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Iphigenie auf Tauris - Ein "verteufelt humanes" Drama?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte
2.1. Goethe und die Kirche
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit Euripides Iphigenie bei den Tauren
2.2.1 Inhalt
2.2.2 Form und Stil

3. Human oder autonom?
3.1 Traditionelle Forschung
3.2. Rasch
3.2.1 Orests Heilung
3.2.2 Iphigenie
3.2.3 Thoas

4. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Goethes „Iphigenie auf Tauris“ hören wir „eine Botschaft der christlich-religiöse[n] Humanität, aber diese gedeutet im erstmalig und einmalig Goetheschen Sinne“[1] ist eine Aussage von Kurt May, die den bisherigen Forschungsstand zur Iphigenie widerspiegelt. Und auch Goethe selbst kam seine Iphigenie, nachdem er „hie und da hineingesehen“ hatte, „ganz verteufelt human vor“[2]. Wolfdietrich Rasch wagt jedoch einen Vorstoß in eine andere Richtung, in dem er Goethes Iphigenie nicht mehr als Stück der Humanität betrachtet, sondern es als ein „Drama der Autonomie“ bezeichnet. In dieser Hausarbeit soll nun die Frage beantwortet werden, ob sich die Ansicht der traditionellen Forschung oder die modernere Deutung von Wolfdietrich Rasch als wahr erweist, oder ob es sogar noch eine andere Möglichkeit gibt das Drama zu deuten.

Um diese Frage zu klären, werden im ersten Teil der Arbeit zunächst die Entstehungsgeschichte der „Iphigenie“ und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit der antiken Vorlage von Euripides untersucht. Auch Goethes Stellung zur Kirche wird in diesem Teil der Arbeit thematisiert. Dies ist ein wichtiger Aspekt, der Goethes Intention hinter seinem Drama verdeutlicht.

Der zweite Teil der Arbeit soll dazu dienen auf die Forschung von Rasch einzugehen. Dabei werden die drei Hautpunkte untersucht, an denen sich Raschs Deutung von der bisherigen abhebt, nämlich die Heilung von Orest, die Person der Iphigenie selbst und schließlich Thoas Person.

2. Entstehungsgeschichte

Die „Iphigenie entsteht aus „einem Studium der griechischen Sachen, das aber unzulänglich war.“[3] Goethe ist mit der griechischen Mythologie auch nicht durch die Originalquellen vertraut, sondern auf Grund seiner Kenntnis der römischen, sowie der französischen Überlieferungen, wobei hier die Prosaübersetzungen Pierre Brumoys „Le Theatre de Grecs“ von 1730 den Grundstock bilden. Einen umfassenden Überblick über die griechisch-römische Heroen-und Götterwelt hat Goethe durch sein Studium von Ovids „Metamorphosen“ erhalten. Als grundlegendes deutsches Nachschlagewerk gilt zu Goethes Zeit Benjamin Hederichs „Gründliches mythologisches Lexicon“.[4]

Seit 1773, also seit „Götter, Helden und Wieland“ nimmt dabei Euripides eine herausgehobene Stellung bei Goethe und seinen Studien der griechischen Tragödie ein.[5]

„Die besondere Anziehung, die der jüngste der drei erhaltenen Tragiker auf Goethe ausübte, hat ihre Wurzeln vor allem in dem aufklärerischen, emanzipatorischen, die Tradition hinterfragenden Ton vieler euripidischer Stücke.“[6]

Der Unterschied zwischen den drei Tragikern Aischylos, Sophokles und Euripides besteht in ihrer Kunst. Während es den beiden Älteren, also Aischylos und Sophokles um die ‚reine Kunst’, also um einen Ästhetizismus geht, verzichtet Euripides darauf und macht daraus eine funktionale Kunst. Diese bezieht sich auf das Leben und wendet sich an das Volk selbst. Er stellt dazu den Mythos nicht mehr als unantastbar dar und nutzt auch nicht mehr den hohen Stil der älteren Tragiker. Für Goethe selbst hat gerade diese Abkehr vom Ästhetizismus Gültigkeit, da sie die Auflockerung des Klassizismus bedeutete.[7]

