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Wirtschaftlichkeit vs. Nachhaltigkeit - Ist eine Synthese möglich?

Hausarbeit 2008 14 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Was bedeutet “Wirtschaften”?
i. Das Rationalprinzip
ii. Bedurfnisse

3. Was bedeutet “Nachhaltigkeit”?

4. Umweltprobleme aus Sicht der Okonomik
i. Das Kollektivgutproblem und externe Effekte

5. Die Optionen: Was ist moglich und was ist notig?
i. Zinssystem
ii. Wirtschaftswachstum
iii. Weltbild

6. Fazit

- „ Wir konnen die Probleme nicht mit den Denkmustern losen, die zu ihnen gefuhrt haben“ (Albert Einstein) -

1. Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit steht in engem Zusammenhang mit der Debatte um Ethik und Moral in der Wirtschaft, besonders in der Marktwirtschaft. Die Grenzen des Marktes und das Erfordernis staatlicher Regulierung treten selten deutlicher als bei okologischen Fragen zutage.

Auf den folgenden Seiten mochte ich mich mit dem Verhaltnis von Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit beschaftigen. Ich habe diese Problematik gewahlt, weil sie tagtaglich an Aktualitat und Bedeutung gewinnt. Die Besorgnis aufgrund des Klimawandels ergreift immer mehr Menschen. Internationale Experten-Komitees, wie beispielsweise der sogenannte Weltklimarat (IPCC), versuchen, Losungen zu erarbeiten - scheitern mit ihren Vorschlagen aber oft daran, dass sie als nicht tragbar empfunden werden und zu grofoe Einschnitte in die Lebensgewohnheiten der Einzelnen bedeuten. Die notige radikale Verminderung des Ausstofoes klimaschadlicher Gase lasst sich nur zum Teil durch den Einsatz moderner Technologie und okologischer Ressourcen bewirken - die Drosselung des wirtschaftlichen Motors scheint unumganglich, wird jedoch uberwiegend als Bedrohung fur die kurz- und mittelfristige Lebensqualitat empfunden. Es besteht also eindeutig ein Bedurfnis nach einer Synthese aus Nachhaltigkeit, die langfristig fur die Gesundheit des Planeten und seiner Bewohner sorgt, und Wirtschaftlichkeit, die gewohnte Lebensstandards und Wohlstand aufrecht erhalt. Besonders prekar ist hierbei die Frage nach dem Verhaltnis von „developed“ und „less“ bzw. „least developed countries"[1], wobei Letztere furchten, in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zusatzlich gehemmt zu werden, ohne den Klimawandel in annahernd ahnlichem Mafoe verursacht zu haben wie langst industrialisierte Staaten.

Obwohl das Prinzip okologischer und sozialer Nachhaltigkeit zunehmend als dringende Notwendigkeit anerkannt wird, bleiben die konkrete Zielsetzung und deren praktische Realisierung in Politik und Wirtschaft allzu oft hinter wissenschaftlichen Empfehlungen zuruck. In den folgenden Kapiteln mochte nach einer genaueren Klarung und Sinndeutung der abstrakten Begriffe „Wirtschaft“ und „Nachhaltigkeit“ die Umweltproblematik aus Sicht der okonomischen Theorie darlegen und einige Handlungsoptionen skizzieren. Schliefolich werde ich versuchen, die Eingangsfrage - ist eine Synthese zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit moglich? - unter dem Aspekt der effektiven Realisierbarkeit beantworten. Die Weitlaufigkeit dieser Aufgabenstellung entspricht einem Theorie- und Grundlagen-orientierten Untersuchungsansatz und ist meiner Meinung nach durch ihre Reichhaltigkeit, Vielfalt und Bedeutsamkeit gerechtfertigt.

2. Was bedeutet „Wirtschaften“?

Als Wirtschaften kann der planmaBige und rationale Einsatz knapper Mittel zur Befriedigung theoretisch unbegrenzter Bedurfnisse bezeichnet werden. Wirtschaft umfasst also alle Einrichtungen und Handlungen, die zur planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Fur meinen Untersuchungsgegenstand relevant sind hierbei vor allem die Fragen nach der Rationalitat des Wirtschaftens und dem Charakter der Bedurfnisse.

