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Das neuzeitliche Fortschrittsdenken

ein Säkularisat der christlich-biblischen Eschatologie oder etwas genuin Weltliches?

Hausarbeit 2007 17 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition des Begriffs Fortschritt

3. Die Entstehung des Fortschrittdenkens

4. Weltgeschichte als Heilsgeschichte

5. Karl Löwith: Fortschrittsdenken als Säkularisat christlicher Enderwartung

6. Hans Blumenberg: Kritik an der Säkularisierungsthese

7. Die Kontroverse zwischen Löwith und Blumenberg

8. Jürgen Mittelstrass: Fortschritt als Entdeckung des neuzeitlichen Denkens

9. Reinhart Koselleck: Weiterführung von Löwiths Säkularisierungsthese

10. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fortschritt ist in unserem Sprachgebrauch ein gängiger Begriff, allerdings ist er erst im 18. Jahrhundert entstanden. Obwohl sowohl die Meinung vertreten wird, dass es schon immer ein gewisses Bewusstsein über Fortschritt gab, als auch die, dass die Vorstellung erst in der Neuzeit entstanden ist, ist man sich dennoch einig, dass man sich erst in der Neuzeit, vor allem im 18. Jahrhundert, intensiv mit der Kategorie Fortschritt auseinandergesetzt hat, ihn empirisch zu beweisen versucht und gewisse Erwartungen an ihn geknüpft hat. Wo allerdings Dissens besteht, ist die Frage nach der Entstehung des Fortschrittsdenkens. Während einige Historiker und Theologen der Ansicht sind, dass es sich aus der christlichen Erwartung auf ein künftiges Heil entwickelt habe, gibt es auch Vertreter der These, dass das Fortschrittsdenken ausschließlich aufgrund technischer und wissenschaftlicher Neuerungen aufgekommen und daher unabhängig vom christlichen Glauben entstanden ist. Des Theologen Karl Löwiths Werk Weltgeschichte und Heilsgeschehen, in dem die These vertreten wird, das Fortschrittsdenken sei ein Säkularisat der Eschatologie, entfachte in den 1960er Jahren eine Kontroverse zwischen ihm und Hans Blumenberg. Auch von Jürgen Mittelstrass wurde der theologische Ansatz heftig kritisiert, und die These, das Fortschrittsdenken sei etwas genuin weltliches, verteidigt. Der erst im letzten Jahr verstorbene Historiker und Schüler Löwiths, Reinhart Koselleck, versucht, dessen Gedanken weiterzuführen und den christlichen Ursprung des Fortschrittsdenkens darzulegen. Die Auswahl der Quellen wurde auf diese Autoren beschränkt, da sie die wichtigsten Aussagen zu diesem Diskurs beigetragen haben.

Im Folgenden soll zunächst der Begriff Fortschritt erläutert und die Entwicklung des Fortschrittsdenkens skizziert werden, um dann die bereits genannten widerstreitenden Thesen gegenüberzustellen.

Fortschritt ist eine entscheidende Kategorie unserer modernen Welt, die weitgehend unser Geschichtsbild und somit unser Weltbild bestimmt. Daher ist es von wissenschaftlichem Interesse, die Entstehung der Fortschrittsidee so differenziert wie möglich darzustellen.

2. Definition des Begriffs Fortschritt

Um den Ursprung des Fortschrittsdenkens zu untersuchen, muss man zunächst klären, was denn überhaupt unter Fortschritt zu verstehen ist. Wie der Begriff schon vermuten lässt, geht es beim Fortschreiten um eine Bewegung und somit um eine Veränderung. Fortschritt bedeutet eine Veränderung zu einem besseren Zustand. Diese Definition könnte allerdings genauso gut den Begriff Entwicklung beschreiben, was aber nicht dasselbe ist, darum muss man die Definition noch enger fassen. Entscheidend ist, dass diese Zustandsveränderung, anders als bei der Entwicklung, aufgrund menschlichen Handelns geschieht. Doch, wie Mittelstrass behauptet, sind nicht alle Veränderungen durch menschliches Handeln gleich Fortschritte, es fehlt noch eine entscheidende Komponente, nämlich die der Zielsetzung. Er schlägt deshalb folgende Definition vor: „Fortschritt ist Veränderung durch menschliches Handeln, das nach Zielsetzung erfolgt und dessen Maßstab im Detail das Bessermachen ist.“[1]

Man muss unterscheiden zwischen Fortschritten, die jeder einzelne vollbringen kann, wie beispielsweise ein Musiker, der durch Übung besser musiziert und somit Fortschritte macht, und dem „Kollektivsingular“[2] Fortschritt, der geschichtsphilosophischen Kategorie, die Geschichte als Aufstieg zu einem Höheren versteht. Dies setzt natürlich ein lineares und teleologisches Geschichtsbild voraus, denn ohne die Vorstellung einer Bewegung der Geschichte auf ein wie auch immer geartetes Ziel zu, ist Fortschritt in diesem Sinn nicht denkbar.

3. Die Entstehung des Fortschrittdenkens

Im Mittelalter war das Leben des Menschen noch stark auf das Jenseits ausgerichtet, das heißt, es wurde lediglich als Übergangszeit gesehen und war bestimmt von der Hoffnung auf das ewige Leben im Jenseits. Mit der Renaissance und mit dem Beginn der Neuzeit rückte der Mensch in seinem diesseitigen Leben mehr und mehr in den Mittelpunkt. Er entdeckte seine eigene Schöpfungskraft und erlangte das Bewusstsein, sein Erdenleben aus eigener Kraft gestalten und verbessern zu können, und damit seine diesseitige Zukunft zu beeinflussen. Dieses Selbstbewusstsein wurde durch die beschleunigte Entwicklung in Wissenschaft und Technik bestärkt. Dieser Prozess mündete in die Aufklärung, wo der Totalitätsanspruch von Kirche und weltlichen Herrschern in Frage gestellt wurde. Der Glaube an die menschliche Vernunft und die menschliche Fähigkeit, seine Zukunft selbst zu gestalten, ersetzte mehr und mehr die Religion.

