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Das Normalisierungsprinzip und seine konzeptuelle Weiterentwicklung durch Wolfensberger und Thimm

Hausarbeit 2008 29 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeihnis

1. Das Normalisierungsprinzip
1.1 Geistige Behinderung als dreifache Behinderung
1.2 Die Prinzipien des Normalisierungsprinzips
1.3 Normalisierung in der Praxis
1.4 Missverständnisse des Normalisierungsprinzips

2. Integration und Menschen mit geistiger Behinderung
2.1 Ebenen der Integration

3. Weiterentwicklung des Normalisierungsgedankens
3.1 Aufwertung der sozialen Rolle
3.2 Annahme des Normalisierungsprinzips in den
3.3 Etablierung des Normalisierungsprinzips in der BRD
3.4 Gemeinwesenorientierung

4. Tendenzen gemeinwesenorientierter Hilfen
4.1 Gemeinwesenorientierung durch konfessionelle Träger

Literatur

1. Das Normalisierungsprinzip

Das Normalisierungsprinzip entstand in den 1960er Jahren und hat weitestgehend Eingang in die Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung (MmgB) gefunden, auch wenn die Praxis manchmal noch weit davon entfernt zu sein scheint.

Grundgedanke ist es, MmgB die Lebensumstände zu eröffnen, die dem normalen Leben möglichst entsprechen.

Einrichtungen und Institutionen für MmgB verändern sich ebenso wie die Vorurteile der Gesellschaft. In der Mitte dieser Veränderungen steht der Mensch mit geistiger Behinderung selbst. (vgl. NIRJE 1994, S. 175)

„Das Normalisierungsprinzip beinhaltet, allen Menschen mit geistiger Behinderung Lebensmuster und Alltagsbedingungen zugänglich zu machen, die den üblichen Bedingungen und Lebensarten der Gesellschaft soweit als möglich entsprechen“ (NIRJE 1994, S. 177).

MmgB sollen also alle Erfahrungen, Möglichkeiten und Traditionen der sie umgebenden Gesellschaft zugänglich sein.

Dafür haben sich einige Grundprinzipien entwickelt, die für das Normalisierungsprinzip gültig sind. Auf sie soll im Folgenden noch eingegangen werden.

Zunächst soll aber die „geistige Behinderung“ als dreifache Behinderung dargestellt werden, wie sie von NIRJE (1994) als Grundlage für sein Menschenbild und –verständnis dargelegt wird.

1.1 Geistige Behinderung als dreifache Behinderung

NIRJE bevorzugt es, „geistige Behinderung“ als dreifache Behinderung anzusehen. (vgl. NIRJE 1994, S. 175) Diese Unterteilung in verschiedene Aspekte ergibt sich aus den verschiedenen Dimensionen, aus denen eine Behinderung wahrgenommen wird.

1. Die geistige Behinderung des Individuums:

Diese Ebene umfasst die kognitive Beeinträchtigung, den Mangel an Anpassungsvermögen und die Lernschwierigkeiten, die aus ständig wiederkehrenden Anforderungen und komplexen Situationen resultieren.

Häufig entstehen daraus Erlebnisse des Versagens und der Enttäuschung sowie Probleme, ausreichend Geduld aufzubringen oder andere verstehen zu können.

2. Die aufgepfropfte oder erworbene Behinderung:

Diese Ebene der geistigen Behinderung drückt sich in Verhaltensstörungen oder Unterforderung aus, welche durch Umweltmängel oder durch die Lebensbedingungen der Gesellschaft entstehen. Dazu gehören ganz besonders unbefriedigende Einstellungen von Eltern, Personal oder sonstigen Mitverantwortlichen. Durch deren falsche Wahrnehmung des MmgB müssen sie teilweise in trostlosen Anstalten leben, bekommen nur unzureichende Bildungs- und Lernangebote, können nur wenige oder keine Kontaktmöglichkeiten wahrnehmen. Es sind also die Probleme der Gesellschaft, die Lebenswelten von MmgB zu verstehen, die dafür verantwortlich sind, das die eigentliche Behinderung noch verstärkt bzw. negativ beeinflusst wird.