Das Rationalprinzip

Wirtschaftlichkeit gilt dann als gegeben, wenn ein bestimmtes Ziel mit moglichst geringem Aufwand oder wenn mit gegebenem Aufwand ein moglichst hoher Ertrag erreicht wird.[2] Dieser Grundsatz ist als Rational- oder auch Wirtschaftsprinzip bekannt. Das Rationalprinzip stellt eine Beziehung zwischen Handlungszielen und den zur Erreichung notigen Mitteln her, wobei vorausgesetzt wird, dass die einsetzbaren Mittel begrenzt (also im okonomischen Sprachgebrauch: knapp) vorhanden sind und dementsprechend rational kalkuliert werden muss. Als wirtschaftliche Ziele gelten Wirtschaftlichkeit und Rentabilitat, d. h. mit moglichst geringen Inputs (= Mitteleinsatz) soll ein moglichst hoher Output (= Zweckerfolg) erzielt werden, oder genauer gesagt: eine effiziente Gewinnmaximierung (im betriebswirtschaftlichen Bereich). Es gibt zwei Spielarten des okonomischen Prinzips. Soll mit gegebenen Mitteln ein moglichst grower Erfolg erzielt werden, so spricht man vom Maximalprinzip. Beim Minimalprinzip wird ein vorgegebenes Ziel mit moglichst geringen Mitteln erreicht. Da jedoch in der Praxis meist weder der Input (z. B. die Hohe des investierbaren Kapitals), noch der Output (z. B. die Hohe der zu erzielenden Rendite) starr festgelegt sind, findet vorwiegend eine Abwagung anhand des sogenannten Optimalprinzips statt. Beide Komponenten werden variabel aufeinander abgestimmt, sodass das okonomische Problem nach den festgelegten Kriterien optimal gelost wird.

In seiner allgemeinsten Formulierung kann das Rationalprinzip als Grundlage jeden Handelns gemaB der naturlichen Vernunft betrachtet werden. Aber wie „naturlich“ ist diese Vernunft und inwieweit ist sie eben gerade durch okonomische Denkmuster und Verhaltensanforderungen gepragt? Der Frage nachzugehen, inwiefern jene gesellschaftliche Konstrukte, kulturell bedingte Dispositionen oder gar Teil der menschlichen Natur sind, wurde den Rahmen dieser Arbeit leider sprengen. Bemerkenswert ist allerdings, dass das Rationalprinzip sogar im Umweltprogramm der Bundesregierung Anfang der siebziger Jahre Erwahnung findet, und zwar als Teil dreier Erganzungsprinzipien, direkt im Anschluss an die Nachhaltigkeit. Es soll „eine moglichst rationale, effektive Umweltpolitik“ fordern.[3] Wirtschaftliches Handeln, das nicht dem Rationalprinzip folgt, scheint nahezu unvorstellbar. Die Nachhaltigkeitsproblematik ist hiervon dementsprechend betroffen, dass als Zweckerfolg in allererster Linie finanzieller Zuwachs gewertet wird, wahrend andere Formen des Gewinns, wie beispielsweise zunehmende gesellschaftliche Anerkennung aufgrund einer okologisch verantwortungsvollen Unternehmenspolitik, deutlich nachgeordnete Bedeutung haben. Fur spatere Betrachtungen soll an dieser Stelle vorlaufig nur betont werden, dass das Resultat, welches sich aus der Anwendung des Wirtschaftsprinzips ergibt, nicht per se zulasten sozialer oder okologischer Ziele geht, sondern mit den Werten und daraus folgenden Zielen des Akteurs verknupft ist.

