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Die gotische Kathedrale in kunsthistorischer und theologischer Sicht

Diplomarbeit 2005 81 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. VORWORT

2. EINLEITUNG

3. GESELLSCHAFTSPOLITISCHER HINTERGRUND
3.1 DER BEGRIFF GOTIK
3.2 ANFÄNGE DER GOTISCHEN KATHEDRALE
3.2.1 ALLGEMEINES
3.2.2 GRÜNDUNGSBAU
3.2.3 GOTT IST LICHT
3.2.4 VOM KLOSTER ZUR KATHEDRALE
3.3 ZEITTAFEL DER GOTIK

4. GEISTIGER HINTERGRUND
4.1 SYMBOLIK DER HIMMELSRICHTUNGEN
4.1.1 OSTEN
4.1.2 SÜDEN
4.1.3 NORDEN
4.1.4 WESTEN
4.1.5 DAS KREUZ
4.1.6 SYMBOLIK VON LINKS UND RECHTS
4.2 DAS MATERIAL UND DIE TEILE DES GOTTES
HAUSES IN MITTELALTERLICH-SYMBOLISCHER BEDEUTUNG
4.2.1 DIE STEINE
4.2.2 DER MÖRTEL
4.2.3 DER GRUNDSTEIN
4.2.4 DIE WÄNDE
4.2.5 DIE DECKE (HOLZTÄFELUNG)
4.2.6 DAS DACH
4.2.7 DAS PORTAL (PFORTE ZUR HIMMELS- STADT)
4.2.8 DAS TYMPANON
4.2.9 DIE GEGENPOLE: KRYPTA UND VIERUNGSTURM
4.2.10 DER ALTAR
4.2.11 DIE KIRCHENFENSTER

5. DIE ARCHITEKTUR DER GOTISCHEN KATHEDRALE
5.1 DIE BASILIKA
5.2 DIE BAUHÜTTE
5.3 GRUNDRISS UND AUFBAU
5.4 ELEMENTE DER GOTISCHEN BAUKUNST
5.5 DAS STREBEWERK
5.6 DIE SPITZBOGENTECHNIK
5.7 DAS KREUZRIPPENGEWÖLBE
5.8 WANDAUFBAU UND KATHEDRALENINNENRAUM
5.9 WANDGLIEDERUNG
5.10 WANDAUFRISSE DER KLASSISCHEN
GOTISCHEN KATHEDRALE
5.11 DIE FIALE
5.12 DER WIMPERG
5.13 DAS MASSWERK
5.14 DIE FENSTERROSE
5.15 GLASMALEREI UND KIRCHENFENSTER
5.16 PORTAL

6. GRUNDGEDANKEN ZUM THEMA KINDER UND KIRCHE
6.1 WELCHE FRAGEN SIND ZU STELLEN?
6.2 OBJEKTIVITÄT BEIM KIRCHENBESUCH
6.3 PERSÖNLICHE ERFAHRUNGEN AUS DER SCHULPRAXIS
6.4 DIE STIFTSKIRCHE VIKTRING
6.4.1 VIKTRING
6.4.2 BERNHARDKAPELLE
6.4.3 DIE FREILEGUNG DER SPÄTGOISCHTEN GEWÖLBEFRESKEN
6.4.4 INTERVIEW MIT DER AKAD. RESTAU- RATORIN MAG. KARMA EDER
6.5 GOTIK IN KÄRNTEN
6.6 PROJEKTBESCHREIBUNG
6.6.1 DER LEHRAUSGANG
6.6.2 DIE PHASE DER NACHBEREITUNG
6.6.3 DAS BAUEN DES KIRCHENMODELLS
6.6.4 DAS PLANEN UND UMSETZEN EINES GOTISCHEN GLASFENSTERS
6.6.5 AUSZÜGE AUS DEM FORSCHUNGS- TAGEBUCH
6.7 ARBEITSVORSCHLÄGE

