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Die Präsidentschaft Max Plancks der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im 3. Reich

Seminararbeit 2008 6 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Die Präsidentschaft Max Plancks der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im 3. Reich

„Was hat die Physik mit dem Kampf um die Weltanschauung zu tun?"1 Diese einleitende Frage aus dem Beginn einer Rede Max Plancks soll in diesem Aufsatz, eingegrenzt auf sein Amt als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in den Jahren 1933-1937, analysiert und auch be­wertet werden. Die Betrachtung ist einzig auf den Zeitraum von Plancks Präsidentschaft einge­schränkt, da alles weitere den Rahmen dieser Arbeit deutlich überschreiten würde.

Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht „ergriffen" hatte Max Planck zwei bedeutende Ämter in der deutschen Wissenschaft inne. Er war Sekretär der Preußischen Akademie der Wissenschaft und zugleich Präsident der Kaiser- Wilhelm-Institute. Es gab daher keinen Zweifel, dass Planck, da beide Institutionen vom Reich finanziert wurden, mitdem neuen Regime Zusammenarbeiten musste. Max Planck, der Erfinder der Quantentheorie und Nobelpreisträger von 1918, besaß nicht nur auf Grund seiner exzellenten wissenschaftlichen Leistungen sondern auch wegen seines aufrichtigen Charakters einen nichtzu verachtenden in­ternationalen Ruf. Wie die meisten führenden Köpfe des Reiches glaubte auch Planck, dass Hit­ler und die NSDAP ihre nationale Politik mildern müssten, um weiter in der neuen Regierung verbleiben zu können2. Diese Perspektive muss immer für das Jahr 1933 in Betracht gezogen werden. Wie John L. Heilbron ausführt, hoffte Planck bei Hitler bessere Bedingungen für die Erhaltung und Förderung der Wissenschaft machen zu können, als es während der Weimarer Republikmitden unzähligen politischen Parteien möglich gewesen war3. Viele führende Ver­treter der Wissenschaft dieser Zeit, allen voran Planck und Friedrich Schmidt-Ott (1860-1956), der Präsident der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, verfolgten einen Kurs gegen- überdem Regime, derdaraufausgelegtwar, den Herrschenden nichtentgegenzutreten und in unwesentlichen Dingen nachzugeben, jedoch aberauch die Wissenschaftvorder Weltan­schauung des Regimes abzuschirmen. Auf der anderen Seite schütze sich die Kaiser-Wilhelm­Gesellschaft, indem sie die heimische Großindustrie und die öffentliche Meinung im Ausland mobilisierten, welche die Nationalsozialisten auf keinen Fall entfremden wollte 4.

Jedoch ordneten sich wahrlich nicht alle deutschen Wissenschaftler dem neuen Regime unter. Allen voran Albert Einstein war während der Machtübernahme gerade in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo er am 10. März 1933 in einem Interview bekannt gab5, dass er nicht mehr in das „neue" Deutschland zurückkommen werde. Da Einstein, als prominen­testerjude in Deutschland, schon in der Weimarer Republik ständig rechten Angriffen aus­gesetzt war, ist dieser Schritt mehr als nur nachvollziehbar. Seine Aussage führte jedoch zu weiteren Angriffen, die nun auch aufdie Kaiser-Wilhelm-Institute gerichtet wurden, deren Vorsitz Max Planck inne hatte. Er musste, seinen sehr geachteten Freund, Albert Einstein aus der Preußischen Akademie der Wissenschaft auf Anweisung auszuschließen. Dies sollte am 1. April 1933 zu den ersten Judenboykotten veröffentlich werden, um die Wirkung noch zu steigern, Einstein kam dies mit seiner Kündigung aber zuvor. Darüber hinaus gab er seine deutsche Staatsbürgerschaft zurück, was unweigerlich zur Verschärfung der Lage führte. Dieses Verhalten erschwerte es natürlich Planck Einstein in Deutschland zu vertei­digen. So schreibt Planck an ihn, dass „ihre [...] Glaubensgenossen hier dadurch in ihrer ohnehin schon schwierigen Lage keineswegs erleichtert, sondern doch vielmehr gedrückt werden"6. Man erkennt Plancks Haltung, da er das „neue" Deutschland, zumindestens zu dem damaligen Zeitpunkt, versuchte zu verteidigen, mitdem Ziel, dass die Wissenschaft nicht bei dem Regime in Ungnade verfalle. Einstein legt Planck seine Intentionen in einem freundschaftlichen Brief ausführlich dar7, Planck sah aber keine Möglichkeit mehr, dass sein Freund in Deutschland verbleiben könnte. Einstein war sich seiner Verantwortung als prominentester, deutscherjude gegenüber seinen Glaubensgenossen vollends bewusst und nun auch bereit dementsprechend zu handeln. Auch muss man bedenken, dass Albert Einstein schon damals eine globale Persönlichkeit war und nun nach eigener Aussage be­reitwar „den Einfluss, den [er] in der Welt habe, zu Gunsten der [deutschen Juden] in die Waagschalen zu legen"8.

