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Systemische Beratung - eine kritische Auseinandersetzung mit dem systemischen Beratungsansatz

Ein kurzer Überblick

Essay 2008 9 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der systemische Beratungsansatz

2 Positive Aspekte des systemischen Beratungsansatzes

3 Negative Aspekte des systemischen Beratungsansatzes

4 Fazit

5 Literatur

1 Der systemische Beratungsansatz

Die systemische Beratung ist ein spezielles Verfahren, bei dem der Berater gemeinsam mit dem Ratsuchenden Probleme und Verhaltensweisen in einem systemischen Kontext (Gruppen, Organisationen oder Prozesse) einbettet. Ein System besteht aus einzelnen Elementen und Objekten, die in unterschiedlichen Beziehungen zueinander stehen. Durch die Wechselwirkungen der einzelnen Elemente und Objekte wird das System zu einer Einheit, wodurch es sich von der Umwelt abgrenzt[1].

Der systemische Beratungsansatz gilt als fächerübergreifende Grundrichtung, in die verschiedene theoretische Grundlagen mit einfließen[2].

Im Folgenden wird auf positive und negative Aspekte des systemischen Beratungsansatzes eingegangen. Zum Abschluss werden die wichtigsten Aspekte erläutert.

2 Positive Aspekte des systemischen Beratungsansatzes

Systemische Betrachtungsweise: Die meisten Problemstellungen existieren in einem komplexen und vernetzten Zusammenhang zu einem System. Gerade in einer Organisation spielen die Wechselwirkungen, die innerhalb dieser Organisation auftreten, für die Lösungsfindung eine bedeutende Rolle. Deshalb ist ein linear-kausaler Lösungsansatz meist ungeeignet[3]. Systemisches Denken unterscheidet sich von linear-kausalen Beratungsansätzen: Bei linear-kausalen Ansätzen betrachtet der Ratsuchende das Problem auf einer Ebene und versucht, die Lösung bei seiner Person zu finden bzw. die Person trägt zur Lösung des Problems bei. Die systemische Betrachtungsweise beobachtet Individuen in ihrem Beziehungsnetz und geht auf Teile der systemischen Struktur, in die der Mensch eingebunden ist, ein[4].

Ein System ist ein Gebilde mit Eigenheit und inneren Gesetzmäßigkeiten, die beachtet werden müssen. Man soll die Systemelemente nicht als starre Gebilde betrachten, sondern auch als sich ständig verändernde Gegenstand. Auch die Stabilität einer Größe wird nur durch irgendeine Aktivität erreicht[5].

In der systemischen Beratung veranschaulicht man die Einwirkungen der einzelnen Elemente (z.B. deren Verhaltensweisen, Kognitionen und Emotionen) auf das System und an angrenzende Systemelemente (Umwelt). Aus dieser Hinsicht muss dem Ratsuchenden verdeutlicht werden, welche Bedingungen an die einzelnen Elemente geknüpft sind, dass jegliche Veränderungen im System die aufgetretenen Probleme verändern und beeinflussen können[6]. Nur dies verhindert, dass ein Teilaspekt innerhalb eines Systems genommen wird und von diesem schließlich linear auf die Umgestaltung des Ganzen geschlossen wird[7].

Wechselwirkungen mit anderen Systemen: Systeme bilden eine eigene Einheit, stehen aber in Wechselwirkung zu anderen Systemen (z.B. Arbeit, Schule etc.) in ihrer Umwelt. Jede elementare Veränderung in einem System hat Auswirkungen auf das Gesamtsystem. Das Ziel in der systemischen Beratung zielt weniger auf die Veränderung des Problems, sondern mehr auf das Verstehen des Systems und deren Wechselwirkungen im Bezug auf einzelne Elemente und andere Systeme. Dieses Prinzip ist ein wesentlicher Vorteil in der systemischen Beratung, da durch das Verstehen des Systems an fortschreitende Problemlösungen angesetzt werden kann. Somit ist gewährleistet, dass der Kunde in seiner Eigenverantwortung um nachhaltige Herausforderungen gestärkt werden kann (Hilfe zur Selbsthilfe)[8].

