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Kompromiss im Grauen - Zur Differenzierung der Kolonialismuskritik in J.M. Coetzees Romanen "Waiting for the Barbarians", "Foe" und "Disgrace"

Examensarbeit 2005 75 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Postkolonialismus und Literatur

2. Begriffsbestimmung: was ist Imperialismus, Kolonialismus und Post- kolonialismus ?
2.1 Südafrikas spezielle Situation

3. Schlüsselkonzepte der postkolonialen Literaturtheorie
3.1 Subversion: Entkolonialisierung (Frantz Fanon)
3.2 Das koloniale ,Andere’ (Edward Said)
3.3 Hybridität (Homi Bhabha)

4. Mannonis psychoanalytische Kolonialismustheorie

5. Kurzbiographie von J.M. Coetzee

6. J.M. Coetzees Waiting for the Barbarians (1980)
6.1 Einleitung
6.2 Inhalt von Waiting for the Barbarians
6.3 Handlungsort von Waiting for the Barbarians
6.4 Figurenkonstellation in Waiting for the Barbarians
6.4.1 Der Magistrat und Oberst Joll
6.4.2 Der Magistrat und die ,Barbarin’
6.4.3 Der Magistrat und die ,Barbaren’
6.5 Die Position des Magistrats im kolonialen Gefüge
6.6 Die Darstellung des kolonialen ,Anderen’ in Waiting for the Barbarians
6.7 Palimpsest: Rückkehr zur vorkolonialen Identität (Entkoloniali- sierung)
6.8 Die ,Grauzone’: Die Auseinandersetzung des Magistrats mit seiner
Stellung zwischen Täter und Opfer in Waiting for the Barbarians (Hybridität)
6.8.1 Das Problem der Darstellung von Folter in der Literatur am Beispiel von Waiting for the Barbarians

7. J.M. Coetzees Foe (1986)
7.1 Inhalt von Foe
7.2 Handlungsort von Foe
7.3 Figurenkonstellation in Foe
7.3.1 Die fünf ,Mysterien’: Cruso und Freitag
7.3.2 Susan Barton und Freitag 41
7.4 Die Darstellung des kolonialen ,Anderen’ in Foe: Susan Barton und Freitag
7.5 Subversion und Entkolonialisierung in Foe
7.6 Hybridität in Foe
7.7 Kompromiss im Grauen: Das Labyrinth des Zweifels in Foe

8. J.M. Coetzees Disgrace (1999)
8.1 Inhalt von Disgrace
8.2 Handlungsort von Disgrace
8.3 Figurenkonstellation in Disgrace
8.3.1 David Lurie und Soraya
8.3.2 David Lurie und Melanie Isaacs
8.3.3 David Lurie und Mr Isaacs
8.3.4 David Lurie/Lucy und Petrus
8.4 Die Darstellung des (post)kolonialen ,Anderen’ in Disgrace
8.5 Subversion und Entkolonialisierung in Disgrace
8.5.1 Das Ende der Apartheid: nichts ist so wie vorher
8.5.2 Die Grauzone: Die Frage nach Schuld, Vergeltung und Aussöhnung im Südafrika nach der Apartheid in Disgrace
8.6 Hybridität in Disgrace

9. Schlusswort

10. Bibliographie
10.1 Primärliteratur
10.2 Sekundärliteratur

0. Einleitung

The notion that the colonial experiences at the Heart of Africa a void which would seem to penetrate every level of existence, from the biological to the metaphysical, is hardly foreign to him [Coetzee]. (Watson 1986: 371)

Um diese koloniale Erfahrung, die den Kolonisatoren und den Kolonisierten durch und durch durchdringen, sowohl psychisch als auch physisch, geht es in J.M. Coetzees Romanen.

In den drei zu besprechenden Romanen[1] Coetzees Waiting for the Barbarians, Foe und Disgrace zeigt sich, dass sich die Kolonialismuspolitik und die damit einhergehende, implizite Kritik sich gleich einem roten Faden durch seine Fiktion zieht. Coetzee ist “a white South African writer engaged with the legacy of colonialism” (Head[2] 1997: iii). In seinen Romanen bezieht Coetzee zwar keine explizite Stellung zur südafrikanischen Situation oder zur weltweiten postkolonialen Situation, aber trotz seiner apolitischen Haltung können die Texte als Deutungen des Kolonialismus gelesen werden, die dadurch weitreichender sind als die herkömmlichen Stellungnahmen politisch engagierter Schriftsteller. So ist bei Coetzee “the actual critique of colonialism […] hardly conventional” (Watson[3] 1986: 371).

Ziel der Arbeit ist, den Kompromiss im Grauen und die Differenzierung der Kolonialismuskritik in J.M. Coetzees Romanen Waiting for the Barbarians (1980), Foe (1986) und Disgrace (1999) aufzuzeigen. Hierbei soll wie folgt vorgegangen werden. I. bis IV. bilden den theoretischen Teil als thematischen Kontext der Romane. Unter I., Postkolonialismus und Literatur, wird eine Annäherung an die Klärung der Beziehung zwischen Postkolonialismus und Literatur vorgenommen. Im II. Kapitel werden die Begriffe Imperialismus, Kolonialismus und Postkolonialismus genauer bestimmt; wobei unter II.1 auf Südafrikas spezielle Situation als zweimal kolonisierter, postkolonialer Staat eingegangen werden wird; in welchem jedoch während der Apartheid noch koloniale Strukturen vorhanden waren und – wie die Besprechung von Disgrace zeigen wird – auch noch teilweise vorhanden sind. Unter III. geht es um Schlüsselkonzepte der postkolonialen Literaturtheorie. Diese sind III.1 Subversion und Entkolonialisierung nach Frantz Fanon, III.1 Das koloniale ,Andere’ nach Edward Said und III.3 Hybridität nach Homi Bhabha. Jedes dieser Konzepte wird an späterer Stelle an den Romanen aufgezeigt werden. Mannonis psychoanalytische Kolonialismustheorie wird unter IV. aufgezeigt, da in Coetzees Romane die ökonomischen Motive des Kolonialismus weitgehend ausgeblendet werden und der Kolonialismus somit als Bewusstseinsphänomen betrachtet wird.

