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Bewegungsmangel, Essverhalten und Medienkonsum als Ursache für Übergewicht

Eine empirische Untersuchung an ausgewählten Schülern

Examensarbeit 2006 135 Seiten

Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. EINLEITUNG

2. Übergewicht als aktuelles Problem der heutigen Gesellschaft
2.1 Fallbeispiel
2.2 Aktuelle Situation
2.3 Wirtschaftlicher und politischer Stellenwert von Übergewicht
2.4 Diagnostik und Definitionen
2.4.1 Der Body Mass Index (BMI)
2.4.2 Referenzwerte für den BMI und Definitionen
2.4.3 Besonderheiten der Referenzwerterhebung bei Kindern und Jugendlichen
2.5 Folgeerkrankungen von Übergewicht
2.6 Bewegung
2.6.1 Begrifflichkeiten
2.6.2 Aktuelle Umwelteinflüsse und soziale Auswirkungen auf die körperliche Aktivität
2.6.3 Die Bedeutung der Bewegung für den menschlichen Körper
2.6.4 Bedeutung der Bewegung für den übergewichtigen Körper
2.6.5 Hemmschwellen Übergewichtiger beim Sport
2.7 Ernährung
2.7.1 Ernährung im Wandel
2.7.2 Der Einfluss sozialer Veränderungen auf die Ernährung
2.7.3 Ernährung und Gesundheit
2.7.4 Glykämischer Index
2.7.5 Energie
2.7.6 Zu fett und zu süß
2.7.7 Der Stellenwert des Essens bei jungen Menschen
2.7.8 Fast Food
2.8 Medien
2.8.1 Die heutige Medienwelt von Kindern und Jugendlichen
2.8.2 Medienerfahrung von Kindern und Jugendlichen
2.8.3 Bedeutung der Medien im Freizeitverhalten von Jugendlichen
2.8.4 Medien und Übergewicht
2.9 Beispiele für Therapiemöglichkeiten
2.9.1 Allgemeines zur Adipositastherapie
2.9.2 Überregionale Therapieeinrichtungen
2.9.3 Regionale Therapieeinrichtungen
2.10 Zusammenfassung

3. Zur Ursachenforschung von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter
3.1 Datenerhebungen
3.1.1 Laufende Forschungen
3.1.2 Abgeschlossene Forschungen
3.2 Bewegungsmangel als Ursache für Übergewicht
3.2.1 Aktueller Bewegungsstatus
3.2.2 Erkenntnisse
3.3 Fehlerhaftes Essverhalten als Ursache für Übergewicht
3.3.1 Aktueller Ernährungsstatus
3.3.2 Erkenntnisse
3.3.3 Der Zerfall der Tischgemeinschaft
3.4 Wirkung des veränderten Medienkonsum auf Übergewichtigkeit
3.4.1 Aktueller Status
3.4.2 Erkenntnisse
3.5 Zusammenfassung

4. Planung und Durchführung der empirischen Untersuchung
4.1 Methodische Überlegungen
4.1.1 Fragestellungen
4.1.2 Hypothesen
4.1.3 Methodisches Vorgehen
4.2 Konkretes Untersuchungsdesign
4.2.1 Vorgesehener Umfang der Untersuchung
4.2.2 Zielgruppenanalyse
4.2.3 Vorgehensweise
4.2.4 Aufbau und Struktur des Fragebogens
4.2.5 Untersuchungsumfang
4.2.6 Datenauswertung
4.3 Darstellung der Ergebnisse
4.3.1 Auftretenshäufigkeit von Übergewicht in der Region Fulda
4.3.2 Bewegungsmangel als Ursache für Übergewicht
4.3.3 Falsches Ernährungsverhalten als Ursache für Übergewicht
4.3.4 Erhöhter Medienkonsum als Ursache für Übergewicht
4.3.5 Multivarianz der Ursachen für Übergewicht
4.3.6 Verhaltensunterschiede zwischen Schülern der 4. und der 8. Klasse

5. Diskussion

6. Zusammenfassung

7. Literatur

8. Anhang

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

Mit steigender Medienpräsenz eröffnet sich das Thema Übergewicht der Gesellschaft. Es ist die Rede von einer stetig wachsenden Zahl an Übergewichtigen sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter. Oft wird eine falsche Ernährung und ein Mangel an Bewegung als Ursache benannt. Es wird in den Medien einstimmig publik gemacht, dass sich unsere Kinder zu süß und zu fett ernähren, zu wenig Sport treiben und stattdessen viel zu oft vor dem Computer und dem Fernseher verbringen. Doch liegen dort wirklich die Ursachen der Fettleibigkeit?

Auch ich stieß eines Tages auf einen Artikel der Zeitschrift Stern, der mir die Problematik dieses Themas bewusst werden ließ und mir den Gedankenanstoß für diese Arbeit lieferte. Die Problematik die ein Kind im Laufe seiner Entwicklungen aufgrund seiner Übergewichtigkeit erfährt bzw. erfahren wird, beschäftigt mich seit daher. Da fettleibige Menschen insgesamt von dem Schönheitsideal der Gesellschaft mitunter stark abweichen, ist auch ein übergewichtiges Kind in seiner Umwelt zumeist benachteiligt und wird dies vermutlich auch in Zukunft bleiben. Seien es Hänseleien in der Schule, stechende Blicke in der Straßenbahn, Probleme bei der sozialen Integration und bei der Partnersuche, berufliche Schwierigkeiten oder einfach nur gesundheitliche Folgeerkrankungen durch die Übergewichtigkeit, die Folgen einer Übergewichtigkeit sind vielfältig und für die Betroffenen nahezu in jedem Lebensbereich spürbar. Zumeist haben diese Kinder alles andere als gute Zukunftsperspektiven. Und gerade an dieser Stelle wird die Frage nach Präventionsmöglichkeiten laut. Was kann man tun, um diese Kindern aus der Gefangenschaft ihrer Übergewichtigkeit zu befreien, wie kann man ihnen den Weg für eine erfolgreiche Lebensentwicklung ebnen? Diese Fragen stellen sich gerade mir als angehender Lehrer. Welche Möglichkeiten habe ich später in der Schule, um diesen Kindern zu helfen? Doch um ihnen helfen zu können, müssen zunächst präventive Ansatzmöglichkeiten gefunden werden, wobei die Ursachenforschung eine wichtige Rolle erfährt. Es muss zunächst verstanden werden, warum diese Kinder übergewichtig sind, um dann ihrem fehlerhaften Verhalten entgegenwirken zu können. Ist es wirklich der oft beschuldigte Mangel an Bewegung der die Kinder dick werden lässt? Ist es wirklich eine falsche Ernährung? Oder der zu hohe Medienkonsum der die körperliche Inaktivität fördert? Gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen drei Kriterien? Diese Fragen stellen sich mir und regen mich an diese Untersuchung durchzuführen. Die Antworten würden es mir ermöglichen, später in der Schule gezielt auf diese Kinder einzugehen. Gerade die Rolle des Sportlehrers wird immer bedeutender, weil der Sportlehrer oftmals die letzte Kontaktperson für die Kinder ist, der ihnen den Spass am Sport vermitteln und so die Kinder auf die Bahn einer sportlich aktiven Lebensentwicklung lenken kann. Auch ich könnte mir als angehender Sportpädagoge vorstellen, neben dem normalen Unterricht im Rahmen einer AG den Übergewichtigen zu helfen, dass sie den Freude am Sport wiederentdecken. Eine Ernährungsschulung könnte ebenfalls teil eines solchen Projektes sein. Doch dazu ist es wie bereits erwähnt unumgänglich, die Hintergründe und Ursachen einer Übergewichtigkeit zu kennen, wozu diese Arbeit einen Beitrag leisten soll.

