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Lachen und Weinen – Ausdruck menschlicher Natur

Textgrundlage: Helmuth Plessners "Lachen und Weinen" - Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Helmuth Plessner

3. Körper-Leib-Problematik

4. Die exzentrische Position

5. Die Instrumentalität des Körpers

6. Eingrenzung der Ausdrucksweisen

7. Lachen und Weinen

8. Sinnhaftigkeit und menschliches Leben

9. Situationen des Lachens

10. Situationen des Weinens

11. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

12. Literaturverzeichnis

An das Ideal

Wen liebt` ich so wie dich, geliebter Schatten!

Ich zog dich an mich – und seitdem

ward ich beinah zum Schatten, du zum Leibe.

Nur dass mein Auge unbelehrbar ist,

gewöhnt, die Dinge außer sich zu sehen:

ihm bleibst du stets das ew`ge „Außer-mir“.

Ach, dieses Auge bringt mich außer mich!

- Friedrich Nietzsche -[1]

1. Einleitung

Im Jahre 1941 erscheint Helmuth Plessners Schrift „Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens.“ Anhand dieses Textes soll nun Plessners Bemühen gezeigt werden, die Natur des Menschen, sein Wesen, am Beispiel seiner Expressivität, speziell anhand des Lachens und Weinens, zu begreifen. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis der Gebrochenheit des Verhältnisses zwischen Mensch und Körper. Diese Gebrochenheit ist jedoch nicht im cartesianischen Sinne einer Trennung von Körper und Geist zu verstehen, sondern vielmehr in einem beide Sphären umfassenden Doppelsinn, modelliert als exzentrische Positionalität. Ausgehend von dieser Position sollen die Ursachen von Lachen und Weinen sowie Unterschiede zwischen ihnen beleuchtet werden. Im Lachen und Weinen berührt der Mensch eine ihm eigene Sphäre, die zugleich verselbständigt in Erscheinung tritt. Im Zentrum dieser Arbeit steht die Bedeutung des beseelten Leibes der dem Menschen einerseits als Instrument, als Objekt erscheint und der ihm andererseits selbst Subjekt ist und der im Lachen und Weinen seinem Zwang zum Ausgleich zwischen diesen beiden Positionen Ausdruck verleiht.

2. Helmuth Plessner

Helmuth Plessner (1892-1985) ist ein zu Lebzeiten verkannter Philosoph. Erst seit einigen Jahren rücken seine Schriften näher in das Auge des Interesses. Plessner setzt sich mit Kant, ästhetischen Phänomenen, biophilosophischen und sozialphilosophischen Fragen, geschichtlichen Prozessen sowie methodischer Reflexion auseinander, die er, gespickt mit polemischen Zwischenrufen zu den Diskursen seiner Zeit, zu einer philosophischen Anthropologie zusammenführt. Ziel Plessners ist es, den Humanismus dahingehend zu erneuern, als er die menschliche Würde gerade in der Offenheit und Unergründlichkeit des menschlichen Seins sucht. Aus dem deutschen Bürgertum stammend und in dieser Weise mit Deutschland auch zutiefst verbunden, zeigt sich Plessner als Kritiker aller deutschen Radikalismen. Er betrachtet Deutschsein als ein unfertig sein, zu jung und unsicher, plural und ambivalent und mit einer zu großen Verantwortung einer tragischen Tradition belastet. Hier sieht er die Gefahr, nämlich die Neigung der Deutschen, ihren Konflikten zu leicht und zu schnell mit Radikalismen zu entgehen, den Konflikt mit der eigenen internen Pluralität nach außen zu wenden.

Die Geschehnisse seiner Zeit prägen Plessners Philosophie, eine Philosophie die den Menschen in einer unendlichen Vielfalt zu skizzieren versucht. Plessner beansprucht eine Neubegründung der Philosophie, indem er in der Frage nach einem sinnhaften, menschlichen Leben seine Erkenntnisse mittels Hermeneutik, Anthropologie und Biophilosophie begründet und bündelt. Kernstück Plessners Denkens ist die Bestimmung menschlicher Lebendigkeit in der exzentrischen Positionalität. Mit der Betrachtung des Lachen und Weinen gelangt Plessner zu Erkenntnissen über das menschliche Wesen, die sich in seiner Expressivität offenbaren.

Menschlicher Ausdruck ist Spiegel und Offenbarung des Wesens des Menschen. Das Zusammenspiel von Mensch und Körper gibt Aufschluss über das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper. Wichtig für Plessner ist hierbei, die menschliche Erfahrung als Erkenntnisquelle zu nutzen, d.h. den Menschen in seiner Ganzheitlichkeit im Verhalten zu seiner Umwelt zu betrachten. Gleichzeitig rückt er von einer allzu einseitigen wissenschaftlichen Betrachtung ab und unterstellt sich keinem Primat einer einzelnen Wissenschaft.

3. Körper-Leib-Problematik

Plessners Erkenntnisse untermauern eine ‚Phänomenologie des Leibes’, die von der Leibgebundenheit der menschlichen Erkenntnis und Kommunikation ausgeht. In der anthropologisch-kulturphilosophischen Diskussion bezeichnet das Konzept des Körpers in Absetzung vom Leib den Kontrast zwischen Leib-Sein und Körper-Haben. Kritisiert wird eine die gesellschaftliche Praxis wie auch die philosophisch-theoretischen Diskurse charakterisierende defizitäre Einstellung zur physisch-biologischen Gegebenheit des Menschen. Als Ursache für die Verdrängung des Leibes wird die cartesianische Aufspaltung des Menschen in Körper-Geist oder Leib-Seele angesehen. Philosophen wie F.W. Nietzsche, E. Husserl, M. Heidegger bis M. Merleau-Ponty, Kulturphilosophen wie J. Habermas oder Soziologen wie K. Dürkheim sind Vertreter des anthropologischen Modells, in dem der ganzheitlich-selbstmächtige ‚Geist’ den als Körper objektivierten Leib als Stätte der Bedingtheit untersucht. Seit dem 19. Jahrhundert nimmt die Deutung des Körpers bzw. Leibes als Repräsentant für Individualität zu, wird der Leib, wie bei J. Derrida und M. Foucault, als widerständige Instanz gegen die Subsumierbarkeit des Menschen unter kategoriale Strukturen betrachtet und wendet sich damit gegen einen monologisch-logozentrischen Wissensbegriff, nach dem das einsam beobachtende Subjekt durch die Befolgung logisch-rationaler Denknormen die Gesamtheit von Welt objektiv erfassen könne.

„Vor allem wollen wir aufs schärfste zwei Dinge trennen…: das ist der ‚Leib’ und der ‚Körper’ […] Denn […] von unserem Leibe haben wir mit dem möglichen äußeren Bewusstsein auch noch ein inneres Bewusstsein, dessen wir bei allen toten Körpern entbehren.“[2] So fasst Max Scheler, neben Helmuth Plessner Mitbegründer der philosophischen Anthropologie, die Grundstruktur des Menschen. Plessner erarbeitet diese Grundstruktur systematisch unter dem Programm „Versinnlichung des Geistes, Vergeistigung des Sinnlichen“[3]. Das „innere Konditionssystem zwischen Körper und Geist“ soll untersucht werden in der Absicht, „die äußersten Pole der menschlichen Existenz, den leiblich-sinnlichen und den geistigen Pol, durch eine Erforschung des Formensystems, in dem sich diese Existenz ausspricht, unter einem Aspekt zu sehen und ihre Gegenseitigen Abhängigkeiten, die Wesensgesetze ihrer Koexistenz zu begreifen“[4].

[...]


[1] Friedrich Nietzsche: Sämtliche Gedichte. Hrsg. Ralph-Rainer Wuthenow. Zürich: Manesse Verlag, 1999. S. 126

[2] Scheler: Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, S. 414

[3] Plessner: Die Einheit der Sinne. Grundlinien einer Ästhesiologie des Geistes, S. 204. Bonn 1923

[4] Plessner: Die Stufen des Organischen und der Mensch, Bd. IV, S. 33. In: Gesammelte Schriften I-X, Frankfurt a.M. 1980-85.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638061889
ISBN (Buch)
9783638952217
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92517
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Kulturwissenschaftliches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Lachen Weinen Ausdruck Natur Klassiker Anthropologie Helmuth Plessner unbewusstes exzentrische positionalität

Autor

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Titel: Lachen und Weinen – Ausdruck menschlicher Natur