unruheherde, die Strukturanpassungsprogramme des Inter-nationalen Währungsfonds, Umweltzerstörung durch den Ressourcen schluckenden "globalen Norden", das Verhalten transnationaler Konzerne, die Ideologie des Neoliberalismus. Aber auch gescheiterte Entwicklungshilfe. (Chambers 1997:2)

Am Anfang war "Partizipation" als Forderung Teil der immer stärker werdenden Kritik an scheiternden "Top-Down"-Entwicklungsprojekten und wurde als eine demokratischere Form der Entwicklungshilfe propagiert. (Woost 2002:107) Gleichzeitig wurden die Nichtregierungsorganisationen immer größer und professioneller, viele verstanden sich als "Anwälte" ihrer Zielgruppe und experimentierten auch mit neuen Formen der Entwicklungszusammenarbeit. Als Konsequenz wurde der Wert lokalen Wissens und indigener Methoden, beispielsweise des Managements natürlicher Ressourcen, in der offiziellen Diskussion immer ernster genommen. Auch das Interesse an sozialen und ökologischen Dimensionen von Entwicklung nahm zu. (Shepherd 1998: 89) 1985 forderte Cernea, der erste Soziologe bei der Weltbank, in seinem Buch "Putting people first: Sociological Variables in Rural Development" in Entwicklungsprojekten die soziokulturellen Gegebenheiten vor Ort stärker zu berücksichtigen und die Forschungsmethoden der Soziologie und der Ethnologie zu diesem Zweck in der Entwicklungszusammenarbeit zu institutionalisieren. (Krummacher 2004:11) Zunehmend wurden nicht mehr nur die "Locals", sondern auch die Entwicklungs-helfer selbst, ihre Herangehensweisen, Strukturen und Organisationen als Teil des Problems begriffen. (Chambers 1998:xiii)

Einer der Vorreiter in der Literatur, der praktisch anwendbare Methoden für Partizipation entwickelte, war Robert Chambers mit seinem "PRA"-Ansatz. PRA steht für "Participatory Rural Appraisal". (Shepherd 1998: 89) Es geht dabei um eine Familie von Ansätzen, Methoden und Verhaltensweisen, auch aus der Ethnologie, die den Armen eine Stimme geben soll, es ihnen ermöglichen soll, ihre Lebensumstände selbst zu analysieren und ihre Entwicklungshilfe selbst (mit) zu planen, zu überwachen und zu evaluieren. (Blackburn & Holland 1998:6) Seit den 70ern wurden mindestens 29 Ansätze in dieser Richtung entwickelt, die mittlerweile alle in Kombination angewendet werden. Ein neuer Terminus, unter dem diese Ansätze zusammengefasst werden ist "PLA" für Participatory Learning and Action". (Blackburn & Holland 1998:6) Die Anwendung von PRA begann in kleinen Projekten in Kenia und Indien, ist aber mittlerweile - seit den 90ern - Mainstream in der Entwicklungszusammenarbeit geworden und wird von den Vereinten Nationen und der Weltbank mittlerweile auch zunehmend in größeren Projekten verlangt. (Blackburn & Holland 1998: 1) Partizipation ist somit zum zentralen Thema in der Entwicklungszusammenarbeit geworden. Es ist die neue Orthodoxie in der Weltbank und der Inter-Agency Learning Group, in der bi- und multilaterale Geldgeber und einige NROs vertreten sind. In immer mehr Ländern und Sektoren wird Partizipation verlangt. (Chambers 1998: xiii)

