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Antike Militär-Logistik. Die Ernährung großer Heere während der Perserkriege und des Peloponnesischen Kriegs

Seminararbeit 2007 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung, Grundlegungen
1.1 Hinführung zum Thema
1.2 Ziel der Arbeit, Quellenlage, Methodik

2. Bedeutung der Verpflegung, vor allem des Brotes
2.1 Allgemeines
2.2 Glaube, Mystik, Philologie
2.3 Strategische und taktische Bedeutung für die Armeen

3. Bedarf und Bedarfsdeckung
3.1 Truppenstärken
3.2 Verpflegungsbedarf
3.3 Bedarfsdeckung

4. Truppenverpflegung als wirtschaftsfaktor

5. Zusammenfassung

6. Literaturliste

Siglen der häufigsten Zitationen:

De – Delbrück, Hamburg

Fin – Finley, München

Hdt. – Herodot, Artemis & Winkler, Düsseldorf

Thuk. – Thukydides, Reclam, Stuttgart

Die Truppe marschiert auf

den Mägen ihrer Soldaten.

(Napoleon I.)

1. Einleitung, Grundlegungen

1.1 Hinführung zum Thema

Recht hatte er, der Kaiser der Franzosen. Unter berühmten, weil meistens erfolgreichen Heer­führern war es nie zweifelhaft, dass die Verpflegung der Truppe von essentieller, ja existentieller Bedeutung für den militärischen Erfolg ist. Mag der Nachschub an Munition und schwerem Gerät noch so gut funktionieren: Wenn die Soldaten physisch nicht mehr in der Lage sind zu kämpfen, ist alles verloren, einschließlich der Soldaten selbst natürlich. Man muss zur Erklärung dieser Zusammenhänge keine hochwissenschaftlichen Untersuchungen bemühen, man muss nicht bei der Bedürfnishierarchie von Maslow[1] beginnen, die den Nahrungsbedarf auf die unterste, also die Basisebene der Bedürfnisse legt. Es ist in diesem Falle so, dass sich die elementaren Zusammenhänge zwischen Verpflegung und Kampfbereitschaft ohne weiteres erschließen. Von den Soldaten unserer Tage mit ihrem Hang zu lässiger Ausdrucksweise wird dieser Zusammenhang ganz lapidar und zutreffend mit der Formel „Ohne Mampf kein Kampf“ ausgedrückt.[2]

Die Frage ist also, wie die Soldaten in Krieg und Frieden an zweckmäßige und ausrei­chende Verpflegung kommen, in diesem Falle also in einer Zeit, die grosso modo fast zwei­einhalb Jahrtausende vor der unsrigen liegt. Cato meinte zwar rund 200 Jahre später: „Bellum se ipsum alet.“ Dies kann natürlich wirklich nur für Kriegszeiten gelten, nicht aber wenn die Truppe in der Garnison liegt. Und überhaupt war der von Cato gemeinte Topos für größere Feldzüge ein sehr unsicherer Begleiter, auf den sich schon antike Heerführer nicht verlassen wollten. Im Gegenteil, ihnen war die eminente Bedeutung der Verpflegung der Truppe sehr wohl bewusst und ständig präsent, wobei den antiken Ernährungsgewohnheiten entsprechend meist Verpflegung mit Getreide gleichgesetzt wurde.

Man braucht nur Caesar zu lesen. In seinem De Bello Gallico kommt überschlägig der Begriff „frumentum“ mindestens fünfzigmal vor. Und immer wieder taucht der Halbsatz auf: „nachdem Caesar für Getreide gesorgt hatte“…..Getreideversorgung also als notwendige Vor­aussetzung für militärische Aktivitäten. Oder–um den Feind zu schwächen–die Formulie­rung „re frumentaria intercludere“[3] Und vielen Generationen von Pennälern wurde im Lateinunterricht der Genitivus partitivus mit der Wendung „magna copia frumenti“ nahe gebracht. Mir selbst übrigens auch.

Dies mag als Einstieg genügen, um die Bedeutung der Verpflegung für die Kampfkraft der Heere und ihre Verankerung im Bedenken der Heerführer darzulegen. Jedenfalls wurden in aller Regel Kriege durch eine vorausschauende logistische Planung und den Aufbau von Vor­räten sorgsam vorbereitet. Wie war das alles unter den damaligen Gegebenheiten möglich? Dies zu zeigen soll mit dieser Arbeit versucht werden.