DieVerfolgungderjuden in Deutschland sollte unterdesen deutlicherzunehmen, die Judenboykotte des I.April 1933 waren erst der Auftakt der Repressalien und Verfolgungen. Am 7. April 1933 wurden alle jüdischen Beamten durch das„Gesetzzur Wiederherstel- lungdes Berufsbeamtentums"von ihrerStellungenthoben, mit Ausnahme derer, die im 1. Weltkrieg gedient hatten. Fritz Haber, Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie, nahm von dieser Sonderregelung kein Gebrauch, da er „bei der Auswahl von Mitarbeiter nur die fachlichen und charakterlichen Eigenschafften der Bewerber berück­sichtige, ohne nach ihrer rassenmäßigen Beschaffenheitzu fragen"9 und emigrierte nach England. Haber hatte, durch die Entwicklung der Synthese von Ammoniak, im Jahr 1914 Deutschland Möglichkeit zur Herstellung von Sprengstoffen gegeben. Für das sogenann­te Haber-Bosch-Verfahren bekam er 1918 den Nobelpreis für Chemie verliehen. Ohne dieses Verfahren wäre es dem Deutsche Reich auf Dauer nicht möglich gewesen Spreng- stoffzu produzieren. Daraufhin besuchte Planck Hitler„um ein Wortzu Gunsten meines jüdischen Kollegen Fritz Habereinzulegen"10 11 Hitlerjedoch „schaukelte sich in eine sol­che Wut [...], daß mir nichts übrig blieb, als zu verstummen und mich zu verabschieden"

Fritz Haber starb am 29. Januar 1934 an einem chronischen Herzleiden in der Schweiz, in einem Nachrufvon Maxvon Laue, Leiterdes Kaiser-Wilhelm-Institutfür Physik und ehe­maliger Mitarbeiter Einsteins, wurde Max Planck als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Institute gebeten zum einjährigen Todestag eine Gedächtnisfeier abzuhalten. Planck gestattete die Feier für 1935, obwohl er Hitlers Ablehnung gegenüber Habers selbst in dem Gespräch erlebt hatte. Der Reichsminister für Bildung und Wissenschaft Bernhard Rust (1883-1945) versuchte die Festlichkeit mit allen Mitteln zu verhindern, jedoch lies sich Planck nicht umstimmen. Rust verbot allen Beamten die Anwesenheit, sodass nur die ausländischen Ehrengäste, alle nichtverbeamteten Mitarbeiter und die Ehefrauen der Ministerialbeamten den Saal füllten. Diese Durchführung der Feierlichkeiten war Plancks erster öffentlicher Widerstand gegen das Regime und sollte bei weitem nicht das letzte Aufbäumen gegen das Regime sein.

Die Eingangs zitierte Frage ist aus einer Rede Plancks, die sich um „Die Physik im Kampf um die Weltanschauung"12 dreht. Max Planck war nicht nur ein bedeutender Phy­siker, sondern er setzte sich auch mit philosophischen und weltanschaulichen Problemen der modernen Naturwissenschaften auseinander. Eben dieses Thema sprach er in seiner Rede in dem Harnack-Haus in Berlin-Dahlem am 6. März 1935 an. Dies beinhaltete auch allgemeine Feststellungen, „so läßtauch die Physik sich tatsächlich niemals vollständig trennen von den Forschern, die sie betreiben, und schließlich ist doch jeder Forscher zugleich auch eine Persönlichkeit, mit allen ihren intellektuellen und ethischen Eigen­schaften"13. Etwas später formulierte erweiter, dass „die Naturgesetze [...] wirken,[...] wie das

Zusammenleben der Menschen[,] gleiches Recht für alle, für Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering"14.

