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Eine Darstellung der Figur Wilhelm Tell von Schiller - Mythos vom Held der Freiheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Die historische Person Wilhelm Tell

2. Schiller als Sänger des Tell für die Schweiz

3. Dichter der Freiheit und Tell als Symbol der Freiheit

4. Tells Entwicklung zum Held in Schillers Drama

5. Umwertung der Werte in der Tellfigur

6. Literaturverzeichnis:

1. Die historische Person Wilhelm Tell

Katharina Mommsen, Goetheforscherin an der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Berlin, erinnert sich wie folgt an ihre Schweizer Schulzeit in den fünfziger Jahren:

„Die heutige Wissenschaft ist, beeindruckt von den Forschungen Karl Meyers, zum Schluss gekommen, die Existenz Wilhelm Tells als eine wahrscheinliche Möglichkeit zu betrachten“[1]

Dieser Lehrsatz, der den damaligen Schülern bei der Behandlung von Schillers Tellstück vordiktiert wurde, ist beispielhaft für den Schweizer Umgang mit ihrem Ursprungsmythos. Jede historische Auseinandersetzung, die Zweifel an der Existenz des Nationalhelden aufkommen lässt, stößt bei den Eidgenossen auf Widerspruch. So glauben nach einer Umfrage der Schweizer Coopzeitung[2] auch heute noch 60% der Schweizer an ihren historischen Landsmann Tell und man wird es nicht müde, wissenschaftlichen Zweifeln mit Schriften zu begegnen, die den selben Tenor wie das Buch vom Schweizer Claudio Schärer inne haben: Und es gab Tell doch. Neue Forschungsergebnisse zur Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft (Luzern: Harlekin 1986).

Tatsächlich ist die seriöse Wissenschaft jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Wilhelm Tell als eine historische Person nicht nachweisbar ist, was jedoch nicht immer der Fall war. Im Weißen Buch zu Sarnen (1470), eine der ältesten und umfassendsten Landesschroniken der Schweiz, oder etwa in Aegidius Tschudis Chronicon Helveticum (16. Jahrhundert) wird die Geschichte Wilhelm Tells als historische Realität geschildert. Beide Bücher dienten Schiller als primäre Quellen seines Studiums der Schweizer Geschichte. Sie spiegeln einen Trend zur Realperson Wilhelm Tell wieder, der bis ins 18. Jahrhundert hineinreichte, bevor erstmals historische Kritik am Mythos kratzte. So stellt Schneller 1834 in seinen wissenschaftlichen Recherchen bereits fest, ,, das sich sein (W. Tell’s) Name in keinem Archiv der vier Urkantone finden ließ“.[3] Zwar stößt Joseph Eutych Kopp bei

„ Dokumentenforschungen 1845 doch auf den Namen Tell im Urner Kirchenbuch (...), zögert aber nicht, diese Eintragung als Fälschung zu klassifizieren“.[4]

Am treffendsten zu dieser Debatte erscheint mir das Urteil des Baslers Johann Heinrich Gelzer (Schweizergeschichte), dass bei Friedrich Oberkogler (S.21) wie folgt wiedergegeben wird:

„Alle die Ereignisse, die uns von Tell erzählt werden, spielen ins Unwirkliche und Wunderbare hinein. Und wenn der Apfelschuss sich tatsächlich so vollzogen hätte, dann wäre Geßler ein Ungeheuer und Tell ein Wahnsinniger gewesen.

Alle die Taten Tells, der glückliche Schuss, die Rettung Baumgartens, der Sprung vom Geßlerschiff, sowie die ungefährdete Tötung des Tyrannen, sie trügen unzweifelhaft Züge des Unwirklichen und Sagenhaften.“

Gelzer vermutet, dass vielleicht „Vorfälle“, die ursprünglich gar nicht zusammengehörten, die sich vielmehr zu verschiedenen Zeiten und an anderen Orten ereignet hätten, hier „in ein einziges frappentes Gemälde zusammengereimt wurden“.

