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Aby Warburgs Schlangenritual – Eine Theorie von Magie in den Künsten

Bachelorarbeit 2007 26 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung – Kulturelle Position und Verständnis von Kunstwerk

Aby Warburgs „Bilder aus dem Gebiet der Pueblo-Indianer in Nord-Amerika“
Der Antilopentanz (Wetter-Tanz)
Tanz des wachsenden Korns oder Humiskatcina-Tanz (Baumkulttanz)
Schlangentanz – Regentanz (Tiertanz und Jahreszeiten-Kulttanz)

Eine vergleichende Analyse Warburgs Reiseberichts
Nietzsche und Warburg
Das Opfern
Warburg und Hugo von Hofmannsthal
Ein kleiner Angriff

Schlussfolgerung

Quellennachweis

Einleitung – Kulturelle Position und Verständnis von Kunstwerk

J.G. Frazer gilt als einer der Väter der modernen Mythologie und der vergleichenden Religionswissenschaft. Sein Hauptwerk, The Golden Bough[1], ist eine klassische Quelle für jeden Anthropologen, wenn auch seine Ansichten wissenschaftlich sich nicht durchsetzten konnten und heute als überholt gelten. Frazers Hauptargument in The Golden Bough war es, dass es in der Geschichte der menschlichen Evolution drei Entwicklungsstufen gab: Magie, Religion und schliesslich Wissenschaft. Die magische Periode basierte auf dem Glauben, dass es zwischen Ritualen und natürlichen Begebenheiten eine kausale Beziehung gibt, so dass Menschen sich in die Lage sahen, durch bestimmte Rituale die Natur zu beeinflussen.

Frazers Hypothese von einer geistigen Evolution in der Geschichte der Welt gründete auf der Annahme, dass das technische Zeitalter einen historischen Erfolg darstellt und dass die Wissenschaft intellektuell und moralisch die höchste Stufe menschlicher Entwicklung ist. Der historische Positivismus von Frazer hat es dabei übersehen, dass eine magische Naivität aus charakteristischen Lebensbedingungen entstanden haben konnte und dadurch vor allem in den Kulturen gepflegt wurde, wo das Verhältnis von Mensch und Natur ein ganz anderes war als im 19. Jahrhundert in Westeuropa. Anders gesagt nahm Frazer an, dass der Glaube an eine kausale Beziehung zwischen Riten und dem Wetter keine intellektuelle Absicht sein konnte und als Produkt anderen philosophischen Systemen zu betrachten ist, Systemen, welche von dem des europäischen im 19. Jahrhundert unterschiedlich sind, dadurch aber nicht zwingend weniger geistvoll.

In Bezug auf die erfolgten Angriffe auf Frazers Position (Freud, Wittgenstein), ist mit dem Model von Frazer etwas Interessantes passiert. Sein Model kann als strukturell widerlegt betrachtet werden, aber die Elemente seiner Theorie haben typologisch überlebt. Die Beziehungen von Magie und Kunst, welche in Mythen zustande kommen, waren sowohl für die Psychologie (Psychoanalyse), Philosophie (Wittgenstein), Kunstgeschichte (Warburgs Ikonologie), als auch für die Zeichentheorie wichtig gewesen. Die Vorstellungen über ein kollektives Unbewusstes, die bei Frazer oder Jung eine Rolle spielen, sind als Ideen immer noch durchaus annehmbar, wenn auch nicht in ein metaphysisches Gewand eingewickelt, sondern in der Forschung als die Lehre von den Symbolen und den Topoi in aller Arten vergleichenden Kunstgeschichten.

Diese, der Ethik von Frazer entgegengesetzte Herangehensweise bei der Erforschung von Kunstgeschichte, bildet den Kern von Aby Warburgs Reisebericht in das Gebiet der Pueblo-Indianer. Warburgs Reisebericht hatte die Form einer einmaligen Vorlesung, die die magischen Praktiken der Indianer als Beweis dafür nahm, dass eine Kultur gleichzeitig technisch fundiert und magisch orientiert sein kann und es letztendlich auch sein muss.

Warburg verfolgt bei der geschichtlichen Analyse nicht mehr die Absicht, Kulturen und denen zugehörigen Kunstwerke (Mythen, Erzählungen, magische Traditionen) in ein Model hinein zu zwingen und selbst erfüllende Prophezeiungen zu formen, bei denen eine „Kultur“ dem jeweiligen Kunstwerk überordnet sei. Eher wird das Kunstwerk an sich als eine Momentaufnahme verschiedener kulturellen Umstände und Einflüsse verstanden.

Aby Warburgs „Bilder aus dem Gebiet der Pueblo-Indianer in Nord-Amerika“

Gehalten 1923 in der Heilanstalt Bellevue in Kreuzlingen, gehört dieser Text keinem strengen literarischen Genre. Einerseits ist es ein Reisebericht, darüber hinaus ein kulturhistorischer Vortrag, dann aber auch ein die Bilder begleitender und den Bildern unterworfener Diaerklärungsversuch. Dieser Bildvortrag verwandelt sich in den letzten Textseiten zu einer geschichtlicher Symbolanalyse und Symbolvergleich. In den letzten Zeilen ähnelt es am meisten einer grotesken Prophezeiung mit apokalyptischen Tönen.

