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War die Bundestagswahl 2002 eine rationale Wahl im Sinne von Anthony Downs?

Hausarbeit 2008 18 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen des Rational Choice Ansatzes nach Downs
2.1. Downs Rationalitätsbegriff
2.2. Der Homo Oeconomicus

3. Die ökon omische Theorie der Demokratie
3.1. Das Wesen der politischen Parteien
3.2. Downs Modell des rationalen Wählers

4. Die Bundestagswahl 2002 – eine rationale Wahl?
4.1. Verlauf des Wahlkampfes und Ergebnis der Wahl
4.2. Der Rational Choice Ansatz in der direkten Anwendung
4.3. Die Kritik, allgemeine Probleme und Ausblick bei der Anwendung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Bundestagswahl des Jahres 2002 war, da sind sich die publizistischen und wissenschaftlichen Kommentatoren weitestgehend einig, eine der spannendsten in der Geschichte der Bundesrepublik“ (Horst 2002: 239). Vielen Menschen wird der Wahlkrimi noch gut in Erinnerung sein. Anfang 2002 schienen die Verhältnisse klar zu sein und ein Wahlsieg der CDU/CSU mit zukünftigem Koalitionspartner FDP eindeutig. Dann kam es jedoch in den Monaten vor der Wahl zu einem deutlichen Umschwung der Sympathieverteilungen der Wähler gegenüber den Parteien. Die CDU/CSU büßte ihren Vorsprung ein und am Ende ging die SPD sogar mit einer knappen Mehrheit als Sieger der Wahl hervor. Dies war auf eine Vielzahl von Gründen und Zusammenhängen zurückzuführen, doch stachen zwei Themen als Hauptursachen in den Monaten vor der Wahl wohl eindeutig hervor:

Die Hochwasserkatastrophe sowie der drohende Irak-Krieg und die damit verbundene Frage einer deutschen Beteiligung (vgl. Leif/Kuleßa 2003: 2).

Die Wahl ist durch ihren damaligen knappen Ausgang zu einem sehr interessanten Ereignis für Wahlforscher geworden. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurden in der Politikwissenschaft verschiedene Handlungstheorien entwickelt, die als Modelle zur Erklärung von Wahlverhalten und Ergebnissen von Wahlen herangezogen werden. Neben sozialpsychischen und sozialstrukturellen Ansätzen existiert auch der Rational Choice Ansatz, der Thema dieser Arbeit sein soll. Die Person, die diesen Ansatz wohl am meisten geprägt hat ist Anthony Downs. In seinem 1957 erschienenen Werk „Ökonomische Theorie der Demokratie“ entwickelte er Hypothesen zum Verhalten politischer Akteure unter der Anwendung wirtschaftswissenschaftlicher Methoden. Im ersten Teil äußert er sich in der Einleitung zu dem Punkt „Grundlagen des Wählens“ folgendermaßen:

„Um ihre Politik so planen zu können, daß [sic!] sie Stimmen gewinnt, muß [sic!] die Regierung einen Zusammenhang, zwischen dem, was sie tut, und der Wahlentscheidung der Bürger finden. In unserem Modell leitet sich dieser Zusammenhang aus dem Axiom her, daß [sic!] die Bürger in der Politik rational handeln.“ (Downs 1968: 35).

Was jedoch versteht Downs unter diesem Zusammenhang? Oder eine noch vorangestellte Frage wäre, welches Verständnis er von Rationalität hat. Wodurch zeichnet sich dann der rationale Mensch in seiner Vorstellung aus und wie überträgt er sein daraus resultierendes Menschenbild dann auf das Verhalten des Wählers? Diese Fragen sollen durch die zusammenfassende Darlegung seiner ökonomischen Theorie der Demokratie im ersten Teil dieser Arbeit geklärt werden.

Weiter stellt sich aber die Frage, in welchem Maß sein Modell praktische Anwendung findet und welche Probleme dabei auftauchen.

Kann ein solch positives und deduktives Modell mit seiner Sparsamkeit der Wirklichkeit gerecht werden oder kommt es zu so großen Differenzen zwischen Theorie und Realität, sodass sie ihren Anspruch auf handlungstheoretische Erklärungen für Wahlverhalten verliert (vgl. Braun 1999: 62)?

Die Bundestagswahl von 2002 wird hierbei fokussiert bevor anschließend Kritik sowie allgemeine Probleme zusammengefasst und überblicksartig dargestellt werden. Diese werden einen Ausblick geben, inwieweit der Rational Choice Ansatz auch in Zukunft ein interessantes Modell zur Erklärung von Wahlverhalten bleiben kann. Am Ende wird dann noch ein begründetes Fazit dieser Arbeit gezogen.

2. Grundlagen des Rational Choice Ansatzes nach Downs

Die Grundlagen des Rational Choice Ansatzes werden im Folgenden dargestellt. Dabei wird zunächst der Rationalitätsbegriff näher erläutert, insbesondere, wie er sich vom traditionellen Begriff unterscheidet, bevor anschließend das zugrunde liegende Menschenbild des Homo Oeconomicus vorgestellt wird.

2.1. Downs Rationalitätsbegriff

Der klassische Begriff der Rationalität ist mit dem Begriff der Vernunft gleichgesetzt. „Wenn wir in die politische Ideengeschichte schauen, steht der Vernunftbegriff seit Platon und Aristoteles implizit für ein am Gemeinwohl bzw. am 'göttlichen Willen' orientiertes Handeln der Individuen.“ (Braun 1999: 29). In der ökonomischen Theorie muss der Begriff der Rationalität hingegen anders verstanden werden. Anthony Downs unternimmt eine Umdeutung des Rationalitätsbegriffs, die mit folgendem Zitat gut zu fassen ist:

„Die ökonomische Analyse besteht [...] aus zwei Hauptschritten: aus der Auffindung der Ziele, die der betreffende Entscheidungsträger anstrebt, und aus einer Analyse, die zeigt, auf welche Weise sie am besten zu erreichen sind, d. h. mit dem geringsten Aufwand an knappen Mitteln.“ (Downs 1968: 4).