Unter V. wird Waiting for the Barbarians von 1980 analysiert; mit den Unterkapiteln V.1 Einleitung, V.2 Biographie von J.M. Coetzee, V.3 Inhalt von Waiting for the Barbarians, V.4 Handlungsort von Waiting for the Barbarians, V.5 Figurenkonstellation. V.5 wird in die für die aus kolonialistischer Perspektive interessanten Personenkonstellationen relevanten Unterkapitel V.5.1 Der Magistrat und Oberst Joll, V.5.2 Der Magistrat und die ,Barbarin’ und V.5.3 Der Magistrat und die ,Barbaren’, unterteilt. In Kapitel V.6 wird die Position des Magistrats im kolonialen Gefüge mit den Unterkapiteln V.6.1 die scheinbar liberale Stellung des Magistrats und V.6.2 das Bewusstsein des Magistrats zwischen Transzendenz und Materialismus beleuchtet. Die Schlüsselkonzepte der postkolonialen Literaturtheorie im Roman werden unter V.7 Die Darstellung des kolonialen ,Anderen’ in Waiting for the Barbarians, V.8 Palimpsest: Rückkehr zur vorkolonialen Identität (Entkolonialisierung) sowie V.9 Die ,Grauzone’: Die Auseinandersetzung des Magistrats mit seiner Stellung zwischen Täter und Opfer in Waiting for the Barbarians (Hybridität) untersucht werden.

Im VI. Kapitel soll J.M. Coetzees Foe von 1986 untersucht werden; VI.1 Inhalt von Foe, VI.2 Handlungsort von Foe und VI.3 Figurenkonstellation sind Unterkapitel. Letzteres Kapitel wird untergliedert in VI.3.1 Die fünf ,Mysterien’: Cruso und Freitag und VI.3.2 Susan Barton und Freitag; welche unter dem kolonialen Aspekt betrachtet werden sollen.

In Kapitel VI.4 wird die Darstellung des kolonialen ,Anderen’ in Foe: Susan Barton und Freitag ausgearbeitet, unter VI.5 Subversion und Entkolonialisierung in Foe, unter VI.6 Hybridität in Foe und schließlich VI.7 Kompromiss im Grauen: Das Labyrinth des Zweifels in Foe, “the maze of doubting” (Head 1997: 112).

In Kapitel VII soll J.M. Coetzees Disgrace von 1999 analysiert werden; Unterkapitel bilden VII.1 Inhalt von Disgrace, VII.2 Handlungsort von Disgrace und VII.3 die Figurenkonstellation. Diese wird in VII.3.1 David Lurie und Soraya, VII.3.2 David Lurie und Melanie Isaacs, VII.3.3 David Lurie und Mr Isaacs sowie VII.3.4 David Lurie/Lucy und Petrus unterteilt sein. Die Schlüsselkonzepte der postkolonialen Literaturtheorie finden unter VII.4 Die Darstellung des (post)kolonialen ,Anderen’ in Disgrace, VII.5 Subversion und Entkolonialisierung in Disgrace, VII.5.1 Das Ende der Apartheid: nichts ist so wie vorher, VII.5.2 Die Grauzone: Die Frage nach Schuld, Vergeltung und Aussöhnung im Südafrika nach der Apartheid in Disgrace sowie unter VII.6 Hybridität in Disgrace ihre Beachtung.

I. Postkolonialismus und Literatur

Unter Kolonialismus verstehen die Autoren des Artikels Postkoloniale Literaturtheorie Karen Rehberger und Gerhard Stilz[4] folgendes:

ein Prozeß, der im Laufe der letzten Jahrhunderte Einfluß auf eine Vielzahl unterschiedlichster Länder ausgeübt hat’ (Rehberger, Stilz 2004: 141)

Unter 2. soll dieser Begriff genauer betrachtet werden; hier soll diese Kurzdefinition genügen. In den 1930er Jahren waren 84,6% der Erdoberfläche von Kolonien und ehemaligen Kolonien bedeckt (Loomba 1998: xiii). Das Imperium Großbritanniens hatte weltweit die größte Ausdehnung. Mitte der 1960er Jahre änderte sich Großbritanniens Einfluss auf die Kolonien signifikant. Indiens Unabhängigkeit 1947 war der Wendepunkt in Großbritanniens Kolonialismuspolitik. Großbritannien war nach zwei Weltkriegen zu geschwächt, sein Imperium zusammenzuhalten und Anfang der 1970er Jahre wurden die meisten der ehemaligen Kolonien zu unabhängigen Nationen, die sich zum Commonwealth of Nations zusammenschlossen. Innerhalb dieses Bündnisses blieben viele der britischen Kolonien weiter im Besitz der englischen Monarchie.

In der Literaturwissenschaft fand parallel zu den politischen Entwicklungen ein Umdenkungsprozess statt. Früher gehörte Literatur, die in englischer Sprache verfasst wurde, automatisch zum Korpus der englischen Literatur. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde amerikanische Literatur, dann auch die der ehemaligen Kolonien, als eigene Entwicklungen betrachtet. So kam der Begriff Commonwealth Literature auf:

Seit den 1960er Jahren begann man, den Begriff ‘Commonwealth Literature’ zu verwenden, um diejenige Literatur zu charakterisieren, die nicht nur während, sondern auch nach der Kolonialzeit in den britischen Kolonien veröffentlicht wurde. (Rehberger, Stilz 2004: 142)

Dies wurde schnell akzeptiert, obwohl der Terminus ungenau ist, da weder die Literatur des kolonialen Zentrums, England, noch die Literatur Irlands oder Schottlands miteinbezogen wurden. So definiert der Begriff weder klare Unterschiede, noch schafft er Abgrenzungen und Kategorien innerhalb der Kolonien. Der Begriff war zu ungenau, da zum Beispiel die Fragen ungeklärt blieben, inwieweit sich die Literatur Kanadas von der Australiens, die Afrikas von der Indiens und so weiter unterscheidet.

Der 1989 von Ashcroft, Griffiths und Tiffin eingeführte Begriff Postkoloniale Literatur ersetzte rasch den alten Fachterminus. Obwohl der Begriff sich schnell durchsetzte, bezweifeln einige Kritiker seine Notwendigkeit; ihrer Meinung nach gibt es keine Unterschiede zu Postmodernismus. Wohl weisen beide Begriffe Überschneidungen in der Bedeutung auf; dennoch muss nicht die eine Theorie in die andere übergehen, solange es spezifische Differenzierungsmerkmale gibt.