7. SCHLUSSBEMERKUNG

8. LITERATURVERZEICHNIS

1. VORWORT

Da die besondere Bauart und die beinahe schwerelose Ausstrahlung der gotischen Kathedrale schon immer eine große Faszination auf mich ausgeübt haben, habe ich mich dazu entschlossen diese Thematik im Rahmen meiner Diplomarbeit genauer zu behandeln. Der sehr spannend aber auch logisch aufgebaute Kunstgeschichteunterricht am BRG Viktring hat bei mir das Interesse an der Kunstgeschichte, insbesondere an der Gotik geweckt. In diesem Zusammenhang wurde mir die Möglichkeit geboten, mir ein fundiertes Grundwissen über die Kunstgeschichte im Allgemeinen anzueignen. Im Zuge meiner Ausbildung zum Pädagogen für das Lehramt an Hauptschulen (BE) konnte ich dieses Grundwissen in vielen Bereichen vertiefen. Da die Architektur zu meinen persönlichen Interessensgebieten zählt, und Kirchen im Allgemeinen für mich ein Ort der Geistlichkeit aber vor allem auch ein besonderes Kulturgut darstellen, habe ich im Rahmen meiner Arbeit versucht einen Bezug zwischen Kunstgeschichte und Theologie herzustellen.

2. EINLEITUNG

Die Romanik und die Gotik sind die beiden umfassendsten Kunststile des Mittelalters, sowie die Höhepunkte der europäischen Kultur. Das Mittelalter, im Anschluss an die Antike und auch Basis der Neuzeit, nimmt eine zentrale Stellung in der abendländischen Kunstgeschichte ein. Von etwa 400 bist 1400 nach Christus entstehen in der kirchlichen Kunst erstaunlich viele Ausdrucksmöglichkeiten, die vom Kunsthandwerk über die Freskomalerei, die Skulptur, die Buch- und Glasmalerei bis hin zur monumentalen Architektur reichen. Zunächst war es die vorromanische Kunst der Angelsachsen, die karolingische Renaissance, die Wucht und Expressivität der Romanik gefolgt von den Kostbarkeiten der gotischen Kleinkunst, bis hin zu den überwältigenden, schwerelosen, Licht durchbrochenen und gigantischen hochgotischen Kathedralen.

Inhaltlich läst sich die Arbeit in drei wesentliche Bereiche gliedern. Im ersten Teil gehe ich auf die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Aspekte der Gotik ein. Hier spielt vor allem die Licht- und Raumsymbolik, welche eng mit der Theologie verknüpft sind, eine wichtige Rolle. Im darauf folgenden Bereich werden die theologischen Aspekte, der geistige Hintergrund, die Typologie, Licht- und Raumsymbolik, sowie die Materialien und Teile des Gotteshauses in mittelalterlich-symbolischer Bedeutung vertieft. Im Bereich der Architektur werden faszinierende Bautechniken, neue Errungenschaften, besondere Verzierungen fokussiert. Der schulpraktische Bereich befasst sich mit Grundgedanken zum Thema Kirche und Kinder. Ein ausführlicher Praxisbericht eines von mir durchgeführten Projekts zum Thema Gotik zeigt die Möglichkeiten und Schwierigkeiten eines Kirchenbesuchs mit Schülern und Schülerinnen auf. Ausgewählte Arbeitsvorschläge, sowie grundsätzliche Richtlinien zum Kirchenbesuch mit Schülerinnen und Schülern sowie Auszüge aus dem Forschungstagebuch bilden den Abschluss der Arbeit.

3. GESELLSCHAFTSPOLITISCHER HINTERGRUND

Die Herausbildung des Städtebürgertums setzt mit der Entstehung neuer Städte um die Mitte des 11. Jahrhunderts ein. Die neue damit verknüpfte gesellschaftliche Erscheinung hat in weiten Teilen Europas Auswirkungen auf den landwirtschaftlichen Bereich, auf Adel und Bauern. Diese hängt vor allem mit dem bis weit ins 15. Jahrhundert hineinreichenden Feudalismus zusammen. Zur Zeit der Gotik wird die soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung von diesem Feudalsystem bestimmt. Der als Lehensmann Bezeichnete bekommt vom Lehensherrn, König, Reichsfürst oder Adel für bestimmte Leistungen im Krieg ein Stück Land und die auf diesem wohnenden Menschen „geliehen“. Als Gegenleistung verlangt der Lehnsherr vom Lehnsmann vor allem Kriegsdienste und Treue. Dieses Verhältnis wird zunächst mit dem Tod des Lehnsmannes beendet, später kann dieses aber weiter vererbt werden, sodass eine neue Gesellschaftsklasse mit Landbesitz aufsteigt und einen sicheren Platz im Feudalsystem einnimmt.

