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Aufschwung und Niedergang: Die wirtschaftliche Transformation Chinas und Russlands im Vergleich

Seminararbeit 2007 17 Seiten

Geschichte - Asien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Unterschiede und Gemeinsamkeiten – Die Ausgangslage im Vergleich
Der wirtschaftliche Niedergang der Sowjetunion
Die Hinterlassenschaften von Mao Zedong
Fazit

2 Die Reformpolitik im Vergleich
Die Reformen in der Sowjetunion und Russland
Die Reformen in China

3 Die wirtschaftlichen Ergebnisse der Reformen

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

Einleitung

Die tiefgreifenden Veränderungen, die Russland und China in den letzten zwanzig Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebten, standen in vielfacher Hinsicht unter ähnlichen Vorzeichen und hätten unterschiedlicher doch nicht sein können. Auf der einen Seite die Erosion des einstigen Sowjet-Imperiums, in dem ein dramatischer, ökonomischer Niedergang mindestens ebenso schnell Einzug hielt, wie westliche Wirtschaftsberater und konventionelle, kapitalistische Wirtschaftspolitik. Auf der anderen Seite das zunächst ökonomisch praktisch bedeutungslose China, das mittels einer vorsichtigen, schrittweisen Öffnung für marktwirtschaftliche Ansätze eine Phase atemberaubenden ökonomischen Aufschwungs herbeiführte, der nicht nur an sich schon alles zuvor Bekannte in den Schatten stellt, sondern der eine wirtschaftliche Supermacht hervorbrachte, die heute eine ernstzunehmende Herausforderungen für die etablierten Industrienationen darstellt. Zwar sind heute – beispielsweise in Form massiver Umweltverschmutzungen – Makel am 'chinesischen Wirtschaftswunder' offenbar geworden; Zwar hat Russland wohl den Tiefpunkt seiner ökonomischen Krise überwunden und fordert – begünstigt durch steigende Rohstoffpreise – seinen Platz im oberen Drittel der Weltwirtschaft zurück. Dennoch aber zeugt die Transformation der beiden größten kommunistischen Volkswirtschaften, hin zu marktorientierteren Systemen, von gravierenden Unterschieden, die einer Erklärung bedürfen. Beim Versuch dieser Erklärung gibt es in der mittlerweile recht facettenreichen Diskussion zwei Grundpositionen. Die eine Seite sieht die Ursache für die dramatische Kluft zwischen den beiden Entwicklungen in den verschiedenen Ausgangspositionen der beiden Länder und misst den unterschiedlichen Reformpolitiken eine untergeordnete Bedeutung bei. Diese Position wird naturgemäß insbesondere von solchen westlichen Theoretikern vertreten, die einen Großteil der russischen Reformpolitik mit zu verantworten haben. Die zweite Position dagegen, vertreten beispielsweise von Peter Nolan, in seinem Buch: „China's Rise, Russia's Fall“, erkennt zwar Unterschiede in der Ausgangsposition an, verortet jedoch die Ursachen der unterschiedlichen Entwicklung weitgehend in den verschiedenen Reformansätzen. Dieser These folgt auch die vorliegende Arbeit, bei ihrem Versuch die gravierenden Unterschiede in den Transitionserfahrugen der beiden Länder zu erklären. In Anbetracht ihres begrenzten Umfangs gilt dabei für die gesamte Untersuchung, dass kein hohes Maß an Detailgenauigkeit erreicht werden kann. Aufgrund dieser Erkenntnis ist es das erklärte Ziel der Arbeit, die Thematik eben gerade nicht im Detail zu erläutern, sondern – eine übergeordnete Perspektive einnehmend – die grundsätzlichen Zusammenhänge aufzuzeigen. Insofern mag die andernfalls für eine Untersuchung dieser Größenordnung vielleicht zu umfangreich erscheinende und im folgenden erläuterte Gliederung der Arbeit nachvollziehbar werden.

Das erste Kapitel der Untersuchung beschäftigt sich mit der Ausgangslage in beiden Ländern zu Beginn der Reformen. Hierbei sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet werden. Im zweiten Kapitel werden die verschiedenen Reformansätze einander gegenübergestellt. Im dritten und letzten Kapitel wird knapp die wirtschaftliche Entwicklung der beiden Länder in ihren Reformphasen skizziert. Schließlich soll in der Schlussbetrachtung versucht werden, die eingangs aufgeworfene Frage nach dem Anteil der Ausgangslage und der Reformansätze an den wirtschaftlichen Ergebnissen zu beantworten.

