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Habitus und der Soziale Raum in Pierre Bourdieus "Die feinen Unterschiede"

Hausarbeit 2002 21 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Habitus
-Geschmack

Raum der sozialen Positionen

Raum der Lebensstile
-Herrschende Klasse(n)
-Mittlere Klasse(n)
-Untere Klasse(n)

Schluss

Literatur

Einleitung

Und immer zirkuliert ein neues, frisches Blut.

So geht es fort, man möchte rasend werden!

Der Luft, dem Wasser, wie der Erden

Entwinden tausend Keime sich,

Im Trocknen, Feuchten, Warmen, Kalten!

Hätt’ ich mir nicht die Flamme vorbehalten:

Ich hätte nichts Apart’s für mich.[1]

Mephisto aus Goethes „Faust“ beschreibt hier das Leben, das trotz all seiner (Mephistos) Unternehmungen, es zu vernichten, immer Wege findet, sich neu zu erschaffen.

Für einen Vergleich mit Pierre Bourdieus Vorstellungen vom sozialen Raum ist sicherlich etwas Fantasie notwendig, ein Versuch soll dennoch gemacht werden:

Das immer neu zirkulierende frische Blut, das Leben also, dem der Teufel aus „Faust“ das Ende machen will, ähnelt den immer neu zirkulierenden Produkten des Kunstmarktes, die, anfänglich immer von der herrschenden Klasse für sich beansprucht, doch ihren Weg zu den Massen finden.

Aber auch der Drang der Massen im sozialen Raum nach „oben“ findet hier eine passende Beschreibung. Zweifellos ist niemandem daran gelegen, den, der unter ihm steht, zu vernichten; einem Stillstand sozialer und kultureller Bewegungen und somit Machterhalt ständen aber einige nicht abgeneigt gegenüber.

Mephistos Streben nach Distinguiertheit, das ein Indiz für seine Zugehörigkeit zu der herrschenden Klasse ist (wenn man Mephisto nicht zugestehen will, dass er über der Menschheit allgemein steht), kommt besonders in den letzten beiden Zeilen des Zitats zum Vorschein:

Behält sich der Faust-Charakter in der fiktiven Welt die Flammen vor, um etwas „Apart’s“ für sich zu haben, so sind es in der französischen Gesellschaft (und nicht nur da), die in „Die feinen Unterschiede“ des Soziologen Bourdieu untersucht wird, in allen Bereichen des täglichen Lebens bestimmte Verhaltensweisen, die nur denen, „die oben stehen“, zu eigen sind.

Doch nicht nur die eigene Beschreibung seines ausgeprägten Distinktionsverhaltens macht deutlich, dass Mephisto im sozialen Raum ganz oben steht. Vielmehr ist er auch im reichlichen Besitz aller von Bourdieu benannten Kapitalsorten:

Ich kenne manchen schönen Platz

Und manchen altvergrabnen Schatz[2],

so Mephisto über seine ökonomischen Verhältnisse. Über den Umfang an kulturellem Kapital (womit Bourdieu im weitesten Sinne Bildung meint) kann nur spekuliert werden. So scheint ein in „Auerbachs Keller“ vorgetragenes Lied[3] etwas zu volkstümlich, um als Avantgarde-Vorführung durchzugehen. Immerhin zaubert Mephisto in derselben Szene Wein aus dem Tischrand, was auf eine lange und gute Ausbildung schließen lässt. Was das soziale Kapital (die Beziehungen eines Akteurs) und das symbolische Kapital (alles, was auf Anerkennung durch andere abzielt, Statussymbole) angeht, so muss wohl nur auf die Wette mit Gott[4] beziehungsweise den Pferdefuß[5] verwiesen werden.

Bringt der Versuch, Mephistos Position im sozialen Raum zu finden, einen nicht gleich in die Hölle, so wird doch auch dem, der ihn zitiert, von Mephisto, also im Wechselspiel, ein Platz im gesellschaftlichen Gefüge zugeordnet.

Goethe, besonders sein „Faust“, wirkt zu schulmäßig, um einen Intellektuellen zu beeindrucken, kann aber bei einem weniger gebildeten durchaus Eindruck schinden. Derjenige, der hier, mit seinem Geschmack für bestimmte Literatur zum Beispiel, klassifiziert, wird dadurch auch selbst zum Klassifizierten. Und auch der Versuch durch Selbstanalyse eine Ebene zu erreichen, die nicht klassifiziert werden kann, führt wiederum zu einer Klassifikation durch andere und so fort. Pierre Bourdieus „… Habitus ist Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem (principium divisionis)…“[6] in einem.