3. Das Bewusstsein, behindert zu sein:

In dem Bewusstsein zu leben, eine geistige Behinderung zu haben, kann zu einem verzerrten Selbstbild oder Abwehrmechanismen gegen die eigene Person führen.

Diese Störungen können sich in Abkapselung, Selbsthass/-zerstörung, niedergeschlagener Ausdrucksweise bis hin zu Verbitterung oder selbstschädigenden Verhaltensweisen ausdrücken.

Zwar ist es generell für jeden Menschen eine schwierige Aufgabe, die Anerkennung und den Zuspruch von Familie, Freunden und Mitmenschen zu bekommen, den man erwartet und erhofft, aber das Bewusstsein, eine Behinderung zu haben erschwert die Situation noch um ein Vielfaches. Dabei ist das größte Problem, dass MmgB in der Regel zunächst einmal lernen müssen, sich selbst und ihre Behinderung zu akzeptieren und sich „als eigenständige Person gegenüber anderen und im Rahmen seiner Lebensbedingungen zu definieren“ (NIRJE 1994, S. 176).

Diese drei Faktoren beschreibt NIRJE als die dreifache Last einer Behinderung. Alle drei Faktoren sind voneinander abhängig, dennoch ist es möglich, zumindest den zweiten Punkt gänzlich zu beseitigen.

Die Last der Behinderung, die durch soziale Vernachlässigung entsteht kann aufgehoben werden. Die beiden anderen Punkte werden deswegen sicherlich nicht verschwinden, „aber sie werden leichter zu ertragen sein“ (NIRJE 1994, S. 177).

Generell sollte die dreifache Last der geistigen Behinderung in allen Planungen und Konzeptionen der Geistigbehindertenpädagogik berücksichtigt werden, um der Lebenswelt der betroffenen Personen näher zu kommen. (vgl. NIRJE 1994, S. 175ff).

1.2 Die Prinzipien des Normalisierungsprinzips

Das Normalisierungsprinzip umfasst acht grundlegende Prinzipien, die berücksichtigt werden müssen, um den Gedanken der Normalisierung klarzustellen und Ansatzpunkte für seine Realisierung zu bekommen.

1. Ein normaler Tagesablauf:

Normalisierung bedeutet, Gelegenheit zu einem normalen Tagesablauf zu haben.

Einen normalen Tagesablauf zu erleben bedeutet, morgens aufzustehen, sich anzuziehen und einer sinnvollen Tagesbeschäftigung (Arbeit) nachzugehen, am Nachmittag oder frühen Abend zurückzukommen und seinen Feierabend genießen zu können. Dazu gehört auch, nicht immer zu starren Zeiten essen zu müssen, sondern flexibel in seiner Tagesgestaltung zu sein.

Zum normalen Tagesablauf gehört weiterhin, entsprechend seinen eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen schlafen zu gehen und nicht ins Bett zu müssen, nur weil kein Personal zur Verfügung steht, dass einen später zu Bett bringen könnte. Es wird hier schon deutlich, dass das Normalisierungsprinzip selbstverständlich für ausnahmslos jeden Menschen gilt, egal wie schwer seine Behinderung auch sein mag.

Aber insbesondere für Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen müssen Institutionen und Heime umstrukturiert werden, um einen normalen Tagesablauf gewährleisten zu können. (vgl. NIRJE 1994, S. 182ff)

2. Ein normaler Wochenablauf:

Das Normalisierungsprinzip bedeutet auch, Gelegenheit zu haben, einen normalen Wochenablauf zu erleben.

„Normalerweise“ wählen Menschen einen Standort zum Wohnen und Leben (Wohnung), verlassen diesen um einen anderen Ort zum Arbeiten (Arbeitsplatz) aufzusuchen und wählen in ihrer Freizeit aus einer Palette von Angeboten, die an unterschiedlichen Orten stattfinden können.

Daher scheint es nicht angemessen zu sein, MmgB all diese Erfahrungen an nur einem Ort anzubieten. Zwischen den Bereichen Wohnen, Arbeit und Freizeit muss eine funktionelle wie auch räumliche Trennung vorhanden sein.