In der Ethnologie gibt es im Themenbereich "Entwicklungszusammenarbeit" eine starke Aufspaltung zwischen den Praktikern auf der einen und den Kritikern auf der anderen Seite. In der Praxis stehen die Ethnologen, die versuchen, an lokale Gegebenheiten angepasste Projekte zu entwickeln, die in der interkulturellen Kommunikation zwischen Gebern und der Zielgruppe assistieren und die Ergebnisse einzelner Projekte auf ihre sozialen Implikationen hin untersuchen. Die - zum Teil - radikalen Kritiker lehnen nicht selten Entwicklungshilfe als Ganzes ab. Laut Cohen und Dannhaeuser resultiert dies darin, dass es an "Mid-Level"-Theorien fehlt, die Praktikern in der Entwicklungszusammenarbeit, die nicht aus der Ethnologie stammen, helfen könnten, lokale Situationen, Hierarchien, Sorgen und Interessen besser verstehen und analysieren zu können. (Cohen & Dannhaeuser 2002: xi, xvii) Die Ethnologie mit ihrer großen Auswahl an Feldforschungsmethoden und ihren detaillierten Kenntnissen über Prozesse vor Ort (Stichwort: Machtkonstellationen, Organisationskultur etc.) hat Entscheidendes zur Debatte über Partizipation beizutragen. Auch und gerade die vehementen Kritiker, die der Entwicklungshilfe vorwerfen, lokale Akteure zu übergehen, misszuverstehen und zu entmachten, sollten sich, wie ich meine, in diese Diskussion einmischen, um den Diskurs - und die Praxis - in eine Richtung zu lenken, in der durch "Partizipation" nicht nur effizientere Entwicklungsprojekte entstehen, sondern in der Partizipation tatsächlich auch zum Werkzeug der Ermächtigung der Armen im Sinne Chambers' werden kann.

1.2. Aufbau der Arbeit

Die Arbeit wird sich an Hand von Fallbeispielen dem Thema "Partizipation" und seinen unterschiedlichen Facetten annähern. Im ersten Teil stelle ich die Analyse der sri lankischen Entwicklungszusammenarbeit des Ethnologen Mike Woost vor. Davon ausgehend werde ich zwei der zentralen Themen dieser Analyse etwas näher diskutieren: die vielfältigen Bedeutungen des "schillernden" Begriffes Partizipation, und die Rolle des Staates für partizipative Entwicklungsprojekte.

Im zweiten Beispiel - einem Projekt im indischen Himalaya - sollen partizipative Methoden in ein Entwicklungsprojekt integriert werden. Anhand dieses Beispieles möchte ich auf Problemfelder aufmerksam machen und auf einige schon bei der Projektbeschreibung vertiefend eingehen: das Problem der Zielsetzungen, der Verunsicherung von Mitarbeitern und möglicher Anreizsysteme. Im Fazit werde ich die besondere Problematik der Integration partizipativer Ansätze in den öffentlichen Sektor und in hierarchische Organisationskulturen diskutieren.

Im zweiten Teil der Arbeit soll es um mögliche Lösungsansätze gehen.

Zuerst werde ich einen kleinen Überblick über Ansätze und Prämissen der PRA-Methoden geben, und zeigen, wie sie Projektmitarbeitern beigebracht werden,

um dann zu beschreiben, wie sie im "Self-Help Support Programme" in Sri Lanka in die Arbeit vor Ort integriert werden konnten, und wie sich die am Projekt beteiligten Organisationen und Individuen ändern mussten, um dies zu ermöglichen. Im Anschluss daran werde ich zwei grundlegende Probleme diskutieren: Die Kontrolle über die Finanzen und die damit verbundene Macht und die differierenden Interessen innerhalb der Zielgruppen.

Im letzten diskutierten Beispiel geht es um ein Projekt der partizipativen Aktionsforschung in einem indischen Slum. Am Abschluss dieses Kapitels werde ich dann noch einmal zwei eher übergeordnete Themen diskutieren: die Frage der Größe von Projekten und die Rolle der Vermittler.

2. Hindernisse bei der Implementierung von partizipativen Ansätzen

2.1. Diskurse im Dienst des Staates: Partizipation in Sri Lanka

In seinem Artikel "The Common Sense of Development and the Struggle for Participatory Development in Sri Lanka" (2004) beschreibt der Ethnologe Mike Woost - basierend auf eigener Feldforschung mit über 30 Nichtregierungs-organisationen in den 90ern und den Bewohnern eines Dorfes im Südosten Sri Lankas seit Mitte der 80er - die verschiedenen Bedeutungen des Wortes "Partizipation", die im Land eine Rolle spielen. (Woost 2002: 118-9)