1. EINLEITUNG

Im ersten Kapitel wird zunächst ein einführendes Fallbeispiel geschildert. Mit einem Überblick über die aktuelle Situation und den wirtschaftlichen und politischen Stellenwert von Übergewichtigkeit wird das zweite Kapitel eingeleitet. Im Anschluss daran soll ein Diagnoseverfahren vorgestellt werden, das auch bei dieser Untersuchung Anwendung finden wird. Daraufhin wird über die Folgeerkrankungen berichtet und der theoretische Hintergrund der Bewegung, der Ernährung und der Medien behandelt. Abgeschlossen wird das zweite Kapitel mit Beispielen von regionalen und überregionalen Therapiemöglichkeiten.

Im dritten Kapitel sollen laufende und abgeschlossene Studien skizziert werden, die die Ursache von Übergewicht untersuchen bzw. untersucht haben. Ihre Ergebnisse und Erkenntnisse in Bezug auf das Bewegungs-, und das Ernährungsverhalten und den Medienkonsum werden im Folgenden beschrieben.

Das vierte Kapitel berichtet von der Planung und der Durchführung der empirischen Untersuchung. Es werden dabei zunächst die methodischen Überlegungen und das konkrete Untersuchungsdesign und im Anschluss die Ergebnisse vorgestellt. Mit einer Diskussion über die gewonnen Erkenntnisse und einer Zusammenfassung endet diese wissenschaftliche Hausarbeit.

Die vorliegende Arbeit ist nach den Regeln der neuen Rechtschreibreform abgefasst. Dies gilt nicht für direkte und indirekte Zitate.

Weiterhin wird aufgrund einer besseren Lesbarkeit in der vorliegenden Arbeit auf eine zusätzlich weibliche Schreibweise von Personen verzichtet. Mit der rein männlichen Schreibweise sind aber ausdrücklich Personen beider Geschlechter gemeint.

2. Übergewicht als aktuelles Problem der heutigen Gesellschaft

2.1 Fallbeispiel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Maximilian, 14 Jahre, 1,78 Meter, 147 Kilo

(Lache, 2004)

Maximilian, 14 Jahre, 1,78 Meter, 147 Kilo:

„Das Schlimmste waren die Fressattacken. Solche Anfälle hatte ich fünf- oder sechsmal im Monat. Meist nachmittags. Da kam alles zusammen: Frust, Langeweile, Stress, Streit in der Schule oder zu Hause. Dann hab ich schon mal ein Packl Toastbrot mit Butter, Käse oder Wurst und zwei Pizzen in mich reingestopft. Und hinterher genehmigte ich mir noch drei Magnum-Eis und einen halben Käsekuchen. Das hat meine Mutter natürlich gemerkt. Mein Stiefvater hat daraufhin ein Zahlenschloss am Kühlschrank angebracht, aber nur mit einem dreistelligen Code. Den hatte ich schnell geknackt. Mit zwölf war ich sechs Wochen zur Kur in einer Klinik für übergewichtige Kinder. 13 Kilo wog ich am Ende weniger. Aber die hatte ich zu Hause schnell wieder drauf und sogar noch 32 Kilo zusätzlich. Als ich hier nach Berchtesgaden kam, wog ich 153 Kilo. Ich esse jetzt anders. Viel mehr Salat. Und ich habe die Menge reduziert. Zu einer Schwarzwälder Kirschtorte würde ich zwar auch heute nicht nein sagen. Aber ich würde eben nur noch zwei Stückchen essen und nicht mehr gleich die halbe Torte“ (Lache, 2004)

2.2 Aktuelle Situation

Übergewichtigkeit und Adipositas (Fettsucht) im Kindes- und Erwachsenenalter nehmen weltweit alarmierende Ausmaße an, die WHO bezeichnete 1998 die Übergewichtigkeit als neue globale Epedemie, die EUFIC sprach 1995 von „Adipositas als Krankheit des Milleniums“. Mehr als eine halbe Milliarde Menschen auf der Welt sind übergewichtig (Barnstorf & Jäger, 2005, S. 16). Niederländische Forscher fanden heraus, dass die Lebenserwartung eines Übergewichtigen ebenso reduziert ist wie die eines Rauchers. Auf Zigarettenschachteln findet der Raucher jedoch deutliche Warnhinweise wie „Rauchen schadet Ihrer Gesundheit“, im Gegensatz dazu warnt niemand vor Schokoriegeln. In den USA sterben jährlich 280000 Menschen an Adipositas und ihren Folgekrankheiten, sie ist damit die zweithäufigste Todesursache in den Staaten nach dem Rauchen (AGA, 2004, S. 10).

Gerade in den Industrienationen sind die Auftretungshäufigkeiten in den letzten Jahren deutlich gestiegen. So beträgt zum Beispiel in den USA die Prävalenz (Vorkommen) von Adipositas in einigen Subgruppen der Bevölkerung wie zum Beispiel den „Schwarzen“ oder den „Hispanics“ bereits 50%. In Deutschland werden nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums im Jahre 1994 ca. 20% der Bevölkerung als adipös (fettsüchtig), weitere ca. 50% als übergewichtig eingestuft. Somit gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Ländern mit einer sehr hohen Adipositasprävalenz (Barnstorf & Jäger, 2005, S. 16). Doch nicht nur die Prävalenz ist ansteigend, sondern auch die Ausmaße der Adipositas verstärken sich (Müller, Mast, Bosy-Westphal & Danielzik, 2003, S. 35)

Abbildung 2 verdeutlicht, dass es im Laufe der Jahrzehnte immer mehr extrem adipöse Menschen gab und geben wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Veränderung des BMI-Median von 1960 bis 2040 (RKI, 2006)

Adipositas hat sich also auch in der BRD zu einer zahlenmäßig bedeutsamen Gesundheitsstörung entwickelt. Der Berufsverband für Kinderheilkunde und Jugendmedizin teilte mit, dass rund 20% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland an Fettsucht leiden. Diese Zahl habe sich seit Mitte der 70er Jahre vervielfacht. Schlagzeilen wie „Generation XXL“ oder „Jedes sechste Kind zu dick“ sind in der Presse gegenwärtig und weisen auf die Brisanz der Thematik hin. Eine Untersuchung der Universität Jena und dem Gesundheitsamt Halle zur Entwicklung der Fettleibigkeit ergab, dass bei deutschen Kindern sich seit 1985 der Anteil fettleibiger Jungen in Deutschland verdoppelt, bei den Mädchen sogar verdreifacht hat (Gottwald, 2002).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Adipöses Kind (Echo-online, 2006)

Die Bogalusa Heart Study an Kindern und Jugendlichen im Alter von 2 bis 17 Jahren belegte, dass bei einer Nachuntersuchung 17 Jahre später 77% der fettleibigen Kinder als Erwachsene immer noch fettleibig waren. Auch die Kiel Obesity Prevention Study (KOPS) hat erwiesen, dass 87,5% übergewichtiger Kinder im Alter von 5 bis 7 Jahren in der Pubertät ebenfalls fettleibig geblieben sind. Es kommt also zu einem bedeutsamen Transfer des Übergewichts vom Kindes- und Jugendalter ins Erwachsenenalter (Spitzer, 2005). Besorgniserregend ist dieser Trend zur Adipositas gerade bei Kindern und Jugendlichen, da mit dem Übergewicht im jungen Alter das Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko (Risiko für einen erhöhten Krankheitsstand und einer höheren Sterblichkeit) im Erwachsenenalter steigt (AGA, 2004, S. 10).