Das Zuhause soll ein Ort der Ruhe und der Autonomie sein, an dem man sich sicher und geborgen fühlen kann.

Arbeitsplatz (oder Schule) sind dagegen unpersönliche Orte, die der Erfüllung der Arbeit und somit der Sicherung des Lebensunterhalts dienen.

Freizeit wiederum dient der Erfüllung persönlicher Vorlieben und Interessen und hat auch gesellschaftlich eine wichtige Position als Ort der Begegnung und des Kontakts.

Durch eine funktionelle Trennung dieser Bereiche ergeben sich nicht nur für MmgB wesentlich bessere und positivere Lernerfahrungen. Auch ihre Angehörigen werden entlastet.

Durch das Wahrnehmen eines normalen Wochenablaufs, der Arbeitstage mit Freizeit nach Feierabend bietet sowie (in der Regel) zwei freie Tage am Wochenende können MmgB viel mehr Lernerfahrungen sammeln und sich gesellschaftlich besser integrieren. (vgl. NIRJE 1994, S. 184ff)

3. Ein normaler Jahresablauf:

Normalisierung bedeutet, den normalen Jahresablauf durch Einhaltung von Feiertage, Ferien und Familientagen von persönlicher Bedeutung erleben zu können.

Für den Großteil der Bevölkerung ist es selbstverständlich, den „normalen“ Jahresablauf wenigstens einmal im Jahr durch einen Urlaub zu unterbrechen, um sich zu entspannen und Abstand vom Alltag zu gewinnen. Es hat sich gezeigt, dass eine solche Abwechslung auch für Menschen mit (bis hin zu schwersten) Behinderungen sehr wichtig ist und positiv auf sie wirkt.

Großeinrichtungen für MmgB stellen oftmals eine unwirkliche Umwelt dar, in der die Erfahrungen eines normalen Jahresablaufs kaum wahrgenommen werden können. Dabei ist es sehr wichtig, den Wechsel der Jahreszeiten und damit verbundene Aspekte (Kleidung, saisonale Nahrung etc.) mitzuerleben.

Gewöhnlich leben Menschen mit Routine und Gewohnheiten, die sie hin und wieder durchbrechen, wenn ihr Einfallsreichtum dies zulässt. MmgB sind häufig dazu gezwungen, mit ihrem Einfallsreichtum zu überleben, sprich sich Muster und Verhaltensweisen anzueignen, die (aus ihrer Wahrnehmung) ihr Leben verbessert. Dies kann sich z.B. bei Deprivationssyndromen aber auch in (Selbst)aggression äußern. Daher ist die Umwelt als Lehrmeister sehr ernst zu nehmen, bietet sie doch durch ihre Abwechslung ein reichhaltiges Freizeit- und Wahrnehmungsangebot, dass insbesondere auch von MmgB als sehr fördernd wahrgenommen wird. (vgl. NIRJE 1994, S. 186f)

4. Die normalen Erfahrungen eines Lebenszyklus:

Normalisierung ist auch eine Gelegenheit, die normalen Entwicklungserfahrungen eines Lebenszyklus machen zu können.

MmgB entwickeln sich genauso wie alle anderen Menschen auch. Sie kommen als Säugling zur Welt, wachsen als Kinder heran, werden eingeschult, erleben die Schulzeit, kommen in die Pubertät und werden schließlich erwachsen.

Für ihre Eltern gibt es generell zwei sehr schwierige Phasen: Die Geburt (Bestürzung über die Geburt eines Kindes mit Behinderung) und das Erwachsenwerden (Loslösungsprobleme/ Ängste, ihrem Kind könnte außerhalb des Elternhauses nicht genug Förderung entgegenkommen).