Mit The Empire Writes Back[5] wagten die Autoren Ashcroft, Griffiths und Tiffin erstmals, eine Gesamtübersicht über den kolonialen Diskurs zu geben, indem literarische und wissenschaftliche Texte aus unterschiedlichen Kolonien und ehemaligen Kolonien zusammengefasst und kategorisiert wurden. Der Titel des Werkes geht auf Salman Rushdies vielzitierten Artikel der Times vom 3. 7. 1982 The Empire Writes Back with a Vengeance zurück. Ashcroft, Griffiths und Tiffin zeigen die Vielschichtigkeit der postkolonialen Literaturtheorie auf. Der Terminus Postkolonialismus befasst sich daher nicht nur rein literaturtheoretisch, sondern auch “auf politischer Ebene mit der ideologiekritischen Haltung der ehemals kolonisierten Ländern gegenüber Großbritannien” (Rehberger, Stilz 2004: 142).

Ein zentrales Thema ist die Identitätsfindung der ehemaligen Kolonien gegenüber dem ‘mother country’ Großbritannien. Diese kann durch die Rückkehr zu alten, vorkolonialen Traditionen geschehen, durch eine Übernahme britischer Gewohnheiten oder einer Mischung aus beidem, einer hybriden Identität. Das Konzept der Hybridität, das neben Subversion: Entkolonialisierung und dem kolonialen, Anderen ’ ein Schlüsselkonzept der postkolonialen Literaturtheorie darstellt, wird unter 3.3 erläutert werden.

II. Begriffsbestimmung: Was ist Imperialismus, Kolonialismus und Postkolonialismus ?

Imperialismus[6] bezeichnet die Praxis, Theorie und Haltung sowie die Kräfte und Aktivitäten eines dominanten hauptstädtischen Zentrums, das ein weit entfernt liegendes Territorium regiert. In der New Encyclopeaedia Britannica findet man unter imperialism folgenden Eintrag (Lexem) “state policy, practice or advocacy of extending power and dominion, especially by direct territorial acquisition or by gaining political and economic control of other areas” (The New Encyclopaedia Britannica Vol. 6. 2002: 272). Brunner betont:

Besonders wichtig waren dabei die Tendenzen auf Machterweiterung, bis hin zur angestrebten Weltherrschaft. (Brunner (Hg.) 1982: 171)

Zusammenfassend kann man sagen, dass Imperialismus die Bestrebungen einer Großmacht, ihren Macht- und Einflussbereich bis hin zur Weltherrschaft auszudehnen, bezeichnet.

Der Begriff Kolonialismus[7] wird von Osterhammel wie folgt definiert:

[...] Eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell anders-artige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen. (Osterhammel 2003: 21)

Kolonisation bezeichnet “eine Form der Umgestaltung” (Rehberger, Stilz 2004: 143) und hat weitreichende Folgen:

Der Einzug einer neuen Gesellschaft in einem eroberten Land führt zwangsläufig zu einer starken Veränderung der ursprünglichen Gesellschaft. (ebd. 143)

Kolonialismus kann als Ausdehnung oder Festigung von Imperialismus betrachtet werden; es ist der aktive Akt, Siedler auf einem entfernten Gebiet zu platzieren, die vorhandenen Ressourcen auszunutzen und die einheimische Bevölkerung zu regieren:

(colonialism) involves the consolidation of imperial power, and is manifested in the settlement of territory, the exploitation or development of resources, and the attempt to govern the indigenous inhabitants of occupied lands. (Böhmer 1995: 2)

Aus soziologischer Sicht wird Kolonialismus wie folgt definiert:

The maintenance of political, social, economic, and cultural dominance over a people by a foreign power for an extended period of time.

(http://highered.mcgraw hill.com/sites/0072824131/student_view0/glossary.html, 5.1. 2005)

Kolonialismus jedoch ist nicht nur die Aufrechterhaltung einer fremden Macht, sondern beinhaltet drei Phasen: erstens die Besiedlung eines Territoriums, zweitens die Ausnutzung und Entwicklung von Territorien und drittens, der Versuch, die Einwohner des Gebietes zu regieren. Die Beziehung zwischen Kolonisator und Kolonisiertem ist durch eine strenge Hierarchie des Unterschiedes charakterisiert und keinerlei gerechtem Austausch gegenüber aufgeschlossen, sei er wirtschaftlich, kulturell oder sozial.

Rassenideologie ist für die Konstruktion dieser ungleichen Beziehung entscheidend:

Schon immer beruhte die Kolonialpolitik auf der Überzeugung, daß Weiße, zumal Briten, allen anderen Rassen überlegen seien. Ihre Pflicht sei es deshalb, den dunklen Orten dieser Welt durch Handel und Mission, notfalls auch durch militärische Gewaltanwendung, das Licht der Zivilisation zu bringen. (Seeber 1993: 310).

Folglich sind Rasse, Rassismus und rassistische Vorurteile zentrale Konzepte des kolonialen Diskurses. So führt auch Sartre in seinem Vorwort zu Memmis The Colonizer and the Colonized an, dass Rassismus allen Bereichen des Kolonialismus immanent ist:

Racism is ingrained in actions, institutions, and in the nature of the colonialist methods of production and exchange. (Memmi 1965: xxiv)

Diese Konzepte sind die ideologische Basis und Rechtfertigung der Kolonisation. So wird das kolonisierte Volk als minderwertig an sich betrachtet, ohne Geschichte oder Zivilisation, dies wurde sogar als genetisch vorbestimmt gesehen. Die Darstellung von der notwendigen und rechtschaffenen ,Zivilisierungsaufgabe’ ist ebenso entscheidend wie die vorhergehenden Faktoren. Erziehung, väterliche Pflege und ,Hilfe’ wurde als ‘white man’s burden’[8], die Bürde des weißen Mannes, betrachtet. Diese Begriffe wurden jedoch auch benutzt, um die Realität zu kaschieren, wenn die Kolonisatoren Methoden der Ausbeutung und der Unterdrückung gegenüber den kolonisierten Völkern unter dem Deckmantel der christlichen Missionierung anwandten. Eines der Hauptziele des Kolonialismus war die Bereicherung des Mutterlandes, des ‘mother country’. Zusammenfassend kann man sagen, dass Kolonialismus und Imperialismus also nicht dasselbe sind:

„Imperialismus“ ist in mancher Hinsicht der Begriff mit der umfassenderen Bedeutung, so daß „Kolonialismus“ geradezu als sein Spezialfall erscheint. (Osterhammel 2003 [1995]: 28)

