Lade Inhalt...

Die Entwicklung der SPD von 1959 bis 1969

Seminararbeit 2001 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Jahre der Neuorientierung 1959 – 1961
2.1. Anpassung an veränderte Realitäten: Das Godesberger Programm
2.2. Wende in der Außenpolitik: Der Deutschland-Plan
2.3. Innerparteiliche Strukturen: Das Führungsdreieck Brandt – Erler – Wehner

3. Gemeinsamkeit bis zur Selbstverleugnung? 1961 – 1964
3.1. Die Amerikanisierung des Wahlkampfes: Bundestagswahl 1961
3.2. Die „gemeinsame Bestandsaufnahme“
3.3. Grundsätze der Außen- und Deutschlandpolitik
3.4. Spiegel-Affäre, Präsidentschaftswahl und Papstaudienz

4. Der Weg in die Regierung 1964 - 1966
4.1. Brandt wird Vorsitzender – Das Zugpferd der SPD?
4.2. Die Bundestagswahl 1965: Abschied vom Konsumwähler
4.3. Das Krisenjahr 1966 – Bildung der großen Koalition

5. Vom Juniorpartner zur Kanzlerpartei 1966 – 1969
5.1. Der Beweis der Regierungsfähigkeit
5.2. Die Bedeutung von Notstandsgesetzgebung und Studentenprotesten
5.3. Die Präsidentschaftswahl als Generalprobe
5.4. „Schillerwahl“ und sozial-liberale Koalition

6. Fazit

Bibliografie

1. Einleitung

Bereits im Jahre 1891 als „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ gegründet, ist die SPD die älteste bis heute existierende Partei in Deutschland. Von einer sozialistisch orientierten Arbeiterpartei wandelte sie sich in ihrer Geschichte zu einer sozialdemokratischen Interessenvertretung aller Arbeitnehmer. Sie überstand beide Weltkriege, konnte allerdings nach dem zweiten Weltkrieg, anders als 1918, aus den Verstrickungen der konservativen Kräfte in Krieg und Tyrannei kein Kapital schlagen.

Nachdem die SPD im Jahr 1933 wie alle Parteien verboten worden war, erfolgte unmittelbar nach Kriegsende die Wiedergründung. Mit der Wahl Kurt Schumachers zum ersten Vorsitzenden war der kämpferisch-antikommunistische aber dennoch sozialistische Kurs der Partei vorbestimmt. Gerade diese politische Festlegung jedoch machte die Hoffnungen der Sozialdemokraten auf eine führende Position in der entstehenden Bundesrepublik zunichte und führte sie für lange Jahre in die Rolle der Opposition. Die Regierung stellte die neu gegründete „Christlich-Demokratische Union Deutschlands“ mit dem Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Nachdem der SPD im Verlauf der 50er Jahre kaum politische Erfolge gelangen und eine politische Mehrheit in weiter Ferne stand, wurde im Jahr 1959 auf dem Parteitag in Bad Godesberg ein neues Grundsatzprogramm verabschiedet.

Innerhalb eines Jahrzehntes gelang zunächst die Beteiligung der Partei an einer großen Koalition, bis 1969 mit Willy Brandt der erste Sozialdemokrat ins Bundeskanzleramt einzog.

Grund genug diese Jahre eingehender zu beleuchten und herauszufinden, in welchen Entwicklungen, Zielen und Personen die Ursachen dieses Aufstiegs lagen. Dabei ist es von Vorteil, dass die Geschichte der Sozialdemokraten allgemein recht ausführlich in der Forschung behandelt wurde und neben etlichen Darstellungen zur Entwicklung der Partei ausreichendes Quellenmaterial in Form von Reden, Sitzungsprotokollen, persönlichen Aufzeichnungen der Akteure, Arbeitspapieren und Programmen zur Verfügung steht.

Vorliegende Arbeit wird die Entwicklung dieser zehn vielleicht wichtigsten Jahre für die SPD nachzeichnen und die angeführte Fragestellung beantworten, inwiefern konkrete Gründe für den Aufstieg der SPD auszumachen sind.

