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Das Phármakon – Bedeutung und Kritik der Schrift in der Antike

Hausarbeit 2006 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Mediengeschichte

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung

2. Von der Bildschrift zum Vokalalphabet

3. Platons Schriftkritik in Phaidros

4. Schreib- und Lesekultur im antiken Griechenland
4.1. Schrift und Päderastie
4.2. Instrumentalisierung des Lesers
4.3. Besessenheit vom weiterschallenden Ruhm
4.4. Filiation zwischen dem Schreiber und der laut gelesenen Schrift
4.5. Verben mit der Bedeutung „lesen“
4.6. Verlesenes Gesetz
4.7. Stilles Lesen

5. Jacques Derrida – Für eine Erweiterung des Schriftbegriffs

6. Harold Innis – Kommunikation und sozialer Wandel

7. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Dieser Arbeit beleuchtet die Stellung und Bedeutung der Schrift seit ihrer Erfindung und Verbreitung und geht auf deren kritische Reflexion ein. Die Erfindung des Vokalalphabets im Besonderen ermöglichte erstmals die Verschriftlichung jeder sprachlichen Äußerung mit einer verhältnismäßig geringen Anzahl von Buchstaben, die, miteinander entsprechend kombiniert, alle bekannten Wörter als Schrift fixieren konnten. Anhand Platons Kritik an der Schrift in seinem Werk „Phaidros“[1] kann die erste reflektive Auseinandersetzung mit dem neuen Medium Schrift nachvollzogen werden. Um das Verständnis für die Bedeutung von Schrift im antiken Griechenland zu erleichtern, soll der Schreib- und besonders der Lesekultur dieser Zeit nachgespürt werden. Der mündlichen Rede kam in der damals noch oral geprägten Kultur eine verständlicherweise hohe Bedeutung zu. Wie wurde die Schriftlichkeit in diese kulturelle Praxis eingebunden? Welche Veränderungen erfuhr die frühe griechische Kultur im Übergang zur literalen Praxis? Auf diese Fragen wird im Folgenden näher eingegangen.

Platons Schriftkritik hatte große Auswirkungen – seither galt allein das gesprochene Wort als authentischer (Selbst-)Ausdruck und damit als Garant von Bedeutung, da es die Präsenz eines sprechenden Subjekts voraussetzte, das den Ursprung des Textes konstituierte. Erst Derrida kritisierte mit dem von ihm geprägten Begriff des Phonozentrismus, die Privilegierung des Sprechens gegenüber dem Schreiben. Harold Innis wies dagegen auf die Einflüsse aller Kommunikationsmedien, die er immer unter einem technischen a priori betrachtete, auf das Gesellschaftssystem hin. Für ihn wirkt sich die Mechanisierung der Kommunikation und ihrer Prozesse auch auf das Denken und Fühlen der Menschen aus.

2. Von der Bildschrift zum Vokalalphabet

Zu Beginn soll ein Einblick in die Entstehungsgeschichte der Schrift geworfen werden, um eine Vorstellung für die raum-zeitliche Entwicklung des Schriftsystems zu schaffen.

Die Schrift entwickelte sich über einem langen Zeitraum in Abstraktionsetappen, üblicherweise ausgehend von Natur imitierender Piktographie. Schon vor ca. 35.000 Jahren begann man graphische Darstellungen in Felsen, Stein, Knochen oder Holz zu schnitzen.[2] Ca. 6.000 Jahre später entstanden erste Bildsequenzen, um Gedanken und Ideenketten in Bildern auszudrücken. Ein weiteres sehr verbreitetes Mittel der Informationsspeicherung war das Einschnitzen von Zählergebnissen in einen Kerbstock, eine Methode die man zum Beispiel in England bis in das 19. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinein für die Buchhaltung des Schatzamtes verwendete. Zwischen 8.000 und 3.300 vor unserer Zeitrechnung wurde der Fund von Tonmarken, so genannter „tokens“ datiert. Diese verschieden geformten Zählmarken dienten zur Speicherung von Quantitäten und wurden in Tonhüllen versiegelt. Ca. 3.300 v. Chr. ritzte man dann die Anzahl der enthaltenen Tonmarken zusätzlich auf die Außenhülle des Behälters, sodass man den Inhalt der Tonbälle erfahren konnte, ohne die Hülle zu zerstören. Später ließ man dann die Tonmarken ganz weg und markierte die Menge auf Tonscheiben oder -täfelchen. Nach einer Schriftentstehungstheorie bedeutet die Umwandlung von dreidimensionalen Symbolen in zweidimensionale graphische Zeichen eine entscheidende Abstraktions-leistung im Übergang zur Schrift.[3]

