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Thomas Samuel Kuhn - Was sind wissenschaftliche Revolutionen? Eine Analyse von Kuhns Verständnis von Revolutionen

von Nicole Kutzner (Autor)

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Weg zur Revolution
2.1 Die Vor-Paradigma-Zeit
2.2 „Paradigma“
2.3 Die normale Wissenschaft

III. Die wissenschaftliche Revolution
3.1 Die Parallelität der wissenschaftlichen und der politischen Revolution
3.2 Die Wesenheit der wissenschaftlichen Revolution
3.3 Revolutionen als Übergang in eine andere Welt
3.3.1 Änderung der Sehweise
3.3.2 Veränderungen bei Laborvorgängen
3.4 Unsichtbarkeit der Revolutionen
3.5 Die Auflösung der Revolutionen
3.6 Die wissenschaftliche Gemeinschaft während der Revolution

IV. Das veränderte Wesen der wissenschaftlichen Revolution
4.1 Die drei Rubriken der wissenschaftlichen Revolution

V. Schlussfolgerung

VI. Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Grundlage dieser Hausarbeit bildet das Werk von Thomas Samuel Kuhn Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Dieses Buch erscheint ursprünglich 1962 als Essay in der Reihe „International Encyclopedia of Unified Science“. Dieser Essay war dazu gedacht, die vorherrschenden wissenschaftlichen Traditionen darzustellen, die des logischen Empirismus. Um so erstaunlicher war es, dass gerade dieses Werk es schaffte, den logischen Empirismus zu zerbrechen.[1]

Ziel ist es Kuhns Verständnis von Revolutionen darzulegen. Als Textbasis wurden hierzu die Kapitel IX-XII aus Der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen verwendet. Die Kapitel I-VIII wurden insofern auch nicht außer acht gelassen, als das sie ihren Platz, in stark gekürzter Form, unter Punkt II Der Weg zur Revolution fanden.

Die Einführung dieses Abschnitts war insofern notwendig, als das geklärt werden musste, wieso es überhaupt zu wissenschaftlichen Revolutionen kommen kann. Innerhalb dieses Punktes wird auch kurz erklärt, durch wen Kuhns Werk beeinflusst wurde, und auf welche Personen das Wort „Paradigma“ eventuell zurückgeführt werden könnte.

Folglich bildet Abschnitt III den Hauptteil dieser Hausarbeit. Allerdings schließt sich diesem noch Abschnitt IV an. Als Textgrundalge dient hier nicht mehr Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, sondern Kuhns Werk Was sind Revolutionen?

Dieses erschien aufgrund der vielen Kritiken und Missverständnisse, welche Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen hervorrief und ist deshalb als Weiterntwicklung der wissenschaftlichen Revolutionen aus Der Struktur wissenschaftlicher Evolutionen anzusehen. In diesem Abschnitt werden demzufolge die neuen Thesen Kuhns über die wissenschaftliche Revolution herausgearbeitet, ohne sie den in Abschnitt III formulierten Thesen gegenüberstellen zu wollen.

Eine kurze Gegenüberstellung –ausschließlich- von sich widersprechenden alten und neuen Thesen erfolgt erst in Abschnitt V, der Schlussfolgerung. Ziel soll es hier nicht sein, alle bereits formulierten Thesen zur wissenschaftlichen Revolution noch einmal zu formulieren. Es werden lediglich die Neuerungen aus Was sind Revolutionen?, den entsprechenden Thesen aus Der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen.

Endziel dieser Hausarbeit soll es einmal sein zu erklären, was Kuhn in Der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen unter Revolutionen versteht. Weiteres Ziel ist es, in Abschnitt IV darzulegen, in wiefern sich dieser Begriff in Was sind Revolutionen? geändert haben könnte.

II. Der Weg zur Revolution

Innerhalb dieses Punktes sollen die Grundgedanken Kuhns bis zur wissenschaftlichen Revolution kurz zusammengefasst werden. Ziel ist es nicht, eine völlig umfangreiche Schilderung seiner Gedanken und Thesen wiederzugeben und den wissenschaftlichen Verlauf bis zur Revolution darzustellen. Vielmehr soll hier ein Einstieg in das Kuhnsche Denken und dessen Grundbegriffe gefunden werden, um wiederum den Einstieg in den Hauptteil zu erleichtern.