2. Die Jahre der Neuorientierung 1959 – 1961

2.1. Anpassung an veränderte Realitäten: Das Godesberger Programm

Nachdem bereits im Jahr 1958 eine Organisationsreform der Partei beschlossen worden war, folgte auf einem außerordentlichen Parteitag vom 13. bis 15. November 1959 die inhaltliche Neuorientierung der Sozialdemokraten. Die augenfälligste Änderung war der völlige Verzicht auf eine weltanschauliche Festlegung, wie sie in früheren Programmen formuliert wurde. Deutlich wird dies in den Festlegungen „die Sozialisten erstreben eine Gesellschaft, in der jeder Mensch seine Persönlichkeit in Freiheit entfalten [...] kann“ und „die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist die Partei der Freiheit des Geistes“[1]. Des Weiteren nahm die SPD von alten Vorstellungen wie der Sozialisierung Abschied und erkannte die bundesrepublikanische Realität in Bereichen wie Landesverteidigung oder parlamentarischer Demokratie an[2]. Statt dogmatischer Festlegungen wurde nun der Pluralismus groß geschrieben, von der Klassen- wurde die SPD zur Volkspartei. Theoretische Grundlage war der von Leonard Nelson begründete ethische Sozialismus, mit seinen Grundwerten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität[3].

Bei der Bewertung dieses Programms besteht in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darin, dass es sich bei der programmatischen Neuorientierung der SPD nicht um einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit, sondern um das Nachvollziehen der Veränderungen seit Gründung der Bundesrepublik handelte[4]. Es war gleichzeitig Ursache und Wirkung von Veränderungen: Während die Spitzenfunktionäre die neue Situation längst erkannt hatten und diese nun im Hinblick auf eine zukünftige Regierungsfähigkeit umsetzen wollten, waren in der Parteibasis zunächst nicht alle mit dem neuen Kurs einverstanden und mussten sich mit der Zeit daran gewöhnen. Somit ist die Verabschiedung des Godesberger Programms gleichzeitig Ausdruck für den neuen Stil der Parteiführung, nämlich der Parteiarbeit von oben nach unten[5].

Insgesamt gesehen war das Godesberger Programm ein notwendiger Schritt, um für breitere Bevölkerungsschichten wählbar zu werden, der entscheidende Faktor für höhere Wahlergebnisse dürfte es allerdings nicht gewesen sein, da in der Regel ein Unterschied zwischen dem Grundsatzprogramm und der tatsächlichen Politik einer Partei besteht.

2.2. Wende in der Außenpolitik: Der Deutschland-Plan

Parallel zur allgemeinen inhaltlichen Wende folgte eine Umkehr in der Außen- und Deutschlandpolitik. Noch 1959 wähnte sich die SPD mir ihrem Deutschland-Plan, der Truppenreduzierungen, eine kernwaffenfreie Zone und eine schrittweise Wiedervereinigung vorsah[6], in der außenpolitischen Offensive. Dieser Plan wurde allerdings ein Jahr später, nach dem Scheitern der Pariser Konferenz im Mai 1960, fallen lassen. In einer Aufsehen erregenden Rede verkündete Herbert Wehner am 30. Juni 1960 im Bundestag das Ende des Deutschland-Plans und das Angebot einer gemeinsamen Außenpolitik mit der Regierung. Damit ging Wehner noch über die bereits von SPD-Politikern geforderte „gemeinsame Bestandsaufnahme“ hinaus. Die CDU/CSU hielt dagegen, dass die SPD die Außenpolitik der Regierung als richtig anerkennen solle, während der FDP-Vorsitzende Erich Mende ebenfalls eine gemeinsame Orientierung vorschlug[7].