Postkolonialismus ist die Zeit nachkolonialer Herrschaft im 20. Jahrhundert, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Begriff wurde erstmals verwendet, um die Zeit nach der Unabhängigkeit einer Kolonie zu bezeichnen. Später wurde er allgemeiner verwendet, um die verschiedenen kulturellen Auswirkungen der Kolonisation zu diskutieren. Postkolonialismus befasst sich mit den Auswirkungen der Kolonisation auf die Kulturen und Gesellschaften. So bezeichnet der Begriff zum einen die Zeit nach dem Kolonialismus in den von ihm geprägten Regionen und zum anderen eine wissenschaftliche Strömung, ein interdisziplinäres Projekt, das unter anderem in Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft und der politischen Theorie beheimatet ist; dies wird häufig als postcolonial studies bezeichnet. Insgesamt existieren fünf Varianten des Postkolonialen. Erstens bezeichnet der Begriff eine spezifische Theorierichtung, die sich mit marxistischen, poststrukturalistischen oder feministischen Theorien vergleichen lässt. Zweitens bezeichnet er bestimmte Regionen der Welt. Man spricht von einer postkolonialen Welt als Nachfolgebegriff von ,Dritte Welt’. Dies lässt sich nicht mit ideologischen oder anderen Strömungen vergleichen, da man niemals für ein ganzes Land jeden Einzelnen beispielsweise marxistisch nennen kann. Drittens bezeichnet das Postkoloniale eine ideologische oder politische Haltung und ist ein akademisches Konstrukt. Viertens bezeichnet es eine neue Wissenschaftsdisziplin, ein interdisziplinäres, wissenschaftliches Feld, die postcolonial studies. Fünftens bezeichnet das Postkoloniale eine semantische Mischung aus eins bis vier, der all das, das irgendwie damit in Verbindung gebracht werden kann, also Literaturen, Länder, Schriftsteller, bezeichnet.[9] Bill Ashcroft, Gareth Griffins und Helen Tiffin definieren den Begriff Postkolonialismus in The Empire Writes Back folgendermaßen:

We use the term ‘post-colonial’ […] to cover all the culture affected by the imperial process from the moment of colonization to the present day. (Ashcroft/Griffiths/Tiffin 1989: 2)

So argumentieren die Autoren, dass Postkolonialismus nicht als all das verstanden werden sollte, das sich seit dem europäischen Kolonialismus ereignet hat, sondern eher als alles, das seit den ersten Anfängen des Kolonialismus vorgefallen ist. Diese Definition ist insofern problematisch, da sie “koloniale und postkoloniale Diskurse nicht differenziert und auch keine Unterschiede zwischen [...] Siedlerkolonien, Eroberungskolonien und Verwaltungskolonien macht” (Rehberger, Stilz 2004: 142). Hier werden Autoren der USA mit Autoren Afrikas, Indiens, Malaysias gleichgestellt. Die USA jedoch wurden früh zu einer politischen Weltmacht; außerdem gab es auch nach der Unabhängigkeit interne Kolonisation, beispielsweise an amerikanischen Ureinwohnern oder Schwarzen. Da die USA des weiteren als neokoloniale[10] Macht in der sogenannten ‚Dritten Welt’ fungierten, kann die US-amerikanische Literatur nur sehr begrenzt in den postkolonialen Diskurs aufgenommen werden. Die Definitionen der Autoren erweisen sich somit als vage. Selbst ohne die USA stellt sich die Frage, wie die unterschiedlichen Länder und Völker, die von England kolonisiert wurden, unter dem Dach des zusammenhängenden Terminus Postkolonialismus zusammenfinden. Die postkolonialen Länder unterscheiden sich sowohl in geographischer Hinsicht, als auch im Hinblick auf die jeweilige Form der Kolonisation. Mit dem Ziel, die ehemaligen Kolonien besser zu differenzieren, führen Mishra und Hodge[11] die Unterscheidung zwischen oppositional und complicit ein. Als complicit gilt ein postkoloniales Land, das sich ,mitschuldig’ gemacht hat, wie beispielsweise Australien, das selbst eine britische Kolonie war, gleichzeitig aber die australischen Ureinwohner unterdrückte. Der ,oppositionelle’ Postkolonialismus wird dagegen durch drei fundamentale Kategorien charakterisiert:

[…] (a) racism, (b) second language, (c) political struggle. For the category of the post-colonial to work in any other fashion it must become a ‘complicit postcolonialism’ […]. (Mishra/Hodge 1994 [1991]: 286)

Zusammen mit dem Verlust der eigenen Sprache, Religion und Kultur seien dies die Hauptprobleme der Kolonisierten.

Die indische Kritikerin der postkolonialen Theorie Gayatri Chakravorty Spivak[12] sucht mit ihren ‘subaltern studies’ eine vermittelnde Position zwischen der traditionellen marxistischen Kritik und postmodernen Ansätzen der Dekonstruktion, die sie auch als ethnozentristisch kritisiert. Sie analysiert die Situation der ,Subalternen’[13], und arbeitet heraus, dass diese angesichts des übermächtigen Herrschaftssystems sprachlos sind – beziehungsweise ihre Sprache, ihre Versuche ihre Bedürfnisse zu artikulieren, ungehört und unverstanden bleiben. Unter der kolonialen Bevölkerung gibt es verschiedene Grade der Unterdrückung. Die ‘Subalternen’ stellen neben den gebildeten kolonialen Eliten die weitaus größere Gruppe dar und bestehen hauptsächlich aus

der ungebildeten ländlichen Bevölkerung und den durch patriarchalische Strukturen doppelt unterdrückten Frauen. (Rehberger, Stilz: 2004: 145)

Durch die Wissensproduktion der westlichen Intellektuellen werden die ,Subalternen’ am Sprechen gehindert: Spivak kritisiert insofern auch die Repräsentationen des westlichen Feminismus und setzt dem ein Modell des ,subversiven Zuhörens’ entgegen, das zum Sprechen ermächtige.

Neben Spivak sind Said, Fanon und Bhabha wichtige Kritiker des postkolonialen Diskurses. Unter 3. wird auf die Schlüsselkonzepte der postkolonialen Literaturtheorie eingegangen.

