Lade Inhalt...

Zur Untersuchung von Römer 13 aus exegetischer und ethischer Sicht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 29 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Vorbemerkungen zur Einleitung in den Römerbrief

3 Übersetzung

4 Textkritik

5 Synchrone Textanalyse
5.1 Röm 13, 1-7
5.2 Röm 13, 8-13

6 Diachrone Textanalyse
6.1 Traditionsgeschichte
6.1.1 Zum paulinischen Herrschaftsverständnis
6.1.2 Traditionskritik
6.1.3 Quellenkritik
6.2 Religionsgeschichte
6.3 Sozialgeschichte

7 Hermeneutik

8 Zur Ethik

9 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit ist im Anschluss an das neutestamentliche Hauptseminar "Paränese und Ethik in der neutestamentlichen Briefliteratur" im Wintersemester 2007/08 entstanden.

Ihr Gegenstand ist das 13. Kapitel des Briefes an die Römer, das unter Einbezug ausgewählter Schritte der historisch-kritischen Methode exegetisch untersucht werden soll. Die Zielsetzung ist klar: Wenn als modus operandi die synchrone und diachrone Betrachtung des Textes unerlässlich sind, so dürfen die ethischen Aspekte des Textes nicht außer Acht gelassen werden. Obgleich Übersetzungen auch in vielfacher Ausfertigung vorliegen, gelingt der beste Einstieg in die Materie m.E. doch immer über die eigene Übersetzung. Dabei soll nicht auf eine textkritische Untersuchung und die Darstellung ggf. verschieden bezeugter Varianten des Textpassus verzichtet werden.

Aus einer Gesamtperspektive heraus betrachtet wird sowohl „im Text“ (synchron), als auch „um den Text herum“ (diachron) gearbeitet. Wenn die synchrone Bearbeitung den Text auch in zwei Teile aufsprengt, so sei dies weniger literarkritisch[1] im Sinne einer Schichtung geschehen, sondern vielmehr aus inhaltlichen Gründen heraus. Es gelingt Paulus in Röm 13 zwei Perspektiven des christlichen Lebens darzustellen: Seinen Bezug zum öffentlichen Lebensvollzug, wie aber auch zum Leben aus dem Glauben heraus. Ich denke, dass hier gewiss von einer Art „Dialektik“ gesprochen werden darf, wie im Weiteren zu sehen sein wird. Zum einen, so fordert es der Apostel, müsse der Christ mit der ihn umgebenden Umwelt auskommen, gerade auch dann, wenn sie ihn mitunter missachtet und verfolgt. Zum andern gestaltet sich innerhalb dieser „äußeren Schale“ das Gemeindeleben als Nukleus christlich-gesellschaftlichen Daseins, mit seiner alles tragenden Formel: VAgaph,seij to.n plhsi,on sou w`j seauto,n – „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst.“

Eine abschließende Betrachtung der Ergebnisse wird im fünften Kapitel der Hausarbeit zur Hermeneutik gegeben werden.

2. Vorbemerkungen zur Einleitung in den Römerbrief

In Röm 1,7 lesen wir: pa/sin toi/j ou=sin evn ~Rw,mh| avgaphtoi/j qeou/ klhtoi/j a`gi,oij – „An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen“.

Es herrscht forschungsgeschichtlich der mehrheitliche Konsens, den Römerbrief als den letzen echten erhaltenen Brief des Apostels Paulus zu bewerten. Günter Bornkamp geht soweit ihn als das „Testament des Paulus“ zu bezeichnen. Ob die vorfindlichen Worte des Briefes unmittelbar aus Paulus’ Feder stammen oder ob sie nicht gegebenenfalls auf sein Diktat oder sogar Memorandum paulinischer Worte zurückgehen ist möglich, wenn in Röm 16,22 ein Tertius als Schreiber des Briefes genannt ist.

Der Brief nennt expressis verbis als Adressaten „alle in Rom“. Darunter fallen (nach Röm 1,13; 6,19 und 11,13) Heiden und (nach Röm 4,1; 7,1 und 9,10) Juden (-Christen). Deutlich ablesbar wird an dieser Stelle das paulinische Missionsprinzip: Es geht ihm nicht um die Rettung einzelner, sondern vielmehr um die Verkündigung des Heils an alle.

Der Römerbrief scheint unmittelbar vor Paulus’ geplanter Rückkehr nach Jerusalem verfasst worden sein. Dorthin will er die gesammelte Kollekte überbringen (vgl. Röm 15,25-32).

