Lade Inhalt...

Erlebnis und Lyrik: Goethes "Willkommen und Abschied"

Fassungsvergleich

Hausarbeit 2006 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition „Erlebnislyrik“

3. Historischer Kontext
3.1 Beeinflussung durch Herder in Straßburg
3.2 Begegnung und Beziehung mit Friederike Brion

4. Analyse der ersten Fassung „Mir schlug das Herz“
4.1 Formale Gedichtsanalyse
4.2 Interpretation

5. Fassungsvergleich

6. Zusammenhang zwischen Fassungsänderung & Goethes Biografie

7. Erlebnis & Lyrik?

8. Literaturverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

[…] die neue Erlebnisdichtung (Natur- und Liebeslyrik) [ist] in schlichtem Volksliedton Ausdruck der Intensität subjektiver Erfahrungen, des gesteigerten Lebensgefühls, das Geliebte u. Natur in eins umschließt […].[1]

Das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), dessen erste Fassung 1771 zunächst ohne Titel entstand (1775 in der Zeitschrift „Iris“ gedruckt) und als geänderte zweite Fassung 1789 in Goethes Schriften als „Willkomm und Abschied“ erschien (1810 nochmals geändert in „Willkommen und Abschied“), ist eines der Erlebnisgedichte überhaupt. Den Stoff lieferte das Leben des Autors selbst, denn das Gedicht hat die Liebesbeziehung mit der Pfarrerstochter Friederike Brion (1752–1813) zum Gegenstand. Es thematisiert den Beginn und das Ende einer Liebe, die Spannung zwischen Glücks- und Schmerzempfinden.

Doch inwiefern gehört die heute am häufigsten verbreitete zweite Fassung wirklich zur Erlebnislyrik, wenn man bedenkt, dass diese lediglich eine Überarbeitung der ersten Fassung darstellt, welche kurz nach dem eigentlichen Erlebnis entstand? Ist es dann noch immer ein reines Erlebnisgedicht, obwohl sich die Perspektiven ändern und der Autor bzw. das lyrische Ich einen objektiveren Blick auf die Geschehnisse haben? Und was hat es mit der Fassungsänderung eigentlich auf sich? Welche Gründe könnte Goethe haben, das Gedicht nach 18 Jahren umzuschreiben, es womöglich zu „korrigieren“?

Um alle Fragen zu klären, soll sich diese Arbeit erst einmal mit der Definition von Erlebnislyrik beschäftigen. Zudem ist es notwendig, den historischen Kontext zu beleuchten und das Gedicht in Form und Inhalt zu analysieren und mit der Beziehung zu Friederike in Bezug zu setzten. Diese Analyse soll sich zunächst auf die erste Fassung beschränken. Um jedoch zu klären, inwiefern Goethe Änderungen vorgenommen hat, ob sich diese nur auf die Form oder ebenso auf den Inhalt seines Werkes auswirken und ob es sich auch nach der Änderung noch um ein Erlebnisgedicht handelt, müssen beide Fassungen miteinander verglichen werden.

Der Schwerpunkt zur Bearbeitung beider Fassungen liegt auf deren Interpretation. Jedoch ist es notwendig, Sekundärliteratur in Form literaturwissenschaftlicher Lexika (z.B. zur Begriffsdefinition) oder Beiträge (wie den Meyer – Krentlers zur Wahl des Titels der zweiten Fassung[2] ) einzubeziehen und sich mit dieser auseinander zu setzen. Um einzelne Argumente zu untermauern bzw. Begebenheiten zu veranschaulichen, sollen ebenso Zitate aus Goethes Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. herangezogen werden.

2. Definition „Erlebnislyrik“

Der Begriff „Erlebnislyrik“ als solcher wurde durch Goethe im späten 18. Jahrhundert geprägt, „Willkommen und Abschied“ kann daher als exemplarisch für diese neue Form der Lyrik angesehen werden, als „ein epochal neuer Ton“[3].

Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft definiert den Begriff wie folgt:

Form einer Lyrik, die (tatsächlich) ein individuelles Erlebnis des Autors ausdrückt (ältere Variante des Begriffs) oder die Fiktion eines solchen Erlebnisausdrucks aufbaut (neuere Variante des Begriffs) […], bestimmte Lyrikformen der Goethezeit und des 19.Jhs. [], in denen ein Ich sich auf zumindest scheinbar individuelle Weise über eigene Zuständlichkeiten in einer mehr oder weniger spezifizierten (Um-)Welt auf eine Weise äußert, dass der Eindruck eines biographisch-psychischen Substrats entsteht.[4]

Demnach ist es nicht notwendig, dass das „Erlebnis“ real ist, es muss lediglich den Anschein haben und den Eindruck einer wahren Begebenheit erwecken. Es genügt also, wenn das lyrische Ich eine bestimmte fiktive Situation erlebt, das persönliche Leben des Autors steht dabei außen vor.