1 Unterschiede und Gemeinsamkeiten – Die Ausgangslage im Vergleich

Zu Beginn ihrer Reformphasen sahen sich sowohl die Sowjetunion, als auch China massiven Herausforderungen gegenüber, die nur durch fundamentale Reformen bewältigt werden konnten. Bevor hier im weiteren auf die jeweiligen Hinterlassenschaften, welche die Reformer von ihren Vorgängern übernahmen eingegangen wird, sollte jedoch auf eines hingewiesen werden: Es ist keineswegs belegt, dass die beiden Systeme vor einer Phase dramatischen Umbruchs, oder Zerfalls gestanden hätten, als die Reformen begannen. Vielmehr ist anzunehmen, dass die absehbare Zukunft beim ausbleiben von Reformen von wirtschaftlicher Stagnation geprägt gewesen wäre. Schlechter Lebensstandard, politische Repression und andere Folgewirkungen der kommunistischen Herrschaft, hätten zwar möglicherweise auf lange Sicht zu wachsenden inneren Spannungen geführt, die sich möglicherweise auch irgendwann gewaltsam entladen hätten. Um eine Art 'Notoperation' handelte es sich jedoch bei keinem der Reformprojekte, die in China und der ehemaligen Sowjetunion auf den Weg gebracht wurden. Vielmehr waren in beiden Systemen, mit Deng Xiaopeng und Michail Gorbatschow, Personen an die Macht gelangt, denen offenbar tatsächlich an einer Verbesserung der Lebensumstände und einer strukturellen Reform Chinas, bzw. der Sowjetunion gelegen war. Bekanntermaßen unterschieden sich ihre Erfolge erheblich. Inwieweit sich ihre Ausgangspositionen glichen oder unterschieden, soll im weiteren besprochen werden.

Der wirtschaftliche Niedergang der Sowjetunion

Die Sowjetunion hatte seit ihrem Bestehen gravierende Schwankungen in den Lebensumständen ihrer Bevölkerung hervorgebracht, oder hinnehmen müssen. Nach den Katastrophen der Anfangszeit war es gelungen, zumindest die existenzielle Versorgung der Bevölkerung wieder sicherzustellen und eine Verbesserung des Lebensstandards einzuleiten. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam es hier jedoch wieder zu einem massiven Einbruch, der jedoch nach dem Ende des Krieges ausgeglichen werden konnte. Schließlich konnte die UdSSR auf ein stabiles Wachstum verweisen, das die auf den ersten Blick mit den kapitalistischen Staaten konkurrenzfähig erscheinen ließ. Dieses Wachstum beruhte jedoch weit mehr auf einem wachsenden Einsatz von Arbeitskraft und Ressourcen, als auf einer Steigerung der totalen Faktorproduktivität.[1] Abgesehen von der Endlichkeit natürlicher Ressourcen, ergab sich hier das Problem eines Rückgangs der Geburtenrate, sowie eines deutlichen Anstiegs der Sterberate, wodurch die Grenzen solchen Wachstums weiter eingeengt wurden. Dementsprechend ging die relative wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Sowjetunion, sowie das Wachstum des ohnehin niedrigen Lebensstandards seiner Bevölkerung zurück.[2] Präzise Aussagen sind hierzu schwierig, allerdings zeigt ein Vergleich mit den kapitalistischen Industrienationen Mitte der siebziger Jahre, „that Soviet per capita consumption levels were only 34 per cent of those in the USA, 50 per cent of those in France and Germany, and 69 per cent of those in the UK.“[3] Die Ursachen hierfür sind vielfältig und böten Stoff für eine eigene Untersuchung. Hier soll jedoch der Verweis auf die mittlerweile recht gut bekannten Probleme der sozialistischen Planwirtschaft – fehlende wirtschaftliche Anreize, zu große Komplexität der zu planenden Wirtschaftsabläufe, etc. – verwiesen werden.