Daher gehört es mit zu den wichtigsten Aufgaben aller betreffenden Dienste, Einrichtungen und Institutionen, durch ausreichende Elternberatung dafür zu sorgen, dass diesen bewusst wird, wie wichtig die einzelnen Lebenszyklusphasen für die Entwicklung der Persönlichkeit sind. MmgB müssen in jeder Phase ihres Lebens entsprechend behandelt und angesprochen werden. Ein Erwachsener ist kein Kind mehr und ein Pubertierender muss auch nicht mehr von seiner Mutter die Kleidung ausgesucht bekommen.

Zu den wichtigsten Entwicklungsphasen gehören:

- Frühe Kindheit
- Schulalter
- Erwachsen sein
- Alter

Jede dieser Phase hat eigene und besondere Ansprüche und bringt besondere Erfahrungen und Erlebnisse mit sich. Sie müssen alle ermöglicht werden und realisiert werden können, individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen bezogen, um eine normale Entwicklung zu gewährleisten und MmgB altersgerecht und angemessen ansprechen zu können. (vgl. NIRJE 1994, S. 188ff)

5. Normaler Respekt:

Das Normalisierungsprinzip bedeutet auch, dass die Entscheidungen, Wünsche und Bitten von MmgB respektiert und stets berücksichtigt werden müssen.

Dies bedeutet insbesondere, auch denjenigen, die nicht sprechen können, Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Es impliziert die Achtung der Privatsphäre und des persönlichen Besitz.

In Wohnheimen dürfen Zimmer nicht einfach betreten werden, weder die von Erwachsenen noch von Kindern. Es gehört nicht nur zum guten Ton, anzuklopfen. Es ist auch eine gesellschaftliche Regel, die von Respekt und Achtung zeugt, die man einem Menschen gegenüber aufbringt. Daher muss sie unbedingt auch in der Arbeit mit MmgB Gültigkeit besitzen.

Weiterhin gehört zum normalen Respekt, dass MmgB eigene Entscheidungen treffen können, sei es bei kleinen, alltäglichen Dingen wie Wahl der Kleidung oder des Essens als auch in großen Entscheidungen wie Wohnort, Arbeitsstätte oder Partnerwahl. (vgl. NIRJE 1994, S. 193f)

6. Leben in einer zweigeschlechtlichen Welt:

Normalisierung bedeutet auch, in einer zweigeschlechtlichen Welt zu leben.

Das impliziert, Beziehungen eingehen zu können und auszuleben, auch innerhalb eines Wohnheimes. MmgB haben das gleiche Bedürfnis nach Partnerschaft wie jeder andere Mensch auch, daher müssen ihnen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie eine Partnerschaft erreicht werden kann. Dazu gehören nicht nur Aufklärung (im „klassischen“ Sinne, aber auch was Verhalten dem Partner gegenüber, Grenzübertretungen und Respekt angeht), sondern auch das Wahrnehmen von Single-Partys o.ä.

Auch die Option des Heiratens und des Kinderkriegens darf nicht von vornherein ausgeschlossen werden. (vgl. NIRJE 1994, S. 194)

7. Normaler Lebensstandard:

Normalisierung bedeutet, einen normalen materiellen Lebensstandard und Voraussetzungen anzuwenden, um MmgB ein möglichst normales Leben zu gewähren.

MmgB haben den gleichen Anspruch auf soziale Leistungen wie der Rest der Bevölkerung. Das bedeutet, dass sie lebenssichernde Hilfen bekommen müssen, wenn sie nicht selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können. Weiterhin beinhaltet dies Kinderbeihilfen, Renten, Altersvorsorge und angemessene Löhne.

Bei MmgB geht meist ein Großteil des Lohns für Unterbringung und Kost drauf, dennoch müssen sie ein Anrecht auf einen eigenen Anteil ihres Lohnes haben, der ihnen zur freien Verfügung stehen muss.

Nur so können sie individuell an Freizeitangeboten teilnehmen, eigene Interessen umsetzen und verwirklichen oder ihr Leben und ihren Lebensraum ihren Vorstellungen entsprechend ausrichten. (vgl. NIRJE 199, S. 194)

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Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638065771
ISBN (Buch)
9783638952484
Dateigröße
6.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92637
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Normalisierungsprinzip Weiterentwicklung Wolfensberger Thimm

Autor

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