Bedurfnisse

Ein Bedurfnis ist ein subjektives Mangelempfinden, das mit dem Wunsch der Beseitigung dieses Mangels verknupft ist und dementsprechend meist ein Verhalten nach sich zieht, welches die Befriedigung bewirkt oder zumindest in Aussicht stellt. In der Wirtschaftstheorie werden Bedurfnisse dem Nachfrager bzw. Konsumenten zugeordnet und sollen durch ein entsprechendes Angebot der Produzenten gedeckt werden.[4]

Diskussionswurdig ist die Frage nach dem Ursprung der Bedurfnisse: In Zeiten des massiven Einsatzes diverser Werbemittel entstehen Bedurfnisse nicht allein aus den tatsachlichen Wunschen der Konsumenten. Die Souveranitat am Markt verschiebt sich zugunsten der Produzenten, die Bedurfnisse gezielt auf vermehrten Absatz hin beeinflussen. Dies fuhrt zu irrationalen Kaufentscheidungen, geplantem Verschleifo und zwanghaftem Konsum von Produkten, die auf die Kaufkraft der Verbraucher ausgelegt sind und dabei grundlegende Bedurfnisse - nicht zuletzt eine intakte Umwelt - in den Hintergrund drangen.

Bedurfnisse lassen sich nach verschiedenen Kriterien kategorisieren. Verbreitet ist die Gliederung in Primar- und Sekundarbedurfnisse. Erstere ergeben sich aus dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb; Letztere hingegen dienen dem Wohlfuhlen. Hierzu gehoren Kulturbedurfnisse - die uber das Existenzminimum hinausgehen, aber von der Gesellschaft meist als normal empfunden werden wie beispielsweise ein Fernsehgerat - sowie Luxus- und Prestigebedurfnisse.

Man geht davon aus, dass in der okonomischen Theorie nur materielle Bedurfnisse Beachtung finden. Neben Konsumgutern wie Mobeln und Kleidung zahlt saubere Luft demnach zu den okonomisch potenziell relevanten Bedurfnissen, wahrend eine asthetisch schone Umwelt (z. B. frei von Mull und mit klarer Sicht) nicht mehr dazugehort. Unterschieden werden aufoerdem Individual- und Kollektivbedurfnisse, jedoch ist zu beachten, dass ein Bedurfnis nicht ohne Weiteres umso mehr Beachtung findet, je mehr Menschen es teilen. Vor allem in einer pluralistischen Gesellschaft haben haufig spezielle, gut organisierbare, konfliktfahige Interessen (wie z. B. Tariflohne) gegenuber allgemeinen, schlecht organisierbaren, kaum konfliktfahigen Interessen (wie z. B. eine saubere Umwelt oder mehr Arbeitsplatze) bei der Durchsetzung den Vorzug. Diese Asymmetrie spiegelt sich auch im sogenannten Generationenkonflikt wider, womit wir bei Gegenwarts- und Zukunftsbedurfnissen waren. Letztere werden sehr oft zugunsten Ersterer vernachlassigt (sofern es sich um wirtschaftliche Entscheidungen handelt), was sich gerade bei der Nachhaltigkeitsproblematik negativ auswirkt, da die Fruchte einer nachhaltigen Entwicklung vor allem in der Zukunft, von kommende Generationen geerntet werden konnen und haufig mit Einschrankungen in der Gegenwart verbunden sind.

Schliefolich mochte ich kurz auf meritorische Bedurfnisse eingehen, an deren Erfullung oder Unterdruckung der Staat interessiert ist. Dieser mischt sich folglich in das Marktgeschehen ein und versucht das Verhalten im angestrebten Sinne zu beeinflussen, wobei in die Konsumentensouveranitat eingegriffen wird. Gewunschtes Verhalten wie der Schulbesuch wird zur Pflicht gemacht, wahrend unerwunschtes Verhalten wie Alkohol- oder Tabakkonsum durch hohe Steuern erschwert oder gar durch Verbote ganz unmoglich gemacht wird.[5] Diese staatliche Regulierung findet auch in nachhaltigkeitsrelevanten Belangen statt, z. B. im Verkehrssektor bei der erhohten Besteuerung von Kraftstoff. Dieses Beispiel illustriert auBerdem sehr gut die gesellschaftliche Bewertung von gegenwartigen und zukunftigen Auswirkungen einer solchen umweltschonenden MaBnahme: Kritiker der okologischen Steuerreform bemangelten, „sie sei unsozial, verteuere die Lebenshaltungskosten, bremse den industriellen Aufschwung und koste Arbeitsplatze; [...] Pendler wurden benachteiligt, und arme Bevolkerungsschichten mussten im Winter frieren“[6]. Langfristige Vorteile, namlich der Beitrag zur Sicherung der Lebensgrundlagen kunftiger Generationen, bleiben eher unbeachtet.

