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Das Theaterpublikum im Mittelalter und in der Gegenwart

Seminararbeit 2005 15 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Rollenwechsel des Publikums
2.2 Folgen des Urbanismus
2.3 Identifikation des Publikums
2.4 Publikumswirksame Aktualisierung
2.5 Rhetorische Ansprache
2.6 Sprache der Schauspieler
2.7 Was lernt der Zuschauer vom Theater
2.8 Publikum Gegenwart im Vergleich Mittelalter

3. Schluss

Quellenangaben

1.Einleitung

Was sind unsere Versammlungen im Theater heute gegen die Versammlungen des Volkes im Spätmittelalter? Die alten Bühnen auf dem Marktplatz konnten an feierlichen Tagen die Aufmerksamkeit eines ganzen Volkes in ihren Bann ziehen. Wie viel Gewalt eine große Menge von Zuschauern hat wird deutlich an dem Eindruck, den die Menschen aufeinander machen. Die Schaubühne ist mehr als jede andere öffentliche Veranstaltung des Staates eine Schule der praktischen Weisheit oder ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben. Das Massentheater entfaltete sich unter grundverschiedenen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen. Im Mittelalter, einem Zeitalter des steil wachsenden Stadt- Phänomens, waren die sozialen Spannungen genauso spürbar wie die unterschiedlichen religiösen Impulse und die Reaktionen darauf, je nachdem, ob es um eine gradualistische oder nominalistische Entwicklungsphase ging. Von tiefer Furcht bis zur Freude am gemeinsamen Erlebnis ist am Publikumsverhalten im Mittelalter einiges abzulesen, was schon über den theatralischen Bereich hinausgeht. Das Verhalten des Publikums bei den religiösen Spielen ist ja nur ein stellvertretendes Symbol für den jeweiligen Kulturzustand des betreffenden Bevölkerungskreises und für die politische und wirtschaftliche Lebenserfahrung. Dies gilt für das Publikum im Spätmittelalter genauso wie für das der Gegenwart. Doch warum stand damals das Publikum stellvertretend für das ganze Volk und warum kann heute von ,,dem Publikum“ als solchem nicht mehr die Rede sein? Im Folgenden werde ich mich mit dieser Frage näher beschäftigen.

Im Hauptteil der Arbeit beleuchte ich die Wirkung der religiösen Spiele auf das spätmittelalterliche Volk und dessen Verhalten. Daran anknüpfend gebe ich einen Ausblick auf das Zuschauerverhalten der Gegenwart.

2. Hauptteil

2.1 Rollenwechsel des Publikums

Der Aufstieg von ,,Stadt und Bürgertum" im Spätmittelalter führte zu einer kulturellen Gegenposition gegenüber der ritterlich- höfischen Kultur des Hochmittelalters. Der Wille zur Selbstverantwortung setzte ein, nicht nur im Gemeinwesen und in der Wirtschaft, sondern auch in religiösen Bereichen. Die Bürger wollten nicht mehr bloß Empfangene, sondern Mitwirkende, Mitgestaltende und Mitverantwortliche sein. Die lateinische Botschaft, die sie früher in Symbolhandlungen sahen, wollten sie nun in ihrer eigenen Muttersprache in aktionelle Formen umsetzen.

Die Schauspieler und das Publikum bildeten im Spätmittelalter eine Einheit. Sie waren eine Gemeinschaft der Gläubigen, die die Heilsgeschichte zusammen erleben wollten. Das Heraustreten aus dem Kirchenraum schaffte für alle Beteiligten, sowohl für den Spielveranstalter als auch für die Darsteller und das Publikum, eine neue, vom Kirchenraum grundverschiedene Situation. Ort der Vorführungen war nicht mehr der ehrfurchtgebietende Sakralraum, sondern der Marktplatz, der umgeben war von Häusern, in denen die Bürger lebten, geboren wurden und starben. Aus der Mitte der Zuschauer ging der Wunsch zum gemeinsamen Spielerlebnis und seiner Verwirklichung hervor. Anfangs gingen noch einige Anstöße, was die Spielbücher betrafen, von der Geistlichkeit aus. Doch der Säkularisierungsprozess der Beteiligten ging schnell vor sich, weil das Publikum immer stärker die Verkörperung religiös-biblischer Vorgänge mit menschlichen Zügen und Aktionen durchsetzen wollte. Der Zuschauer wollte seine eigene konkrete Wirklichkeit anschaulich auf der Bühne vorgeführt bekommen. So konnte er erfahren, dass es sein Spiel war, das er erlebte. Der Blick des Publikums war nicht mehr allein auf Gott gerichtet, wie in den Kirchenraum- Feiern, sondern jetzt ging es im Spiel um menschliches Schicksal.[1] Was früher noch als abstrakt und unglaubwürdig dargestellt wurde, war nun anschaulich und greifbar.