Die Städte stehen nun für Freiheit und Fortschritt, wo nun leibeigene Bauern die Steuern und Schutzgelder an Kirche, Lehnsmann bzw. Lehnsherrn abgeben müssen und als Handwerker arbeiten können. Die Stadt macht den Menschen frei. Eine soziale Umschichtung der Gesellschaft setzt nun ein und das Feudalsystem wird von einem jungen, machtbewussten Bürgertum abgelöst, welches einen großen Anteil einerseits an der Verwaltung sowie der Finanzierung besitzt, und auf der anderen Seite an der Entstehung einer neuen Kunstrichtung sowie Skulpturen und Malerei, aber auch am Bau der Kathedrale beteiligt ist. Die neuen Stadtgründungen entstehen meist auf Bischofssitzen und das Miteinander von Bischof, Herrscher und der modernen Gewerbebürgerschaft bewirkt das Entstehen der Kathedralen, welche gigantische Zeugen dieser Kultur und Gesellschaft sind, und das Weltbild verändern. Es werden Erfindungen und Entdeckungen gemacht, sogar ein neuer Teil der Erde wird entdeckt. Den Lebendumständen zufolge, hat die hoch über die Dächer ragende Kathedrale für die Menschen der damaligen Zeit eine grundlegend andere Bedeutung, als für die in der heutigen Zeit lebenden Menschen. Das Innenleben der gewaltigen Saalkirchen lässt den Menschen noch kleiner erscheinen.[1] In und um die Kathedralen wird die Bedeutung des geistigen Lebens und die Gemeinschaft als solche für die Menschen erfahrbar. Die Kathedrale ist ein steinernes Zeichen der neuen gesellschaftlichen Ordnung.

Bevor die Pest und die Lepra im 14. Jahrhundert auf Grund der schlechten hygienischen Bedingungen ausbricht, und die Bevölkerungsanzahl außerordentlich verringert, verdreifacht sich die Einwohnerzahl Europas zwischen 1100 und 1300. In gut entwickelten und reichen Städten wächst die Bevölkerung noch darüber hinaus auf das Zehnfache an. Das Wachsen und die Neugründungen der Städte ist auch auf die besonders gewinnbringend Landwirtschaft, welche durch verbesserte Arbeitsgeräte, ertragreiche Kulturpflanzen und den Fruchtwechselanbau Überschüsse produziert, und dadurch den Handel sowie die Geldwirtschaft ankurbelt, zurückzuführen. Es entsteht ein reger kultureller Austausch zwischen den Städten, welcher auf Grund des Handels mit Stoffen, Gewürzen und Wein entsteht. Städtebünde wie die Hanse, welche mit über 200 Städten den größten Bund darstellt, entstehen um den Handel vor Überfällen zu schützen. Die Kehrseite der wirtschaftlichen Stärke in den Städten zeigt sich in gesellschaftlichen Konflikten und in der Entstehung von zentralen Staatsgewalten.

Machtkämpfe zwischen Kaisertum und Papsttum im deutschsprachigen Raum stärken die Kirche und splitten das Reich in Fürstentümer. Das geistige Zentrum dieser Zeit ist Paris, wo die erste unabhängige Universität (1223) entsteht.[2] Vorläufer sind die Kathedralenschulen, in denen die Söhne der Reichen zu finden sind. Den wenigsten Menschen ist es möglich zu lesen und so blieb das Wissen in der Hand der Klöster und Kathedralenschulen.[3]

Die Quelle des Reichtums der Städte ist natürlich der Handel, welcher am Marktplatz der gotischen Stadt stattfindet. Es entsteht das Patriziat, das die Mitglieder für den Rat stellt. Der Rat ist das wichtigste Organ der städtischen Selbstverwaltung und war frei von kirchlichem Einfluss.[4]