So berichtet zum Beispiel der dänische Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus bereits um das Jahr 1200 „von einem Kriegsmann Toko (Tocho), einem berühmten Gothen, der als Schütze sein Ziel nie verfehlte und der auf Geheiß des Königs Heraldo, dem diese Meisterschaft kundgetan wurde, einen Apfel von dem Haupte seines Sohnes schoss “[5].

Wie Wilhelm Tell hielt auch der dänische Schütze einen zweiten Pfeil bereit, der im Falle des Misslingens seinem Herrscher zugedacht war. Jedoch ist der Tell damit kein dänisches Märchen, denn der Apfelschuss lässt sich auch bei der Wieland-Sage (Eigils Schuss) sowie bei Finnen, Byzantinern und sogar bei schottischen Balladendichtern des 13. Jahrhunderts finden[6]. Grund für die Beliebtheit der Apfelschusslegende war dabei auch die Tatsache, dass „sie sich durch das Motiv des Tyrannenmords leicht mit revolutionären historischen Ereignissen verknüpfen ließ.“[7] Es handelt sich also um eine sogenannte Wandersage, „deren Motive sich dann aber jeweils lokalen Gegebenheiten anpassen“[8], die ihren Weg in die Schweiz fand, und dort vom Meisterschützen Toko zum Lokalheld, den Thall oder Tell wird.

Mag die historische Existenz eines Wilhelm Tell vor und nach Schiller auch häufig Fragen und Zweifel aufgeworfen haben, so bleibt jedoch eines außer Frage: der von Schiller geschaffene, alle Zeiten überdauernde Mythos von Wilhelm Tell als Held der Freiheit.

Kein anderes seiner Stücke diente öfters als Vorlage und Leitbild der Geschichte und wird heute noch, auch außerhalb der Schweiz, in Schulen und Universitäten unter diesem Gesichtspunkt behandelt. Eine Entwicklung die bereits beim Erscheinen des Stückes abzusehen war, denn Schiller war sich der beabsichtigten Wirkung des Stückes durchaus bewusst, wie sich im Folgenden noch zeigen wird.

„Der Tell ist ein solches Volksstück, wie Sie es wünschen...“[9] schreibt Friedrich Schiller am 5. August 1803 an den Berliner Theaterdirektor August Wilhelm Iffland. Damals konnte wohl noch niemand ahnen, dass dieses Volksstück zwei Begriffe prägen würde, die auch nach 200 Jahren noch Hand in Hand mit dem Namen Friedrich Schiller erwähnt werden:

Sänger des Tell

und

Dichter der Freiheit

Dies zeigt, dass von den vielen bemerkenswerten Aspekten des Dramas, z.B. der gekonnten Verflechtung dreier anspruchsvoller Handlungsstränge, der als nahezu perfekt geltenden Dramenkomposition, oder der vielseitigen moralischen und philosophischen Ansätze vor allem ein Thema für die fortwährende Bedeutung des Stückes ausschlaggebend ist.

Denn neben der höfischen Ebene (Rudenz / Berta-Handlung) und dem sagenumwobenen Rütlibund war es vor allem das Geschehen um Wilhelm Tell, das nicht nur Schillers Gedanken, sondern die vieler freiheitsliebender Menschen jener Zeit beflügelte.

„Wenn Tell und seine Familie nicht der interessanteste Gegenstand im Stücke sind und bleiben, wenn man auf etwas anderes begieriger sein könnte als auf ihn, so wäre die Absicht des Werkes sehr verfehlt worden.“(Schiller)[10]

Dem legendären Stoff um den Meisterschützen Wilhelm Tell, seinem berüchtigten Apfelschuss und dem Tyrannenmord galt die eigentliche Faszination Schillers. So dienten ihm nach eigenen Aussagen die beiden anderen Handlungsstränge vielmehr nur zur Vervollkommnung seines Volksstückes.

Das eigentliche Kernstück des Dramas und seines überdauernden Mythos bildet also die Sage des Helden Tell. In dieser Arbeit soll sie untersucht werden und eine Antwort auf die Frage gefunden werden, welche Aspekte Schillers Figur des Wilhelm Tell zum Freiheitshelden werden ließen.