Dieser Reisebericht kann auch als die mentale Übung eines schwer genesenden Kunsthistorikers verstanden werden, als eine verzerrte Erinnerung an die Zeiten, wo Warburg sich fernen Reisen und kreativem psychischen Zustand erfreuen konnte, also nicht als ein wissenschaftlicher Vortrag, sondern als die Sehnsucht eines Patienten nach der Gesundheit, eine Sehnsucht, derer Qualität bei dieser Gelegenheit im Rahmen der Wissenschaft erprobt worden ist.

Das Thema des Vortrags wurde von Warburg wie folgend fixiert:

Was mich als Kulturhistoriker interessierte, war, daß inmitten eines Landes, das die technische Kultur zu einer bewundernswerten Präzisionswaffe in der Hand des intellektuellen Menschen gemacht hatte, eine Enklave primitiven heidnischen Menschentums sich erhalten konnte, das – obgleich dabei durchaus nüchtern im Kampf ums Dasein tätig – mit einer unerschütterlichen Festigkeit gerade für landwirtschaftliche und Jagdzwecke magische Praktiken betreibt, die wir nur als Symptom eines ganz zurückgebliebenen Menschentums zu verurteilen gewohnt sind.[2]

Die wissenschaftliche Herangehensweise Warburgs bei der kulturellen Analyse der Pueblo-Indianer, lässt sich gut an den Erklärungen nachvollziehen, welche er zu seinen Abbildungen anbietet. Die erste Abbildung zeigt die Zeichnung eines indianischen Kindes, worauf Blitze zu sehen sind, die die Form mehrerer Schlangen haben.

Die Ausübung der Religion bei den Pueblos bedient sich einigen grundsätzlichen Symbolen, an deren ersten Stelle die Schlange einzuordnen ist. Die Schlange ist als religiöses Motiv nahezu erkoren - sie lebt in der Erde und außerhalb der Erde (also ist gleichzeitig sichtbar und unsichtbar), sie hat die Fähigkeit, sich zu verwandeln (die Häutung) und sie ist tödlich. Sie vereint Erkenntnis mit dem Tode, sie ist weiterhin sexuell eindeutig als Phallus zu verstehen, sie ist in der Lage krumm zu sein und als Symbol der Zeit zu fungieren oder sich gerade auszustrecken und einem Pfeil zu ähneln. In der kosmologischen Vorstellung der Indianer bildet sie ein Grundelement – den Blitz. In den regenarmen Gegenden von Neu-Mexiko und Arizona wird die Schlange gleichzeitig als Symbol der Bedrohung (Blitz) und der Errettung (Vorzeichen des Regens) angenommen und verehrt.

Die zweite wichtige Abbildung zeigte den Innenraum eines Hauses in Oraibi, einem Pueblo-Dorf in der Nähe von Albuquerque. Dieser Innenraum erreichte mit seiner symbolischen Aufgeladenheit eine humorvolle Höhe. An den Wänden hängen Katcina-Puppen, eine imitatio zweiten Grades indianischer Götter des Wetters, der wichtigsten mythischen Gestalten dieser Kultur.

Katcina-Puppen stellen die dörflichen Maskentänzer verkleinert dar, wobei die wirklichen Tänzer die Rolle dämonischer Vermittler bei den religiösen Festlichkeiten des Regen- und Schlangentanzes übernehmen. Neben den Puppen befinden sich im Raum auch die für das dörfliche Leben unumgängliche Ton-Gefäße, in denen Wasser getragen wird und die mit verschiedenen Glaubensmotiven und Totems bemalt sind (Vogel, Schlange, Blitz). Letztendlich hängt an der Wand auch ein Symbol der modernen amerikanischen Kultur – der große Strohbesen.

Die Aufnahme des Innenraums diente Warburg als eine Einleitung zu seinen kulturtheoretischen und ikonologischen Überlegungen. Mithilfe der Abbildungen auf dem Ton-Gefäß entwickelt er einen der Hauptpunkte seines Vortrags, indem er auf die religiös-mythologische Durchdrungenheit des indianischen Alltags hindeutet. Er bedient sich der Wappenkunde und analysiert die Zeichnungen auf dem Ton-Gefäße im Sinne der Heraldik und Zeichentheorie.

Die Pueblo-Indianer stellen für Warburg eine kulturelle Zwischenstufe zwischen zwei Kommunikationssystemen. Ihre Abbildungen sind Totems nicht auf die klassische, sondern auf einer Weise, die sich dem Zeichenalphabet nähert. Der Vogel und die Schlange werden nicht getreu abgebildet, sondern in ihren wesentlichen Körperteilen skizzenhaft zerlegt. Es sind die auf Gefäße übertragenen Teile eines Tieres, so dass sich oben die Beine, in der Mitte ein Kopf, oder unten die Flügel befinden. Auf diese Weise scheint sich das abgebildete Tier in allen Richtungen zu bewegen und stellt ein Symbol dar, dessen semantische Kraft zwischen „realistischem Spiegelbild und Schrift“[3] schwebt.