Für eine Abfassung in Korinth sprechen mehrere Faktoren: Wenn der in Röm 16,23 genannte Gaius derselbe ist, von dessen Taufe in 1 Kor 1,14 berichtet wird, befindet sich Paulus in dessen Haus in Korinth.

In Röm 16,1 erwähnt Paulus „Phöbe, die Dienerin der Gemeinde von Kenchreä“, einer Gemeinde im Umkreis von Korinth. Möglicherweise hat sie den Brief nach Rom überstellt.

Der in Röm 16,23 als Grüßender geschilderte „Stadtkämmerer Erastus“ ist in Korinth als städtischer Beamter epigraphisch belegt.

Der Zeitpunkt seiner Abfassung wird an anderer Stelle dieser Arbeit erläutert werden, daher bleibt eine Datierung hier offen. Es sei vorerst nur soviel erwähnt: In Röm 16,3-4 heißt es „Grüßt Priska und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, die für mich ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt haben“. Möglicherweise darf dies als Hinweis eine Verfolgung der Christen gedeutet werden.

3. Übersetzung

(1) Jede Seele unterwerfe sich den (ihr) übergeordneten Mächten, denn es gibt keine Macht,[2]
wenn nicht von Gott, denn die, die sind, sind von Gott eingesetzt worden.
(2) so dass wer der Macht zuwiderhandelt, (er) leistet der Ordnung Gottes Widerstand; die aber Widerstand leisten, diese selbst werden das Gericht erhalten.
(3) nicht aber bedeuten die Herrschenden Schrecken für das gute Werk, sondern für das Schlechte. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Macht, tue das Gute und du hast Segen daraus.
(4) denn sie ist dir der Diener Gottes zum Guten, wenn du aber das Schlechte tun solltest fürchte (dich). Denn nicht ohne Grund fürchtet sie das Schwert; denn sie ist der Diener Gottes, ein Rächer zur Strafe dem, der Schlechtes verrichtet.
(5) Deshalb ist es nötig zu gehorchen, nicht allein der Strafe wegen, sondern auch des Gewissens wegen.
(6) Denn deshalb entrichtet ihr Steuern. Denn sie sind Diener Gottes, die fortfahren damit, dieses selbige zu tun.
(7) Gebt allen das (Ihnen) Schuldige: die Steuer, dem die Steuer, Zoll, dem der Zoll, Furcht, dem Furcht und Ehre, dem Ehre (zusteht, gebührt).
(8) Seid niemandem nichts schuldig, wenn nicht (nur) (=außer) den anderen zu lieben. Denn der, der den anderen liebt, er erfüllt das Gesetz.
(9) Denn das: „Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren. Und wenn es irgendein anderes Gebot (gibt), ist es in diesem Wort zusammengefasst: [In diesem:] Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst.
(10) Die Liebe tut dem Nächsten nichts Schlechtes. Die Erfüllung des Gesetzes (ist) die Liebe.
(11) Und der, der dieses weiß, (nämlich) die Zeit (den Zeitpunkt), dass die Stunde da (ist), dass ihr vom Schlafe aufsteht. Denn nun (ist) nahe unser Heil, da wir Glaube gefunden haben
(12) Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nähert sich: Wir wollen nun die Werke der Dunkelheit ablegen, anlegen aber wollen wir die Waffen des Lichtes.
(13) wie am Tag lasst uns anständig wandeln, nicht in Orgien und Gelagen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Streit und Eifersucht,
(14) sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und Vorsorge für das Fleisch nicht betreibt der Begierde wegen.

4. Textkritik

Dieser Teil der Arbeit versucht durch einen Vergleich mit den im textkritischen Apparat angegeben anderen Lesarten mögliche (unbeabsichtigte) Textveränderungen offenzulegen. Ziel ist es, den möglichst ältest annehmbaren Text heraus zu „filtern“.

V.1 Hinsichtlich des ersten Verses bestehen für Pa/sa yuch. evxousi,aij u`perecou,saij u`potasse,sqw andere Lesarten. D*, F, G lesen ebenso wie P46 konsequent Plural. P46 als sog. „ständiger Zeuge“ hat zwar die paulinischen Briefe zum Inhalt, wird aber allgemein um das Jahr 200 datiert. Damit wäre diese Lesart in einem Abstand von ungefähr 150 Jahren zur Abfassungszeitpunkt entstanden. Da Pa/sa yuch allgemeine Bedeutung hat, bedarf es keines pluralischen Ausdrucks. Die vorliegende singularische Lesart ist beizubehalten.