„Wer es also als Kind nicht schafft abzunehmen, hat ein deutliches Risiko, spätestens als Erwachsener Dauergast beim Arzt zu sein oder früh zu sterben“ (Lache, 2004).

Mit der Morbidität steigt zudem auch die Krankheitslast (Komorbidität) (AGA, 2004, S. 11). Die Übergewichtigen werden also krankheitsanfälliger und leiden dabei öfter an mehreren und/oder schwereren Krankheiten (siehe 2.5), was eine enorme Belastung des Gesundheitssystems mit sich bringt (siehe 2.3). Es wird immer deutlicher, dass sich Adipositas mittlerweile zu einer chronischen Krankheit entwickelt hat. Der chronische Krankheitswert der Adipositas resultiert im Kindes- und Jugendalter wie auch im Erwachsenenalter sowohl aus den Folgekrankheiten, den funktionellen und individuellen Einschränkungen sowie den psychosozialen Beeinträchtigungen (ebd., 2004, S. 10), denn nicht nur der schwer beladene Körper nimmt Schaden, auch die Seele leidet mit (Lache, 2004). Letzteres ist die Ursache eines vom gesellschaftlichen Schönheitsideal abweichenden Erscheinungsbildes des übergewichtigen Menschen. Die Gesellschaft empfindet einen jungen, schlanken, sportlichen Menschentypus als schön, erfolgreich und gesellschaftlich anerkannt, hingegen entsprechen Übergewichtige nicht dieser Norm (Salzmann, 2001, S. 25).

„Wer erst einmal als zu dick gilt, wird in der Öffentlichkeit wie ein armer Sünder gegeißelt und zur Buße verpflichtet“ (Oertl, 2006, S.14)

So würden in einigen Bundesstaaten der USA die Werte des BMI (Body Mass Index, siehe 2.4.1) von Schulkindern sogar im Internet veröffentlicht und die Eltern bekämen regelmäßig „Fettbriefe“, berichtet Oertl (2006, S. 14). Übergewichtige Kinder werden oft ausgegrenzt, belächelt und beleidigt. Sie müssen sich jahrelang Lästereien von Gleichaltrigen anhören, werden als Fettkloß, Walross oder Sumo-Ringer beschimpft. Viele dieser Kinder begehen dann einen fatalen Fehler: Die seelischen Verletzungen, die sie durch die Gesellschaft erfahren, versuchen sie durch „Frustfuttern“ zu lindern und geraten somit in einen Teufelskreis. Johannes Hebebrand, ein Marburger Kinderpsychiater, fand heraus, dass 40 Prozent der adipösen Jugendlichen an Angststörungen und 43 Prozent an Depressionen leiden. Ihr Selbstmordrisiko sei deutlich erhöht (Lache, 2004).

2.3 Wirtschaftlicher und politischer Stellenwert von Übergewicht

Bruns-Philipps & Dreesman (2004, S. 9) unterteilen in ihrem Bericht über die wirtschaftlichen Folgen von Übergewicht und Adipositas die entstehenden Kosten in direkte Kosten (Kosten für Prävention, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation, spezielle Ernährungsformen …), indirekte Kosten (Kosten durch Ressourcenverlust infolge von Arbeitsunfähigkeit, vorzeitigem Eintritt in den Rentenstand, vorzeitigem Tod …) und sogenannte intangible Kosten (Kosten auf der psychosozialen Ebene, zum Beispiel durch eine verminderte Lebensqualität oder die soziale Abhängigkeit, …)

In den bisher durchgeführten internationalen Studien zu den Krankheitskosten von Übergewichtigkeit wurden die direkten und indirekten Kosten unvollständig und die intangiblen Kosten gar nicht berücksichtigt. Deshalb ist bei den Angaben der übergewichtsabhängigen Krankheitskosten von einer Unterschätzung auszugehen. Unter Einbeziehung lediglich der direkten Kosten, ohne Berücksichtigung der vielfältigen Folgekrankheiten, entstanden im Jahr 1990 nach einer Analyse im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit in der BRD Kosten in Höhe von 660 Mio. DM (ca. 330 Mio. Euro). Werden hierzu die Kostenanteile für die Folgeerkrankungen addiert, liegen die Ausgaben im selben Jahr zwischen 11,1 Mrd. DM (ca. 5,5 Mrd. Euro) und 19,3 Mrd. DM (ca. 9,1 Mrd. Euro). Lache (2004) berichtet von Kosten für die gesetzlichen Krankenkassen von rund 30 Mrd. Euro jährlich zur Behandlung übergewichtiger und fehlernährter Patienten. In Staaten wie USA, Kanada, Australien und Neuseeland liegt Studien zufolge der Anteil von Übergewicht und seinen Folgen an den gesamten Gesundheitsausgaben bei 1,3% bis 6,8%, ein Kostenrahmen, der auch in der Bundesrepublik realistisch ist. Basierend auf Schätzungen beläuft sich dieser Anteil hierzulande auf 3,1% - 5,5% in den alten Bundesländern und 5,9% - 10,4% in den neuen Bundesländern (ebd., 2004).

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist eine gesundheitspolitische Großoffensive der Adipositasforscher zu vermelden, die nicht auf die Politik selbst zielt, sondern vielmehr auf die Fettleibigen, denen eine willentliche Faulheit, Schwäche und selbstverschuldetes Müßiggängertum unterstellt wird. Der Tenor damals: Mit diesen vielen Dicken wird der Krieg nicht zu gewinnen sein. Dennoch werden Stimmen laut, dass auch heute noch der Adipositas als Gesundheitsproblem zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird (AGA, 2004, S. 10). Adipositasforscher haben mehr oder weniger Politik betrieben, indem sie auf die Gefahren von Übergewichtigkeit und Adipositas hingewiesen haben. Jedoch haben sie selten staatspolitisch gedacht und den Staat dazu aufgerufen, sich um die Adipositas zu kümmern, da sie sich lange Zeit alleine für dieses Problem zuständig fühlten. Adipositas stellt insofern ein Politikum dar, da eine kranke Bevölkerung weder diszipliniert noch produktiv zu arbeiten vermag. Heutzutage geht es bei gesundheitspolitischen Diskussionen darum, welche Bevölkerungsgruppen von Adipositas betroffen sind, welche negativen Auswirkungen sich aus ihr auf die Leistungsfähigkeit einer Bevölkerung ergeben und welche ökonomischen Kosten aus der Adipositas als Massenphänomen entstehen, sprich welche gesellschaftlichen Schäden aus ihr hervorgehen. Dieses Politikum wird sowohl von Ärzten als auch von staatlichen Stellen mit der steigenden Aktualität des Problems zunehmend aufgegriffen (Klotter, 1990).

Renate Künast, die ehemalige Bundesminsterin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, ist eine der wenigen Politiker-, innen, die großes Engagement auf dem Themengebiet der Adipositas zeigte. Als Beitrag zur Aufklärung der Gesellschaft brachte sie in diesem Zusammenhang 2004 ihr Buch mit dem Titel „Die Dickmacher – Warum wir Deutschen immer fetter werden und was wir dagegen tun müssen“ auf den Markt.