Zahlreiche Quellen aus dem 18. Jahrhundert belegen, dass sich in dieser Zeit viele Denker mit der Idee einer fortschreitenden Menschheit befasst haben. Doch bedeutet das, dass es vorher keine Vorstellung von Fortschritt gab? Jürgen Mittelstrass behauptet, dass der Fortschrittsgedanke aus dem neuzeitlichen Denken hervorgeht, denn „die Entdeckung des Fortschritts nämlich setzt ihrerseits die Entdeckung des historischen Bewußtseins voraus“[3] und dieses Bewusstsein, das Verständnis von Geschichte als einem Gesamtprozess, ist erst in der Neuzeit entstanden. Diese These ist durchaus umstritten, doch im Hinblick auf die Definition des Fortschritts überzeugt sie.[4] Vermutlich hat man auch schon früher Fortschritte in kleinen Bereichen wahrgenommen, genauso wie es auch schon vor der Entwicklung des historischen Bewusstseins Geschichten über Ereignisse in der Vergangenheit gab, doch die geschichtsphilosophische Kategorie des Fortschritts wurde durch das neuzeitlichen Denken hervorgebracht. Wie auch den Begriff Geschichte, bezeichnet Koselleck den Fortschritt als einen ‚Kollektivsingular‘, der im 18. Jahrhundert entstanden ist und dazu dient, den Verlauf der Geschichte auf eine bessere Zukunft hin zu beschreiben. Überdies sind diese beiden Begriffe zeitgleich entstanden.[5]

„Das Fortschrittsdenken ist eine Fortführung und eine Konsequenz aus den wissenschaftlichen Entwicklungen des 18. Jahrhunderts“[6]. Was im 16. Jahrhundert eine Utopie war, wurde im 17. Jahrhundert allmählich als Realität erkannt und im 18. Jahrhundert ganz deutlich: Innovationen in der Wissenschaft häuften sich, sie beschleunigten sich, es gab in immer kürzer werdenden Zeitfristen immer mehr Neuerungen. Der Fortschritt, den man erkannte, bezog sich daher zunächst nur auf die neuen Wissenschaften. Die vielen Erfindungen und Entdeckungen und der damit verbundenen, zunehmenden Beherrschung der Natur, wurden zum Beweis für einen Fortschritt, der durch die Menschheit selbst vorangetrieben wird und in eine ungewisse, offene Zukunft führte.[7]

Doch nicht nur die Erkenntnis der Beschleunigung in der Wissenschaft führte zum Fortschrittsdenken, entscheidend war auch das Zeitbewusstsein des 18. Jahrhunderts. Zum einen war ein lineares, teleologisches Geschichtsverständnis Voraussetzung für die Vorstellung eines Fortschritts, da er eine geradlinige Bewegung auf ein Ziel in der Zukunft beschreibt, auch wenn dieses Ziel kein Fixpunkt in der Zukunft ist. Zudem bekam die Kategorie Zukunft an sich eine neue Bedeutung. Bis ins 18. Jahrhundert dachte man zunächst noch, dass die Menschheit bereits an einem sehr späten Punkt der Weltgeschichte angelangt sei, die nach der damals vorherrschenden christlichen Vorstellung durch Anfang und Ende klar eingegrenzt war. Allmählich stellte sich die Auffassung ein, dass die Zukunft der Menschheit mindestens so weit reichen kann wie die Vergangenheit und dass die „Zukunft quantitativ und vielleicht auch qualitativ mehr beinhalte als die Vergangenheit“[8], erst so konnte eine optimistische, progressive Tendenz entstehen. Die Vorstellung eines festgelegten Endes der Weltgeschichte wich allmählich. Dazu kam das neu entfachte Selbstbewusstsein des Menschen, der Glaube daran, durch das eigene Handeln die Zukunft mitgestalten zu können. Dieses Vertrauen auf die menschlichen Fähigkeiten war zum einen wohl auf die Aufklärung zurückzuführen, zum anderen wurden sie wiederum durch den von der Menschheit bewirkten wissenschaftlichen Fortschritt bestätigt.[9]

[...]


[1] Jürgen Mittelstrass: Neuzeit und Aufklärung, Berlin 1970, S. 343.

[2] Koselleck, Reinhart: Art. „Fortschritt“. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Hg. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 2. Stuttgart 1979. S. 351-423, hier S. 388.

[3] Mittelstrass: Neuzeit, S. 346.

[4] Vgl. Mittelstrass, S. 346; siehe auch Löwith, Karl: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Stuttgart 41961 [1953], S. 74.

[5] Vgl. Koselleck: Fortschritt, S. 352 f.

[6] Wendorff, Rudof: Zeit und Kultur. Geschichte des Zeitbewusstseins in Europa. Opladen 31985 [1980], S. 321.

[7] Vgl. Koselleck, Reinhart: Zeitverkürzung und Beschleunigung. Eine Studie zur Säkularisation. In: Ders.: Zeitschichten. Studien zur Historik. Frankfurt a. M. 2000. S. 187-202, hier S. 188 f.

[8] Wendorff: Zeit und Kultur, S. 322.

[9] Vgl. Wendorff: Zeit und Kultur, S. 321.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638066945
Dateigröße
382 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92820
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte
Note
2,3
Schlagworte
Fortschrittsdenken Proseminar Zeitkonzepte Jahrhundert

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