2.1 Die Vor-Paradigma-Zeit

Der erste Satz, der in Kuhns Einführung zu finden ist, lautet: „Wenn man die Geschichtsschreibung für mehr als einen Hort von Anekdoten oder Chronologien hält, könnte sie eine entscheidende Verwandlung im Bild der Wissenschaft, wie es uns zur Zeit gefangen hält, bewirken.“[2]

Zum einen wird aus diesem Satz deutlich, dass für Kuhn die Geschichte der Wissenschaften eine sehr große Rolle spielt. Zum anderen, dass Kuhn die bisherige historische Darstellung, das die Wissenschaften sich durch Anhäufung von Wissen weiterentwickeln würden, für nicht zutreffend hält. Als Bestätigung für diese Aussage sieht er den Fakt an, dass es offensichtlich immer mehr Wissenschaftshistorikern schwer fiel Fragen über die Entstehung bestimmter Entwicklungen zu beantworten. Die Probleme führten dazu, einen kumulativen Prozess in den Wissenschaften anzuzweifeln. Die konsequente Schlussfolgerung, welche aus den Problemen hervortrat, war, dass wissenschaftliche Leistungen von den Wissenschaftshistorikern nicht mehr aus ihrer Zeit heraus betrachtet wurden, sondern innerhalb der Zeit, in welcher die jeweilige wissenschaftliche Leistung hervortrat.[3] Diese Art der Geschichtsbetrachtung ist existentiell für die weitere Philosophie Kuhns.

Die Frühzeit der Wissenschaft ist, laut Kuhn, gekennzeichnet durch das zufällige Ansammeln von Fakten, welche Kuhn die Vor–Paradigma-Zeit nennt.[4] Innerhalb dieser Zeit existieren parallel, im Wettstreit nebeneinander, verschiedene Schulen. Kuhn unterscheidet aus dem Grund zwischen einer Vor- und einer Nach-Paradigma-Zeit, weil er der Auffassung ist, dass auch diese Schulen, in den frühen Wissenschaften, von etwas geleitet werden, was einem Paradigma sehr nahe kommt.[5] In diesen frühen Stadien der Wissenschaft ist es nicht zwingend notwendig, dass Personen, welche sich dem gleichen Bereich von Phänomenen widmen, ebenfalls dieselben Phänomene betrachten. Resultat dieser unterschiedlichen Herangehensweise ist, dass diese Phänomene unterschiedlich interpretiert und gedeutet werden können. Im Laufe der Wissenschaft können diese Unterschiede aber verschwinden, wenn eine der konkurrierenden Schulen es schafft einen Teil der Phänomene so zu erklären, dass aus ihrer These ein Paradigma entsteht. Damit eine These als Paradigma gelten kann, muss sie im Vergleich zu den konkurrierenden Thesen mehr erklären können, erhebt aber gleichzeitig nicht den Anspruch alle Tatsachen erklären zu können, mit denen sie konfrontiert wird. Schafft es eine Synthese den größten Teil der Fachleute zu überzeugen, schließen sich diese dem neuen Paradigma an, was zur Konsequenz hat, dass sich die Schulen aus der frühen Zeit der Wissenschaft langsam auflösen. Gesetz den Fall, dass sich einige Personen nicht dem vorherrschendem Paradigma anschließen, werden diese ignoriert und nicht mehr zur Fachwissenschaft gezählt.[6]

2.2 „Paradigma“

Unter dem Wort „Paradigma“ versteht Kuhn „(…) allgemein anerkannte wissenschaftliche Leistungen, die für eine gewisse Zeit einer Gemeinschaft von Fachleuten maßgebende Probleme und Lösungen liefern.“[7]

Da das Wort „Paradigma“ einer der zentralen Begriffe in Kuhns Wissenschaftsphilosophie ist, ist es von Nöten die Herkunft dieses Wortes näher zu betrachten. Kuhns Gedanken wurden, wie er selber auf Seite 8 in Der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen schreibt, in der Monographie von Ludwik Fleck Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, vorweggenommen. So wundert es nicht, dass Fleck einen erheblichen Einfluss auf die Philosophie Kuhns hatte. Den oben genannten Kuhnschen Begriff des Paradigmas kann man deshalb durchaus mit dem des Denkstils von Fleck vergleichen.