2.4 Diagnostik und Definitionen

2.4.1 Der Body Mass Index (BMI)

Zur Bestimmung der Körperfettmasse konnte sich der Body Mass Index (BMI) gegenüber anderen, oft ungenaueren oder aufwendigeren Messmethoden wie der Hautfaltenmessung, der Bioelektrischen Impedanz Analyse (BIA, basierend auf der Messung des körpereigenen, elektrischen Widerstandes), der Körpervolumenerfassung durch Unterwasserwiegen oder speziellen Röntgentechniken durchsetzen. Zur Ermittlung des BMI genügen die einfachen Parameter Körpergröße und Körpergewicht, aus denen sich allgemein der Ernährungszustand eines Menschen hinreichend genau charakterisieren lässt (Bruns-Philipps et al., 2004, S. 3). Der BMI ist ein um die Körpergröße korrigiertes Maß des Körpergewichts. Seine Formel lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4.2 Referenzwerte für den BMI und Definitionen

Üblicherweise werden Ernährungskennwerte wie Größe, Gewicht oder BMI in der Wissenschaft Perzentilen (Rangpositionen innerhalb einer Population) untergeordnet. Perzentile verändern sich mit der Entwicklung der Gesellschaft und dem aktuellen Stand von Forschungen in Bezug auf ein Körpermerkmal. Bei der Bestimmung der Körperfettmasse durch den BMI werden die erhaltenen Werte dem 3., 10., 25., 50., 75., 90. und 97. Perzentil zugeordnet, wobei das 50. Perzentil das Median beschreibt (AGA, 2004, S. 12). Übergewicht und Adipositas werden dementsprechend wie folgt definiert:

Übergewicht: Menschen, deren alters- und geschlechtsspezifischer BMI-Wert das 90. Perzentil überschreitet, gelten als übergewichtig (ebd, 2004, S.13).

Eine über das Normalmaß hinausgehende Erhöhung des Körpergewichts durch eine Zunahme des Körperfettanteils nennt man Übergewicht (Mensink; Burger & Beitz, 2002, S. 131).

Adipositas: Menschen, deren alters- und geschlechtsspezifischer BMI-Wert das 97. Perzentil überschreitet, gelten als adipös (AGA, 2004, S. 13).

Im diesem Sinne tauchen in der Literatur noch zwei weitere Begriffe auf, die mit Übergewicht und Adipositas in Zusammenhang gebracht werden: Die Fettleibigkeit und die Fettsucht. Diese Begriffe werden zumeist synonym verwendet, wobei die meisten Autoren den Begriff Fettsucht als Steigerungsform der Fettleibigkeit ansehen (Klotter, 1990, S. 55), also die gleiche Terminologie besitzt wie der Begriff Adipositas.

„Mit dem Namen Fettsucht oder Fettleibigkeit bezeichnet man einen Zustand des Körpers, bei dem das Fettgewebe so stark ausgeprägt ist, daß sich aus dem übergroßen Fettreichtum Nachteile für den Gesamtorganismus oder für einzelne seiner Teile und deren Funktionen ergeben [], man hat [.] auch dann von Fettsucht als einem krankhaften Zustand zu sprechen, wenn man einem sehr fettreichen, sonst noch völlig gesunden Körper gegenübersteht…“ (ebd., 1990, S. 56)

2.4.3 Besonderheiten der Referenzwerterhebung bei Kindern und Jugendlichen

Im Erwachsenenalter werden zur Bewertung des BMI aufgrund des abgeschlossenen Körperlängenwachstums für alle Altersstufen oberhalb 18 Jahren einheitliche Vergleichswerte verwendet. Kinder und Jugendliche unterhalb 18 Jahren befinden sich im Allgemeinen hingegen noch in der Wachstumsphase, so dass aufgrund der physiologischen Veränderungen alters- und geschlechtsspezifische Vergleichswerte herangezogen werden müssen, die die entwicklungsbedingten Besonderheiten berücksichtigen. Hierbei empfiehlt sich, auf die Referenzperzentilen nach Kromeyer-Hauschild et al. (2001) zurückzugreifen (AGA, 2004, S. 13).

Kromeyer-Hauschild et al. untersuchten im Jahr 2001 insgesamt 17147 Jungen und 17275 Mädchen im Altersbereich von 0 bis 18 Jahren in verschiedenen Regionen Deutschlands auf ihr Körpergewicht und ihre Körpergröße (ebd., 2004, S. 12) und ermittelten so die folgende Referenzperzentile (Anhang), unterteilt in halbjährliche Altersgruppen beider Geschlechter. Aus diesen Werten ergeben sich die in den Abbildungen 4 und 5 beschriebenen Graphen der BMI-Referenzperzentile für Jungen und Mädchen im Alter von 0 bis 18 Jahren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Referenzperzentile für Jungen nach Kromeyer-

Hauschild et al., (2001), (Lache, 2004)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Referentperzentile für Mädchen nach Kromeyer-

Hauschild et al., (2001), (Lache, 2004)

Zusammenfassung:

„Die AGA empfiehlt im Kindes- und Jugendalter analog zum Erwachsenenalter den Body Mass Index zur Beurteilung von Übergewicht und Adipositas bzw. extremer Adipositas zu verwenden. Dabei werden die hier vorgestellten Perzentile als Referenz für deutsche Kinder empfohlen. Die Feststellung von Übergewicht bzw. Adipositas und extremer Adipositas soll dabei anhand des 90. bzw. des 97. und 99,5. alters- und geschlechtsspezifischen Perzentils dieser Referenzdaten erfolgen“ (ebd., 2004, S.14)

2.5 Folgeerkrankungen von Übergewicht

Als bedeutsamste Konsequenz der Fettleibigkeit weist Klotter (1990, S. 108) auf die allgemeine körperliche Beeinträchtigung hin. Übergewichtige fielen Bewegungen schwerer, die körperliche Kraft lasse nach und ihre Arbeitsfähigkeit sei beeinträchtigt.

Weiterhin werden Atemfunktionen und das Herz-Kreislaufsystem stark durch Fettleibigkeit beeinflusst. Oft leiden übergewichtige Menschen an Kurzatmigkeit und das Atmen fällt ihnen schwer. Arteriosklerose (Arterienverkalkung) und Bluthochdruck treten bei Fettleibigen vermehrt auf, weshalb das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko bei diesen Personen steigt.

Ein zentrales Syndrom der Adipositas ist die Insulinresistenz, die bis zu einer Diabetes mellitus Typ I oder Typ II führen kann. In der Literatur wird eine große Vielfalt an Folgeerkrankungen genannt, zum Beispiel Krebs, Wassersucht, Beingeschwüre, Rückenschmerzen, Fettwechselstörungen, Hustenreiz durch Katarrhe (Schleimhautentzündung) der Atemwegsorgane und durch Fetteinlagerungen in Rachen und Schlund, Schläfrigkeit, Schlaf-Apnoe (schlafbezogene Atemstörungen), Gallensteine, Blutarmut, Katarrhe der Verdauungsorgane, Gicht, Schwindsucht, Störungen des Muskelapparates und orthopädische Schäden, Funktionsstörungen der Nieren und der Leber bis hin zum Entstehen einer Fettleber.

Nicht außer Acht lassen darf man die psychischen Schäden, auf die schon in 2.2 eingegangen wurde. Aus ihnen kann u.a. eine Verminderung der geistigen Aktivität und den geistigen Fähigkeiten resultieren (ebd., 1990, S. 109), was im Kindes- und Jugendalter zu Einschränkungen der Lern- und Gedächtnisfunktionen führen kann (Laessle, Lehrke, Wurmser & Pirke, 2001, S. 6). Der Fettleibige wird zudem dazu veranlasst, sich oft mit seinem Leiden zu beschäftigen und sein Hang zur Bequemlichkeit und Ruhe verstärkt sich (Klotter, 1990, S. 109). Psychosoziale Komplikationen können ebenfalls entstehen. So ergaben Studien aus den USA, dass für Übergewichtige der soziale Aufstieg schwieriger ist und ihr durchschnittliches Einkommen geringer ist als bei Normalgewichtigen. Übergewicht ist zudem ein bedeutsames Hindernis für eine Ehe (Benecke & Vogel, 2003, S. 17).