II.1 Südafrikas spezielle Situation

Südafrika wurde zweimal kolonisiert; im 16. Jahrhundert von den Buren, die das Land besiedelten und später nochmals von den Briten, als diese die Buren im Burenkrieg von 1899-1902 besiegten und die Burenrepubliken Oranjefreistaat und Transvaal Bestandteil des Britischen Empire wurden. Der wichtigste auslösende Moment für den Burenkrieg war die Entdeckung der ertragreichen Diamant- und Goldvorkommen im Jahre 1869 in Kimberley und 1886 in Witwatersrand, Johannesburg auf dem Gebiet der Burenrepubliken. Die Burenarmeen zählten bis zu 85.000 Mann, von denen aber selten mehr als 40.000 Mann im Feld standen. Ihnen standen anfangs nur etwa 10.000 britische Soldaten gegenüber wodurch die Kämpfe für die Buren daher zunächst günstig verliefen. Das Blatt wendete sich für die Briten erst als 60.000 Mann Verstärkung in Südafrika eintrafen. Die belagerten Städte wurden freigekämpft und die Buren geschlagen. Daraufhin änderten die Buren ihre Taktik und gingen zu einem für die Briten äußerst verlustreichen Guerilla-Krieg über; sie kämpften noch volle zwei Jahre lang weiter. Da ein so operierender Gegner auf konventionelle Weise kaum zu fassen war, wandte Kitchener[14] eine Strategie der ,verbrannten Erde’ an: Die Farmen in den Guerillagebieten wurden zerstört und die Ernten vernichtet, um den Gegner auszuhungern. Die Bewohner der Farmen, vor allem Frauen und Kinder, wurden in Konzentrationslagern interniert; in diesen Lagern starben aufgrund der Lebensbedingungen über 27.000 Internierte an Hunger und Krankheiten. Sowohl die Buren als auch die Briten involvierten zudem trotz gegenteiliger Einigung zu Kriegsbeginn Ureinwohner Südafrikas in ihre Auseinandersetzung. So erschossen die Buren viele Schwarze, die auf Seiten der Briten kämpften, bei der Gefangennahme, weil sie sie nicht als reguläre Kombattanten anerkennen wollten. Daraufhin ließ auch Kitchener burische Gefangene hinrichten. 1902 wurde der Burenkrieg mit dem ,Friede von Vereeniging’ beendet. Dieser Vertrag sah die Eingliederung der beiden Burenrepubliken in das Britische Empire vor. So erhielten sie alle Rechte britischer Staatsbürger und Afrikaans wurde als Amtssprache anerkannt. Die Briten stimmten in dem Vertrag aber auch diskriminierenden Regelungen zu, die die Bürgerrechte der nicht-weißen Einwohner Südafrikas einschränkten. Trotz der Grausamkeit des Burenkriegs gelang die Versöhnung zwischen Briten und Buren rasch: dem Oranje Freistaat und Transvaal wurden bereits 1907 eigene Regierungen und Selbstverwaltung gewährt. Die beiden Staaten bildeten 1910 mit der Kapkolonie und Natal die ,Südafrikanische Union’, die den Status eines Dominion[15] innerhalb des Britischen Empire erhielt und war von da an also de facto ein souveräner Staat. 1961 wurde die Republik Südafrika gegründet. Demnach ist Südafrika, technisch gesprochen, ein postkolonialer Staat. Doch das Problem der Apartheid[16] blieb; das Ende der fremden Herrschaft war nicht das Ende von Unterdrückung aufgrund von Rasse. Diese wurde ähnlich wie unter kolonialer Herrschaft praktiziert und Gesetze behielten Nicht-Weiße in einem Zustand der quasi-kolonialen Unterdrückung. Während der Apartheid, die 1994 endete, diente in Südafrika die Rassenteilung der Sicherung der weißen Herrschaft. So gab es wirtschaftliche Regeln, um die weißen Unternehmen zu schützen, und Heiratsgesetze, um Rassenvermischung zu verhindern. Viele literarische Werke befassen sich mit Apartheid als koloniale Unterwerfung. Ziel dieser Arbeit ist es, aufzuzeigen, dass auch Coetzees’ Romane sich mit Kolonialismus auseinandersetzen, obwohl sie auf der Oberfläche politisch neutral erscheinen.

III. Schlüsselkonzepte der postkolonialen Literaturtheorie

III.1 Subversion: Entkolonialisierung (Frantz Fanon)

Für den afro-karibischen Kolonialismuskritiker Frantz Fanon[17] stellt die eurozentrische Rassendiskriminierung ein Hauptmerkmal der kolonialen Gesellschaft dar. Der Prozess der Kolonisation hatte im Empire eine Anpassung der Kolonisierten an die Kolonisatoren zur Folge. Die Kolonisierten mussten dadurch entweder ihr eigenes Selbstwertgefühl aufgeben oder sich vollkommen an das Verhalten der Eroberer anpassen. Der Anpassungsprozess hatte entweder das Aufgeben der ursprünglichen Kultur zur Folge oder im Falle der Siedlungskolonien brachte er Unsicherheit mit sich, die hybride Kompromisse zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren mit sich brachten.

Um die kolonialen Machtverhältnisse zu überwinden, müssen sowohl Kolonisator als auch Kolonisierer ihre Haltungen neu bewerten. Besonders die ehemals Kolonisierten müssen sich von den ihnen auferlegten Rollen befreien und lernen, sich nicht in die Stereotypen der Weißen zu fügen. Beide Gruppen müssen nach kolonialer Herrschaft ihre Identitäten wiederherstellen. Laut Fanon wohnt der Umsturz der Machtstrukturen den Kolonisierten inne: der Neid der Schwarzen auf die Weißen kann zu Widerstand und Umkehrung der Machtstrukturen führen. Das Problem ist jedoch, dass die binäre Opposition intakt bleibt und immer noch eine Grenze zwischen Unterdrücker und Unterdrücktem angenommen wird; dadurch gibt es keine Interaktion zwischen den Gruppen.

Fanon argumentiert, dass die Entkolonialisierung nur durch eine Revolution erfolgreich sein kann, die eine Dekonstruktion des auf Rasse basierendes Herrschaftsverhältnisses zur Folge hat. Die Revolution müsste von Bauern und sozial Ausgestoßenen, dem sogenannten ,Lumpenproletariat’ angeführt werden, die die Kolonisatoren und die angepasste einheimische Bourgeoisie entmachten. Bei diesen sah Marx in Europa wenig revolutionäres Potential.