3.1 DER BEGRIFF GOTIK

Der Stilbegriff „Gotik“ entsteht im 16. Jahrhundert und wird von dem florentinischen Maler und Kunsthistoriker Giorgio Vassari (1511-1574) mit dem Wort „barbarisch“ gleichgesetzt.[5] Seiner Ansicht nach, waren die Goten, die zur Zeit der Völkerwanderung die antike italienische Kunst zerstören, die Urheber der als fremd und barbarisch empfundenen Kunst.[6] Er spricht sich sehr heftig gegen die gotische Kunst aus, im Gegensatz zur klassischen antiken Kunst, und beschreibt sie als „schrecklich“. Die Gotik wird als Stil mit kapriziösen, unnützen Details und als eine Verspottung der Kunst bezeichnet. Erst nach dem 18. Jahrhundert verliert die Bezeichnung Gotik ihren negativen Beigeschmack.[7] Der Begriff Gotik wird zunächst nur für die Ornamentik und die Baukunst verwendet.[8]

3.2 ANFÄNGE DER GOTISCHEN KATHEDRALE

3.2.1 ALLGEMEINES

Wirtschaftliche Einflüsse, gesellschaftliche Aspekte, die religiöse Situation und noch vieles mehr beeinflussen oftmals Kunststile. Umso schwieriger ist es, gerade was die Ursprünge von Kunstrichtungen und Kunststilen betrifft, konkrete Ursachen anzuführen. Tatsache ist, dass sich Kunststile geografisch unterschiedlich entwickeln und diesen vor allem verschiedene Einflüsse zu Grunde liegen.

Die Gotik findet jedoch ihren Ursprung in der Île-de-France, einer Region in Nordfrankreich[9] und weitet sich erst später, zeitlich versetzt, auf Deutschland, England und Italien aus. Der neue Stil beschränkte sich nicht nur auf den sakralen Bau, sondern weitet sich zunehmend auch auf die Profan- und Privatkultur aus. Kunstwerke aller Gattungen, wie Kathedralen, Abteikirchen, Stadtkirchen, mit ihren farbigen Glasfenstern, Werken der Goldschmiedekunst, der Wandmalereien, aber auch der Buchkunst, sind bis heute aus dieser kunstgeschichtlichen Epoche erhalten geblieben. Ebenso Städte, Burgen und Paläste mit verschiedensten künstlerischen Ausstattungen sind bis heute ein wichtiger kultureller Bestandteil.

3.2.2 GRÜNDUNGSBAU

Die königlichste aller Kirchen ist im Jahre 1130 keine Kathedrale, sondern ein Kloster: Saint-Denis-en-France. Abt Suger, Benediktiner und Leiter des Klosters, sieht es als seine persönliche Aufgabe, die Abtei in ein Gemäuer höchster Herrlichkeit zum Ruhme Gottes umzugestalten.[10] Er denkt an ein prächtiges Bauwerk mit unzähligen Glasfenstern, die den Raum beherrschen. Diese Konzeption verlangt natürlich nach einem kompakten Mauerwerk. Das Problem stellt sich in den schlank geplanten Marmorsäulen, welche keine schweren Lasten tragen können. Gelöst wird dieses Problem durch den Einsatz des Rippengewölbes,[11] worauf ich im späteren Teil der Arbeit noch genauer eingehen werde. Die einfachen Bögen aus Stein tragen die Konstruktion an wichtigen statischen Stellen. Da Abt Suger um die äußere Würde besorgt ist, benützt er die Reichtümer seines Klosters, um dem Verlauf des Gottesdienstes in einen prachtvollen Rahmen zu kleiden. Der Wiederaufbau und die Ornamentierung des Klosters werden vollzogen. Vor allem der Ehre Gottes und des heiligen Dionysius, aber auch der Ehre der toten Könige (Karl der Kahle, Pippin der Kleine, Karl Martell) von Frankreich, die im Kloster wohnten, und des lebenden Königs Ludwig VI. der sein Freund und Wohltäter war, gilt seine Arbeit. Seine Werke „De son administration“ und „De la consécration“ beinhalten den Plan, sein Kloster über alle zurzeit bestehenden Klöster zu stellen. Die aquitanischen und burgundischen Traditionen werden mit der karolingischen verbunden. Suger entwirft die Kathedrale primär als ein theologisches Werk, welches sich auf die Schriften des Schutzheiligen der Abtei, des heiligen Dionysius, bezieht. Sugers Konzept ist es, die Macht des feudalen Königs hierarchisch aufzubauen, wobei er sich hier ohne Zweifel von dem Traktat des heiligen Dionysius beeinflussen lässt, welches ein hierarchisches Bild des sichtbaren und des unsichtbaren Universums darstellt. „Gott ist Licht“ – ist die zentrale Idee des Traktates[12]. Das folgende Zitat beschreibt diese Hierarchie:

3.2.3 GOTT IST LICHT

„Im Mittelpunkt des Werkes steht die Idee: Gott ist Licht. An diesem ursprünglichen, diesem unerschaffenen und schöpferischen Licht hat jede Kreatur teil. Je nach ihren Fähigkeiten, das heißt, je nach dem Rang, den sie auf der Stufenleiter aller Wesen einnimmt, je nach der Ebene, auf der das Denken Gottes sie hierarchisch ansiedelt, empfängt jede Kreatur die göttliche Erleuchtung, um sie selbst wieder abzustrahlen. Hervorgegangen aus einem Strahlenmeer, ist das Universum ein leuchtender Quell, der in Kaskaden herabstürzt, und das Licht, das vom höchsten Wesen ausgeht, beruft jedes einzelne erschaffene Wesen auf seinen unveränderlichen Platz. Zugleich aber vereinigt es sie alle. Als Band der Liebe durchflutet es die ganze Welt, versetzt sie in den Zustand der Ordnung, verleiht ihr inneren Zusammenhalt, und da jeder Gegenstand das Licht mehr oder weniger reflektiert, bringt das Strahlenmeer durch eine ununterbrochene Kette von Reflexen eine umgekehrte Bewegung in Gang, die aus der tiefsten Finsternis emporsteigt, eine Spiegelbewegung, die zum Herd des Lichts zurückführt. Auf diese Weise erzeugt der glanzvolle Akt der Schöpfung aus sich selbst heraus einen von Stufe zu Stufe fortschreitenden Wiederaufstieg zu dem unsichtbaren und unsäglichen höchsten Wesen, von dem alles ausgeht. Über die sichtbaren Dinge, die sein Licht umso voller reflektieren, je höher sie innerhalb der Hierarchie stehen, strömt alles zu ihm zurück. So führt das Erschaffene über eine Leiter von Analogien und Konkordanzen bis zum Unerschaffenen. Indem man diese Konkordanzen eine nach der anderen erhellt, schreitet man fort in der Erkenntnis Gottes. Als absolutes Licht ist Gott mehr oder weniger verschleiert in jeder Kreatur enthalten, je nach dem, in welchem Maße diese empfänglich ist für eine Erleuchtung; so aber enthüllt ihn auch jede Kreatur nach ihren Fähigkeiten, denn angesichts dessen, der sie mit Liebe schaut, setzt sie den Teil des von ihr aufgefangenen Lichtes wieder frei. “[13]

Der Schlüssel der neuen Kunst, der Kunst in Frankreich, findet sich in dieser Konzeption, welche für Abt Suger die Vorlage bildet. Das Lichtspiel und die permanente Ausstrahlung sind maßgeblich für den neuen Bau.

3.2.4 VOM KLOSTER ZUR KATHEDRALE

Die Vorhalle, ein dunkler, schwerer, sehr massiver Teil des Kloster Saint-Denis-en-France, welche aus der Zeit der karolingischen Tradition stammt, wird zuerst umgebaut. Diese Vorhalle wird der Ausgangspunkt für die Prozession zum Licht. Am Eingang des Klosters wurde dessen Autorität durch die, in die Fassade eingelassen und mit Zinnen versehenen Türme dargestellt. Diese Türme sind jedoch von mehreren Bogenstellungen durchbrochen. Die drei Portale lassen das Abendlicht in den Innenraum strahlen. Die darüber platzierte Fensterrose, die erste der abendländischen Kirche, hat den Zweck die drei hohen Kapellen zu beleuchten. Sie sind den himmlischen Hierarchien, der Jungfrau, dem heiligen Michael und den Engeln, geweiht.[14] Die Fensterrose, welche auch als Rundfenster oder Rosenfenster bezeichnet wird, gehört zum neuen Weltbild der Gotik und ist gleichzeitig das Symbol für das sich ewig drehende göttliche Weltenrad.[15] So entsteht die maßgebliche Fassadenform aller künftigen Kathedralen.[16] Eigentlich sollte man von Suger erwarten, zumindest die Bauplastik zu erwähnen. Da er sie jedoch nie zum Thema macht, neigen manche Wissenschaftler dazu, anzunehmen, dass die Plastik erst nach der Zeit Sugers hinzugefügt wurde.