Für u`po. ist mit apo in D*, F und G eine andere Lesart bezeugt. Da beide Präpositionen in Verbindung mit dem Gebrauch des Genitivus separativus stehen und an dieser Stelle keine Bedeutungsverschiebung durch apo gegeben wäre, bleibt u`po beizubehalten.

Einige Lesarten führen nach ou=sai eine Einfügung von exousiai an. Dies würde ou=sai zwar formal näher bestimmen, doch gibt es keine Grundlage zu Missverständnissen, da ein Fehlbezug auf ein anderes Satzglied auszuschließen ist; der anaphorische Bezug auf evxousi,aij u`perecou,saij ist klar.

Auch wird hinsichtlich des zweiten u`po. qeou/ der Genitivartikel u`po tou/ qeou/ in einigen Lesarten gesetzt. Da u`po eo ipso in der vorliegenden Bedeutung mit Genitiv zu lesen ist, ist der Artikel tou zu vernachlässigen.

V.3 F* bezeugt hinsichtlich tw/| avgaqw/| e;rgw| eine abweichende Lesart. Hier wird im Sinne einer Kontraktion als tw agaqoergw gelesen. Eventuell darf hier eine sprachgeschichtliche Änderung angenommen werden; Verständnisprobleme treten nicht auf, einer Korrektur ist nicht zu entsprechen. Einige Handschriften lesen tw/| avgaqw/| e;rgw und das folgende tw/| kakw/| pluralisch.

V.4 F, G und boms haben anstelle von soi. eine Auslassung. B lässt bei to. avgaqo,n den Artikel aus. Die Vernachlässigung des Artikels ist zu tolerieren. Der Dativ soi sollte beibehalten werden, da hier ein personaler Bezug hergestellt wird.

V.5 P46, D, F und G lesen u`potasse,sqai erneut in Analogie zu V.1 im Plural. P46 trennt avna,gkh u`pota,ssesqai durch Einfügung eines kai auf. Dies verdeutlicht den anaphorischen Bezug des dio. avna,gkh und betont daraus schlussfolgernd u`pota,ssesqai bzw. dessen Korrektur zu u`pota,ssesqe. Trotzdem bleibt der vorliegende Text verständlich; der Hinweis auf andere Lesarten ist zur Kenntnis zu nehmen, aber nicht zwingend zu übernehmen..

V.8 Analog zu ovfei,lete ist eine Lesart konjunktivisch ovfei,lhte bezeugt. Mag dies grammatikalisch stimmig sein, so sollte von einer Übernahme abgesehen werden, da es Paulus nicht um die mögliche, sondern vielmehr um die wirkliche (indikativische) Annahme dieser Worte geht.

V.9 F, G und b leiten den Vers mit gegraptai ein, als Hinweis darauf, dass ein Schriftzitat folgt. Dies sollte nicht übernommen werden. An dieser Stelle wird zwar inhaltlich aus der Schrift zitiert, die Reihenfolge der angeführten Gebote entspricht zwar Exodus nicht aber Deuteronomium. Zudem ist dem ursprünglichen Adressatenkreis bekannt, was Paulus hier anführt.

Zudem bezeugen einige Lesarten nach Ouv kle,yeij folgend ou yeudomarturhseij („Du sollst nicht falsch Zeugnis geben“). Dies entspricht Exodus und Deuteronomium. Auffällig ist, dass die unrevidierte Lutherbibel von 1545 dieses Gebot aus Ex 20,16 und Dtn 5,20 für Röm 13,9 belegt und wiedergibt. An dieser Stelle darf ein Einbezug von ou yeudomarturhseij als gerechtfertigt angesehen werden.

V.10 D* liest anstelle von ouvk evrga,zetai hier ou katergazetai. Da katergazomai hinsichtlich seiner Bedeutung nicht von ergazomai abweicht, könnte dem Abschreiber eine aberatio oculi unterlaufen sein, d.h. von ouvk wurde das k „abgetrennt“ und unter Hinzufügung von „at“ mutierte das folgende Verb zu katergazetai.

V.11 P46vid, D, F, G und Y lesen u`ma/j („ihr“) zu hmaj („wir“). Auch hier entschließe ich mich dazu, die vorgegeben Lesung beizubehalten. „hmaj“ würde hier keinen inhaltlichen Wechsel bedeuten. Paulus spricht hier die stadtrömischen Christen an. Mag „Ihr“ -isoliert betrachtet- eine gewisse Distanz annehmen lassen, so wird bereits mit V.8 deutlich, dass er sich hier an „seine“ Christen wendet.