Einen weiteren markanten Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung der Sowjetunion in der Endphase, stellt ihre exponierte Position auf der internationalen Bühne dar. Als erklärter Erzfeind und einziger ernstzunehmender militärischer Konkurrent der USA, als 'Reich des Bösen', sah sich die Sowjetunion einer absolut feindseligen kapitalistischen Welt gegenüber. Diese Position und das an Tempo zunehmende Wettrüsten mit den USA, das in Reagans „Star Wars“-Programm gipfelte, führte zu einer massiven Bindung von Ressourcen und Humankapital im militärischen Sektor, was eine dynamische Entwicklung im zivilen Sektor erheblich erschwerte.[4]

Die genannten Probleme, sowie weitere wie beispielsweise die gravierende Umweltverschmutzung, führten bereits 1957 zu ersten Reformversuchen unter Chruschtschow. Auf die Maßnahmen soll hier im einzelnen nicht eingegangen werden, es sei nur erwähnt, dass in der Folge eine ganze Reihe von Reformwellen angestrengt wurden, die jedoch nur das Planungssystem modifizierten, anstatt grundsätzliche Veränderungen anzustreben und die daher stets aufs neue die Situation nicht zu verbessern vermochten, sie sogar eher verschlechterten. Es gehörte also zu den existenziellen Erfahrungen der Sowjetunion, dass beinahe dreißig Jahre 'halbherziger' Reformen keine substanzielle Verbesserung gebracht hatten.

Die Hinterlassenschaften von Mao Zedong

Im gängigen Bild von Chinas jüngerer Geschichte beginnt aller wirtschaftlicher Aufschwung oftmals erst mit den Reformen Deng Xiaopengs. Und auch wenn dies insofern seine Berechtigung besitzt, als China durch die durch Deng eingeleiteten Reformen einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte, sollte eines dennoch nicht vergessen werden: Die Zeit unter Mao Zedong war die Zeit der chinesischen industriellen Revolution. Mao hinterließ ein China, dessen industrieller Anteil am „materiellen Nettoprodukt [...] von 23 Prozent im Jahre 1952 auf fünfzig Prozent im Jahre 1976 gestiegen [war].“[5] Insofern ist also die Vorstellung vom China vollkommen kleinbäuerlicher Prägung verfehlt. Aus Furcht vor Angriffen, der USA und später auch der Sowjetunion, hatte China allerdings seine wachsenden industriellen Kapazitäten insbesondere zum Ausbau des militärischen Sektors genutzt, auch wenn es selbst nicht im Zentrum des Kalten Krieges stand. Noch zu Maos Lebzeiten war es in den Kreis der Atommächte aufgestiegen und produzierte Jets ebenso wie Interkontinentalraketen.[6]

Das alles sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das chinesische Wachstum ebenso wie in der Sowjetunion auf dem Mehreinsatz von Arbeitskraft und Ressourcen beruhte und die totale Faktorproduktivität unter Mao sogar zurückging.[7] Außerdem blieb der Lebensstandard insbesondere der Landbevölkerung sehr gering, denn auch die chinesische Planwirtschaft hatte mit den allen staatlich gelenkten Volkswirtschaften innewohnenden Effizienzproblemen zu kämpfen. Hinzu kam die immer deutlicher zu Tage tretende Überbevölkerung. Mehr als ein viertel der Bevölkerung „vegetierten unterhalb des Existenzminimums. In den Städten hatte sich der Wohnraum pro Einwohner zwischen 1952 und 1977 von 4,3 auf 3,6 Quadratmeter reduziert.“[8]

Abschließend sei hier noch auf einen anderen Aspekt hingewiesen: Wie in der Sowjetunion, gab es auch in China die Erfahrung (geradezu katastrophal) gescheiterter Reformversuche. Im Gegensatz zur Sowjetunion handelte es sich dabei allerdings um radikale Projekte wie den „Großen Sprung nach vorne“, der Millionen Hungertote verursachte. Die Chinesen hatten also die Erfahrung gemacht, dass Reformversuche, die die chinesische Wirtschaft in kürzester Zeit umfassend verändern sollten, sich als katastrophale Fehler erwiesen.

[...]


[1] Vgl. Nolan, Peter: China's Rise, Russia's Fall. Politics, Economics and Planning in the Transition from Stalisnism, New York, 1995, S. 39

[2] Vgl. Nolan: China's Rise, Russia's Fall, S. 41

[3] Ebd

[4] Vgl. Nolan: China's Rise, Russia's Fall, S. 42

[5] Seitz, Konrad: China. Eine Weltmacht kehrt zurück, Berlin, 2000, S. 207

[6] Ebd

[7] Vgl. Seitz: China. Eine Weltmacht kehrt zurück, S. 208

[8] Seitz: China. Eine Weltmacht kehrt zurück, S. 207

Details

Seiten
17
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638060844
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92244
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Historisches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Aufschwung Niedergang Transformation Chinas Russlands Vergleich Geschichte Weltwirtschaft

Autor

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