III.2 Das koloniale ,Andere’ (Edward Said)

Der Palästinenser Edward Said argumentiert in seinem Werk ,Orientalismus’[18], dass der ,Osten’ weithingehend eine Erfindung des ,Westen’ ist und die Bilder, die der ,Westen’ vom ,Nahen Osten’ hatte, falsch und romantisierend sind. Said setzt sich mit der westlichen Wissenschaft der Orientalistik kritisch auseinander. Er argumentiert, dass eine tiefe Feindseligkeit gegenüber dem Islam im westlichen Denken traditionellerweise gegeben sei, auch in den akademischen Disziplinen, die von ihm als ,Orientalismus’ bezeichnet werden, in dem ein ,aufgeklärter Westen’ einen ,mysteriösen Orient’ beherrschen will. Seine Ideen entwickelt er mit Foucaults Konzept des Diskurses; ein anderer wichtiger poststrukturalistischer Einfluss stellt Derridas Kritik von Konzepten wie ,Zentrum’ und ,Begrenzung’, ,das Selbst’ und ,das Andere’ dar. So dient die ,Begrenzung’ des Ostens dazu, das koloniale Zentrum des Westens zu definieren und das orientalische ,Andere’ ist eine Projektion der westlichen Sichtweise, die es konstruiert.

Der koloniale Diskurs definiert das kolonisierte Subjekt als Gegensatz zum Selbst des Kolonisators: das ,Andere’. Daraus ergibt sich eine binäre Opposition, die stets hierarchisch ist, der Kolonisator wird als positiv dargestellt und der oder die Kolonisierte als negativ. Die Identität des Kolonisators wird durch die Konstruktion einer Alternative erschaffen, die mit dem Negativen, dem Nicht-Weißen, dem Unzivilisierten, dem Unmenschlichen etc. in Verbindung gebracht wird. Als Folge wird das ,Andere’, die Identität des Kolonisierten, zu einer Projektionsfläche, auf die das Selbst des Kolonisators all seine negativen Aspekte projiziert: Ängste, Vorurteile, all jene Eigenschaften, alles, das er an sich selbst nicht mag. Dies wird von beiden Seiten als natürlicher Zustand akzeptiert, weil die Weißen ihre Identität auf diese Annahme von Überlegenheit begründen und die Nicht-Weißen die rassistischen Behauptungen als wahr akzeptieren. Folglich macht das Kolonisierte sich den ihm auferlegten Stereotyp zu eigen und wird ein Autostereotyp. Der Geist des kolonisierten Subjekts ist die mächtigste Waffe der Kolonisators. Folgende Grafik soll dies veranschaulichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Graphik 1: Das koloniale ,Andere’ nach Edward Said

III.3 Hybridität (Homi Bhabha)

Hybridität ist eines der Hauptkonzepte des indischen Literaturwissenschaftlers Homi Bhabha. The Oxford English Reference Dictionary definiert ‘hybrid’ unter anderem als “a person of mixed racial or cultural origin” (The Oxford English Reference Dictionary 1996: 694). Nach Homi Bhabha gibt es keine binäre Unterscheidung zwischen Kolonisator und Kolonisiertem, der kulturelle Austausch ist immer beidseitig und somit nicht getrennt. Er argumentiert, dass homogene und reine Identität und Kultur eine Erfindung des Kolonialismus sei. Der Diskurs ist nie nicht-dialogisch. Hybridität, eines von Bhabhas Schlüsselwörtern, definiert Bhabha in seinem Aufsatz ‘The Commitment to Theory’ als ein Konzept ‘that is new, neither the one nor the other ’ (Bhabha 1989: 2385; Hervorhebung im Original).[19]

Hybridität bedeutet, dass beide Seiten von den Prozessen der Kolonisation und Dekolonisation betroffen sind. Das Bestehen auf kultureller Reinheit wird durch diese Hybridität untergraben. Hybridität kehrt den Prozess der Verleugnung um: ,Was wir nicht sind’, wird nicht ausgelöscht, sondern wird in den Diskurs mitaufgenommen. Dadurch wird der Diskurs von seiner Basis der Autorität entfremdet.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Kulturen und Identitäten nie einheitlich oder rein sind. Sie sind immer Hybriditäten der Elemente von beiden Kulturen. Die Beziehung des ,Selbst’ zum ,Anderen’ ist nie nur dualistisch in solch einer Kultur und kann nicht deutlich auseinandergehalten werden. Das ,Selbst’ und das ,Andere’ beeinflussen sich immer gegenseitig. Dies ist maßgeblich, um diese Strukturen zu erkennen und zu überwinden, sowohl während als auch nach der kolonialen Herrschaft.

IV. Mannonis psychoanalytische Kolonialismustheorie

In Coetzees Romanen werden ökonomische Motive des Kolonialismus ausgeblendet und daher begeben sie sich in die Nähe einer psychoanalytischen Kolonialismustheorie, welche Octave Mannoni in Prospero and Caliban. The psychology of colonization von 1956 darlegt. Er sieht im Kolonialismus Bewusstseinskräfte am Werk, welche die koloniale Situation determinieren; der Kolonialismus wird als Bewusstseinsphänomen gesehen.

Hinter den ökonomischen Motiven gibt es laut Mannoni andere, seelische Profite, die den Kolonialisten in die Kolonie locken:

The ‘colonial’ is not looking for profit only; he is also greedy for certain other – psychological – satisfactions, and that is much more dangerous. […] he very often sacrifices profit for the sake of these satisfactions. (Mannoni, 1956: 32)

Auch Memmi[20] räumte ein:

However, colonial privilege is not solely economic. To observe the life of the colonizer and the colonized is to discover rapidly that the daily humiliation of the colonized, his objective subjugation are not merely economic”. (Memmi, Albert. 1974 [1965]: 12)

Die affektive Bedeutung, die der Rassismus für den Kolonialisten hat, wird auch von ökonomisch ausgerichteten Kritikern erkannt. Mannoni hat als erster Kritiker die koloniale Situation als eine primär psychisch determinierte Situation beschrieben und andere Faktoren wie beispielsweise wirtschaftlicher Profit als zweitrangig bezeichnet. So liegt der Fokus auf den unbewussten Motivationen und den seelischen Prozessen des Kolonisators, die durch die koloniale Situation ausgelöst werden. Bei der klassischen kolonialen Begegnung treffen zwei verschiedene Zivilisationen und Mentalitäten unvorbereitet aufeinander. Die Interaktion zwischen beiden Gruppen kann eine Dynamik in Gang setzen, bei der beide Seiten unkontrollierten und unbewussten, seelischen Prozessen unterworfen sind.