Die Kultur von Pueblo-Indianer nennt Warburg „kontaminiert“[4] oder mehrfach überschichtet. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts wächst auf diesem Gebiet der Einfluss von spanisch-katholischer Kirchenerziehung, er mischt sich mit der traditionellen indianischen Kultur und diese Kombination wird „gegenwärtig“ (Warburgs Reisen in die Nord-Amerika fanden im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts statt) durch die nordamerikanische Erziehung überlagert. Gerade diese eigenartige Position macht die Kultur von den Pueblos interessant. Vernunft und Magie treffen sich im praktischen Leben und formen eine kreative, ausgeglichene Symbiose, die einerseits im nüchternen Ackerbau sich äußert, andererseits sich in der Lage sieht, magische Tanzrituale zu vollziehen und eine Bildsprache zu benutzen, derer Frische den Bildforscher Warburg fasziniert.

Durch die Wellen der kulturellen Einflüsse haben sich hier einige religiöse Monolithen aufbewahrt. Neben dem Grundelement, der Schlange, befinden sich in der Gruppe von solchen Motiven auch der Vogel und das Wasser. Der Vogel fungiert als Totemtier und als die Haupterscheinung des Gräberkults. Seine Feder sind Gebetsvermittler, welche „die Wünsche und Bitten der Indianer den dämonischen Wesen in der Natur überbringen“ sollen[5].

(Eine grundsätzliche Bedeutung des Vogels als Motiv, nämlich sein Flug und die damit verbundene symbolische Bewegung zwischen den Welten (Erde und Himmel, also auch Leben und Tod), wird auch in der Innenraumgestaltung der Häuser gegenwärtig.)

Die Pueblohäuser besitzen einen unterirdischen Andachtsraum, genannt Kiwa, wo im Mittelpunkt der Verehrung das heilige Schlangenvogel-Tier herrscht. Es besitzt den Kopf und den Schnabel eines Vogels und den Körper einer Schlange, wodurch die wichtigsten magischen Kräfte der Naturerneuerung und des natürlichen Kreislaufs auf der Erde vereint dargestellt sind. Die zweite wichtige Abbildung in einer Kiwa ist das eigenartige Welthaus, in dem viele Symbole des Wetters dargestellt sind, wie Regenbogen, Dunst, Blitz, Wolken und die Wasserschlange.

Das Dach des Welthauses trägt einen treppenförmigen Giebel. [...] Es steckt in der Treppe ohne Zweifel ein panamerikanisches, vielleicht ein mondiales Symbol des Kosmos.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Kiwa[7]

Der indianische Schlangenvogel besitzt einen Schnabel in der Form eines Pfeils. Im Bezug auf die anderen bildhaft dargestellten Elementen des religiösen Lebens (Pfeil, Treppe, Vogel, Schlange) wird es offensichtlich, in wie weit sich indianischer mythische Glauben auf einen natürlichen Grundsatz stützt, nämlich den der ewigen kosmischen Bewegung.

Stufe und Leiter sind für den, der das Werden, das Auf und Nieder in der Natur versinnbildlichen will, die Urerfahrung der Menschheit. Sie sind das Symbol für das erkämpfte Auf und Nieder im Raum, wie der Kreis – die geringelte Schlange – das Symbol für den Rhythmus der Zeit ist.[8]

Ein Indianerhaus aus dem Neu-Mexiko Gebiet ist nur durch oben zu betreten. Diese Vorsichtsmaßnahme gegen feindliche Überraschungen versteht Warburg als das rationale Element in der indianischen Religion – der Leiter, wodurch die Haustür erreichbar wird, dient gleichzeitig als Schutz und als Gottesandenken.

Den Höhepunkt dieser Widmung oder dieser Achtung der heiligen Energie von Bewegung stellen die indianischen Maskentänze dar.

[...]


[1] Frazer, James George, The Golden Bough: A Study in Magic and Religion, 1998, Oxford University Press.

[2] Warburg, Aby: Schlangenritual. Ein Reisebericht [1923]. Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1988., S.15.

[3] Warburg, Aby: Schlangenritual. Ein Reisebericht [1923]. Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1988., S.15.

[4] Siehe oben, S. 10.

[5] Siehe oben, S.16.

[6] Siehe oben, S.18.

[7] Erklärung: Round kiva at San Ildefonso, aus: Roediger, Virginia More: Ceremonial Costumes of the Pueblo Indians: Their Evolution, Fabrication, and Significance in the Prayer Drama. Berkeley: University of California Press, 1991. Internetquelle: http://ark.cdlib.org/ark:/13030/ft8870087s, 15.10.2007

[8] Siehe oben, S. 23.

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638049450
ISBN (Buch)
9783640126996
Dateigröße
974 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91924
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Warburgs Schlangenritual Eine Theorie Magie Künsten

Autor

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Titel: Aby Warburgs Schlangenritual – Eine Theorie von Magie in den Künsten