2.1.1. Ausgangsthesen des Autors Mike Woost

Angelehnt an Majid Rahnema (1992)[i] argumentiert Mike Woost, dass Partizipation am Anfang Teil der Kritik an "Top-Down"-Entwicklungsprojekten war und als eine demokratischere Form der Entwicklungshilfe propagiert wurde. Mittlerweile sagen aber einige Wissenschaftler und Praktiker, "Partizipation" wäre nichts als ein Schlagwort, dass in der Praxis nur bedeute, dass die "Armen" herausfinden "dürfen", dass was sie brauchen, genau das ist, was die Entwicklungshilfeorganisationen anbieten. Wie James Ferguson (1994)[ii] in seiner Studie über ein Entwicklungs-hilfeprojekt in Lesotho möchte aber auch Woost sich mit dieser Betrachtungsweise nicht zufrieden geben: Es reiche nicht aus, zu sagen, was in der Entwicklungspolitik schief laufe. Vielmehr muss erklärt werden, wie es im Gerangel der verschiedenen Interessen und Gruppen trotz vorhandener guter Absichten zum Verwässern der Partizipations-Idee kommen kann. (Woost 2002: 107-110)

2.1.2. Der Staat im internationalen Geflecht aus Wirtschaftsinteressen

Seit Einleitung der Marktöffnung Sri Lankas durch die United National Party 1977 ist das Hauptziel der jeweiligen Regierungsparteien, Sri Lanka in ein "Newly Industrialized Country" zu verwandeln, indem es ausländische Investoren durch Steueranreize, billige Arbeitskräfte und Freihandelszonen anlockt. Gleichzeitig wurden soziale Sicherungssysteme zu Lasten der Armen gekürzt. Obwohl diese Strategie einige Arbeitsplätze geschaffen hat, vor allem für Frauen im Bereich der Textil- und Elektronikindustrie, argumentiert Woost, dass die Bevölkerung nur durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft an dieser Entwicklungspolitik "partizipieren" kann. Seit den späten 80ern wurden die Politik der Marktöffnung und das Scheitern einiger groß angelegter Entwicklungsprojekte im Land zunehmend kritisiert. Woost benennt das Hauptproblem so: 'Die Regierung verfolge den Weg kapitalistischer Expansion mit den Folgen wie weniger sozialer Sicherung, Aufgehen der sozialen Schere und auch Unterdrückung von Gewerkschaften. Sie will aber trotzdem weiter gewählt werden. Gleichzeitig verlangen internationale Geldgeber zunehmend, partizipative Ansätze in die Entwicklungsarbeit zu integrieren.' Die ideologische Gegenstrategie der Regierung ab den frühen 90ern, nennt Woost "Peoplization". Exemplarisch steht hierfür das Programm der 200 Textilfabriken: Der damalige Präsident Premadasa erschien fast täglich bei der Eröffnung einer Textilfabrik im Fernsehen. Er sprach von dem "Erwachen der ländlichen Gegenden" und konstruierte die Investoren als lokale Schutzpatrone. Das Wort Partizipation war immer präsent, meinte aber nur, dass Dorfbewohner "teilhaben" konnten, indem sie ihre Arbeitskraft verkauften, mitentscheiden konnten sie nicht; weder in der Entwicklungspolitik, noch in ihren Unternehmen, da Gewerkschaften unterdrückt wurden. (Woost 2002: 110-112)

2.1.3. Internationale Nichtregierungsorganisationen und die Interessen der Spender

Auch internationale NROs wie CARE oder USAID haben laut Woost mit internen Widersprüchen zu kämpfen. Sie haben lange große Entwicklungsprojekte und Infrastrukturmaßnahmen gefördert und so in ihrer eigenen Art den Weg Sri Lankas zum Status eines Newly Industrialized Country gefördert. Seit der Abschiedsrede des früheren Weltbankchefs McNamara 1987[iii] ist aber klar, dass die Armen von diesen Investitionen kaum profitiert haben. Partizipation ist seitdem immer wichtiger geworden, wird aber oft nur als Ergänzung zu und nicht als Ersatz von Großprojekten verstanden. Zudem ist ein gravierendes Hindernis, dass die Organisationen für ihre Spender "Ergebnisse, die man zählen kann" produzieren müssen und daher seltener NROs unterstützen, die für "unzählbare Produkte" wie soziale Gerechtigkeit arbeiten. (Woost 2002: 112-113)