Die ersten Schriftsysteme, wie die sumerische Schrift, bestanden aus piktographischen Zeichen. Aber Mesopotamien, der Ausgangsort für die spätere Schriftentwicklung Europas, ist möglicherweise nicht der Ort, an dem die Schrift ihren Anfang fand. Hiebel äußert die nicht einhellig unterstützte Vermutung, die Anfänge von optischen, diskreten Schriftzeichen lägen im religiös-kultischen Kontext in Europa, in der so genannten Vinca-Kultur im südosteuropäischen Raum.[4] Dort fand man Tongegenstände und Votivgaben, die auf einen Zeitraum zwischen 5.300 und 3.500 v. Chr. datiert wurden, mit einer aus ca. 200 Zeichen bestehenden Schrift aus an Piktogrammen angelehnten Zeichen bis hin zu abstrakten Zeichen. Die alteuropäische Vinca-Kultur und somit ihre Schrift wurde Mitte des vierten Jahrtausends jedoch durch kriegerische Indogermanen vernichtet oder zumindest verdrängt. Möglicherweise zogen sich die Alteuropäer auf die ägäische Inselwelt zurück und prägten insbesondere auf Kreta den Gebrauch des sakralen Schriftsystems Linear A, welches demnach eine Mischung aus alteuropäischen und kretischen Zeichen wäre. 3.500 v. Chr. entstand dann im mesopotamischen Uruk und dem chuzistanischen Susa die sumerische Sprachschrift mit Zeichen für Laute, Silben oder Wörter. Diese Schrift vollzog eine Entwicklung von der Bildgestalt ihrer anfangs 2000 Zeichen, die später auch als phonetische Zeichen beziehungsweise als Lautzeichen nach dem Rebusprinzip Verwendung fand, bis hin zur eigentlichen Keilschrift mit 500 bis 1.200 Zeichen. Parallel dazu entstand in Ägypten 3.150 v. Chr. das Hieroglyphensystem, eine Gedanken-Bilder-Schrift, die später auch Sprachzeichen phonetischer Art enthielt. Die abstrahierten Schriftzeichen der Sumerer galten 3000 v. Chr. zwar als erste Schrift, aber die ägyptischen Hieroglyphen haben den Übergang zur phonetischen Schrift rascher vollzogen, denn die hieroglyphische phonologische Segmentalschrift mit ihren rund 1.000 Zeichen wurde schon 2.750 v. Chr. verwendet. Um 2.450 v. Chr. entstand die sumerische Keilschrift, bestehend aus Ideogrammen und Phonogrammen, die ihre Stilisierung zum großen Teil der Veränderung der Schreibtechnik verdankte. Zu einer leistungsfähigen Variante der Phonographie verwandelte sich das System der Keilschrift aber erst um 2.300 v. Chr., nachdem sie von den semitischen Akkadern zum Altakkadischen und damit zum Prototyp einer Silbenschrift entwickelt wurden. Zwischen 2.000 und 1.500 v. Chr. fand im Nahen Osten mit der Entwicklung der phönizischen Schrift, in Anlehnung an die ägyptische und mesopotamische Schrift, ein entscheidender Sprung statt: die phönizische Buchstabenschrift verwendete Einzelbuchstaben für konsonantische Phoneme der Sprache. Dafür benötigte sie lediglich 30 konsonantische Zeichen – eine enorme Minimierung des Zeichenbedarfs – und war damit in der Lage, den gesamten – auch fremden – konsonantischen Lautbestand wiederzugeben. Die phönizische Schrift gilt als