Laut Tagebucheintrag beginnt Goethe seine erste Iphigenie Fassung bereits am 14. Februar 1779 zu schreiben und beendet diese nach sechs Wochen.[8] Er schreibt sein Drama zu einer Zeit, in der sein Alltag gefüllt ist mit amtlichen Tätigkeiten. Goethe ist Mitglied des Geheimen Consilium, dem höchsten Beratungsorgan des Herzogs, und arbeitet dort an der Frage, wie man den Forderungen Friedrichs des Großen begegnen soll, der in Weimar Rekruten anwerben will. Zudem hat Goethe gerade die Leitung der Kriegskommission übernommen und auch die wirtschaftliche Lage des Landes bereitet ihm Sorgen.[9] Die schnelle Fertigstellung ist nur durch die griechische Vorlage möglich. Goethe betont jedoch, dass er das Werk nicht umgeschrieben, sondern lediglich umgearbeitet habe.[10] Dazu stellt der Kritiker Friedrich Jacobs 1789 heraus, dass

„Von dem Genie unseres Dichters [ ]es zu erwarten [war], daß es sich in seine eigene Bahn brechen würde. Seine Iphigenie ist keine Nachahmung der Iphigenie des Euripides. Es ist ein eigenes Werk, das mit jenem wetteifert, so wie oft jener große Dichter mit Sophokles in demselben Gegenstand wetteiferte. Sie ist das Werk eines Geistes, der der mit dem Geiste der Alten gerungen und sich ihn zu Eigen gemacht hat; ein Werk voll Einfalt und stiller Größe, so wie es Euripides selbst in unseren Tagen geschrieben hätte.“[11]

Am 06. April 1779 wird die erste Fassung schließlich uraufgeführt, in der Goethe selbst die Rolle des Orest übernimmt. Für Goethe ist diese erste Prosafassung jedoch nicht die endgültig fertige Fassung. Er will sie noch nicht an die Öffentlichkeit geben und sagt selbst „weil ich beschäftigt bin, ihr noch mehr Harmonie im Stil zu verschaffen“[12]. So kann man dann auch in Goethes Tagebuch viel von „Corrigiren“, „Durchsehen“ und „Durchgehen“ lesen.[13]

Den Wendepunkt bringt schließlich ein Zusammentreffen mit Christoph Maria Wieland im Jahr 1785, bei dem „über Iphigenien [ ] Gericht gehalten [wird]“[14]. Danach scheint er zufrieden mit seiner Iphigenie Fassung zu sein, wie er in einem Brief an Charlotte von Stein zum Ausdruck bringt. Dies ändert sich jedoch nach der Lektüre der Elektra von Sophokles wieder, „denn gegen deren ‚langen Jamben ohne Abschnitt und das sonderbare Wälzen und Rollen des Periods’ kommen ihm ‚die kurzen Zeilen der Iphigenie ganz höckerig, übelklingend und unlesbar’ vor.[15] Doch Goethe muss die Iphigenie bald der Öffentlichkeit präsentieren, da er im Juni 1786 einen Vertrag mit dem Verleger Göschen für „Goethes Schriften“ abschließt, in dem die Iphigenie erscheinen soll.[16] Als Goethe am 03. September 1786 nach Italien reist, nimmt er seine Iphigenie als „noch ungelöste Aufgabe“[17] mit sich. In Italien fließen nun seine Kunst- und Landschaftserlebnisse mit in seine Arbeit ein. In Bologna betrachtet er zum Beispiel die St. Agatha von Raphael und beschließt, er wird „[seine] Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht sagen könnte.“[18] Die Korrekturen erweisen sich für Goethe als sehr umfangreich, doch wird er auch während seiner Italienreise weiterhin von Herder betreut, der Goethe dazu drängt seine Arbeit abzuschließen. Und so übersendet Goethe am 13. Januar 1787 sein Manuskript an seinen Mentor. So sehr Goethe bis dahin die Veröffentlichung seiner Iphigenie hinausgezögert hat, so entschlossen und schnell handeln nun Herder und Göschen. So liegt die Iphigenie bereits im Juni 1787 im dritten Band der Ausgabe von Goethes Schriften vor.[19] Hiermit wird ein Schlussstrich unter eine zehnjährige Arbeit gezogen.

