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Die Rollentheorie aus sozialpsychologischer Sicht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 15 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die rollentheoretischen Perspektiven –Eine Auswahl

3. Probleme bei dem Umgang mit sozialen Rollen

4. Spezifische sozialpsychologische Rollentheorien
4.1. Die Rollentheorie von Gross et al.
4.2. Die Theorie der Rollenbilanz
4.3. Die Wechselwirkung zwischen Rolle und Selbst

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir alle spielen Theater!“ Hört man den Begriff der „Rolle“ so denkt man zuerst an eine Theater- oder eine Schauspielrolle[1], wie die Rolle des James Bond der nur durch neue Akteure, wie der jetzige Bond Daniel Craig besetzt wird. Dieser Gedanke ist hinsichtlich der Rollentheorie nicht ganz verkehrt. Der Begriff „Rolle“ stammt aus der Theatersprache, er drückte in der Antike Regieanweisung und Dialoge aus (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S. 78). Dabei schlüpfte der Mensch als Schauspieler in eine bestimmte Rolle, während er die andere abstreift (vgl. Wiswede 1977 S. 19). Ausgehend von dieser Denkweise lautet die Definition einer Rolle wie folgt: „die Gesamtheit aller Verhaltenserwartungen, die an den Inhaber einer Position herangetragen werden.“ (Gollwitzer / Schmitt 2006 S. 79) Rollen können damit als ein Bündel generalisierter und normativer Verhaltensweisen verstanden werden (vgl. Mayntz 1980 S. 2043).

Soziale Rollen stellen den Schnittpunkt zwischen Individuum und Gesellschaft da, deren Inhalte von der Gesellschaft bestimmt werden. Dabei gibt es nicht nur die eine, universal gültige Rollentheorie. Es existiert eine Reihe von unterschiedlichen rollentheoretischen Perspektiven, welche den Begriff Rolle theoretisch anders auffassen. Drei von den Perspektiven sollen im ersten Abschnitt dieser Hausarbeit näher beschrieben werden. Nach den drei Perspektiven möchte ich mich mit den rollentheoretischen Problemen und Konflikten näher befassen. Nach den verschiedenen Perspektiven und Konflikten möchte ich zu den Rollentheorien kommen. Den Abschluss dieser Hausarbeit wird ein kurzes Fazit mit Anwendungsbereichen und Problemen der Rollentheorie bilden.

2. Die rollentheoretischen Perspektiven – Eine Auswahl

Es gibt eine Vielzahl von Perspektiven, welche versuchen sich der Rollentheorie zu nähern. Im folgenden Abschnitt sollen drei markante Perspektiven näher beschrieben werden. Die erste Perspektive ist die strukturfunktionalistische Perspektive.

Hört man das Wort „strukturfunktional“, so muss man zwangsläufig an den amerikanischen Soziologen Talcott Parsons denken. Dabei steht die Annahme im Mittelpunkt, dass gesellschaftliche Strukturen und gesellschaftlichen Prozesse unabhängig von Individuen existieren und ablaufen können. Die Individuen haben in dem System unterschiedliche Positionen inne, welche mit verschiedenen Funktionen behaftet sind, wobei die Rollen ein Verbindungsstück zwischen Individuum und Gesellschaft bilden. Die Positionen sind überindividuell bekannt und formal geregelt. Das System ist zumeist von Dauer während die Individuen kommen und gehen (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.79; Fischer / Wiswede 2002 S. 457). Damit das System funktionieren kann, sind vorgegebene Regeln und allgemeine Erwartungen unerlässlich. Diese Erwartungen werden in Muss-, Soll - und Kann-Erwartungen aufgeteilt (vgl. Mayntz 1980 S. 2046). Die Individuen sind für das Funktionieren des Systems unbedeutend, da jedes System aus einem Set (Satz) an vorbestimmten, für die Gesellschaft existentiellen, Position besteht. Die Rolle wird durch Individuen besetzt. Man spricht im strukturfunktionalistischen Ansatz von role-making. Das Individuum übernimmt die Rolle konfliktfrei und gestaltet die Rolle nicht aus. Diese Rollen sind meist komplementär z.B. Lehrer und Schüler oder Arzt und Patient (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.79; Mayntz 1980 S. 2046; Fischer / Wiswede 2002 S. 459). Diese Perspektive wurde jedoch kritisiert, da sie die individuelle Ausgestaltung einer Rolle vernachlässigt. Das Individuum hat keine Kontrolle über das eigene Handeln und die zwischenmenschlichen Beziehungen werden nicht beachtet (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.79). Der Strukturfunktionalismus setzt damit ein bestimmtes Menschenbild voraus, Dahrendorf bezeichnete dies als den „homo sociologicus“, welcher von der Gesellschaft in eine Rolle gezwängt wird und diese erfüllt (vgl. Fischer / Wiswede 2002 S. 457). Dennoch gibt es Rollen, die nur deshalb funktionieren, dass Individuen den Erwartungen an die Rolle so gut wie möglich entsprechen z.B. die Rolle der Hausfrau in den 1950er Jahren.

Die interaktionistische, als zweite, Perspektive, befasst sich mit der Reaktion anderer Menschen auf das eigene Verhalten. Die Rollenbeziehungen sind größtenteils durch die Komplementarität zweier Interaktionspartner aufeinander gekennzeichnet (vgl. Fischer / Wiswede 2002 S. 458f.). Im Gegensatz zum role-taking wendet sich diese Perspektive dem role-making zu. Die Rolle ist dabei nicht an die gesellschaftliche Position gebunden.