Es gibt aber noch weitere Begrifflichkeiten Kuhns, welche den Fleckschen Begriffen gegenübergestellt werden könnten. Sie seien an dieser Stelle kurz genannt, ohne auf die jeweilige Bedeutung der Begriffe einzugehen. Auf die von Kuhn, an dieser Stelle, genannten Begriffe werde ich im Verlauf dieser Hausarbeit noch eingehen. So lassen sich weiterhin die „wissenschaftliche Gemeinschaft“ von Kuhn mit dem „Denkkollektiv“ von Fleck vergleichen, sowie der Begriff des Paradigmawechsels mit dem des Denkkollektivs von Fleck und zu guter Letzt noch der Begriff der Inkommensurabilität von Kuhn mit dem Fleckschen Begriff des Kommunikationsproblems.[8]

In Kapitel V Der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen erwähnt Kuhn explizit Auszüge aus Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen. Diese Aussagen erwecken den Eindruck, dass Wittgenstein ebenfalls den Begriff des Paradigmas geprägt haben muss. Inwieweit Wittgenstein diesen Begriff wirklich beeinflusst hat, ist allerdings unklar. So vertritt Wolfgang Stegmüller die Auffassung, dass Kuhns Begriff des Paradigmas, in drei, wenn nicht sogar mehr, heterogene Klassen zerlegt werden könne. Für die Zerlegung der Klassen ist maßgebend: „(a) was sich für präzise rationale Rekonstruktionen eignet und was nicht, (b) was in die Domäne der Wissenschaftstheorie fällt und was nicht.“[9] Folgende drei Klassen erhält man nach der Zerlegung: „Klasse I: Mögliche Objekte präziser logisch-wissenschaftlicher Rekonstruktionen,“ „Klasse II: Die durch paradigmatische Beispiele bestimmte Menge I der intendierten Anwendungen,“[10] „Klasse III: Diejenigen Komponenten des Paradigmas im Kuhnschen Sinn, die wissenschaftstheoretisch nicht fassbar sind, da sie in die Psychologie und Soziologie der Forschung hineingehören.“[11]

Stegmüller bringt nur die Klasse II mit dem Begriff Wittgensteins in Verbindung, sodass man schlussfolgern kann, dass der Kuhnsche Begriff des Paradigmas zwar auch von Wittgenstein geprägt wurde, aber weit über den Begriff des Sprachspiels hinausgeht.

Wittgenstein hat Kuhns Vorgehensweise bei der Verfassung von Struktur wissenschaftlicher Revolutionen aber noch auf eine andere Art und Weise geprägt. Wittgenstein arbeitet in seinen Philosophischen Untersuchungen[12] hauptsächlich mit parádeigma[13], um seine Thesen zu verdeutlichen. Dieses, man könnte fast sagen, Motiv ist bei Kuhn ebenfalls ganz deutlich zu erkennen. Dieser untermauert, in einem wesentlich größeren Umfang als Wittgenstein, jede seiner Ansichten mit einem oder mehreren Beispielen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fleck Kuhn vor allem in der Semantik des Begriffes „Paradigma“ beeinflusst hat, wie Kuhn selber eingesteht. Wittgenstein hat hingegen hauptsächlich die Herangehensweise Kuhns, in Der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, durch Verwendung von parádeigma geprägt.

Der Begriff des Paradigmas wird nicht nur durch die am Anfang dieses Kapitels angeführte Definition gekennzeichnet. Er ist auch immer mit dem Wesen der „normalen Wissenschaft“ verknüpft. Wie im Folgenden gezeigt werden soll.

[...]


[1] www.unics.uni-hannover.de.

[2] Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 16.

[3] Ebd. S. 17.

[4] Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S.30.

[5] Ebd S. 11.

[6] Ebd. S. 30-33.

[7] Thomas S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, S. 10.

[8] Ludwik Fleck, Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache.

[9] Stegmüller, Theoriendynamik. Normale Wissenschaft und wissenschaftliche Revolutionen. Methodologie der Forschungsprogramme oder epistemologische Anarchie? S. 203.

[10] Siehe zur Definition des Begriffes der Theorie Stegmüller S. 198.

[11] Ebd. S. 203/204.

[12] Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen.

[13] parádeigma (gr. „vorzeigen, sehen, lassen“, z.B. Beispiel, Muster. Dieter Baer, Duden. Das große Fremdwörterbuch.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638055956
ISBN (Buch)
9783640336203
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92251
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Thomas Samuel Kuhn Revolutionen Eine Analyse Kuhns Verständnis Theoretische Philosophie

Autor

  • Nicole Kutzner (Autor)

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Titel: Thomas Samuel Kuhn - Was sind wissenschaftliche Revolutionen? Eine Analyse von Kuhns Verständnis von Revolutionen