Auch auf die Sexualität übt die Adipositas Einfluss aus. Klotter (1990, S. 109) bringt bei Frauen Sterilität, geringere sexuelle Erregbarkeit, Vaginismus, Hysterie, Menstruationsstörungen, aber auch starke Sinnlichkeit in einen Zusammenhang mit Fettleibigkeit.

Bedenklich ist, dass adipöse Menschen mit steigender Tendenz an mehreren dieser Krankheiten leiden und diese Erkrankungen zunehmend schwerer ausfallen. Die Morbidität, die Komorbidität und damit die Mortalität dieser Patientengruppe erhöhen sich. In Abbildung 6 wird deutlich, dass sich der Zusammenhang zwischen Adipositas und Übersterblichkeit geschlechtsspezifisch unterschiedlich darstellt und Männer mit Adipositas eine höhere Sterblichkeitsrate haben als Frauen mit Adipositas.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 : Standardisierter Mortalitätsindex in Abhängigkeit

vom BMI (Benecke et al., 2003, S. 17)

Ab einem BMI von über 30 zeigt sich ein deutlicher Anstieg des Mortalitätsrisikos. Dabei sind besonders Übergewichtige mit kardiovaskulären Erkrankungen betroffen, deren Mortalitätsraten sich gegenüber dem normalgewichtigen Menschen um 50% bis 100% erhöhen (Benecke et al., 2003, S. 17).

2.6 Bewegung

2.6.1 Begrifflichkeiten

Im alltäglichen Gebrauch stehen Begriffe wie körperliche Aktivität, Sport, Bewegung und Fitness in ihrer Bedeutung in sehr nahem Zusammenhang, jedoch sollten sie im wissenschaftlichen Sinne genauer unterschieden werden. Die EUFIC (2005) definiert sie wie folgt:

Körperliche Aktivität: Alle körperlichen Bewegungen, die einen Energieverbrauch zur Folge haben. Sie umfassen auch tägliche Routinetätigkeiten zum Beispiel im Haushalt, beim Einkauf und während der Arbeit.

Bewegung: Geplante, strukturierte und wiederholte Bewegungen, um Fitness und Gesundheit zu verbessern.

Sport: Körperliche Aktivitäten, die strukturierte Wettbewerbssituationen einschließen und durch Regeln bestimmt sind. In vielen europäischen Ländern wird der Begriff Sport benützt, um alle Bewegungs- und Freizeitaktivitäten einzuschließen.

Diese Aktivitäten nehmen, je nach Ausführungsquantität und –intensität, positiven oder negativen Einfluss auf die körperliche Fitness.

Körperliche Fitness: Eine Reihe von Eigenschaften wie Kondition, Beweglichkeit und Stärke, die sich auf die Fähigkeit beziehen, körperliche Aktivitäten zu leisten.

2.6.2 Aktuelle Umwelteinflüsse und soziale Auswirkungen auf die körperliche Aktivität

„Es handelt sich um die Tendenz der letzten beiden Jahrzehnte, dass sich die Schlüsseljahre für sportive Praxen lebensgeschichtlich von den Jugendjahren (14.-21. Lebensjahr) auf die Jahre der Schulkindheit (6.-13. Lebensjahr) vor verlagern. Statt in der Jugend formieren sich Einübung und Ausübung des Handlungssystems Sport in der späteren Kindheit“ (Rose, 1995, S. 25)

„Im Kindes- und Jugendalter spielt die körperliche Aktivität eine wichtige Rolle für die körperliche, psychische und auch soziale Entwicklung. Regelmäßige Bewegung und körperliche Betätigung sind notwendig zum Beispiel für die Erkundung der Umwelt, das Lernen von motorischen Fähigkeiten sowie das Testen der eigenen körperlichen Grenzen im sozialen Austausch mit Gleichaltrigen. Vieles spricht dafür, dass bereits in jungen Jahren die Weichen für einen aktiven Lebensstil gestellt werden. So lässt sich ein Zusammenhang zwischen Bewegungsmangel in der Kindheit und Übergewicht sowie daraus resultierenden Erkrankungen im weiteren Lebenslauf herstellen“ (EUFIC, 2005)

Diese beiden Zitate beschreiben deutlich den Einfluss des Maßes an körperlicher Aktivität im Schulkindalter auf den sportlichen Werdegangs eines Individuums. Doch Sport fängt in seiner Grundform mit körperlicher Aktivität an, die von äußerlichen, sozialen und umweltbedingten Einflüssen begünstigt oder beeinträchtigt werden kann. Da diese Thematik sehr umfassend ist, werde ich im Folgenden nur ansatzweise darauf eingehen.

Der Trend in der heutigen schnelllebigen Gesellschaft geht dahin, dass sich die steigende Verfügbarkeit von motorisierten Transportmitteln und arbeitssparenden Geräten eher hemmend auf die alltägliche körperliche Aktivität der Menschen aller Altersklassen inklusive des Schulkindalters auswirkt. Auch die leichte Zugänglichkeit zu den Medien und der damit gewachsene Medienkonsum üben Einfluss auf die Aktivität des Menschen von Kindesbeinen an aus (EUFIC, 2005), worauf jedoch später genauer in der Arbeit eingegangen wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7:

Junge beim Klettern auf einen Baum (br-net, 2006)

Hinzu kommt, dass sich auch die Rahmenbedingungen gerade in Stadtnähe für ein sorgenloses und körperlich aktives Aufwachsen der Kinder geändert haben: Begriffe wie Verstädterung, Ballungsräume, hohe Wohndichte oder Phrasen wie „Spielen verboten“, „Eltern haften für ihre Kinder“ widerstreben der freien Entfaltungsmöglichkeit der Kinder. Aufgrund der Funktionalisierung des Stadtraums für Verkehr, Dienstleistungen und Konsum müssen immer mehr Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum Verkehrswegen und Wirtschaftsgebäuden weichen (Brinkoff & Sack, 1999, S. 14). Die Folge daraus wird dabei in der Literatur oft mit dem Begriff der „Verhäuslichung“ bezeichnet, ein Prozess, in dem mit der Auflösung der „Straßenkindheit“ die Lebenswelt der Kinder zunehmend in geschützte, abgeschlossene und umbaute Räume hineinverlagert wird, Räume die kindgemäß angereichert werden und von dort an von der natürlichen Umwelt und auch von den Handlungsorten anderer Altersgruppen abgegrenzt sind (Rose, 1995, S. 20). Immer weniger Kinder machen dadurch die Erfahrung spontaner, ungeplanter und natürlicher Begegnungs-, Bewegungs- und Spielerlebnisse außer Haus (Brinkoff & Sack, 1999, S. 14). Der Reiz der Heranwachsenden und die Möglichkeiten zum Spielen und Toben im Wald, auf der Strasse oder in der Nachbarschaft, sprich die Möglichkeiten der körperlichen Aktivität, werden durch die Gesellschaft unterdrückt.

Auf der sozialen Ebene hat sich in den letzten Jahren eine weitere Veränderung herauskristallisiert: Mit der wachsenden Nachfrage der Wirtschaft nach Arbeitskräften mit guter Qualifizierung und nicht zuletzt mit dem oftmals damit verbundenen Druck des Elternhauses auf gute Leistungen in der schulischen und beruflichen Ausbildung, fällt es Jugendlichen zunehmend schwer diese Lebensaufgaben zusammen mit der Entwicklung von Partnerschaftsbeziehung und Aufrechterhaltung von anderen Freizeitinteressen und -tätigkeiten in Einklang mit sportlichen Aktivitäten zu bringen, so dass es zu Abstimmungs- und Balanceproblemen kommen kann (Brettschneider, Baur & Bräutigam, 1989, S. 10).