Die Rolle ist keine von der Gesellschaft geschaffene Position mit eindeutig, an sie gebundenen Erwartungen. Vielmehr entsteht sie aus den Interaktionen zwischen zwei oder mehreren Individuen. Das Verhalten wird dabei abgestimmt, ausgehandelt und ausgestaltet. So ist z.B. die Arbeitsteilung in einem Team nicht von vornherein festgelegt, vielmehr ergibt sich die Aufteilung erst später in Verlauf der Zusammenarbeit. Der normative Gehalt dieser Gruppen ist zu Beginn sehr gering. Erst in der Beziehung bzw. in der Entwicklung werden Verhaltensgewohnheiten zu Verhaltenserwartungen, damit wächst auch der normative Gehalt einer Rolle (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.80).

Die dritte Perspektive wird als „Rolle als Skript“ beschrieben, sie zählt zu den sozialpsychologischen Perspektiven. Diese betont die heuristische Funktion von Rollen im individuellen Sozialverhalten. Individuen wenden dabei ein prototypisches Verhalten in prototypischen Situationen an. Die soziale Situation ist sehr komplex, die Rolle kann dieses reduzieren und die soziale Interaktion wird dadurch effektiver. Es kommt somit zu einer Effizienzsteigerung. Die sozialen Interaktionen können durch das Vorhandensein von Rollen schneller und leichter abgewickelt werden. Durch das Wissen um die Rolle sind Missverständnisse unwahrscheinlicher und Verhaltensweisen müssen nicht immer wieder neu und mühsam durch Versuche und Irrtümer erlernt werden. Das Wissen um die Rolle wird im Zuge der Sozialisation erlernt. Menschen können sich schnell in eine Rolle hineinversetzen da sie ein rudimentäres Verständnis von den verschiedenen Rollen besitzen. Mit Rollen sind nicht nur Erwartungen sondern auch spezifische Stereotypen verknüpft. Diese Stereotypen sind ein geteiltes wissen über vermutete Verhaltensdispositionen von Rolleninhabern (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.80f). So sind es aber auch gerade diese Handlungsanweisungen, welche zu einem mehr oder weniger automatischen Verhalten führen können (vgl. Fischer / Wiswede 2002 S. 463f.). So steht bei dieser Perspektive ein vorgefertigtes Verhaltensmuster im Mittelpunkt, welches der Rollenträger mehr oder minder einfach erfüllt.

3. Probleme bei dem Umgang mit den sozialen Rollen

Der erste Konflikt entsteht durch den Rollendruck und den Rollenstress. Rollendruck ist dabei eine objektive während Rollenstress eine subjektive Größe ist. Rollenstress entsteht durch Schwierigkeiten hinsichtlich der an den Rollenträger gestellten Rollenerwartungen. Es gibt verschiedene Ebenen auf denen Rollendruck bzw. Rollenstress entstehen kann. Die erste Ebene lässt sich durch die Unklarheit der Rollenerwartung beschreiben. Der Rollenträger ist sich über die spezifischen Erwartungen welche an eine Rolle gestellt werden nicht bewusst. Dieses tritt besonders bei neuen Rollen auf. Darüber hinaus kann der Rollenträger mit den an die Rolle verbundenen Aufgaben und Pflichten überlastet bzw. überfordert sein, man spricht dabei von einem „role-overload“. Eine weitere Schwierigkeit kann aber auch durch widersprüchliche Rollenerwartungen entstehen. Der Inhaber einer Rolle muss mit widersprüchlichen Rollenerwartungen umgehen können, selbst dann wenn diese Widersprüche einen konflikthaften Charakter in sich tragen. Durch Positionsveränderungen kann es zu Rollenveränderungen kommen, dieses stellen das vierte Problem bei der Erfüllung von Rollenerwartungen da. Eine weitere Schwierigkeit kommt durch das Ungleichgewicht zwischen Rollenrechten und den Pflichten, welche an eine Rolle gestellt werden. Es kann aber auch zu einem mangelnden „fit“ zwischen der Rolle und dem eigenen Selbstkonzept kommen. Die letzte Schwierigkeit wird durch einen Kompetenz- oder Effizienzmangel hinsichtlich der Erfüllung der Rolle hervorgerufen. (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.81, Fischer / Wiswede 2002 S. 470). Die Reaktion von Menschen auf die verschiedenen Arten des Rollendrucks war Gegenstand umfangreicher Untersuchungen[2] geworden, auf welche hier nicht weiter eingegangen werden kann (vgl. Fischer / Wiswede 2002 S. 470)

Ein weiteres Problem hinsichtlich der Erfüllung von Rollen, ist die Rollendistanz und die Rolleninvolviertheit. Rollendistanz bedeutet, dass ein Rollenträger die Rolle erfüllt, sich aber auch von ihr lösen und eine distanzierte Haltung gegenüber ihr einnehmen kann, welches aber einen autonomen Umgang mit den Rollen voraussetzt. Die Rollendistanz wurde vor allem von Goffman in den 1960er Jahren untersucht. Hingegen bedeutet Rolleninvolviertheit, dass eine Person sich mit der Rolle sehr stark identifiziert und sich von ihr gefangen nehmen lässt (vgl. Gollwitzer / Schmitt 2006 S.81).

[...]


[1] Besonders Goffman wendet eine theateranaloge Verwendung des Rollenbegriffs und der Rollenthematik an.

[2] Exemplarisch wären hier die Studien von Merton (1957), Marks (1977) oder auch Palmer (1981) zu nennen.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638065566
ISBN (Buch)
9783640319930
Dateigröße
410 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92592
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Lehrstuhl für Sozialpsychologie
Note
1,3
Schlagworte
Rollentheorie Sicht Soziale Interaktionen

Autor

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Titel: Die Rollentheorie aus sozialpsychologischer Sicht