Aus beiden Zitaten kommt deutlich hervor, dass Planck ganz im Gegensatz zu der nationalsozialistische Volksgemeinschaft den Forscher als menschliches Individuum sieht, mit persönlichen Eigenschaften, Verantwortungen und vorallem alsMenschen gleichbe­rechtigt. Man erkennt hier deutlich Plancks Überzeugung, dass Persönlichkeit und Sach­verstand in der wissenschaftlichen Forschung mehr zählte als Rasse sowie Diktatur und der Mensch das höchste Gut an sich ist15.

Zum Schluss seiner oben erwähnten Rede kommt Planck auf Recht und Gerechtig- keitzu sprechen. Darmführteraus,„[w]ehe einem Gemeinwesen,wenn [...] der Wehr­lose sich nicht mehrvon oben geschützt weiß, [...] wenn offenbare Rechtsbeugungen mit fadenscheinigen Nützlichkeitsgründen bemäntelt werden. Für Rechtssicherheit besitzt gerade der einfache Mann ein feines Empfin­den" 16. Diese Sätze am Ende seiner Rede wirken wie eine nicht zu überhörende Anspie­lung und war gleichzeitig auch eine Warnung vor den Geschehnissen im Reich. Haupt­sächlich kann man hier an den „Röhm-Putsch" vom 30. Juni 1934 und die nachträgliche Legitimation durch das „Gesetz über Maßnahmen der Staatsnotwehr" vom 3. Juli 1934 denken. Durch den Einsatz des Ermächtigungsgesetzes herrschte in Deutschland endgültig eine nationalsozialistische Willkürherrschaft. FürMax Planck hatte dieses Ereignis auch persönliche Auswirkungen. Denn er lernte das Verbrechen auch aus privater Perspektive kennen, da sein Sohn Erwin Planck (1893-1945) mit dem ehemaligen Reichskanzler Kurt von Schleicher (1882-1934) befreundet war17. Beide kannten sich aus dem Generalsstab im 1. Weltkrieg sowie später aus dem Kriegsministerium. Erwin Planck versucht in der Folgezeit vergeblich den Mord an seinen Freund aufzuklären, bis auch er als Widerstands­kämpfer im Zuge des 20. Juli am 23.1.1945 hingerichtet wurde.

Die zweite Amtsperiode von Max Planck als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesell- schaft lief am 31.3.1936 aus. Jedoch präsidierte Planck bis Ende 1937, da immer noch nach einem geeigneten Nachfolger gesucht wurde. Er verlor deutlich an Einflussmöglich­keit, da er sich einer Verleumdungskampagne ausgesetzt sah, die ihn als „weißen Juden" und Mitglied des „Einstein-Klüngels" denunzierte 18. Reichsminister Rust drängte den emeritierten Heidelberger Professor Philipp Lenard (1862-1947) zu einer Bewerbungfür das Amt des Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Lenard war zwar ein Vertreter der neuen „Deutschen Physik" und dem Nationalsozialismus treu ergeben, jedoch lehnte dieser aus Altersgründen ab 19. Sowohl Philipp Lenard als auch der Präsident der Physi- kalisch-Technischen Reichsanstalt Johannes Stark (1874-1957) waren die Urheber der Verleumdungskampagne gegen Planck, sodass Stark als nächster Vertreter der „Deutschen Physik" sich um das Amt bemühte. Dieser jedoch schied auch als bald als Kandidat aus, da er in dem Ministerium Rust als ungeeignet angesehen wurde. Dies vorallem wegen sei­ner diktatorischen Art, seiner Unfähigkeit in Verwaltungsangelegenheiten und seiner Nähe zu Alfred Rosenberg 16 (1893-1946), die das Ministerium besonders befremdete17. Letzt­endlich fiel die Wahl aufCarl Bosch (1874-1940), ein Neffedes Unternehmers Robert Bosch, Vorstandsvorsitzender der IG-Farben, ein ehemaliger Mitarbeiter Habers und kein Nationalsozialist, aberauch kein Freund Einsteins18.