Mannoni erläutert die Psychologie des Kolonisators wie folgt. Die westliche Zivilisation hat einen Persönlichkeitstypus hervorgebracht, bei dem die familiären und feudalen Bindungen (dependence) weitgehend aufgelöst und durch Vertrauen in das eigene Können ersetzt wird. Diese westliche conditio humana des Ausgesetztseins (abandonment) wird bei der erfolgreichen Sozialisation in die Persönlichkeit integriert. Dependenz ist jedoch ein angeborenes Verlangen des Menschen. Bei der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen muss der Einzelne die Loslösung vollziehen und die Adaption an das Ausgesetztsein leisten. Wenn dieser nicht unproblematische Prozess unvollständig oder traumatisch verläuft, entwickelt die westliche Persönlichkeit einen Minderwertigkeitskomplex. Der Wunsch nach Dependenz kann als unbewusstes Bedürfnis vorhanden bleiben. Kinder zeigen im schwierigen Prozess der Individuation ein teilweise schuldbewusstes Verlangen, sich den Ansprüchen der Welt durch Flucht in die selbstgewählte Einzelheit zurückzuziehen. So können sie ihre misanthropische[21] Affekte ausleben und sich in ihren Phantasien mit Wesen umgeben, die Projektionen der beginnenden Auseinandersetzung mit der Welt sind. Zu solchen Projektionen gehören auch die archetypischen Figuren des willfährigen Freundes socius und des bösen Widersachers enemy. Für eine so geprägte, westliche Person kann reale Abhängigkeit eine Bedrohung sein und den kindlichen Wunsch nach einer Welt ohne Menschen hervorrufen. Das Verlangen nach der einsamen Insel kann übermächtig werden und darin sieht Mannoni die wichtigste Triebfeder des Kolonialismus:

Colonial countries are still the nearest approach possible to the archetype of the desert island, and the native still best represents the archetype of the socius and the enemy, Friday and the cannibals. […] colonial life is simply a substitute to those who are still obscurely drawn to a world without men – to those, that is, who have failed to make the effort necessary to adapt infantile images to adult reality. (Mannoni 1956: 105)

Dies wird von Mannoni als ,Prospero-Komplex’ bezeichnet, nach dem Protagonisten von Shakespeares The Tempest. Shakespeares und Defoes Inseln in Tempest und Robinson Crusoe sind nach Mannoni Projektionen dieses Verlangens, Ariel und Caliban, Friday und die Kannibalen Projektionen der Archetypen Sozius und Feind.

V. J.M. Coetzees Waiting for the Barbarians (1980)

V.1 Einleitung

J.M. Coetzees dritter Roman Waiting for the Barbarians schildert das Drama des inneren Konfliktes im Bewusstsein des Magistrats. Er befindet sich in wachsender Opposition zu einem Machtgefüge, in dem er zugleich Nutznießer und Repräsentant ist, während er versucht, in der ,Grauzone’ seine Stellung zwischen Tätern und Opfern auszuloten.

Coetzee äußerte 1978, während er vermutlich Waiting for the Barbarians schrieb, in einem Interview mit Steven Watson, “in a way it’s easier and more difficult being a writer in South Africa than in Western European countries; because there are such gigantic subjects of such unassailable importance facing a writer in South Africa” (Watson 1978: 21-24).

Für Coetzee ist eines dieser ,gigantischen Themen’ offenbar die koloniale Dialektik, ein Thema von solch ,unerschütterlicher Wichtigkeit’, dass ein südafrikanischer Schriftsteller nicht die Wahl hat, darüber zu schreiben, sondern die Pflicht. Dieser Zwang stellt eine Art Determinismus dar, der des Schriftstellers freie Wahl begrenzt und das wiederum ist eine Schwierigkeit, die Coetzee als Schriftsteller in Südafrika wahrnimmt.

Dadurch, dass Coetzees Romane die südafrikanische Situation universalisieren, reflektieren sie die Ansicht des Autors, dass Südafrika immer noch eine Kolonie sei: “the last colony – the internal colony run by whites in South Africa” (Mennecke 1991: 10), und dass die südafrikanische Situation kein Einzelfall ist:

I still tend to see the South African situation as only one manifestation of a wider historical situation to do with colonialism, late colonialism, neocolonialism. (Watson 1978: 23).

Der europäische Kolonialismus der Neuzeit in seinen verschiedenen, historischen Phasen und Ausprägungen ist ein Hauptthema seiner Romane, er ist “a white South African writer engaged with the legacy of colonialism” (Head 1997: iii). Mit der Veröffentlichung von Waiting for the Barbarians im Jahre 1980, J.M. Coetzees drittem Roman nach Dusklands 1974 und In the Heart of the Country 1977, wurde offensichtlich, dass die Kolonialismuspolitik und die damit einhergehende Kritik ein wiederkehrendes Thema in seiner Fiktion darstellt.

Trotz Coetzees apolitischer Haltung können die Texte als Deutungen des Kolonialismus gelesen werden, die dadurch weitreichender sind als die Stellungnahmen politisch engagierter Schriftsteller. Die Kolonialismuskritik bei Coetzee ist nicht konventionell, da sie nicht die übliche Verdammung von Gier und Heuchelei vornimmt, die im kolonialen Roman häufig zu finden ist.

V.2 Kurzbiographie von J. M. Coetzee

John Marie Coetzee wurde am 9. Februar 1940 in Kapstadt, Südafrika, geboren. Coetzee publiziert unter den Initialen J.M., in englischsprachigen Biografien finden sich auch Veröffentlichungen unter John M. und John Maxwell, selbst gewählte Vornamen, die Coetzee auch verwendet. Den Großteil seiner Kindheit verbrachte er in Kapstadt und Worcester – diesen Lebensabschnitt verarbeitet er in seiner Autobiographie Boyhood: Scenes from a Provincial Life im Jahre 1997. Ein Teil von Boyhood wurde den Ferien gewidmet, die Coetzee als Kind auf seines Onkels Farm in der Karoo, die Halbwüste der Provinz Cape, verbrachte. Seine immer wiederkehrende Faszination für diesen urzeitlichen Aspekt der südafrikanischen Landschaft ist wohl auf die Besuche in dieser Region zurückzuführen, die der Hauptschauplatz seines Romans Life & Times of Michael K von 1983 bildet. Seine Eltern waren bloedsappe[22], ,Afrikaner’, wie sich die Buren nennen, die General Jan Smuts unterstützten und sich im Jahre 1948 von der nationalistischen Afrikaner-Bewegung distanzierten. Obwohl er mit Afrikaans aufwuchs, besuchte Coetzee mehrere englische Schulen und machte 1956 seinen Abschluss an einer katholischen Jungenschule.