Das andere Ende der neuen Kirche, also der Bereich des Chores, wurde zum Brennpunkt der Ausstrahlung. Hier werden die Mauern abgeschafft und Suger fordert außerdem die Bauherrn dazu auf, die Technik des Kreuzrippengewölbes zu erforschen. Dies führt dazu, dass ein halbkreisförmiger Kapellenkranz entsteht. Strahlendes Licht, welches den Kirchenraum vollständig ausleuchtet, bricht nun durch die Fenster. Bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts dürfen schon beinahe alle Mönche das Priesteramt ausführen. Diese müssen den Gottesdienst mehrmals täglich halten. Aus diesem Grund entstehen in den Abteikirchen immer mehr Kapellen. Der Grundriss eines Chorumganges mit strahlenförmig angeordneten Nischen nach romanischem Vorbild, wird nun unter Suger einer Wandlung unterzogen. Er ändert die Struktur der Gewölbe, ersetzt Scheidewände durch Säulen, lässt Öffnungen entstehen und bringt damit dadurch immer mehr Licht in das Innere der Kirche. Alles was dem Licht im Wege steht wird umgebaut – selbst die Empore wird abgerissen um dem Fluss des Lichts keine Hindernisse in den Weg zu legen.[17] Das neue Licht lässt den Kirchenraum in ein Lichtermeer tauchen. Hier erfüllt sich Sugers Traum, die Zeremonie der Liturgie durch den leuchtenden Zusammenhalt in eine Einheit zu verwandeln. Sein Traum verwirklicht sich aber nicht nur in der neuen Architektur, sondern auch in bestimmten, privilegierten Objekten, welche, so der Glaube dieser Zeit, die göttliche Ausstrahlung in sich konzentrierten. Ein Beispiel dafür sind die besonderen Edelsteine die im Innenraum der Kirche angebracht werden. Jedem einzelnen Stein ist eine symbolische Beziehung zu einer christlichen Tugend zugeordnet. Durch den besonderen Lichteinfall wird eine starke Reflexion hervorgerufen, die die Edelsteine in einem einzigartigen Licht erscheinen lässt. Auch die Reliquien, die mit kostbaren Edelsteinen und Gold geschmückt sind, finden ihren Platz in der „Licht gewordenen Mitte“ des Kirchenschiffes, wo sie für den Besucher der Kirche zugänglich gemacht werden. Im Gegensatz dazu befinden sich die Reliquien in der Romanik in der dunklen Krypta. Das leuchtende Symbol für die Auferstehung Christi, ein sieben Meter hohes goldenes Kreuz, stellt die Krönung des Hauptaltars dar. Eines der am wichtigsten gewordenen Mittel, das Licht in verschiedenen Farben erstrahlen zu lassen, ist die Glasmalerei. Sie trägt ihren Teil dazu bei, die Gestalt des Menschen gänzlich aus dem architektonischem Rahmen zu nehmen, in welchem sie die romanische Bilderwelt gefangen hielt.

Jetzt bildet das Zentrum der Mensch.

„Wer immer du sein magst, willst du diesen Portalen Ehre erweisen, bewundere nicht das Gold, nicht den Aufwand, sondern die Arbeit und die Kunst. Das edle Werk glänzt, aber es glänzt mit Edelmut; möge es die Geister erleuchten und sie durch wahre Lichter zum wahren Licht führen, dessen wahrhaftige Pforte in Christus ist.“[18]

In Saint Denis sind alle Reichtümer der Welt versammelt, und allein durch Christus dringt der Mensch in die Lichter des Heiligtums ein.[19]

Saint Denis geht sozusagen als erste gotische Kathedrale in die Geschichte ein.[20] Suger wird durch den Musterbau Saint Denise zum Hauptinitiator einer neuen Gestaltung des Kirchenraums, indem sein Architekt und er zum ersten Mal burgundische (Spitzbogen) und normannische Formelemente (Rippengewölbe) zwingend verbinden. Suger wird zum „Schöpfer der Gotik“.[21]