Nachdem bereits gezeigt wurde, wie die Sage vom Meisterschützen ihren Weg in die Schweiz gefunden hat und welchen Stellenwert sie dort besitzt, soll zunächst Tells Bedeutung als Lokalheld untersucht werden.

Darauf aufbauend soll sein Bedeutungshorizont über die Schweiz hinaus ergründet werden, vor allem in Bezug auf sein gedankliches Wirken, welches im Anschluss anhand von Schillers Text ausgearbeitet werden soll. Dadurch soll aufgezeigt werden, warum der Tell aus Schillers Drama als Held der Freiheit und nicht etwa als Meuchelmörder wie etwa bei Max Frisch die Zeiten überdauerte.

Um diese Darstellung vom Bild des Freiheitshelden abzurunden, soll am Schluss noch eine andere mögliche Deutung des Mythos betrachtet werden, eben jene vom Schweizer Autor Max Frisch (Wilhelm Tell für die Schule).

2. Schiller als Sänger des Tell für die Schweiz

Etwas, das bei der Uraufführung von Schillers Wilhelm Tell 1804 nicht absehbar und von seinem Autor wohl kaum einkalkuliert war, ist die Begebenheit, dass sich nunmehr seit über 200 Jahren und als absolutes Novum in der Geschichte ein Land so sehr auf ein Bühnenstück stützt, wenn es um seinen Entstehungsmythos geht. Die enge Bindung der Schweizer Eidgenossenschaft an dieses Stück als Glorifizierung ihrer Entstehungsgeschichte ist wohl kaum das, was der Sänger des Tell, wie Schiller auf einem Gedenkstein am Vierwaldstädter See gepriesen wird, mit seinem Volksstück beabsichtigte.

Es waren andere Gründe, die ihn zur Bearbeitung des Stoffes bewogen.

Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass Schiller ihn nicht neu entdeckte. Vielmehr war die Tellsage zum damaligen Zeitpunkt auf dem vorläufigen Höhepunkt ihres Bekanntheitsgrades. Sie hatte sowohl in der amerikanischen wie auch in der französischen Revolution schon vorbildlichen Charakter und war auch von Karikaturen wie etwa in Goethes Die Aufgeregten (Fragment von 1793) nicht verschont geblieben. Dabei ist die Geschichte des Freiheitskampfes insbesondere in der Schweiz, wo sie erstmals im Tellenlied (14.Jahrhundert) auftaucht, geprägt vom Geschehen um den Meisterschützen.

Passend dazu, geradezu prophetisch, wenn man so möchte, der Wunsch eines Anonymen um 1778, es möge „doch ein wahrer Kenner der Schaubühne dies Sujet einmal bearbeiten“[11].

Ein Wunsch, den Schiller vernommen zu haben schien, insbesondere jedoch wegen der häufigen Nachfrage betreffend des Stück und dem Gerücht, Schiller würde sowieso bereits an einer Umsetzung des Stoffes arbeiten. Eine widerlegte Behauptung ist, Schiller wäre durch Goethe auf dieses Sujet gestoßen. Jedoch wurde er inspiriert von Goethe, der auf seinen Schweizer Reisen von 1775,1779 und 1797 bereits viele Eindrücke festhielt, die er später Schiller überließ, „der denn auch davon, wie wir wissen, den schönsten Gebrauch gemacht“(Goethe zu Eckermann,6.Mai 1827)[12]. Erwähnenswert ist dabei vor allem die Landschaft rund um den Vierwaldstädter See, die Schauplatz der Handlung ist. Schiller, der selbst zu seinem größten Bedauern niemals in die Schweiz gereist ist, schildert die Urschweiz so detailgetreu und handlungsdienlich, das sogar Reiseführer wie Baedekers Die Schweiz: Handbüchlein für Reisende (1844) nach dem Vorbild seines Dramas entstanden sind. Erfahrene Schweizreisende wie Goethe und selbst Urschweizer rühmten die Genauigkeit, mit der die Landschaft der 3 Kantone festgehalten wurde.