Anhand der Fragestellung „Was versteht Bourdieu unter dem Habitus und wie setzt sich der Soziale Raum zusammen?“ werden im Folgenden der Habitus, das woraus er entsteht und das was er entstehen lässt aus Pierre Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ herausgearbeitet.

Habitus

Bourdieu schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Die feinen Unterschiede“, dass der Stil seiner langen verwickelten Sätze nur die komplexe Struktur der (französischen) sozialen Welt wiederzugeben suche.[7]

So scheint es auch legitim zu sein, eine Parallele zwischen Bourdieus Begriff des Habitus und Paris zu ziehen: Beide nehmen eine zentrale Position ein, Paris für Frankreich und der Habitus für dessen Ethnographie, wie Bourdieu sein Werk bezeichnet.[8]

So wie man am besten von der Hauptstadt aus startet, um die Republik zu erkunden, ist in Bourdieus kleinformatigem Frankreich der Habitusbegriff und das dritte Kapitel, in dem er erläutert wird, ein guter Ausgangspunkt, um sternförmig in alle Bereiche vorzudringen.

„Wenn Sie gestatten, möchte ich das Schema einmal in groben Zügen nachzeichnen: Stellen Sie sich eine Art Achsenkreuz vor - die vertikale Achse hat ein ‚oben’ und ein ‚unten’, die horizontale einen intellektuellen und einen ökonomischen Pol“[9], so Bourdieu in einem Interview über sein Raum-Modell. Dabei ist der linke Pol der intellektuelle und der rechte Pol der ökonomische. Der Gesamtumfang an ökonomischem und kulturellem Kapital bestimmt die Position auf der vertikalen Achse, eben ob man „oben“ oder „unten“ steht.

Die Verteilung der Kapitalsorten ist für die Position auf der horizontalen Achse verantwortlich: Ein Akteur mit viel kulturellem und wenig ökonomischem Kapital steht demzufolge links in Bourdieus Schema des sozialen Raums.

Den sozialen Positionen, so die Hauptthese in „Die feinen Unterschiede“, die in dem Achsenkreuz eingezeichnet werden können, entsprächen (allerdings nicht mechanisch) bestimmte Präferenzen, Praktiken usw.

Diese können in einem Raum der Lebensstile eingezeichnet werden. Dabei ergibt sich eine Homologie zwischen beiden Räumen:

„Zu einer intelligiblen wird die Beziehung zwischen den relevanten Merkmalen der sozio-ökonomischen Lage (Umfang und Struktur des Kapitals jeweils in synchronischer wie diachronischer Dimension) und den mit der entsprechenden Position im Raum der Lebensstile verbundenen Unterscheidungsmerkmalen allein durch die Konstruktion des Habitus im Sinne einer Erzeugungsformel, mit der sich zugleich die klassifizierbaren Formen der Praxis und Produkte zu einem System distinktiver Zeichen konstituierenden Urteile und Bewertungen erklären lassen.“[10]

Der Habitus ist also das Verbindungsglied von der Position im sozialen Raum und der Position im Raum der Lebensstile.

Jedes Mitglied einer Gesellschaft verinnerlicht die sozialen Strukturen, die ihn umgeben. Während Bourdieu die sozialen Merkmale als objektiviertes Kapital bezeichnet, ist der Habitus das „inkorporierte Kapital“.[11]

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Der Tragödie erster Teil, Insel 1998

[2] Ebd.,

[3] Ebd., S. 78f.

[4] Ebd., S. 18ff.

[5] Ebd.,

[6] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Suhrkamp 1982

[7] Ebd.,

[8] Ebd.,

[9] Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede, aus ders., Die verborgenen Mechanismen der Macht, hg. von Margareta Steinrücke, Hamburg 1992,

[10] Bourdieu, Pierre, 1982, S.278

[11] Ebd.,

Details

Seiten
21
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638159463
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9172
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Politische Wissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Pierre Bourdieu Unterschiede Diplomvorprüfung

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Titel: Habitus und der Soziale Raum in Pierre Bourdieus "Die feinen Unterschiede"