2.6.3 Die Bedeutung der Bewegung für den menschlichen Körper

„Der Körper des Menschen ist für Bewegung gebaut…“

so heißt es einleitend in einem Bericht der EUFIC (2005) zur körperlichen Aktivität des Menschen. Es habe sich gezeigt, dass rund 70 % der Bevölkerung in Ländern mit westlichem Lebensstil nicht ausreichend aktiv sind, um optimal gesund zu sein und ihr Gewicht beizubehalten. Doch welche Einflüsse hat Bewegung auf die Gesundheit des Menschen?

Bewiesen ist, dass Bewegung sowohl präventiv als auch rehabilitierend auf den Körper wirken kann. Ein Mensch mit einem vernünftigen Maß an körperlicher Aktivität kann im Vergleich zu Inaktiven das Risiko für einen frühen Tod oder eine schwere Krankheit im mittleren Alter halbieren (ebd., 2005). So wirkt sich eine gesteigerte Bewegungsfreude positiv auf die körperliche Fitness, den Stoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System aus, was zu einer unmittelbaren Stärkung des Immunsystems führt. Das Risiko einer koronaren Herzkrankheit, welche zurzeit die führende Todesursache in Europa ist, kann durch ein maßvolles Niveau an Fitnessaktivität deutlich reduziert werden und sowohl die Herzgesundheit als auch die Herzleistung können gesteigert werden (ebd., 2005).

Bewegung wirkt sich außerdem präventiv auf chronische Krankheiten wie Typ-II-Diabetes mellitus aus, deren vermehrte Auftretungshäufigkeit mit dem Anstieg der Fettleibigkeit in Verbindung gebracht wird. Körperlich Aktive besitzen ein 30 - 50% geringeres Risiko um in das Stadium der Glukoseintoleranz zu gelangen, aus der eine Diabetes entstehen kann. Zudem bedeutet regelmäßige Bewegung einen Risikoverlust von 40 – 50% für bestimmte Krebsarten wie Dickdarm- oder Magenkrebs (ebd., 2005).

Betrachtet man die Wirkung von körperlicher Aktivität auf den Bewegungsapparat, ist festzuhalten, dass durch regelmäßige Bewegung Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder gestärkt werden können und so ein therapeutisch positiver Einfluss erzielt werden kann. Orthopädischen Krankheiten wie Knochen- und Gelenksentzündungen, Rückenschmerzen oder Osteoporose kann durch sportliche Betätigung vorgebeugt werden und sie können im Krankheitsfall gelindert werden. Gerade der Sport im Jugendalter ist nicht von geringer Bedeutung, da durch ihn während des Wachstums die Knochenmineraldichte steigt und so das Risiko für eben genannte Krankheiten, besonders der Osteoporose, im Erwachsenenalter gemindert werden kann (ebd., 2005).

Mit dem positiven Einfluss von Bewegung auf den Körper aus medizinischer Sicht, steigert körperliche Aktivität auch das mentale Wohlbefinden des Menschen. Durch den Sport werden Stimmungen und Emotionen, Reaktionen auf Stress, Selbstwahrnehmungen wie das eigene Körperbild, der physische Selbstwert und die Selbstachtung, die Länge und die Qualität des Schlafs und auch die Gehirnfunktionen gefördert (ebd., 2005).

2.6.4 Bedeutung der Bewegung für den übergewichtigen Körper

Verminderte Bewegung trägt schon im Kindesalter zu einer höheren Eintrittswahrscheinlichkeit von Adipositas bei. So empfehlen Wissenschaftler, dass körperliche Aktivität schon von Kindesbeinen an in den Alltag integriert werden muss und zur Lebensgewohnheit werden sollte.

Ein konstant bleibendes Körpergewicht ist beim Menschen gewährleistet, wenn der Energieverbrauch gleich der Energieaufnahme ist (EUFIC, 2005). Bei Übergewichtigen ist dieses Gleichgewicht im Laufe ihrer Entwicklung gestört worden, ihre Energieaufnahme war zeitweilig größer als ihr Energieverbrauch. Werden sie noch fettleibiger, besteht dieser Zustand der sogenannten positiven Energiebilanz (2.7.5) weiterhin. Um dem entgegenzuwirken, bedarf es einiger Änderungen der Lebensgewohnheiten, bei denen, neben einer Verminderung der Energieaufnahme, die Bewegung als Steigerung des Energieverbrauchs eine bedeutende Rolle spielt. Konkret ausgedrückt: Fettleibige können mit mehr Bewegung und kalorienreduzierter Kost an Gewicht verlieren (ebd., 2005), ihre Energiebilanz wird negativ.

Durch Bewegung entsteht ein positiver Einfluss auf die verschiedensten Körperfunktionen. Übergewichtige sind vor allem bei Herzkrankheiten und Diabetes Risikopatienten. Vermehrte körperliche Aktivität hilft, präventiv dieses Risiko zu senken und rehabilitierend diese Krankheiten zu behandeln (ebd., 2005). Speziell bei der Herzfunktion konnte bei übergewichtigen Menschen gezeigt werden, dass mit zunehmender körperlicher Aktivität der arterielle Blutdruck sinkt und so die Wahrscheinlichkeit für koronare Herzkrankheiten sinkt. Zudem führt Bewegung in Verbindung mit einer Gewichtsreduzierung bei Fettleibigen zu einer Normalisierung verschiedener Atemfunktionsparameter wie zum Beispiel der Verbesserung der Vitalkapazität und einer Verringerung der Kurzatmigkeit (Vögele , 2003, S. 288).

Fazit:

„Gesundheitsförderliche Effekte von körperlicher Aktivität zeigen sich in einer Steigerung der Herz-Kreislauf-Leistungsfähigkeit und Lungenfunktion und einer Verbesserung von Stoffwechselprozessen; einige dieser Effekte sind sogar unabhängig von einer Gewichtsreduktion.“ (ebd. , 2003, S. 288)

„Vielleicht ist für übergewichtige Menschen der positive Effekt auf das Profil von Gesundheitsrisiken der größte Vorteil körperlicher Aktivitäten. Es wurde erwiesen, dass adipöse Menschen, die es schaffen, aktiv und fit zu bleiben, das Risiko von Herzkrankheiten und Diabetes auf ein Niveau zurückführen können, das mit dem von nicht adipösen Personen vergleichbar ist. Das würde bedeuten, dass es nicht ungesund ist, fett zu sein, solange man fit ist.“ (EUFIC, 2005)

2.6.5 Hemmschwellen Übergewichtiger beim Sport

Wie schon in Punkt 2.2 beschrieben, entsprechen Übergewichtige nicht dem Schönheitsideal der heutigen Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass bei Fettleibigen der positive Bezug zum eigenen Körper verloren gehen kann, so dass Schamgefühle bezüglich der eigenen Erscheinung, der Verlust des Selbstwertgefühls und daraus gerade beim Sport Frustrationen über Leistungseinschränkungen und Hemmungen resultieren können (Vögele , 2003, S. 298).