2.2 Folgen des Urbanismus

Der Marktplatz war Ort der Kommunikation. Die dort veranstalteten Spiele dienten der Feiergemeinschaft, die zugleich auch eine Notgemeinschaft war. Durch die politischen Erschütterungen, die die Menschen des Spätmittelalters in fast allen Regionen miterlebten, die Seuchen und die Gefährdungen der städtischen Siedlungen waren die religiösen Spiele für das Massenpublikum Hilferuf und Unterhaltung zugleich. Zusammen beschworen sie ihre Angst, gemeinsam trat die Lust zum Lachen auf, dicht neben Grausamem und Erschütterndem. Die Menschen suchten nach Sicherheiten ,,inmitten einer Vermenschlichung göttlichen Leidens und inmitten ferner Trostverheißungen"[2]

Innerhalb der Städte ergaben sich immer wieder Unsicherheitsfaktoren. Die Bürger mussten ihre Freiheit immer wieder aufs Neue verteidigen und erkämpfen, da ihr Aufstieg durch viele Rückschläge im Politischen, im Wirtschaftlichen und durch Pestseuchen unterbrochen wurde. So entstand die Sorge im urbanen Zusammenleben. Aus dieser Sorge heraus erklärten sich wesentliche Erscheinungsformen der spätmittelalterlichen religiösen Spiele. Einerseits wünschten sich die Bürger ein großes Publikum, auch den Zustrom von Fremden, andererseits hatten sie Angst vor Unruhestiftern, oder dass von Gästen die Pest eingeschleppt würde[3]. Ein Paradebeispiel dieser Angst lieferten die bezeichnenden Vorkehrungen des Rates von Angers, welche die Stadtväter 1486 ,,pour la sécurité et garde de la ville pour le mystére de la Passion N.S."[4] beitrafen. Es durfte nur ein Tor geöffnet sein, damit man den Überblick der Eintreffenden behielt. Rings um das Tor standen Bewaffnete, die alle Gäste kontrollierten, damit sich nicht ,,des crocheteurs et autres mauvaises gens"[5] einschlichen.

Diese "Precautions" des Rates der Stadt Angers spiegelten die Ursache für die Abhaltung der Spiele: die geheime Lebensangst dieser Zeit, von der die Menschen trotz der aufsteigenden wirtschaftlichen Erfolge bedrängt wurde. Den Beschwörungscharackter der Spiele nahmen die Menschen an, weil ihre Vermenschlichung biblischer Vorgänge im theatralischen Prozess durchbrochen wurde durch Belachenswertes. Das Publikum versuchte die Zukunfts- und Todesfurcht zu übertönen ,,durch ein Zwischenweiliges Lachen voll des mitfühlenden oder schadenfrohen Vorspiegelns bürgerlicher Selbstsicherheit".[6]

2.3 Identifikation des Publikums

Die Zuschauer kamen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Von den Patriziern und Handelsherren bis zu den Handwerkern, aber auch bis zu den rund um die Stadt wohnenden Bauern waren bei den Vorführungen alle anwesend. Wenn ihre Lebensformen und Sorgenbereiche auch noch so unterschiedlich waren, ,,der Augenblick des Theater- Erlebens einigte sie alle in der großen Erwartung, im spannenden inneren und äußeren Mitgehen, im Miterschrecken und Mitlachen, im gemeinsamen Hoffen auf göttliche Hilfe in dieser und der jenseitigen Welt"[7]. Es kam auch vor, dass im Theater die tatsächlichen Spielstätten oder naheliegenden Orte namentlich erwähnt wurden, oder den Zuschauern bekannte Mitbürger mit ihrem tatsächlichen Hausnamen angeführt wurden.[8] Dies schaffte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, vor allem aber konnten sich die Bürger mit dem Gespielten identifizieren. Dabei spielte der unmittelbare Gegenwartsbezug eine wichtige Rolle. Immer wieder wurde das gemeinsame Gegenwartsleben der Schauspieler und Zuschauer in den Spielverlauf und in die Motivation der Spiele miteinbezogen. Gleichgültig, ob es sich um Jahreszeitenerlebnisse oder um die bürgerlichen Moralvorstellungen dieser Zeit, z.B. um die Moralvorstellung im Hinblick auf die Position der Frau im Gemeinschaftsleben, um Anspielungen auf das Sexualleben oder um Ständesatiren handelte[9].

[...]


[1] Vgl. Heinz Kindermann: Das Theaterpublikum des Mittelalters, Salzburg 1980, S.19 - 22

[2] Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas. Das Theater der Antike und des Mittelalters, Bd.1., 2 Aufl., 1957, S.208.

[3] Vgl. Kindermann: Das Theaterpublikum des Mittelalters,

[4] Vgl. Élie Konigson: L´espace théatral médiéval, Paris 1975,

[5] Ebd.

[6] Otto Brunner: Sozialgeschichte Europas im Mittelalter, Göttingen 1978, S.40 ff.

[7] Rainer Schmid: Raum, Zeit und Publikum des geistlichen Spiels: Aussage und Absicht eines mittelalterlichen Massenmediums, München 1975, S.126.

[8] Vgl. Wilhelm Arndt: Die Personennamen der deutschen Schauspiele des Mittelalters, (Germ. Abh., Heft 23) Breslau 1904, S.33.

[9] Vgl. Kindermann: Das Theaterpublikum des Mittelalters, S.32.

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638066686
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92759
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Theaterpublikum Mittelalter Gegenwart Theorien Konzepte Multimedialen Kommunikation Verlgleich

Autor

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