Andere Theoretiker bezeichnen diese Umdeutung auch gleichzeitig als eine „deutliche Verengung“ des Begriffes (Braun 1999: 29). Somit bezieht sich in der ökonomischen Theorie der Demokratie „der Begriff ‚rational’ niemals auf die Ziele, sondern stets nur auf die Mittel eines Handlungsträgers“ (Downs 1968: 5). Zudem lässt er in seiner Analyse nur wirtschaftliche und politische Ziele zu und blendet persönliche Motive aus (vgl. Downs 1968: 7).

Dieses Begriffsverständnis leitet Downs aus den neoklassischen Wirtschaftswissenschaften ab und entwirft damit ein Modell, mit welchem er dann Parteien und Wähler „wie Anbieter und Nachfrager auf einem Markt der politischen Möglichkeiten“ betrachten kann (Brodocz/Schaal 1999: 312). Somit basiert der Rational Choice Ansatz „auf dem Prinzip des methodologischen Individualismus“, der das Handeln und Verhalten bestimmter Akteure fokussiert, um dann kollektive Erscheinungen in der Gesellschaft zu erklären (Kunz 2004: 32).

2.2. Der Homo Oeconomicus

Downs entwickelt aus seinem wirtschaftswissenschaftlichen Rationalitätsbegriff ein Menschenbild, welches heute allgemein als „Homo Oeconomicus“ bekannt ist. Er trägt Charakteristika zusammen, die einen rationalen Menschen in seinem Modell auszeichnen. Einen rationalen Menschen zeichnet hiernach aus, der sich wie folgt verhält:

1.) wenn er vor eine Reihe von Alternativen gestellt wird, ist er stets imstande, eine Entscheidung zu treffen;
2.) er ordnet alle Alternativen, denen er gegenübersteht so, daß [sic!] jede im Hinblick auf jede andere entweder vorgezogen wird oder indifferent oder weniger wünschenswert ist;
3.) Seine Präferenzordnung ist transitiv [1] ;
4.) Er wählt aus den möglichen Alternativen stets jene aus, die in seiner Präferenzordnung den höchsten Rang einnimmt;
5.) Er trifft, wenn er vor den gleichen Alternativen steht, immer die gleiche Entscheidung;(Downs 1968: 6)

Grundlage des Homo Oeconomicus ist das eigennützige Handeln, wodurch der Mensch bei Entscheidungen einzig und allein im Sinne seiner eigenen Nutzenmaximierung votiert (vgl. Braun 1999: 39). Nutzen bezeichnet hier einen „gemeinsamen Nenner“ aller „Vorteile im Bewusstsein des Bürgers“ (Downs 1968: 35-36). Erst durch die Bestimmung und Errechnung des Nutzens kommt der rationale Mensch zu seiner Präferenzordnung, wie er seine knappen Mittel verwenden will (vgl. Downs 1968: 36). Bei einer Wahl bedeutet dies, dass der Wähler für seine Entscheidung den zukünftigen Nutzen der Parteien untereinander vergleicht, entsprechende Präferenzordnungen entwickelt und dann diejenige Partei wählt, von deren Parteiprogramm er sich in der folgenden Staatstätigkeit das höchste Nutzeneinkommen verspricht (vgl. Thurner 1998: 29). Downs erwähnt in diesem Zusammenhang auch „das Einkommen als Strom von Nutzen“ (Downs 1968: 37). Mit dem Begriff des „Stroms“ möchte er die Einheit der Zeit mit einführen, welche für ihn die Wahlperiode darstellt (vgl. Downs 1968: 37).

Der Wähler handelt bei Downs also zunächst einmal eigennützig, was in der Literatur auch als „thick rationality“ beschrieben wird (vgl. Heinemann 1999: 36). Theorien der „thin rationality“, die auch uneigennützige Ziele und Verhaltensweisen zu integrieren versuchen, werden in dieser Arbeit weitestgehend ausgeblendet, da diese Form von Rationalität auch in der strengen klassischen Betrachtungsweise von Downs ausgeblendet oder zumindest nur ein kleiner „Raum für den Altruismus“ zugelassen wurde (Downs 1968: 36).

Eine überblickartige knappe Zusammenfassung des Rational Choice-Ansatzes gibt Joachim Behnke folgendermaßen:

„Der Akteur wählt die Handlung, die seinen Nutzen bzw. den Erwartungswert des Nutzens maximiert. Umgekehrt bedeutet dies jedoch auch, daß [sic!], wenn sich der Akteur für eine bestimmte Handlungsoption entschieden hat, der Nutzenwert von dieser höher gewesen sein muß [sic!] als der aller anderen zur Auswahl stehenden Alternativen“ (Brodocz/Schaal 1999: 314-315).

[...]


[1] transitiv: Das Merkmal der Transitivität stellt sicher, dass eine Rangordnung in sich konsistent ist. Wird A gegenüber B bevorzugt und B gegenüber C, so erfordert die Bedingung der Transitivität, dass A auch gegenüber C bevorzugt werden muss.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638057356
ISBN (Buch)
9783638948098
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92094
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,3
Schlagworte
Bundestagswahl Wahl Sinne Anthony Downs Proseminar Rational Choice Ökonomische Theorie Theorie- und Ideengeschichte

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