2.1.4. Einheimische NROs und ihre finanzielle Abhängigkeit

Einheimischen NROs wird oft eine wichtige Mittlerrolle im Übergang zu mehr Partizipation zugeschrieben. Man muß allerdings bedenken, so Woost, dass sie Teil der Entwicklungshierarchie sind und finanziell vom Staat und internationalen Organisationen abhängen. Einige übernehmen die offizielle Version von "Partizipation", die eher mitmachen und weniger selber initiieren meint. Die meisten von ihnen bieten Dienstleistungen im Bildungs- und Wirtschaftsbereich (Beratung, Kleinkredite) an, die darauf abzielen, es den Zielpersonen zu ermöglichen, erfolgreicher im Markt zu partizipieren. Laut Woost sind diese Intiativen bei Geldgebern beliebt, weil sie sowohl zur internationalen, als auch zur sri lankischen Vorstellung von Entwicklung ("Trade not Aid") passen. Sie sind laut einigen der interviewten NRO-Mitarbeiter aber nur begrenzt erfolgreich, da die Armen schon Erfahrung darin haben, wie sie für die Bessergestellten - jetzt die neuen Investoren und Unternehmensgründer - arbeiten. NROs, die andere Vorstellungen von Partizipation haben und beispielsweise Rechtsberatungen für Bauern anbieten oder an alternativen Entwicklungsstrategien arbeiten, geraten häufig in Konflikt mit dem Staat. Internationalen Geldgebern wird nicht erlaubt, sie zu fördern und sie werden von sri lankischen Ordnungskräften eingeschüchtert. (Woost 2002: 113-115)

2.1.5. Dorfbewohner im südöstlichen Sri Lanka: "It's all gamble"

In diesem Teil der Studie beruft sich Woost auf seine Feldforschungsdaten über die Region rund um das Dorf Suduwatua Area Gamma mit 300 Einwohnern. Über die Jahre, in denen er dort geforscht hat, sind viele Entwicklungsprojekte gekommen und gegangen. Die Menschen vor Ort haben eine auf Erfahrung basierende Meinung darüber, wie diese Initiativen funktionieren (den "common sense" Gramscis[iv]). Dass sie selbst solche Projekte mitgestalten könnten, liegt außerhalb ihrer Vorstellung. Sie sind mit Subsistenzwirtschaft beschäftigt. Entwicklungsprojekte, so haben sie gelernt, kommen von außen und werden von Leuten geleitet, die aus anderen Gegenden und einer anderen sozialen Klasse kommen als sie selbst. Alles was sie tun können, ist zu entscheiden, ob sie das Risiko eingehen mitzumachen, um das bestmögliche für sich und ihre Familie dabei "herauszuholen". (Woost 2002: 115-118)

2.1.6. Fazit

2.1.6.1. Partizipation - ein "schillernder" Begriff

Sehr deutlich wird an diesem Beispiel, dass es kein einheitliches Verständnis von der Bedeutung des Wortes "Partizipation" gibt, weder in Sri Lanka noch anderswo. Die Definitionen von Partizipation, mit denen international gearbeitet wird, könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Regierung Sri Lankas versteht unter Partizipation anscheinend hauptsächlich, dass die Bevölkerung an der Entwicklung "partizipiert", indem sie ihre (billige) Arbeitskraft an Investoren verkauft. (Woost 2002:112) Internationale Nichtregierungsorganisationen in Sri Lanka verstehen unter Partizipation primär, den Armen beizubringen, wie sie sich im Markt besser behaupten können. (Woost 2002: 113/118). Lokale NROs sind von den beiden zuvor genannten Ebenen finanziell abhängig und haben wenig Freiraum, Alternativen zu gestalten. Wenn Projekte schließlich bei der Zielgruppe selbst ankommen, wurden die Ideen über Partizipation auf den höheren Ebenen so verwässert, dass es für sie nur noch zwei Möglichkeiten gibt: mitmachen oder nicht. (Woost 2002: 118-9) Das Ziel der internationalen NROs in Sri Lanka passt gut zu einer Definition des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, der UNDP aus dem Jahre 1993: "The best route is to unleash entrepreneurial spirit - to take risks, to compete, to innovate, to determine the direction and pace of development". Gleichzeitig wird Partizipation bei der UNDP aber auch definiert als "access to decision-making and power". (Craig & Mayo 1995: 2) Dies unterstreicht was Beckmann 1997 in einer Studie herausgefunden hat: Auch innerhalb von einer Agentur, wie beispielsweise der GTZ oder dem DED, existiert oftmals kein konsistentes Verständnis. (Krummacher 2004: 5) Gisela Hayfa bemerkt hierzu 1992[v], dass Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit „vom gönnerhaften Mitmachen lassen aus bornierter Geberperspektive bis zu der revolutionären Forderung nach einer Umverteilung von wirtschaftlicher, sozialer und politischer Macht reicht“. (zitiert nach Krummacher 2004: 6) Die Weltbank sieht Partizipation primär als eine Methode, die Entwicklungsprojekte effizienter und günstiger macht.