Nach dem Wechsel an der Führung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Jahr 1937 wurde die Gesellschaft zwar nicht vollkommen gleichgeschaltet, jedoch verlor sie ihre Unabhängigkeit in deutlichem Maße nach dem Weggangs Plancks19. Man kann daher sagen, dass ohne Max Planck, als Präsident und anerkannter Wissenschaftler, die Kaiser­Wilhelm-Gesellschaft sicherlich wesentlich schneller der nationalsozialistischen Herr­schaft verfallen wäre. Auf der anderen Seite lässt sich dem aber auch entgegenhalten, dass vorallem in den Anfangsjahren ein öffentlicher Widerstand Plancks gegen das Regime eventuell eine Signalwirkung für das deutsche Volk, aber zumindestens für die Weltöffent­lichkeit, gehabt hätte. Dies wäre vorallem während der „Einstein-Affäre" von Nöten gewe­sen. Nichts desto trotz kann festgehalten werden, dass Max Planck dank seines Einsatzes die Wissenschaft, speziell die Physik, möglichst lang vor der nationalsozialistischen Will­kürherrschaftabschirmen konnte.

Ein weiterer interessanter Aspekt, der zu behandeln wäre, ist die Sicht der Weltöffent­lichkeit, speziell die derspäteren Kriegsgegner, aufdie Geschehnisse um die Kaiser-Wil­helm-Gesellschaft im 3. Reich. Zumal auf Drängen der britischen Besatzungsbehörde die Gesellschaft den Namen Max Plancks bekam.

[...]


1 Planck, Vorträge und Erinnerungen, S. 285, gehalten von Max Planck im Harnack-Haus, in Berlin-Dahlem, am 6. März 1935. Auf diese Rede nimmt von Pufendorf in „Die Plancks" S. 376f Bezug, um den Einfluss Erwin Plancks auf seinen Vater Max Planck zu verdeutlichen; sowie Heilbron, Max Planck S. 185.

2 Prominentestes Beispiel dieses Irrglaubens istzweifelsohne Franz von Papen, durch dessen Intervention bei Hinden- bürg Hitler erst zum Reichskanzler ernannt wurde.

3 HEiLBRON,MaxPlanck,S.155.

4 Ibid. S. 169.

5 Clark, Einstein, S. 458.

6 HEiLBRON,MaxPlanck,S.161.

7 Rowe, Einstein on Politics, S. 273f.

8 HEiLBRON,MaxPlanck,S.164.

9 Hahn, Zur Erinnerung an die Haber-Gedächtnisfeier, S. 3f.

10 Planck, Physikalischen Blätter, S. 143.

11 Ibid.

12 Planck, Vorträge und Erinnerungen, S. 285, so dergleichlautendeTitel.

13 Heilbron, Max Planck, S. 343.

14 Ibid. S. 370.

15 Hermann, Planck, S. 89.

16 HEHBRON,MaxPlanck,S.370f.

17 von Pufendorf, Die Plancks, S. 373ff.

18 Ibid. S. 377f; Es wurde sogar versucht Planck als reinrassischen Juden darzustellen, jedoch ergab sein „jüdischer Erbanteil" nur 1/16, sodass dieser Vorwurf recht schnell wieder fallen gelassen wurde.

19 den Titel der neuen „Deutschen Physik"gab Lenard seinem allgemeinen Lehrbuch der Physik. Heilbron, Max Planck, S. 175f, jedoch führt von Pufendorf an, dass Lenard nicht als Präsident gewählt wurde, weil er eine jüdische Großmutter gehabt hätte, was allerdings schwer glaubhaft ist, wenn man bedenkt ,dass ihn der nationalsozialistische Reichsminister Rust eine Bewerbung vorgeschlagen hatte; von Pufendorf, Die Plancks, S. 378.

Details

Seiten
6
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638053112
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v92061
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Präsidentschaft Plancks Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Reich

Autor

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