2.1. Goethe und die Kirche

Um die Iphigenie interpretieren zu können, muss man auch Goethes Verhältnis zur Kirche erläutern. Goethe ist die Theologie der Aufklärung durch die große Bibliothek seines Vaters seit frühester Kindheit bekannt. Und scheinbar hat Goethe selbst früh erfahren müssen auf sich selbst angewiesen zu sein. Eine schmerzliche Erfahrung für ihn, da er im herkömmlichen Gottvertrauen aufgewachsen war. In Dichtung und Wahrheit erklärt Goethe: „Ich hatte jung genug gar oft erfahren, daß in den hülfsbedürftigsten Momenten uns zugerufen wird: ‚Arzt, hilf dir selber!’.“[20] Entscheidend für Goethe sich weiter von der Kirche zu distanzieren, ist schließlich die Lektüre von Gottfried Arnolds „Kirchen und Ketzerhistorie“, in der der Verfall der wahren christlichen Religion beschrieben wird. Der entscheidende Unterschied bei Arnolds ist für Goethe, dass hier ein frommer Pietist spricht und nicht ein von Hass erfüllter Voltaire. Für Goethe bildet sich danach die Ansicht, dass

„Der Geist des Widerspruchs und die Lust zum Paradoxon in uns allen [steckt]. Ich studiere fleißig die verschiedenen Meinungen, und da ich oft genug hatte sagen hören, jeder Mensch habe am Ende doch seine eigene Religion, so kam mir nichts natürlicher vor, als daß ich mir auch meine eigene bilden könne, und dieses tat ich mit viel Behaglichkeit. Der neue Platonismus lag zum Grunde; das Hermeneutische, Mystische, Kabbalistische gab auch seinen Beitrag her, und so erbaute ich mir eine Welt, die seltsam genug aussah.“[21]

Durch Arnolds kann sich Goethe auch Pelagius annähern, der die Erbsünde leugnet und lehrt, dass der Mensch aus seinen natürlichen Kräften zum Guten gelangt. Die Aufklärungstheologie, deren Anhänger Goethe ist, lehnt das Dogma des erbsündigen Menschen ebenso ab, wie auch der Theologe Jerusalem, den Goethe immer wieder rühmt.[22] Als Goethe 1772 in Wetzlar seinen Freund Kestner trifft, erkennt dieser in Goethe einen von der Kirche völlig emanzipierten Menschen. „Er geht nicht in die Kirche, auch nicht zum Abendmahl, betet auch selten. Denn, sagt er, ich bin dazu nicht genug Lügner.“[23] Goethe missbilligt die Kirche nie, er betrachtet sie jedoch immer kritisch. Er will sich, wie bereits zitiert, eine eigene Religion bilden. Er will sich nicht auf eine ihm angebotene Vorstellung von Gott festlegen lassen, da er Vorstellung und Wesen voneinander unterscheidet. Er ist der Auffassung, dass die Heilige Schrift keinen Schaden nimmt, wenn sie kritisch betrachtet wird und wenn daraufhin gewiesen wird, wo sie sich widerspricht.[24] Goethe hat den hohen Wert des Glaubens oft hervorgehoben, er bejaht den moralischen Aspekt der Religion. Es ist Goethe bewusst, dass es nie eine totale Selbstbestimmung geben kann, da Gesetze und Pflichten als Bedingungen des Zusammenlebens eine Notwenigkeit darstellen. Doch der Mensch soll dabei in eigener Entscheidung handeln und in diesem Handeln den Willen Gottes oder eines anderen Herrschers nicht vollziehen. Die Autonomie hierbei, die für Goethe und die Aufklärer so wichtig ist, bedeutet Gesetze und Pflichten aus eigener Einsicht und freier Bejahung zu erfüllen und nicht, weil eine Institution wie die Kirche mit dem Fegefeuer und ewiger Verdammnis droht und den Menschen ständig an die Erbsünde erinnert.[25] Und so sind in Goethes Werken mehrere Beispiele von Selbsthelfern zu finden, also von Menschen, die sich durch ihre eigenen Entscheidungen und aus freiem Willen für das Gute und gegen das Böse entscheiden. Als Beispiel sind hier Götz, Faust oder Prometheus zu nennen.