V.12 P46, D*, F und G lesen hier apobalwmeqa anstelle von avpoqw,meqa. Da keine Bedeutungsverschiebung festzustellen ist, bleibt avpoqw,meqa erhalten.

Daneben finden sich in einigen Lesarten ein dem evndusw,meqa vorgestelltes kai bzw. ein nachgestelltes oun. Da beide Konjunktionen die Bedeutung nicht verändern würden, ist die vorfindliche Lesart vorzuziehen.

Aus einer Gesamtperspektive betrachtet zeigt sich, dass der Text des „Novum Testamentum Graece“ (Nestle-Aland) kritisch abgesichert ist und die folgenden Arbeiten nicht behindert.

5. Synchrone Textanalyse

Es scheint, dass sich Römer 13 in zwei große Abschnitte (1-7; 8-14) auftrennt. Wo die Verse 1-7 noch die allgemein vorfindliche Beschreibung der Lebenssituation aller Menschen wiedergeben, zeichnen die Verse 8-14 ein anderes Bild: Paulus zeigt hier die den Christen eigene Lebensform auf, die vom Schlagwort der h` avga,ph durchzogen und geprägt ist.

So soll das Augenmerk in diesem Kapitel auf die synchrone Betrachtung des vorliegenden Textes gelenkt sein. In einer syntaktischen Analyse soll der Jetzttext hinsichtlich seines Wortschatzes, seines Satzbaus und der in ihm vorfindlichen Stilmittel untersucht werden. Darüber hinaus will sich dieser Teil der Arbeit mit einer semantischen und pragmatischen Analyse beschäftigen, um Wortinhalte, Sinnlinien und Wirkabsicht innerhalb des Textes aufzuzeigen. Eine Formbestimmung der Erzählung soll die Gattung analysieren und den Abschluss der am Text orientierten Arbeit bilden.

5.1 Röm 13, 1-7

Der erste Teil weist ein ausgeprägtes stilistisches Eigenmerk auf: eine deutliche Dominanz von Imperativen, deren Zielsetzung ganz in der Berufung und im Hinweis auf ein selbstverständliches Handeln der Menschen liegt[3]. Daneben sind sie zur Betonung der Autorität des Apostels genutzt. Die innere Kohärenz der V.1-7 erhellt sich anhand der folgenden Durchsicht und zeigt sich themenimmanent.

Pa/sa yuch. (= altt. rf"±B'-lK') leitet den allgemein-verbindlichen, grundsätzlichen Charakter des ersten Abschnittes von Römer 13 ein. Das Folgende soll demnach allen Menschen als Prämisse ihres Handels gelten. Die Begründung folgt umgehend in den V.1.3, d.h. die Argumentation (ga.r) ist in unmittelbarer Nähe angelegt. Hätten Vorbehalte auch glaubhaften Boden, betrachtet man Paulus’ Berührungen mit der staatlichen Amtsausübung, wie sie in 2 Kor 11,32-33 und 1 Thess 2,2 gezeigt werden, so fordert er trotzdem uneingeschränkt zur Unterordnung auf.[4]

[...]


[1] Die Kontroverse um einen möglichen (redaktionellen) Einschub in Röm 13 ist reichlich geführt worden und soll hier zugunsten einer gründlichen Bearbeitung des Textes vernachlässigt werden. Hier darf es mit Newton gehalten werden: „Actio est reactio“.

[2] erstellt auf Basis des Textes in: Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, Stuttgart, 271993.

[3] O. Wischmeyer, Staat und Christen nach Römer 13,1-7. Ein neuer hermeneutischer Zugang, in: Martin Karrer, Wolfgang Kraus, Otto Merk (Hgg.), Kirche und Volk Gottes. Festschrift für Jürgen Roloff zum 70. Geburtstag, Neukirchen-Vluyn, 2000, 149-162, 149 (=Wischmeyer).

[4] J. Eckert, Das Imperium Romanum im Neuen Testament, TThZ 96, 1987, 253-271, 264 (=Eckert, Imperium).

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640118557
ISBN (Buch)
9783640432929
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92715
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Neutestamentliches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Untersuchung Römer Sicht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Zur Untersuchung von Römer 13 aus exegetischer und ethischer Sicht