3.3 ZEITTAFEL DER GOTIK

FRÜHGOTIK (12. Jahrhundert)

Ab 1100 Vorstufen der Gotik in der Normandie und in England

1130-1150 Beginn der Frühgotik in den französischen Kronländern Saint Denise, Sens und Chartres

Ab 1150 systematische Umsetzung frühgotischer Basilikasyteme in Noyon, Laon und Paris

1174 Frühgotik in England

1162 Herausbildung eines neuen Typs der Hallenkirche in Poitou

DIE HOCHGOTIK (13. Jahrhundert)

Hochgotische Basilikasysteme in Chartres, Bourges, Reims und Amiens

Ab 1230 Maßwerkgotik, zuerst in Reims

Ausbreitung der Gotik durch Early English, Decorated Style, Backsteingotik, Bettelordenskirchen, Hallenkirchen und Kapellensäle

Dynasten- und Ordensburgen (1280 Marienburg), Kastellbauten

Umfangreicher Städtebau und Kommunalbau (Rathäuser, Spitäler usw.)

SPÄTGOTIK (14. und 15. Jahrhundert)

Abgeklärte Phase mit regionalen Gruppen von Hallenkirchen in Südwesteuropa, England, Nord- und Südwestdeutschland

Übergang zur Spätgotik mit Flamboyant, Perpendicular-Style, Backsteingotik, deutscher Sondergotik (Parler) und ausgeprägtem Turm- und Fassadenbau

Städtische Repräsentationsbauten, Schloss- und Palastbauten

Virtuose Endphase der Spätgotik mit überfeinertem Maßwerkornament, figuriertem Gewölbe, Flächenbetonung und einheitlicher Raumzusammenfassung[22]

4. GEISTIGER HINTERGRUND

Im Hoch- und Spätmittelalter erscheinen die gotischen Kathedralen und Kirchen ganz anders als die romanischen Kirchenburgen des frühen Mittelalters. Man kann diese Veränderung nicht auf eine rein formale oder technische Weiterentwicklung reduzieren, denn die geistige Haltung, wie beispielsweise bei Abt Suger, sowie ein neues Verständnis von Religion und Glaube tragen ihren Teil dazu bei. Gott und seine Heerscharen, eine dem Weltlichen entfernte überirdische Macht, ist es im frühen Mittelalter, die das Böse und Dämonische bezwingt.[23] Die Kirchen stehen blockartig geschlossen auf einer als drohend empfundenen Welt mit Sinnzeichen des Schreckens und der Furcht.[24] Die Gnade und Hilfe ist nur durch Opfer und Schenkungen an die Kirche erwerbbar, doch jetzt in der Gotik erhalten die Heiligengestalten menschlichere Züge.[25] Suger spricht von der Menschwerdung Gottes und das Zentrum bildet der Mensch.[26] Das Christentum wird als Religion der göttlichen Gnade und Liebe aufgefasst. Die Kathedrale steht dem Weltbild der romanischen Basilika gegensätzlich gegenüber.[27] Thomas von Aquin (1225 – 1274) schrieb, dass sich Gott und sein Wirken in der Schönheit der Natur zeigt. Franz von Assisi (1182-1226) setzt die Tiere dem Menschen gleich, da es ebenso Geschöpfe Gottes sind. Ende des 13. und im 14. Jahrhunderts, wird die Loslösung der Gläubigen von allen irdischen Werken und völlige Hingabe an Gott verlangt. Ausdrucksmittel für das jenseits gerichtete Denken ist der zur Zeit der Gotik unvorstellbare Höhen- und Auflösungsdrang der Kathedralen.[28]

4.1 SYMBOLIK DER HIMMELSRICHTUNGEN

Die Symbolik der Himmelsrichtungen ist fest im Geistes- und Gefühlsleben der Menschen verankert. Es ist der natürliche Sinn des Menschen, sich der Richtung des Sonnenaufgangs mit positiver Stimmung hinzuwenden, welche Wärme, Licht und neues Leben erweckt, und im Gegensatz dazu mit Wehmut dem Verschwinden des letzten Sonnenstrahls nachblickt. Der Mensch verbindet mit dem Gestirn eine Vorstellung von einem höheren Wesen, mit dem Ort des Sonnenaufgangs einen Ort des Glücks, und mit dem Untergang der Sonne einen negativen Gefühlseindruck. Durch diesen Glauben wird den jeweiligen Orten eine besondere Bedeutung verliehen. Der Beginn der symbolischen Bedeutungen der Himmelsrichtungen reicht bis zu alten heidnischen Religionen zurück.