[...]


[1] May, Kurt: Form und Bedeutung- Interpretationen deutscher Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts. Stuttgart 1957, S.85

[2] Staiger, Emil (Hg.) : Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Frankfurt am Main 1966. S.929

[3] Borchmeyer, Dieter: Bd. 5:Johann Wolfgang Goethe. Dramen 1776-1790. Frankfurt am Main 1988. S. 1283

[4] Vgl. ebd. S.1017

[5] Zimmermann, Bernhard: Euripides’ und Goethes Iphigenie. In. „…auf klassischem Boden begeistert“- Antike Rezeptionen in der deutschen Literatur. Hrsg. Von Olaf Hildebrand/Thomas Pitroff. Freiburg 2004. S.134

[6] ebd. S.134

[7] Vgl. Petersen, Uwe: Goethe und Euripides- Untersuchungen zur Euripides-Rezeption in der Goethezeit. Heidelberg 1974.S.51f

[8] Vgl. Buck, Theo (Hg.): Goethe Handbuch Band 2 – Dramen. Stuttgart-Weimar 1997. S.197

[9] Vgl. Conrady, Karl Otto: Goethe- Leben und Werk. Düsseldorf 2006. S.437

[10] Vgl. Buck, Theo (Hg.): Goethe Handbuch Band 2 – Dramen. Stuttgart-Weimar 1997. S.198

[11] Borchmeyer, Dieter: Bd. 5:Johann Wolfgang Goethe. Dramen 1776-1790. 1.Aufl. Frankfurt am Main 1988

S.1303f

[12] Vgl Buck, Theo (Hg.): Goethe Handbuch Band 2 – Dramen. Stuttgart-Weimar 1997. S.199

[13] Vgl. ebd. S.199

[14] ebd. S.199

[15] ebd. S.199

[16] Vgl. Borchmeyer, Dieter: Bd. 5:Johann Wolfgang Goethe. Dramen 1776-1790. 1.Aufl. Frankfurt am Main 1988. S.1282

[17] Buck, Theo (Hg.): Goethe Handbuch Band 2 – Dramen. Stuttgart-Weimar 1997. S.199

[18] Borchmeyer, Dieter: Bd. 5:Johann Wolfgang Goethe. Dramen 1776-1790. 1.Aufl. Frankfurt am Main 1988. S.1285

[19] Vgl. ebd. S.1285

[20] Rasch, Wolfdietrich: Goethes ‚Iphigenie auf Tauris’ als Drama der Autonomie. München 1979. S. 36

[21] Conrady, Karl Otto: Goethe-Leben und Werk. Düsseldorf 2006. S.82

[22] Rasch, Wolfdietrich: Goethes ‚Iphigenie auf Tauris’ als Drama der Autonomie. München 1979.S.42

[23] ebd. S.43

[24] ebd. S.45

[25] Rasch, Wolfdietrich: Goethes ‚Iphigenie auf Tauris’ als Drama der Autonomie. München 1979.S.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638053129
ISBN (Buch)
9783638951784
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92069
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Schlagworte
Iphigenie Tauris Drama Iphigenie auf Tauris

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