Die mehr als 150 originalgetreuen Ortsangaben seines Dramas verdanken dabei ihren Umstand den akribischen Studien des Autors, dessen gesamtes Arbeitszimmer mit Karten der Gegend ausstaffiert gewesen sein soll, was Schiller dennoch eigenen Aussagen nach zu urteilen nicht zu genügen schien:

„Mich würde es bei meinem jetzigen Geschäft sehr fördern, wenn ich auch die Alpen und die Alpenhirten in der Nähe gesehen hätte! – Wenn Ihnen einige Prospekte von Schweizerischen Gegenden, besonders aber von dem Schweizerufer des Waldstättensees, dem Rütli gegenüber, in die Hände fallen sollten, so senden Sie mir sie doch.“

(Schiller an seinen Verleger Cotta; Weimar, den 9.August 1803)[13]

Ähnliche Sorgfalt ließ der ebenfalls als Historiker bemühte Schiller auch den geschichtlichen Quellen zukommen. Obwohl er in einem Brief an Wilhelm von Humboldt zugibt, „dieser Stoff ist sehr widerstrebend und kostet mir große Mühe“ (Weimar,18.08.1803)[14], gelingt es ihm letztlich, die sich über lange Zeiträume ausstreckenden Entstehungsmythen der Eidgenossenschaft zu bündeln.

Einleitend wurde schon erwähnt, wie die Sage vom Apfelschuss ihren Weg in die Gegend um den Vierwaldstädtersee fand. Schillers Drama setzt dieses Ereignis und die Sage rund um den Schützen in engen Zusammenhang mit einem weiteren zentralen Motiv der Schweizer Geschichte, dem Rütli-Schwur. Er wird zwar auf das Jahr 1291 datiert, ist jedoch im Gegensatz zu Schillers Deutung des Volksbundes „eher eine Parabel für Schwurvereinigungen zur Sicherung des Landfriedens unter damaligen lokalen Führern“[15]. Bemerkenswert an diesem ist, dass er im Gegensatz zu anderen Bündnissen, die sich „aus einer gemeinsamen Substanz heraus bilden wie Blut oder Sprache“[16], ein reiner Schwurverband mit dem Ziel der Freiheit ist. Die Menschen, die sich ihm anschließen, bleiben autonom und souverän, verbindend ist einzig der Eid, daher auch der Name Schweizer Eidgenossenschaft. Auf die Bedeutung des Rütli-Schwurs bei Schillers Drama soll im Folgenden noch näher eingegangen werden. Er kann jedoch jetzt bereits in Hinblick auf den Ausgang des Stückes als passiv bezeichnet werden, denn das Handeln des Protagonisten Tell nimmt ihm jede aktive Aktion vorweg. Der Bund bei Schiller ist mehr einer Beschwörung von Idealen und Werten, denn einer handelnden Instanz, gleicht demzufolge eher einer Revolution im Geiste. Dennoch ist anzumerken, dass es Schiller zum ersten Mal in der Geschichte gelang, die beiden wichtigsten Elemente der Befreiungsgeschichte der Schweiz zu vereinen, „es vorher schwer fiel, das Pendeln zwischen beiden bzw. ihre Vereinigung“[17] umzusetzen.

[...]


[1] Piatti, S.114.

[2] Compagno, S.90.

[3] Oberkogler, S.20.

[4] Oberkogler, S.21.

[5] Oberkogler, S.24.

[6] Frenzel. Stoffe der Weltliteratur. S.737.

[7] Frenzel. Stoffe der Weltliteratur. S.737.

[8] Schweikle, S.406.

[9] Schiller an Iffland. Lecke, S. 497.

[10] Oberkogler, S.114.

[11] Piatti, S.71.

[12] Piatti, S.77.

[13] Lecke, S.498.

[14] Lecke, S.499.

[15] Koschorke, S.11.

[16] Oberkogler, S.31.

[17] Frenzel.Stoffe der weltliteratur. S.737.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638057127
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91809
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,7
Schlagworte
Eine Darstellung Figur Wilhelm Tell Schiller Mythos Held Freiheit

Autor

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Titel:  Eine Darstellung der Figur Wilhelm Tell von Schiller - Mythos vom Held der Freiheit