1.2 Ziel der Arbeit, Quellenlage, Methodik

Die Arbeit soll unter Vermeidung tempo- und ethnozentristischer Betrachtungsweisen zeigen, ob und wie es den antiken Heerführern unter den damals herrschenden politischen, geographi­schen, klimatischen und technischen Bedingungen gelingen konnte, die Versorgung großer Heere mit Verpflegung über weite Entfernungen und für längere Zeiträume sicherzustellen und welche strategischen und politischen Implikationen durch solche Leistungen generiert bzw. beeinflusst wurden.

Methodisch soll dabei so vorgegangen werden, dass die primären Quellen unter Zuhil­fenahme ausgewiesener Sekundärliteratur in einer Weise untersucht werden, die wissen­schaftlicher Übung entspricht. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass die Arbeit in ihren Darlegungen und Folgerungen kohärent und umfassend ist sowie, dass sie in ihren Schlüssen korrekt und frei von Widersprüchen, dass sie im Ergebnis also konsistent ist und geschichtliche Prozesse sichtbar macht. Kennzeichnend für geschichtliche Prozesse sind nach Bergson irreversible Veränderungen, die weniger quantitativer Art, sondern vor allem quali­tativer Art sind. Historische Ereignisse sind unwiederholbar, einzigartig, einmalig.[4]

Soweit der Forschungsstand überblickt werden kann, ist auf diesem Feld noch nicht allzu viel und allzu oft gegraben worden. Jedenfalls stößt man bei der Suche nach entsprechenden Arbeiten nur sporadisch auf Bearbeitungen dieses Themas in Form von Magister- oder Seminararbeiten. Die Ernährung der Soldaten und die Versorgung ganzer Heere ist offenbar bis dato nur jeweils incidenter in Werken mit anderer Zielsetzung quasi am Rande mit bearbeitet worden; umfassende Monographien sind jedenfalls in der Literatur kaum zu finden. Das mag auch daran liegen, dass–ähnlich wie im Bereich Museologie–Militaria derzeit nur sehr zurückhaltend zum Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten gemacht werden. Es mag aber auch daran liegen, dass die Frage der Verpflegung der Soldaten von den Historikern eher als Arabeske der Historiographie gesehen und die strategischen Implikationen dieses Topos nicht angemessen bedacht wurden.

Als Primärquellen kommen für das Thema dieser Arbeit vor allem Herodot für die Perserkriege und Thukydides für den Peloponnesischen Krieg in Betracht, dazu Varro, Hesiod und Xenophon. Als Sekundärliteratur wurden neben einschlägigen Werken mit methodologi­scher Zielsetzung ausgewiesene Autoren wie Finley und Delbrück ausgewählt, dazu als Ver­gleichsliteratur zum Beispiel Junkelmanns „Panis militaris.“ Im Übrigen wurden die in der Literaturliste aufgeführten Schriftquellen verwandt.

2. Bedeutung der Verpflegung, vor allem des Brotes

2.1 Allgemeines

Wir alle (und auch die tierischen Lebewesen) sind existentiell darauf angewiesen, dass dem Körper regelmäßig im erforderlichen Umfang Nahrungsmittel und Wasser zugeführt werden. Neben einer Vielzahl von ergänzenden Stoffen müssen wir vor allem Energieträger zu uns nehmen, und zwar hauptsächlich in Form von Fett, Eiweiß und Kohlenhydraten, wobei diese Hauptenergielieferanten in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen sollen. Insbesondere die Kohlenhydrate sind von enormer Bedeutung. Diese werden im Körper in eine verwertbare Form von Zucker umgewandelt und versorgen die Zellen. Besonders das Gehirn und die Muskeln benötigen zum einwandfreien Funktionieren ständig einen Mindeststand an dieser Substanz. Seit vielen tausend Jahren deckt der Mensch seinen Bedarf an Koh­lenhydraten durch Verzehr von Getreide in jedweder Form, sei es als Brei, sei es ab etwa 2500 v. Chr. (in Europa) als gebackenes Brot.[5] Brot wird aus gemahlenem Getreide hergestellt, wobei nach unseren Verzehrgewohnheiten hauptsächlich Weizen verwandt wird. In unseren Denkschemata hat sich über einen langen Zeitraum eine Synonymie der Begriffe Getreide und Brot entwickelt. Getreide ist Brot[6], ist Leben schlechthin.