Innerhalb dieses Streits zeichnete sich bereits ab, was in den nächsten Jahren Taktik der Sozialdemokraten werden sollte: Von der kritischen Haltung der Opposition wollte man der Regierung möglichst weit entgegenkommen um Einfluss auf Entscheidungen ausüben zu können. Zweiter Hintergedanke war vermutlich ein Beweis der Koalitionsfähigkeit der SPD.

Eine der weitreichendsten Folgen der neuen außenpolitischen Vorstellungen war die Abkehr vom unmittelbaren Ziel der Wiedervereinigung. Wehner machte mit seiner Rede deutlich, dass die Wiedervereinigung ihre absolute Priorität verloren hatte und erkannte die NATO und sicherheitspolitische Vereinbarungen an[8].

2.3. Innerparteiliche Strukturen: Das Führungsdreieck Brandt – Erler – Wehner

Auf dem Parteitag im November 1960 in Hannover wählte die SPD mit Willy Brandt erstmals einen Kanzlerkandidaten, der als der Erste einer Mannschaft auftreten sollte. Gemeinsam mit Herbert Wehner und Fritz Erler war er einer der exponiertesten Verfechter der Gemeinsamkeits-Politik, welche die Delegierten auf diesem Parteitag ebenfalls nachträglich absegnen sollten[9].

In ihrem Kurs unterschieden sich die drei Politiker von der Linie des Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer, der unter „Gemeinsamkeit“ vor allem heftige Attacken gegen die Regierung verstand. Allerdings stimmte auch das „Führungsdreieck“ nicht in allen Punkten überein. Anders als Herbert Wehner, wollte Willy Brandt den neuen Kurs auch auf innenpolitische Bereiche ausdehnen, während ersterer lediglich die außenpolitische Gemeinsamkeit suchte.

Die grundsätzliche Linie dieser Führungspersonen strahlte nach außen den neuen Kurs der SPD aus und dürfte im Zusammenhang mit der Personalisierung der Wahlkämpfe ein weiterer Faktor dafür gewesen sein, dass sich das Verhältnis der Parteien untereinander entspannte und dass die Wähler mit den Frontmännern der Sozialdemokraten eine Realpolitik verbanden, die statt auf die Vision der baldigen Wiedervereinigung auf pragmatische Lösungen aktueller Probleme setzte.

[...]


[1] Grundsatzprogramm der SPD vom 15.11.1959. Zit. nach: Miller, Susanne / Potthoff, Heinrich:

Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und Dokumentation 1848 – 1983. Bonn 51983, S. 386.

[2] Vgl.: Miller, Susanne / Potthoff, Heinrich: Kleine Geschichte der SPD. Darstellung und

Dokumentation 1848 – 1983. Bonn 51983, S. 202ff.

[3] Vgl.: Brauns, Hans-Jochen / Jaeggi, Urs u.a.: SPD in der Krise. Die deutsche

Sozialdemokratie seit 1945. Frankfurt a. M. 1976, S. 177.

[4] Vgl.: Klotzbach, Kurt: Der Weg zur Staatspartei. Programmatik, praktische Politik und

Organisation der deutschen Sozialdemokratie 1945 – 1965. Berlin, Bonn 1982, S. 449f.

[5] Vgl.: BRAUNS (wie Anmerkung 3), S. 179.

[6] Vgl.: BRAUNS (wie Anmerkung 3), S. 215.

[7] Vgl.: Bouvier, Beatrix W.: Zwischen Godesberg und Großer Koalition. Der Weg der SPD in

die Regierungsverantwortung. Bonn 1990, S. 52f.

[8] Vgl.: Schirmer, André: Die Deutschlandpolitik der SPD in der Phase des Übergangs vom Kalten

Krieg zur Entspannungspolitik 1955 – 1970 (= Studien zur Politikwiss. 36). Münster 1988, S. 103.

[9] Vgl.: BOUVIER (wie Anmerkung 7), S. 70.

Details

Seiten
26
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638160216
ISBN (Buch)
9783638640947
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9281
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Historisches Institut - Abt. Neuere Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Parteiengeschichte

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Entwicklung der SPD von 1959 bis 1969