das erste Alphabet und bildete die Grundlage der Alphabetschriften der Griechen und der orientalischen Völker. Der griechische Historiker Herodot (ca. 484 – 425 v. Chr.) nannte mit Verweis auf ihre Herkunft die griechischen Buchstaben auch „Phoinikeia grammata“. Bevor sich in Griechenland wie im gesamten Levantebereich die klassische phönizische Schrift verbreitete, wurde die minoische Bilderschrift auf Kreta zwischen 1.450 und 1.250 v. Chr. durch die minoisch-mykenischen Linear(silben)schriften A und B abgelöst, den ältesten, unabhängig voneinander entstandenen Schriftsystemen der Griechen. Im 11/10. Jahrhundert v. Chr. wurde die phönizische Schrift jedoch auch von den Kretern übernommen und gelangte so in den griechischen Kulturraum. Die Griechen entwickelten die Konsonantenschrift der Phönizier weiter und gebrauchten sie ab 800 v. Chr. unter Hinzufügung von Vokalen. „Aus der Anpassung einer fremden, semitischen Sprache (der phönizischen Schrift) an eine indogermanische entsteht in einem enormen Qualitätssprung das erste vollständige, auch die Vokale bezeichnende phonetische Alphabet der Welt.“[5] Man vergleiche noch einmal den Gebrauch der Höhlenmenschen von Markierungen auf Stein oder Knochen, um einen Gedanken mit dem eingeritzten Zeichen zu verbinden und bei Betrachtung wieder aufzurufen. Insofern hatten Sie schon Schrift, wenn man im Hauptzweck der Schrift die Unterstützung bei einem Akt des wieder Erkennens sieht. Jedoch war sie wie auch die Schrift in ihrer frühesten Form, zum Beispiel in Ägypten und Mesopotamien des vierten Jahrtausends vor Christus, bei weitem nicht so abstrakt wie das später entstandene Vokalalphabet. Die frühen Schriftsysteme symbolisierten psycholo-gische Operationen wie das „Zusammenzählen und Vergleichen von Quantitäten; zweitens die Beobachtung physikalischer Objekte als solche in der äußeren Welt; drittens den Akt, diese Objekte zu benennen, und die Kunst, Namen und daher Objekte miteinander in Verbindung zu bringen.“[6] Nach Eric A. Havelock war diese Art der direkten Symbolisierung von mentalen Prozessen in gewisser Weise zu anspruchsvoll. Sie begnügten sich nicht damit, nur mit Phonemen umzugehen. Genau hier aber setzt das System des Vokalalphabets an, indem nun nämlich dazu übergegangen wird, linguistische Geräusche nachzuahmen. Die Griechen übernahmen elf phönizische Konsonantenzeichen (b, d, g, z, k, l, m, n, p, r, t), besetzten phönizische Halbkonsonanten dagegen mit griechischen Vokallauten (zum Beispiel „aleph“ mit dem Vokal α, „he“ mit dem Vokal ε), übertrugen die restlichen phönizischen Konsonantenzeichen auf griechische Lautwerte und führten einige Zusatzbuchstaben neu ein (zum Beispiel phi [Φ] und psi [Ψ]). Jedem Laut war nun ein Zeichen zugeordnet und der Zeichenbestand beschränkte sich auf rund 20 bis 30 Zeichen – wiederum eine Verkleinerung der Anzahl der Buchstaben, was die Erlernbarkeit um einiges erleichterte sowie eine bessere Handhabung versprach.