Komplexität: Viele Systeme bestehen aus verflochtenen Zusammenhängen und Zusammenwirkungen. Deshalb ist die systemische Beratung gerade bei unübersichtlichen Schwierigkeiten, z.B. in hierarchischen Strukturen oder Organisationen, ein beliebter Ansatz, um Problemlösungen zu finden. Je nach Komplexität des Systems benötigt der Berater die wesentlichen Informationen über den Bezugsrahmen, den Klienten und um welches System es sich handelt[9].

Konstruktivismus: Ein wichtiges Merkmal systemischer Verfahren ist das Prinzip des Konstruktivismus: Die Erscheinungen der umgebenden Welt unterliegen subjektiven Wahrnehmungen, die schließlich das „Ergebnis einer aktiven Erkenntnisleistung“[10] darstellen. Die Wahrnehmungen werden vom Individuum strukturiert und bilden somit eine subjektive Wirklichkeit. Demnach ist die konstruierte Wirklichkeit nie objektiv. Jeder Mensch kann die Wirklichkeit neu gestalten und ausleben[11].

Kommunikationstheorie: Kommunikation wird mit Hilfe der Systemtheorie und Kybernetik als System von Verhaltensweisen betrachtet, das sich durch Mechanismen der Rückkopplung selbst reguliert. Systemische Konzepte stellen die Kommunikation in der Beratung in den Vordergrund. Nach Von Ameln werden pathologische Erscheinungen innerhalb einer Familie nicht als Ausdruck von Defiziten innerhalb des Individuums, sondern als Folge unangemessener Kommunikationsmuster zwischen den Familienmitgliedern, betrachtet. Die verbale und nonverbale Kommunikation ist problematisch und ein subjektiver Prozess. Damit bietet sie einen Rahmen für die Erklärung von Formen, Störungen in der Kommunikation, sowie zur Entwicklung von Lösungen. Deshalb hat die Kommunikationstheorie große Bedeutung für den systemischen Beratungsansatz[12].

Autopoiese: Jedes soziale System steht seiner Umwelt geschlossen gegenüber, was bedeutet, dass es von anderen Systemen unabhängig ist und sich selbstständig reproduzieren kann. Dadurch ist die Selbsterhaltung des Systems gewährleistet. Das Postulat der operationalen Geschlossenheit autopoietischer Systeme hat die systemischen Verfahren zur Entwicklung von Interventionen angeregt, die sich nicht als planmäßige Beeinflussung, sondern als Anregung zu selbstorganisierten Lernen verstehen. Dieses Verfahren gehört zu den wichtigsten Impulsgebern systemischer Arbeit, da die Sichtweise anregt, verschiedene Verhaltensweisen von Personen eines Systems, zu akzeptieren, da diese für die Systemstruktur sinnvoll sind[13].

[...]


[1] Vgl. Brüggemann, S. 39.

[2] Zu den wesentlichen theoretischen Grundlagen dieses Ansatzes gehören insbesondere die allgemeine Systemtheorie, das Autopoiese-Konzept (Matura/Varela), die Kybernetik 1. und 2. Ordnung, die Kommunikation als soziales System, der Konstruktivismus, die Selbstorganisationstheorie und die systemische Familientherapie (u.a. Selvini-Palazzoli) (Vgl. Keiser, S. 3).

[3] Vgl. Barthelmess, S. 13; vgl. Brunner, S.666.

[4] Mitglieder eines Familiensystems haben z.B. untereinander eine intensivere Beziehung wie zu anderen Personen, die nicht diesem System angehören (Vgl. Krause, S.127f.).

[5] Vgl. Von Ameln, S 21.

[6] Brüggemann redet in diesem Kontext von der konkreten Darstellung nicht sichtbarer Grenzen (Vgl. Brüggemann, S.45).

[7] Vgl. Hänsel, S.6; vgl. Willke, S.197.

[8] Vgl. Krause, S.131f.

[9] Vgl. König, S.23.

[10] Von Ameln, 2004, S. 187.

[11] Vgl. Brüggemann, S.78, Boos, S. 9, Hänsel, S.4; Von Ameln, S. 187.

[12] Vgl. von Ameln, S.60f.

[13] Vgl. Von Ameln, S.83; vgl. Schlippe, S.68.

Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638057776
ISBN (Buch)
9783640109029
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92071
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Bildungswissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Systemische Beratung Auseinandersetzung Beratungsansatz Beratungsansätze

Autor

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