4.1.1 OSTEN

Der Osten ist jene Richtung, in welche man den Sonnengott anbetet, in jene die Gräber der Verstorbenen gerichtet sind, und die Bauflucht der Gotteshäuser reicht. Dort ist der Aufenthalt und das Reich der Seele nach dem Tod. Im Osten befindet sich auch jener Stern, der den Magier den Weg nach Bethlehem zum „Licht der Welt“ führt. Das Christentum übernimmt die Sitte sich nach Osten zu wenden um zu beten, die Kirchen und den Altar nach Osten zu richten ähnlich wie im Heidentum, nur das im Christentum die Sonne ein Symbol der Gottheit des Erlösers ist, und nicht zur Gottheit selbst wird.

4.1.2 SÜDEN

Der Herr kommt aus dieser lichtgefüllten Richtung, die als Symbol für den Heiligen Geist und das Sinnbild Gottes und seiner reichen Gnadenschätze steht.

4.1.3 NORDEN

Der kalte, lichtlose Norden ist im alten Testament der Ort des Unheils, des Schreckens, der dämonischer Anschläge und des Herrschersitzes des bösen Feindes. Die Apostel sprechen vom „Fürsten der Finsternis“. Der Norden, der Thron des unreinen Geistes, ist der ideale Gegensatz zum Osten. Diese Richtung symbolisiert die Abkehr von Gott, des Lichtes, der Wahrheit und des Glaubens, und ist ein Ort der Sünde.

[...]


[1] vgl. Sagner Karin.: (Seite 16)

[2] vgl. Sagner Karin.: (Seite 66ff)

[3] vgl. Sagner Karin.: (Seite 38)

[4] vgl. Sagner Karin.: (Seite 68)

[5] vgl. Schabel Christoph.: Vorlesungsmitschrift Kunstgeschichte Teil II. (Seite 21)

[6] vgl. Sagner Karin.: Die Kunst der Gotik. (Seite 8)

[7] vgl. Schabel Christoph.: (Seite 21)

[8] vgl. Sagner Karin.: (Seite 8)

[9] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%8Ele-de-France

[10] vgl. Duby Georges: Die Zeit der Kathedralen. Kunst und Gesellschaft 980 – 1420. (Seite 174)

[11] vgl. Kidson Peter.: The Medieval World. (Seite 99)

[12] vgl. Duby Georges: (Seite 174)

[13] vgl. Duby Georges: (Seite 174-175)

[14] vgl. Duby Georges: (Seite 176)

[15] vgl. Sagner Karin.: Die Kunst der Gotik. (Seite 26)

[16] vgl. Duby Georges: (Seite 176)

[17] vgl. Duby Georges: (Seite 176ff)

[18] Duby Georges:. (Seite 183)

[19] vgl. Duby Georges: Die Zeit der Kathedralen. Kunst und Gesellschaft 980 – 1420. (Seite 183

[20] vgl. Copplestone Trewin, Myers Bernhard S.: (Seite 99)

[21] vgl. Toman Rolf: Die Kunst der Gotik. (Seite 9)

[22] Sagner Karin.: (Seite 11)

[23] vgl. Goecke-Seischab, Ohlemacher Jörg.: Kirchen erkunden – Kirchen erschließen (Seite 88)

[24] vgl. Sagner Karin.: (Seite 18)

[25] vgl. Goecke-Seischab, Ohlemacher Jörg.: (Seite 88)

[26] vgl. Duby Georges: (Seite 183)

[27] vgl. Möbius Friedrich und Helga.: Bauornament im Mittelalter (S92)

[28] vgl. Goecke-Seischab, Ohlemacher Jörg.: (Seite 88)

Details

Seiten
81
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638060233
Dateigröße
4.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92126
Note
1
Schlagworte
Kathedrale Sicht

Autor

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