[...]


[1] Coetzee, J.M.. 1997 [1980]. Waiting for the Barbarians. London: Vintage.

Coetzee, J.M.. 1986. Foe. London: Penguin.

Coetzee, J.M.. 1999. Disgrace. London: Vintage.

[2] Head, Dominic. 1997. J. M. Coetzee. Cambridge: Cambridge University Press.

[3] Watson, Stephen. 1986. “Colonialism and the Novels of J.M. Coetzee.” In: Research in African Literatures, 17, no. 3, 370-392.

[4] Rehberger, Karen, Gerhard Stilz. 2004. “Postkoloniale Literaturtheorie.” In: Schneider, Ralf (Hg.). Literaturwissenschaft in Theorie und Praxis. Eine anglistisch-amerikanistische Einführung. Tübingen: Narr. 141-162.

[5] Ashcroft, Bill, Gareth Griffiths, Helen Tiffin. 1989. The Empire Writes Back: Theory and Practice in Post-Colonial Theories. London: Routledge.

[6] Imperialismus: [lat.-fr.] Bestrebung einer Großmacht, ihren politischen, militärischen u. wirtschaftlichen Macht- u. Einflussbereich ständig auszudehnen. (Duden Fremdwörterbuch Bd. 5. 1990: 336)

[7] Kolonialismus: [nlat.] 1. (hist.) auf Erwerb u. Ausbau von [überseeischen] Besitzungen ausgerichtete Politik eines Staates. 2. (abwertend) System der politischen Unterdrückung u. wirtschaftlichen Ausbeutung unterentwickelter Völker [in Übersee] durch politisch und wirtschaftlich einflussreiche Staaten. (Duden Fremdwörterbuch Bd. 5. 1990: 409)

[8] The White Man’s Burden ist ein Gedicht von Rudyard Kipling, das 1899 als Appell an die USA veröffentlicht wurde, die Aufgabe der Entwicklung der Philippinen anzunehmen, die kurz vorher im Spanisch-Amerikanischen Krieg besiegt wurden. Der Titel von Kiplings’ Gedicht wurde zu einem Synonym des Imperialismus, mit dem er die Zivilisierung der ,Wilden’ zu einer ethischen Last verklärt, die dem ,Weißen Mann’ auferlegt sei.

[9] Vgl. Vorlesung von Prof. Dr. Frank Schulze-Engler: Vom Postkolonialismus zur transkulturellen Weltliteratur: Theorieentwicklungen und -probleme im Feld der neuen englischsprachigen Literaturen am 25.4.2005

[10] Neokolonialismus: Politik entwickelter Industrienationen, ehemalige Kolonien, Entwicklungsländer wirtschaftlich u. politisch abhängig zu halten. (Duden Fremdwörterbuch Bd. 5. 1990: 528)

[11] Mishra, Vijay, Bob Hodge. 1994 [1991]. ‘What is Post(-)colonialism?’In: Williams/Chrisman (Hg.). Colonial Discourse and Post-Colonial Theory: A Reader. 276-290.

[12] Spivak, Gayatri Chakravorty. 1983, 1988, 1999. ‘From A Critique of Postcolonial Reason’In: Leitch, Vincent B. (Hg.). The Norton Anthology of Theory and Criticism. New York: Norton & Company, 2197-2208.

[13] eigentlich: ,Untergeordnete’, ,An-Den-Rand-Gedrängte’, andere Bedeutung: Offizier in der Britischen Armee in untergeordneter Position

[14] Horatio Herbert Kitchener (*1850 - † 1916)

[15] Dominion: faktisch sich selbst regierende Staaten [...] innerhalb des britischen Empire (Osterhammel 2003: 44)

[16] Der Begriff kommt aus dem Afrikaans (=das Kapholländisch, Sprache der Buren in der Republik Südafrika (Duden Fremdwörterbuch Bd. 5. 1990: 34) und bedeutet ‘Trennung’. Apartheid [afrikaans]: (die von der Republik Südafrika praktizierte Politik der) Rassentrennung zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung (Duden Fremdwörterbuch Bd. 5. 1990: 70).

[17] Fanon, Frantz. 1961. ‘From The Wretched of the Earth’ In: Leitch, Vincent B. (Hg.). The Norton Anthology of Theory and Criticism. New York: Norton & Company, 1575-1593.

[18] Said, Edward. 1978. “From Orientalism” In: Leitch, Vincent B. (Hg.). The Norton Anthology of Theory and Criticism. New York: Norton & Company, 1991-2012.

[19] Bhabha, Homi K. 1989. ‘The Commitment to Theory’ In: Leitch, Vincent B. (Hg.). The Norton Anthology of Theory and Criticism. New York: Norton & Company, 2379-2397.

[20] Memmi, Albert. 1974 [1965]. The Colonizer and the Colonized. Übers. Howard Greenfeld, Einl. Von Jean-Paul Sartre. London: Souvenir Press. [Orig.: Portrait du Colonisé précédé du Portrait du Colonisateur]

[21] misanthropisch: menschenfeindlich, menschenscheu (Duden Fremdwörterbuch Bd. 5. 1990: 504)

[22] bloedsappe: “Coetzee's parents were bloedsappe, Afrikaners who supported General Jan Smuts and dissociated themselves from the Afrikaner nationalist movement that eventually came to power in South Africa in 1948” (Marais). (http://web.cocc.edu/cagatucci/classes/hum211/CoursePack/coetzee.htm, 10.5.2005)

Details

Seiten
75
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640139002
ISBN (Buch)
9783640139224
Dateigröße
850 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92119
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Seminar für Englische Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Kompromiss Grauen Differenzierung Kolonialismuskritik Coetzees Romanen Waiting Barbarians Disgrace Zulassungsarbeit Staatsexamen Gymnasien)

Autor

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Titel: Kompromiss im Grauen - Zur Differenzierung der Kolonialismuskritik in J.M. Coetzees Romanen "Waiting for the Barbarians", "Foe" und "Disgrace"