3. Platons Schriftkritik in Phaidros

Obwohl Platon – er lebte von 428/427 bis 348/347 v. Chr. in Athen – selbst des Schreibens mächtig war und sich auch dieser Technologie zur Niederschrift seiner Werke bediente, äußert er in seinem Werk „Phaidros“ eine scharfe Kritik gegen das Schreiben. In dem Dialog behandeln Phaidros und Sokrates im ersten Teil die Frage, wer der bessere Liebhaber für einen Mann sei: der verliebte oder der nicht verliebte Verehrer. Im zweiten Teil unterhalten sich beide über das Wesen der Rede und wann eine Rede der anderen überlegen sei. In diesem Kontext gehen Sie auf das Verhältnis des Philosophen zu seinen Schriften ein. In dem Kapitel „Wert und Unwert des Schreibens: die Sage von Theut; über die Schwäche des Geschriebenen; wozu ein Wissender schreibt“[7] erzählt Sokrates die Sage vom Gott Theut, der eine Reihe von Erfindungen hervorbrachte, wie die Zahl, die Rechnung, die Messkunst, die Sternkunde, das Brett- und Würfelspiel sowie die Buchstaben. Um seine Künste zu zeigen und zu verbreiten, ging Theut zu Thamus, Ägyptens König, und pries die Schrift als Mittel für Verstand und Gedächtnis an – damit würden die Ägypter weiser und gedächtnisreicher. Thamus lehnte dieses Argument ab und entgegnete, dass ganz im Gegenteil die Schrift dem Lesenden Vergessenheit einflößen würde aus Vernachlässigung des Gedächtnisses. Nach Sokrates` Erzählung begründete Thamus diesen Effekt damit, dass die Lesenden im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen und nicht innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Schrift sei also Mittel für Erinnerung, nicht Gedächtnis – sie gäbe lediglich den Schein von Weisheit. Durch einfaches Lesen einer Schrift entstehe nur der Dünkel von Weisheit – nur der Unterricht könne aber zu echter Weisheit führen. Sokrates fügt seiner Rede hinzu, dass geschriebene Reden nur dem als Erinnerung nützen, der wüsste, worüber sie geschrieben seien. Schrift ist nach Platon also für den Weisen ein Mittel zur Erinnerung und den Ungebildeten ein Mittel zur Vergesslichkeit, in keinem Fall aber ein Mittel für das Gedächtnis. Sokrates geht in dem Dialog weiter in seiner Kritik: die Schrift sei „ganz eigentlich der Malerei ähnlich; denn auch diese stellt ihre Ausgeburten ein als lebend, wenn man sie aber etwas fragt, so schweigen sie gar ehrwürdig still.“[8] Platon gibt also der lebendigen mündliche Kommunikation den Vorrang, denn der Dialektiker kann in der mündlichen Rede seinen Standpunkt begründen und individuell auf Fragen eingehen. Die Schrift aber antwortet nicht, sie enthält stets ein und dasselbe. Ein weiteres Problem, dass er in der Schrift sieht, ist der Umstand, dass sie sich an jeden wendet, auch den Unverständigen. Ein Philosoph oder Dialektiker würde hingegen vor dem Unwissenden schweigen und sich für seine philosophische Saat selbst geeignete Seelen aussuchen. Denn: Lesen heißt nicht gleich verstehen – das Schnellverfahren der Schrift kann den langen Umweg der mündlichen Dialektik nicht ersetzen Lesen vermittelt also eine Kenntnis die nichts nützt, wenn sie inhaltlich nicht verstanden wurde.

[...]


[1] Platon: Phaidros.

[2] Hiebel, Hans H.: Große Medienchronik. München 1999. S. 39

[3] ebd.: S. 39

[4] ebd.: S. 40

[5] ebd.: S. 50

[6] Havelock, Eric A.: Gesprochener Laut und geschriebenes Zeichen. In: Claus Pias, Joseph Vogl, Lorenz Engell, Oliver Fahle und Britta Neitzel (Hrsg.):Kursbuch Medienkultur. Stuttgart, 1999. S. 91

[7] Platon: Phaidros. 274c-277a

[8] ebd.: 275a

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638061896
ISBN (Buch)
9783638952231
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92518
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Medienwissenschaftliches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Phármakon Bedeutung Kritik Schrift Antike Momente Mediengeschichte platon phaidros antike oralität

Autor

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Titel: Das Phármakon – Bedeutung und Kritik der Schrift in der Antike