2.2 Glaube, Mystik, Philologie,

Soweit zu den grundlegenden, mehr trockenen Fakten. Aber Getreide ist mehr, Brot hat auch heute noch eine Bedeutung, die weit über seine Funktion als Energieträger hinausgeht. Mit dem Brot verbinden sich in unseren tiefsten Bewusstseinsschichten verortete Empfindungen, Ängste, Beglückung und religiöse Aspekte, die sich über einen langen Zeitraum der Kulturgeschichte der Menschheit entwickelt haben.

Willkommen, die das Brot uns gibt, das blanke Korn uns gibt, Demeter.

Den Wagen mit dem Korbe ziehen vier blanke Schimmelstuten:

So blinken soll der Frühling uns, soll Sommer uns und Winter.

So blinken soll uns auch der Herbst. Das bringt der großen Göttin

Allmacht uns mit, das lässt sie uns bis nächstes Jahr genießen.[7]

Diese Worte–vor rund 2300 Jahren von Kallimachos verfasst–geben einen guten Einstieg in die Betrachtung der symbolhaften, ja mythischen Bedeutung des Brotes, für die in der Antike der Grundstein gelegt wurde. Eine Bedeutung, die auch aus Ängsten und dem Bewusstsein von Abhängigkeit gespeist wurde. Da man in der Antike in der landwirtschaftlichen Technik noch in den Anfängen steckte, die Möglichkeiten zur Bevorratung noch unzureichend waren und Weizensorten anbaute, deren Erträge 500 kg je Hektar nicht überschritten, blieb eigentlich nur die Möglichkeit, sich stets des Wohlwollens der allmächtigen Götter zu versichern. So entstand über die Jahrtausende hinweg eine Synthese zwischen Brot und Gott, die auch heute noch für die meisten Menschen unauflösbar ist, obwohl wir doch heute dank einer umfassenden Planung im Bereich der Landwirtschaft und Ernährung und wegen der enormen Ertragssteigerungen bei der Weizenproduktion keine Engpässe zu befürchten haben.[8]

[...]


[1] Abraham Harold Maslow (1908-1970), amerikanischer Psychologe und Buchautor entwickelte 1962 im Zusammenhang mit der Erforschung intrinsischer Motivationsmöglichkeiten ein hierarchisches Modell der Bedürfnisse des Menschen.

[2] passim

[3] „(Den Feind) von der Versorgung abschneiden.“

[4] Henri Bergson, Paris 1970, S. 863

[5] Die in Deutschland etablierten Brotmuseen sprechen von einer viertausendjährigen Geschichte des Brotes.

[6] Das deutsche Wort Brot kommt vom ahd. prōt, ursprgl. „Vergorenes“.

[7] Kallimachos, Hymnos an Demeter, 119-123

[8] [8] Diese Produktionssteigerung ist teuer erkauft. Unter anderem hat man dem Weizen in den letzten etwa 20 Jahren etliche Körner mehr pro Ähre angezüchtet. Dadurch wurden die Ähren für den unveränderten Halm zu schwer, und die Halme knickten bei der kleinsten Belastung durch Wind und Wetter. Um dies auszugleichen entwickelte und nutzte man eine Art Phytohormon. Toll, nun waren die Halme wieder angemessen stabil. Infolge der Anwendung dieses hormonähnlichen Mittels stieg aber die Anfälligkeit für Pilzerkrankungen, was man mit der Gabe von Antifungiziden egalisierte. Und dass ohnehin Mittel gegen tierische Schädlinge und gegen Unkraut eingesetzt werden, sei nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt, genauso wie die Tatsache, dass mehr Körner pro Ähre auch mehr Kunstdünger erfordern.

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638062343
ISBN (Buch)
9783638950992
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92657
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Historisches Seminar
Schlagworte
Ernährung Heere Antike Zeit Perserkriege Peloponnesischen Kriegs Hauptseminar Festkultur Agrarwirtschaft Naturerfahrung

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