Der Sport konfrontiert Übergewichtige nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch mit ihrer problematischen Körperfülle, gerade weil bei sportlichen Bewegungen die Aufmerksamkeit auf den Körper fokussiert wird. Der scheinbare Mangel an Bewegungsvermögen verstärkt infolgedessen die negative Einstellung zum eigenen Körper und lässt schlechte Vorerfahrungen im Sport hinsichtlich Leistungsfähigkeit und körperlicher Erscheinung wieder aufleben. Daraus ergibt sich bei Übergewichtigen beim Sport oft eine körperliche Unbehaglichkeit, sie leiden an Muskelkater und Anstrengung, sind überfordert und hegen den Wunsch aufzuhören (ebd., 2003, S. ???). Dadurch entwickelt sich die sportliche Betätigung oft zum Feindbild Übergewichtiger, sie verlieren die Freude an der Bewegung und geraten aufgrund des folglich reduzierten Maßes an Bewegung immer tiefer in die Gefangenschaft ihrer eigenen Übergewichtigkeit. Sie verlernen das körperliche Wohlgefühl nach einer Anstrengungsphase, die Gefühle der Freude, der Entspannung und des Glücks aufgrund der abgeschlossenen körperlichen Aktivität (ebd., 2003, S. 298). Deshalb zielt die Bewegungstherapie von Fettleibigen primär darauf, bei den Patienten die Freude am Sport wieder zu erwecken, so dass sie die eben beschriebenen Gefühle neu entdecken. Sie erfahren, dass ein Sport, der den individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen der betroffenen Person entspricht, während des Ausübens ein hohes Maß an Zufriedenheit, Selbstkontrolle und Freude verursacht (ebd., 2003, S. 298).

2.7 Ernährung

„Letzten Endes ist die Nahrung nicht nur eine Begleiterscheinung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Geschichte der Menschheit. Ohne Nahrung gäbe es keine Geschichte und keine Menschheit. Diese Binsenweißheit wird allzu oft vergessen…“ (Schobert, 1993, S. 65)

Als Reay Tannahill 1973 ihr Werk über die Kulturgeschichte des Essens veröffentlichte, sprach sie noch von einem scheinbar einfachen Thema, dass von der Gesellschaft unterschätzt werde. Diese Unterschätzung ist heutzutage nicht mehr vorhanden, Worte wie Essstörungen, Essforschung und Esskultur sind mittlerweile in aller Munde und haben wissenschaftliches Interesse geweckt (ebd., 1993).

2.7.1 Ernährung im Wandel

"Seit Beginn der Industrialisierung und den letzten großen Hungerkrisen vorindustriellen Typs in West- und Mitteleuropa (Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts) unterlagen die Ernährungsgewohnheiten und auch die körperlichen Aktivitäten in den Industrieländern, ähnlich wie beim ersten Übergang zur Landwirtschaft, tiefen strukturellen Veränderungen. Anstelle von seit Jahrtausenden auftretenden, periodisch immer wiederkehrenden Ernährungskrisen erfolgte jetzt die Sicherstellung einer quantitativ ausreichenden Volksernährung, die sich seit dem 2. Weltkrieg in einigen Wohlstandsgesellschaften erstmals in der Geschichte zum offenen Überfluss entwickelte." (Spiekermann, 1999)

Neben der teilweise noch vorhandenen Selbstversorgung aus dem eigenen Garten (Hayn, 2005) machten Lebensmittel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch einen bedeutenden Anteil der gesamten Konsumausgaben aus. Dabei verzehrte die Bevölkerung überwiegend saisonale, regionale und unverpackte Lebensmittel (Belz, 2004). Fleisch galt zu dieser Zeit gerade in Arbeiterkreisen noch als Festmahlzeit und kam wurde oftmals nur sonntags gegessen. Meistens war dieses Fleisch dann preiswert und fettig. In höhere sozialen Schichten, zum Beispiel in denen des Beamtentums, zierte hingegen fast täglich qualitativ gutes Fleisch den Tisch (Spiekermann, 1999). Entsprechend unterschiedlich fiel die individuelle Zufuhr an tierischen Kalorien aus. Im Vordergrund der damaligen Zeit, bis ca. 1960, stand die Nahrungssicherheit. Die Politik befasste sich mit der Frage, wie die Bevölkerung langfristig ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt werden kann. Das Leben an der „Satt-Hunger-Grenze“ wandelte sich in Deutschland erst zu Beginn der fünfziger Jahre in eine mittlere Versorgungslage (Schobert, 1993, S. 66). Mit dem Wirtschaftswunder und dem einsetzenden internationalen Handel entwickelte sich anschließend die Nahrungsmittelversorgung so enorm, dass der Nahrungsmittelmangel in einen Nahrungsmittelüberfluss umgekehrt werden konnte (Hayn, 2005).

Folglich veränderte sich auch das Konsumverhalten der Bevölkerung: Die rasch expandierende Lebensmittelindustrie verdrängte durch ihre billige Massenproduktion die Selbstversorgung der ländlichen und zum Teil auch noch der städtischen Haushalte (Schobert, 1993, S. 70). Dadurch veränderte sich die Rolle der Frau von der ursprünglichen Produzentin von Lebensmitteln wie Brot und Butter zur Konsumentin vorgefertigter Produkte, die nun durch die Zeitersparnis des Lebensmitteleinkaufs selbst verfügbar für den außerhäuslichen Erwerb war (ebd., 1993 , S. 71). Die zunehmende Verfügbarkeit von asaisonalen und globalen Lebensmitteln und ein steigender Anteil des Fleischkonsums bewirkte eine weitere Veränderung im Ernährungsverhalten der Bevölkerung (Belz, 2004).

Insgesamt hat die Bedeutung der Landwirtschaft und ihren Erzeugnissen in den letzten Jahrzehnten stark abgenommen. Ihre Konkurrenz, die Ernährungsindustrie, zeichnet sich immer wieder mit neuen Produktionstechniken aus, die neue Angebote mit sich bringen, was zu einem Rückgang der Preise für landwirtschaftliche Produkte sowie zu Arbeitsplatz- und Einkommensverlust in der Landwirtschaft führt. Starken Zuwachs in der Ernährungsindustrie erhielten hochverarbeitete Produkte wie das „Convenience Food“ (Fertiggerichte). Auch im „Außer-Haus-Bereich“ haben sich die Angebote stark verändert: Das „Fast Food“ erfuhr in den letzen Jahren einen deutlichen Zuwachs, wohingegen im Angebot von Zwischenmahlzeiten wie Snacks und Brötchen eine starke Ausdifferenzierung stattgefunden hat (Hayn, 2005).

Betrachtet man den Wandel des charakteristischen Essverhaltens der einzelnen sozialen Bevölkerungsschichten, so lässt sich festhalten, dass berühmte Slogans über das Essverhalten im 19. Jahrhundert wie zum Beispiel „Der Mensch ist, was er isst“ von Nitzsche oder „Sage mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist“ von Brillat-Savarins in unserer heutigen Zeit an Gültigkeit verloren haben; man kann heute gewiss nicht mehr

„von Felderbsen und Kutteln auf einen Millionär aus Manhatten“ (Schobert, 1993, S. 68)

schließen. Blieb damals beispielsweise der Genuss von Weißbrot privilegierten Ständen vorbehalten, so ist es heute schon fast ein Grundnahrungsmittel der unteren Sozialschicht geworden. Die Mittel- und Oberschicht hingegen ernährt sich „leicht verdaulich“, „kalorien- und cholesterienarm“ sowie „frisch und vitaminreich“. Auf der einen Seite ist die Zuordnung von bestimmten Nahrungsmitteln zu einer sozialen Schicht hinsichtlich der Erlesenheit und Kargheit der Speisenwahl heute nicht mehr so eindeutig wie in der damaligen Zeit (ebd., 1993, S. 68). Auf der anderen Seite berichtet Schobert (1993, S. 69) jedoch, dass unter Berücksichtigung von Verzehrstudien und Erhebungen zum Ernährungsverhalten, diese Slogans, durch die von den Angehörigen der Mittel- und Oberschicht praktizierte „gesundheitsbewusste“ Ernährung, auf neue Weise ihre Berechtigung fänden.