" Participation is viewed as means to a definded end, not as an end in itself; the goal therefore is to achieve the desired project goals, not simply to maximize participation."

(Narayan für die Weltbank,1995: 7)

Für viele andere sind partizipative Prozesse hingegen bedeutungslos, wenn sie sich nicht mit den Strukturen befassen, die Armut und Ungleichheit möglich machen und perpetuieren. Partizipation als offener Prozess der Ermächtigung der Armen sollte zu einem politischen Wandel im Sinne der Armen führen. (Blackburn & Holland 1998:2) Die Ermächtigung lokaler Akteure durch partizipative Prozesse sei zentral für den Kampf der Armen für Gleichheit, Menschenrechte und Demokratie. (Craig & Mayo 1995: 2) Chambers betont auch, dass die Rhetorik beim Thema Partizipation der tatsächlichen Praxis weit voraus geeilt ist und noch nicht alle verstanden haben, welche weitreichenden Veränderungen auf allen Ebenen Partizipation (in seinem Sinne) tatsächlich impliziert:

"Requiring participation has preceded a full understanding of its implications. At first, much of the official thinking was that participation was cost-effective: with participation, local people do more; projects cost less; and achievements are more sustainable. So participation has been written into projects documents, policies, and even, as in Bolivia, laws. There can be, though, a big gap between requirement and reality. For (...) the changes needed extend back up hierarchies to include the cultures, procedures, incentives, rewards, and recruitment and staffing policies, of NGOs and of government and donor agencies ."

(Chambers 1998: xiv, meine Unterstreichung)

2.1.6.2. Die Rolle des Staates

Ein weiteres Fazit aus Woost's Studie ist, dass "Partizipation" in der Entwicklungszusammenarbeit mit abhängig von den übergeordneten Ebenen ist. Gerade für Ethnologen ist es daher wichtig, bei ihrer Analyse von (Kleinst-) Projekten vor Ort auch staatliche und internationale Rahmenbedingungen und Diskurse zu analysieren und ihre Auswirkungen vor Ort zu untersuchen. Der Druck auf Staaten der "dritten Welt", partizipative Methoden in ihre Arbeit zu integrieren, war nie so groß wie heute, denn zunehmend machen internationale Entwicklungshilfe-organisationen und Geberländer die Vergabe ihrer Mittel abhängig von einer Regierungspolitik, die sich an partizipativen "pro-Poor" Ansätzen orientiert. (Stiefel & Wolfe 1994: 211) (Wie beispielsweise auch bei den von der Weltbank für verbilligte Kredite geforderten "Poverty Reduction Strategy Papers" in denen Staaten darlegen müssen, inwiefern ihre Entwicklungspolitik den Armen helfen wird.) Die Rolle des Staates ist hierbei vor allem, ein "ermöglichendes" Umfeld für Selbsthilfeinitiativen und partizipative Programme zu schaffen und sie nicht, wie laut Woost teilweise in Sri Lanka geschehen, einzuschränken. Für die Regierungen ist die Versuchung groß (gerade nach den Strukturanpassungsprogrammen des Internationalen Währungs-fonds, die viele durchlaufen haben und durch die öffentliche Ausgaben massiv zurückgefahren werden mussten, was vielfach zu sozialen Unruhen geführt hat), Kosten und Verantwortlichkeiten nach unten abzugeben. Gleichzeitig will sie aber keinesfalls tatsächlich Macht abgeben, erstens da sie Angst vor sozialen Unruhen und möglichen Legitimationskrisen hat, sollte es zu Verschiebungen der Kräfte-verhältnisse kommen. (Stiefel & Wolfe 1994: 212, van Kampen 2000: 55) Zweitens sind auch Regierungen nicht neutral, sondern repräsentieren die dominanten sozialen Kräfte und eben nicht die Armen und Ausgeschlossenen. (Stiefel & Wolfe 1994: 212) Und drittens ist einer der entscheidenden Gründe für die ungerechte Verteilung der Ressourcen durch den Staat die relative Machtlosigkeit der Armen, die es ihnen erschwert, ihren Anteil gegen die Konkurrenz anderer Anwärter mit Nachdruck einzufordern. (van Kampen 2000: 55) Deswegen tolerieren die meisten Regierungen Partizipation nur in solchen Bereichen, die nicht direkt ihre eigene Interessen oder die lokaler Eliten kreuzen, schwierig zu verwalten, teuer, politisch unattraktiv oder auf die Mitarbeit der lokalen Bevölkerung angewiesen sind. So zum Beispiel im Gesundheitsbereich oder dem Umweltschutz. (Stiefel & Wolfe 1994: 213)