3. Was bedeutet „Nachhaltigkeit“?

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde in der Forstwirtschaft erstmals der Begriff „Nachhaltigkeit“ verwendet. Er bezog sich auf ein Bewirtschaftungsprinzip, nach dem nur soviel Holz aus einem Wald entnommen werden sollte, wie im gleichen Zeitraum nachwachst.

In der heutigen politischen und zivilgesellschaftlichen Debatte gewinnen die Schlagworter „sustainable development“ bzw. „nachhaltige Entwicklung“ zunehmend an Bedeutung. Es geht dabei um eine dauerhafte und gerechte Bewirtschaftung unseres Planeten, oder genauer gesagt: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“[7], was wie folgt ubersetzt werden kann: Nachhaltige Entwicklung meint eine Entwicklung, die den Bedurfnissen der Menschen der Gegenwart gerecht wird, ohne die Moglichkeit kunftiger Generationen, ihre eigenen Bedurfnisse zu befriedigen, einzuschranken. Die naturlichen Ressourcen durfen folglich nicht einseitig ausgebeutet werden, sondern sollen im Rahmen ihrer naturlichen Regeneration bewirtschaftet werden, sodass kommende Generationen ihren Lebensstil frei wahlen konnen. Das westliche Zivilisationsmodell, gekennzeichnet u. a. durch Naturvergessenheit und industrielles Wachstum, wird infrage gestellt zugunsten einer regulativen Idee (vergleichbar z. B. mit der Idee der Demokratie) im Rahmen des innovativen Leitbilds Nachhaltigkeit. Eine Grundidee von Nachhaltigkeit ist die eng mit wirtschaftlichen Theorien korrelierende Kapitalerhaltung: Gelebt werden soll von den standig reproduzierten Ertragen einer Substanz, nicht von der Substanz selbst.[8]

Die zentrale Stellung im Nachhaltigkeitskonzept nehmen die Menschen mit ihren Bedurfnissen („needs“) und ihrem „Recht auf ein gesundes und produktives Leben im Einklang mit der Natur“[9] ein, wobei den Grundbedurfnissen der Menschen in den armsten Regionen der Erde Prioritat eingeraumt wird. Des Weiteren kommen in Grundsatz 10 der sogenannten Rio-Deklaration zu Umwelt und Entwicklung die Prinzipien der Participation - d. h., alle betroffenen Burger sollen an der Bearbeitung von Umweltproblemen teilhaben - und der Subsidiaritat zum Ausdruck. Letzteres besagt, dass jedes Problem auf genau der Ebene bearbeitet werden sollte, welche betroffen bzw.

[...]


[1] Diese Termini wurden erstmals bei einer UN-Vollversammlung 1971 gebraucht und dienen zur Vermeidung stigmatisierender bzw. irrefuhrender Begriffe wie „Dritte Welt" oder „Entwicklungsland".

[2] Vortragsskript „Wirtschaft und Moral" Dr. Heinrich Dickmann 5. 10. 2004 RC Freiburg-Zahringen

[3] Lehnmann, Hans Georg „Deutschland-Chronik 1945 bis 2000" Bundeszentrale fur politische Bildung, Bonn 2000, S. 280

[4] Microsoft Encarta Enzyklopadie 2005 ^Bedurfnis"

[5] Meyers Lexikon Online 2.0 „Meritorische Guter" (13. 02. 2008)

[6] Microsoft Encarta Enzyklopadie 2005 „Okosteuer"

[7] Definition der Weltkommission fur Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Report) 1987

[8] Vortrag „Nachhaltigkeit unter Diversity- und Gender-Aspekten - eine Sondierung" von Dr. Anna Muller im Rahmen der Ringvorlesung „Blick in die Zukunft - Blick auf die Nachhaltigkeit" im WS 07/08

[9] Erklarung von Rio zu Umwelt und Entwicklung (Rio-Deklaration), Grundsatz 1, 1992

Details

Seiten
14
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638065207
ISBN (Buch)
9783638954792
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92686
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Wirtschaftlichkeit Nachhaltigkeit Synthese Denken Wirtschaft Effizienz Rationalität Bedürfnis Kollektivgut extern Effekt Wachstum Zins System Umwelt

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