Auch bei Dilthey ist zu lesen, dass ein (Erlebnis-)Gedicht nicht den Anspruch erhebt, „Ausdruck oder Darstellung des Lebens zu sein“[5]. Da diese Interpretation des 20. Jahrhunderts jedoch von der der Goethezeit abweicht[6], sei darauf verwiesen, dass sich der Begriff „Erlebnislyrik“hier auf Gedichte bezieht, die einem realen Erlebnis zu Grunde liegen.

Im Fall Goethes belegt sein Lebenslauf die Begegnung und die Liebesbeziehung mit Friederike Brion. Dadurch ist es möglich, die „individuelle Subjektivität“[7] des lyrischen Ichs auch auf den Autor zu beziehen (bzw. umgekehrt). Der Begriff des „Subjektiven“, welcher sich auf die erste Fassung beziehen soll, steht hierbei im

Vordergrund, da Goethe diese kurz nach dem „Erlebnis“ geschrieben haben muss (er kehrte im gleichen Jahr nach Frankfurt zurück).

Formal betrachtet folgt das Erlebnisgedicht keinen direkten Richtlinien. Es steht jedoch eigentlich in Präsens, da es ein unmittelbares Erlebnis wiedergibt und beschreibt.

3. Historischer Kontext

3.1 Beeinflussung durch Herder in Straßburg

Der junge Goethe kommt Anfang des Jahres 1770 nach Straßburg, um sein Studium der Rechtswissenschaften fortzusetzen. Dort trifft er erstmals auf Johann Gottfried Herder (1744-1803), der sich als Begleiter des Prinzen von Holstein-Eutin in der elsässischen Stadt aufhält. Goethe selbst bezeichnet diese Bekanntschaft als „das bedeutendste Ereignis, was die wichtigsten Folgen für mich haben sollte.“[8]

Denn Herder gibt dem damals 21 jährigen Studenten neue Einsichten in die Welt der Poesie, in die durch ihn „geförderte Tendenz zur Individualisierung und Popularisierung des lyr. Ausdrucks.“[9] Er versucht, das Wesen des „Volksliedes“[10] zu fassen und zu definieren. Durch Herder kommt Goethe mit diesem Begriff in Kontakt, für ihn ist das Volkslied eine neue Kunsterfahrung. Zudem Herder verwies Goethe auf die Bibel als eine Geschichte der Völker, auf Homer, Ossian, Shakespeare und Rousseau als „neue literarische Vorbilder.“[11]

[...]


[1] Brandes, Helga: Sturm und Drang. In: Sachlexikon Literatur. Hrsg. von Volker Meid. München: dtv 2000. S. 872.

[2] Meyer–Krentler, Eckhardt: „Willkomm und Abschied“ – Herzschlag und Peitschenhieb. Goethe – Mörike – Heine. München: Wilhelm Fink Verlag 1987. S. 85 –111.

[3] Kaiser, Gerhard: Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis Heine. Ein Grundriss in Interpretationen. Bd. 1. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1988. S. 61.

[4] Wünsch, Marianne: Erlebnislyrik. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. Von Harald Fricke, Klaus Weimar (u. a.). Bd. 1. Berlin: de Gruyter 1997. S. 498-500.

[5] Dilthey, Wilhelm: Das Erlebnis und die Dichtung. Lessing, Goethe, Novalis, Hölderlin. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1985. S. 138.

[6] Spörl, Uwe: Basislexikon Literaturwissenschaft. Paderborn: Verlag Ferdinand Schöningh 2004. S. 187.

[7] Ebd. S. 186.

[8] Goethe, Johann Wolfgang von: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Bd. 10. In: Klassische Werke der deutschen Literatur. CD-Rom. Digitale Bibliothek. Jokers Sonderausgabe. Berlin: Directmedia Publishing GmbH 2005. S. 13457.

[9] Völker, Ludwig: Lyriktheorie. In: Sachlexikon Literatur. Hrsg. von Volker Meid. München: dtv 2000. S. 542.

Der Begriff bezieht sich auf die jambische Versgestaltung, die dem volkstümlichen Lied sehr ähnlich ist, auf den einfachen Strophenbau („Willkommen und Abschied“: 4 Strophen à 8 Verszeilen) und die einfachen Reimbindungen (Kreuzreime). Auch die Themen Natur und Liebe sind nicht untypisch für das Volkslied. Vgl. Spörl: Basislexikon Literaturwissenschaft. S. 56.

[11] Matzen, Raymond: Das Sesenheimer Liebesidyll. Friederike Brion in Goethes Liedern und Schriften. Kehl: Morstadt Verlag 1983. S. 7.

Details

Seiten
14
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638053358
ISBN (Buch)
9783638945844
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92078
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Erlebnis Lyrik Goethes Willkommen Abschied Goethe

Autor

Zurück

Titel: Erlebnis und Lyrik: Goethes "Willkommen und Abschied"