Um die widersprüchlichen Entscheidungen von Regierungen zu verstehen, muss man bedenken, dass eine Regierungsperiode kurz ist und dass von vielen Seiten kontinuierlich Druck auf den Staat ausgeübt wird: von internationalen Organisationen, anderen Ländern, Wirtschaftsunternehmen und auch von den oftmals ausufernden Bürokratieapparaten, die in vielen "Dritte Welt"-Ländern gewachsen sind, und um die es auch im nächsten Abschnitt gehen wird.

"Environmental management in the framework of a sustainable development approach, requires a long-term, coherent, comprehensive policy approach which governments are rarely able to pursue. As in other policy fields, they have to deal with and respond to a great many conflicting interests and forces from various sides and levels and they must cope with an array of public entities and established programs that have built up their own interests and inertia, with legislative provisions that can be changed only slowly and with organized resistance from different sectors of the bureaucracy and social forces and classes." (Stiefel & Wolfe 1994: 215)

2.2. Fallstudie: Partizipatives Umweltmanagement im Himalaya

In seinem Artikel "Participatory Environmental Management: contradiction of process, project and bureaucracy in the Himalayan foothills" beschäftigt sich der Autor Andrew Shepherd mit dem "Doon Valley Projekt" in Indien. Das Projekt, das unter anderem von der EU gefördert wird, war am Anfang ein "typisches Entwicklungsprojekt" des öffentlichen Sektors in Indien, bemühte sich dann aber zunehmend, partizipative Methoden in seine Arbeit zu integrieren. Shepherd beschreibt detailliert die Hindernisse, mit denen das Projekt in der ersten Phase der Implementierung zu kämpfen hatte.

[...]


[i] Rahnema, Majid 1992: "Participation" in. "The Development Dictionary: A Guide to Knowledge as Power", Wolfgang Sachs (ed.), 116-131, Zed Books LTD, London

[ii] Ferguson, James 1994: "The Anti-Politics Machine: "Development", Depoliticization and Bureaucratic Power in Lesotho", University of Minnesota Press, Minneapolis

[iii] McNamara, Robert 1987 "Paupers of the World an How to Develop Them" In: "Peasants and Peasant Societies" T. Shanin (ed), 425-28; Oxford: Basil Blackwell

[iv] Gramsci, Antonio 1971 "Selections from the Prison Notebooks of Antonio Gramsci" Q. Horare and G. Nowell-Smith (eds. and trans.) New York: International Publishers

[v] Hayfa, Gisela 1992 "Von der Beteiligung zur Selbstbestimmung. In: Entwicklung und Zusammenarbeit" (E+Z). Nr. 11, 1992. S. 8-11.

Details

Seiten
41
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638073110
ISBN (Buch)
9783638957311
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92832
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Ethnologie
Note
keine Benotung vorgesehen
Schlagworte
Partizipation Entwicklungszusammenarbeit Aktuelle Themen Ethnologie

Autor

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Titel: Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit