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Büchners LENZ: eine Analyse seiner geistigen Krankheit

Seminararbeit 2002 13 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse durch verschiedene Momente der Erzählung
2.1. Lenzes Wanderung und die Beziehung zu der Natur
2.2. Oberlins Einfluss
2.2.1. Die Beziehung zu Gott
2.2.2. Lenz und die Gesellschaft
2.3. Kaufmanns Ankunft und das Kunstgespräch
2.4. Die Bruchstelle: Oberlins Abreise
2.5. Die Passivität des Epilogs

3. Parallelität

4. Die Rolle der Sprache in Zusammenhang mit Lenzes Zustand

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird Büchners „Lenz" in Betracht gezogen, da es mehr als eine Erzählung ist: es ist nämlich nicht nur eine Übertragung von Tatsachen, sondern auch eine Beschreibung eines geisteskranken Menschen. Deshalb kann es auch ein Psychogramm definiert werden, in dem den Zustand eines psychisch kranken Individuums dargestellt wird. Die Krankheit der Hauptfigur wird also als Thema für die folgende Untersuchung genommen. Nur dank der Analyse der Veränderung des Verhaltens Lenzes ist es möglich, sich der Entwicklung der Krankheit bewusst zu werden, deswegen wird der Zustand Lenzes in verschiedenen Momenten der Erzählung beobachtet. In dieser Weise wird es deutlich, dass die Erzählung in Zusammenhang mit Lenzes Verfassung aus Parallelitäten besteht und eine Beziehung mit der Sprache bildet.

Da alle Informationen im Text enthalten sind, werden Hinweise und Beispiele daraus oft geliefert.

2. Analyse durch verschiedene Momente der Erzählung

2.1. Lenzes Wanderung und die Beziehung zu der Natur

Die Erzählung beginnt in medias res mit einer Beschreibung der Natur, wo die Figur, die Situation, die Zeit und den Raum der Ereginisse gegeben werden. Die Natur, deren Schilderung meist ohne personifizierende oder beseelende Bilder auskommt, hat hier keine Seele, sondern ist die Evokation der Raumobjekte perspektivisch an Lenz gebunden, denn es ist eine Darstellung der Natur, die Lenz sieht. Das Adverb „so" wird eindringlich wiederholt, um Staunen und Desorientierung gegenüber die fremde und undurchdringlich Natur auszudrücken: „alles so dicht – […], so träg, so plump“[1]. Lenz findet sich allein in dem Naturbild versunken, das eine negative Atmosphere verursacht und diese Fusion droht ihm, ihn zu zerstören. Es ist nämlich dunkel und „am Himmel zogen graue Wolken […] und dann dampfte der Nebel herauf“[2]. Das Landschaft sieht so mächtig[3] und kalt aus, dass „er die Erde hinter den Ofen setzen mögen hätte"[4]. Außerdem scheint es ihm unendlich zu sein: „Er begriff nicht, daß er so viel Zeit brauchte […] er meinte, er müsse alles mit ein paar Schritten ausmessen können"[5]. Die wilde Natur scheint figurativ eine Beschreibung eines Kampfes zu sein[6] und Lenz erleidet die Fusion als Ekstase, die zu einem krampfhaft Anfall führt[7]. Während die Natur statisch ist, befindet sich das Subjekt in Bewegung, denn Lenz sucht nach etwas, was die Einheit wieder herstellen könnte, aber die Natur bietet nicht, was er sucht: „er suchte nach etwas, wie nach verlornen Träumen, aber er fand nichts"[8]. Lenz akzeptiert die Bedingungen der Normalität, die zum menschlichen Leben gehören, nicht, deshalb sind Langeweile und Gleichgültigkeit in ihm: „Müdigkeit spürte er keine, nur was er ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte"[9]. Er braucht , sich umgekehrt zu stellen, denn er kann sich durch die Polaritäten der Erde und des Himmels, des Endliches und des Unendliches rechtfertigen. Nur wenn der Sturm die Landschaft beseelt, ist er fähig, seine Gleichgültigkeit hinter sich zu lassen und sich von seiner Unruhe zu befreien. Lenz tritt also mit der Natur in Kontakt, der als poetisch bezeichnet werden kann.

Ein unkontrollierter Schwung hebt Lenz von der Erde, gegen die Unendlich. Er muss sich der Festigkeit der Erde versichern und er kann es nur durch eine Fusion mit ihr machen. In dieser Weise verliert aber er sein Lebenswesen, denn er muss verzichten, als Individuum zu existieren, um in das Ganze zu treten. Er ist aus der Welt weggenommen und „ die Erde wich unter ihm“[10]. Es handelt aber sich um eine scheinbare Erleichterung, die sich auf augenblickliche Unbewusstheit stützt: „er wusste von nichts mehr“[11]. Nach dieser Erfahrung wird die Natur wieder fremd, schweigend und grau, wie schon am Anfang. Da Lenz völlig allein ist, ist er in diesem Nichts lahm gelegt und eine „namenlose Angst“[12] erfüllt ihn.

2.2. Oberlins Einfluss

Auch wenn Lenzes Zustand noch nicht so schlimm ist, verschlechtert er sich im Laufe der Geschichte drastisch. In Oberlins Welt glaubte er etwas zu finden, deshalb ist sie für Lenz wichtig, weil sie ein heimliche Gefühl in ihm produziert[13], und später nimmt sie eine feste Rolle als Grund seiner Zufriedenheit und innerer Ruhe[14]. Die Leere füllt sich mit Klänge, Bilder und der Anwesenheit von Menschen, deren er hofft, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Augenpunkt bewegt sich von der Hauptfigur und der Erzähler lässt für die objektive Realität mehr Raum, indem der Ton des Berichts wieder in den Vordergrund gestellt wird. Aber dieses Zustand ist vorübergehend: sobald die Einsamkeit des Zimmers ihn überkommt, hat er die gleiche Reaktion, die schon auf den Bergen hatte. Die Angst treibt ihn zur Flucht: „Er sprang auf, er lief durchs Zimmer, die Treppe hinunter, vors Haus“[15]. Nur ein „dunkler Instinkt“[16] macht ihn unbesonnene Täten begehen, um sich zu retten und das verlorene Gewissen zu finden. Das ist, was er braucht: sich bewusst sein, zu existieren.

Den nächsten Tag reiten Oberlin und Lenz zusammen und ausdrucksvolles Gleichgewicht zusammen mit Harmonie der Proportionen charakterisieren die Beschreibung der Landschaft: dank Oberlin wird Lenz veranlasst, an dem Leben teilzunehmen und in ihm eine Stellung zu bekommen. Aber gegen Abend, wenn die Objekte vom Schatten durchflutet sind, wird das Gleichgewicht gebrochen, da es mit dem Licht in Verbindung steht. Aber jetzt ist die Angst nicht mehr „unnenbar“[17], sondern eine „sonderbare Angst“, die in ihm kindliche Wunsche erweckt: „er hätte der Sonne nachlaufen mögen“[18]. Lenz hat nämlich Angst vor der Dunkelheit und vor dem Alles und dem Nichts[19] und überhaupt vor der Einsamkeit: „Es wurde ihm entsetzlich einsam; er war allein, ganz allein"[20]. Diese Angst kommt immer, wenn es dunkel ist, und sie erregt Lenzes völligen Selbstverlust[21].

Lenzes Zustand ist jetzt anders als am Anfang, denn die Erfahrung, die er mit Oberlin gemacht hat, schwächt seine Angst ab und erhöht das Bewusstsein der Gefahr, die ihn droht. Deshalb nimmt er das Verhältnis eines Kindes an, das Angst vor dem Unbekannte hat, weil es nicht fähig ist, ihm einen Name zu geben. „Das wenige durch die Nacht zerstreute Licht“ und „die grelle Wirkung des Wassers“[22] können glücklich ihm helfen und die jetztige Ruhe stützt sich auf die verminderte Fähigkeit, die Gefahren zu erkennen und auf die Welt Oberlins.

[...]


[1] Büchner, Georg : Lenz. Stuttgart (Reclam) 1957, S.3.

[2] Büchner (Ans.1), S.3.

[3] „die Täler hinunter graues Gestei, grüne Flächen, Felsen und Tannen“, Büchner (Ans.1), S.3.

[4] Büchner (Ans.1), S.3.

[5] Büchner (Ans.1), S.3.

[6] „bald wie fern verhallender Donner, […] wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein […] sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so dass ein helles blendendes Licht […] in die Täler schnitt“,; Büchner (Ans.1), S.3-4.

[7] „riss es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund wie offen, […] es war eine Lust, die ihm weh tat“; Büchner (Ans.1), S.4.

[8] Büchner (Ans.1), S.3.

[9] Büchner (Ans.1), S.3.

[10] Büchner (Ans.1), S.4.

[11] Büchner (Ans.1), S.4.

[12] Büchner (Ans.1), S.5.

[13] Schon als er Lichter eines Hauses sieht, „wurde es ihm leichter“ und später „war er gleich zu Haus“; Büchner (Ans.1), S.5-6.

[14] „Er musste Oberlin oft in die Augen sehen, und die mächtige Ruhe […] schien ihm noch näher, in diesem ruhigen Auge, diesem ehrwürdigen ersten Gesicht“; „seine Worte, sein Gesicht taten ihm unendlich wohl“; Büchner (Ans.1), S.8/18.

[15] Büchner (Ans.1), S.6.

[16] Büchner (Ans.1), S.6.

[17] Büchner (Ans.1), S.6.

[18] Büchner (Ans.1), S.8.

[19] „Es faõte ihn eine namenlose Angst in diesem Nichts: er war im Leeren!“; Büchner (Ans.1), S.5.

[20] Büchner (Ans.1), S.4-5.

[21] „Das Wenige, durch die Nacht zerstreute Licht, […] machte ihm besser“; Büchner (Ans.1), S.9.

[22] Büchner (Ans.1), S.9.

Details

Seiten
13
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638160018
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9242
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – FB Germanistik
Note
3
Schlagworte
Büchners LENZ Analyse Krankheit Interpretation Prosatexte Jahrhunderts

Autor

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