2.7.2 Der Einfluss sozialer Veränderungen auf die Ernährung

Nicht außer Acht gelassen werden darf der Einfluss des sozialen Wandels auf das Ernährungsverhalten der Gesellschaft.

In früherer Zeit waren Art und Menge der aufgenommenen Nahrung nicht nur der tageszeitlichen Mahlzeitenfolge, sondern auch dem jeweiligen Wochentag, dem jeweiligen Monat und der jeweiligen Jahreszeit angepasst. Dadurch unterlag die Nahrungsaufnahme im Jahresverlauf sowohl einem Wechsel als auch einer Regelmäßigkeit, was für die Regulation des Essverhaltens entscheidend war (Schobert, 1993, S. 69). Neue Anforderungsprofile der Arbeitswelt wie ein hohes Maß an Mobilität und Flexibilität führen heute dazu, dass die Ernährung beruflichen Erfordernissen untergeordnet wird. Die Folge: Der Außer-Haus-Verzehr des Einzelnen nimmt zu (Enthäuslichung der Ernährung), mit steigender Tendenz werden Mahlzeiten alleine gegessen und traditionelle Mahlzeit-Rhythmen aufgegeben (Hayn, 2005). Die Wissenschaft bezeichnet diesen Wandel als „Entrhythmisierung von Ernährung“. Das Essen wird von einer physiologisch-psychologisch-sozialen Ganzheit auf seinen biologischen Anteil, der Ernährung, reduziert und damit der alles Lebendige kennzeichnende Rhythmus von Wechsel und Regelmäßigkeit mit Normierung ersetzt (Schobert, 1993, S. 69).

Alltägliches Ernährungshandeln wird zudem von der Veränderung der Geschlechterverhältnisse und hier speziell der Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit unterdrückt (Hayn, 2005). Bei einer Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt bleibt meist kaum noch Zeit für eine ausgewogene Ernährungskultur, Fertiggerichte gewinnen an Bedeutung. Dies führt wiederum zu Konflikten in der Ernährungsentscheidung, ausgelöst durch das wachsende Wissen der Gesellschaft über die gesundheits- und auch umweltrelevante Zubereitung von Lebensmitteln. Probleme entstehen auch, weil sich durch die Industrialisierung der Lebensmitteltechnologie die Produktvielfalt ständig erhöht. Und so wächst der Aufwand für den gesundheitsbewussten Konsumenten, die Zusammensetzung und Qualität einzelner Lebensmittel zu kontrollieren. Zudem kann aus der unübersichtlichen Vielzahl an Produkten in Kombination mit nicht ausreichender Ernährungskompetenz, d.h. den alltagspraktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Gestaltung der eigenen Ernährung, eine Überforderung und Verunsicherung des Verbrauchers entstehen (ebd., 2005). Nicht nur der Mangel an Lebensmittel, sondern anscheinend auch der Überfluss an ihnen stellt den Menschen vor nicht unbedeutende Anpassungsprobleme (Schobert, 1993, S. 66).

„Soll eine nachhaltige und gesunde Ernährung im Alltag verwirklicht werden, ergeben sich zusätzliche Anforderungen: Ernährung ist so zu gestalten, dass die nicht nur für die Einzelnen gesund, sondern insgesamt umweltverträglich (z.B. Boden-, Wasser- und Klimaschutz, Schutz der biologischen Vielfalt, Abfallvermeidung, „Gentechnik-freiheit“), sozialverträglich (z.B. Arbeitsplätze und Einkommen in Landwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie, Lebensmittelhandel und Außer Haus-Bereich), geschlechtergerecht (gerechte Verteilung der Ernährungsarbeit und –verantwortung zwischen den Geschlechtern, aber auch den Generationen) und global gerecht (z.B. fairer Handel) ist. Diese Anforderungen bringen für den Ernährungsalltag einen wachsenden Grad an Komplexität mit sich: Es braucht ein Mehr an Information, Entscheidung und Aufwand für Einkauf, Zubereitung und Mahlzeitengestaltung.“ (Hayn, 2005)

2.7.3 Ernährung und Gesundheit

Aufgrund der heute präsenten Nahrungsmittelüberflusses (vgl. 2.4.1) ist, bezogen auf das Ernährungsverhaltens, die Frage des nachhaltigen Umgangs und der richtigen Ernährung laut geworden (Hayn, 2005). Die Problematik liegt also heutzutage nicht in der Nahrungsmittelversorgung, sondern darin, diese gesundheitsbewusst zu handhaben.

Das grundsätzliche Problem der Fehlernährung in der heutigen Gesellschaft findet sich vor allem in einem Übermaß an Essensaufnahme und einer teilweise falschen Zusammensetzung der Nahrung. In diesem Zusammenhang besteht ein enger Einfluss von Ernährung auf Krankheiten wie Adipositas, Typ II-Diabetes mellitus, Arteriosklerose, Karies etc.. Wegen ihrer einzelnen Bestandteile spielt Nahrung eine wichtige Rolle beim Aufbau des Immunsystems. Vor diesem Hintergrund kann Nahrung den Verlauf vieler infektiöser und nicht-infektiöser Krankheiten beeinflussen. Ernährung hat in Verbindung mit erblich bedingten Anlagen Einfluss auf die Entwicklung bestimmter Krankheiten (RKI, 2006).

Den heutigen Trend in der Ernährung mit einem angedeuteten Verweis auf die Gefahren falscher Ernährung umschreibt Oertl (2006) in der Wissenschaftszeitung P.M. wie folgt:

„Das oberste Gebot für die Aufnahme in den strengen Orden der Gesundheitsapostel ist die schlanke Linie: Du sollst kein Übergewicht haben, und wenn doch, sollst du es mit allen Mitteln bekämpfen [.…] Bis vor kurzem galt Fett mit seinen 9 Kalorien pro Gramm als das Böse schlechthin – verschrien als Hauptverursacher von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Also schworen wir der Schweinshaxe und der Sahnetorte ab und begnügten uns mit Pasta, Reis und Brot. Bereitwillig nahm die Nahrungsmittelindustrie die Low-Fett-Lehre an und beglückte uns mit entfetteter Leberwurst, Lightkäse-Schöpfungen und Magermilchjoghurt-Kreationen“ (Oertl, 2006, S. 14)

Die neuesten Erkenntnisse um den Einfluss von Ernährung auf das Herz-Kreislauf-System seien, so Oertl (2006, S.14) weiterhin, dass im Vergleich zum Fett nun doch mehr der gesteigerte Konsum von Kohlenhydraten zu einer Erhöhung der Herzbeschwerden führe, woraufhin sich die Industrie mit sogenannten „Low-Carb“-Produkten (Lebensmittel mit geringem Kohlenhydrat-Anteil) anpasse. Es bliebe bis heute bei einer grenzenlosen Verwirrung des Konsumenten. Unumstritten ist jedoch, dass fettiges Essen zu einer Erhöhung des Körperfettanteils führt.

[...]

Details

Seiten
135
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638061353
ISBN (Buch)
9783638952453
Dateigröße
30.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92392
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Institut für Sportwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Bewegungsmangel Essverhalten Medienkonsum Ursache Kinder Jugendliche Ursachenforschung empirisch Untersuchung

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Titel: Bewegungsmangel, Essverhalten und Medienkonsum als Ursache für Übergewicht