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Die Bedeutung der Baumwelt in Italo Calvinos "Il Barone rampante"

Hausarbeit 2005 19 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0) Einleitung

1) Baumwelt vs. Gesellschaft
1.1) Flucht
1.2) Nähe

2) Distanz als Möglichkeit des “Impegno” / “Disimpegno”

3) Ein Gegensatz: Die Spanier auf den Bäumen

4) Die Baumwelt als Raum des Abenteuers

5) Problematisierung der Leser-Autor-Werk Thematik
5.1) Die Baumwelt als Raum des Lesers
5.2) Die Baumwelt als Raum des Schreibens
5.3) Das Verschwinden der Bäume

6) Conclusio

7) Bibliographie
Primärliteratur
Sekundärliteratur

0) Einleitung

Diese Arbeit wird die Signifikanz der Baumwelt in Italo Calivnos Der Baron auf den Bäumen untersuchen. Zunächst werde ich den Raum textintern, d.h. in Bezug auf den Protagonisten Cosimo, analysieren. Im Anschluss daran werde ich zeigen, wie dieser Raum von Calvino eingesetzt wird, um einerseits die bei Calvino zentrale Thematik der Interaktion von Leser, Autor und Werk zu problematisieren, andererseits, um von den vielschichtigen Möglichkeiten des Spieles mit diesem Raum zu profitieren. Am Ende werden wir erkennen, dass der Raum “Baumwelt” es mit diesen vielseitigen Möglichkeiten unmöglich macht, den Roman einem spezifischen Genre zuzuordnen; Das Thema der Reflexion über Lesen und Schreiben kristallisiert sich aber immer deutlicher heraus, bis am Ende Autor, Leser und Werk metaphorisch ineinander verschmelzen.

1) Baumwelt vs. Gesellschaft

Zunächst erscheint es, als flüchtete Cosimo aus Hilflosigkeit auf die Bäume, um dem Leben auf der Erde und somit auch den gesellschaftlichen Zwängen zu entfliehen. Schon nach kurzer Zeit stellt sich heraus, dass die Menschen auf dem Boden, insbesondere Cosimos Familie, nun keinen direkten Einfluss mehr auf sein Leben haben; sie schaffen es z.B. auf keinerlei Weise, ihn dazu zu bewegen, von den Bäumen herab zu steigen. Somit lebt Cosimo auf den Bäumen in gewisser Hinsicht außerhalb des adeligen Lebens des 18. Jahrhunderts und damit frei von gesellschaftlichen Zwängen:

„Vor allem wird dem „barone rampante“ das Recht zugestanden, die von ihm gewählte Lebensform zu verwirklichen, ohne der Gesellschaft gegenüber zu einer philosophischen oder weltanschaulichen Legitimation verpflichtet zu sein.“[1] (Eversmann 1979:90)

Diese erste Vermutung stimmt allerdings nur teilweise: Zwar steht Cosimo nun nicht mehr direkt unter den üblichen gesellschaftlichen Regeln und Verpflichtungen, jedoch lebt er auch nicht völlig außerhalb der Gesellschaft. Brocher sagt dazu:

Calvino grenzt die Bäume nicht als einen Naturraum gegen die zivilisierte Welt des Bodens ab. Er nennt die Bäume mit ihren botanischen Namen und entwirft den Park als einen botanischen Garten, in dem exotische neben heimischen Pflanzen wachsen. Alle Kontinente sind im Park vertreten: die Welt liegt in diesem Garten.[2] (Brocher 1981:20)

Wie wir später sehen werden, lebt Cosimo zwar räumlich getrennt von der Gesellschaft, ist aber immer noch ein Teil von ihr, erfüllt nur andere Aufgaben, als es normalerweise für ihn üblich wäre und besetzt somit eine andere Position. Trotzdem nimmt er immer noch – mal mehr mal weniger – am gesellschaftlichen Leben teil; er kritisiert, beobachtet, hilft und profitiert auch davon. Contardo Calligaris bezeichnet Cosimos „Aufstieg in die Bäume“ treffend als Rückzug in einen „luogo della negazione“[3]. Diese Formulierung halte ich für sehr angebracht, wenn man den Teminus „negazione“ allerdings nur auf das gesellschaftlich zwanghafte Leben bezieht.

Halten wir also fest, dass sich der Protagonist in den Bäumen außerhalb der gesellschaftlichen Zwänge entfalten kann, aber trotzdem noch ein Teil der Gesellschaft bleibt. Am Ende dieser Arbeit und mit dem Ende des Romans werden wir sehen, dass die Baumwelt und ihre „Gegenwelt“ sogar zusammengefügt werden.

1.1) Flucht

Wenn man die eben erwähnten gesellschaftlichen Zwänge betrachtet, so kann man Cosimos „Aufstieg“ nicht nur als rebellischen Aufruf oder lediglich als Abenteuer ansehen, sondern ganz klar als eine Art Evasion, als Flucht vor der Gesellschaft mit ihrem Reglement. Zu diesen Zwängen bemerkt Brocher:

Anfangs ist Cosminos Protest naiv und kindlich; er wehrt sich gegen ein Essenszeremoniell. Im Befehlston der Erwachsenen offenbaren sich die Zwänge, die Cosimo bedrängen: enge Lebensprinzipien der Familie und der aristokratischen Gesellschaft.

Alle Bewohner, die in Ombrosa leben und denen Cosimo auf die Bäume entflieht, unterwerfen sich diesen Zwängen. Das wird sichtbar in ihrer verstockten Gangart, in ihrer verkrampften Körpersprache und in ihrem regelgerechten Denken. (Brocher 1981:16)

Die Bäume bieten Cosimo nicht nur die Möglichkeit zur Flucht, sondern erfüllen auch eine Art Schutzfunktion. Zunächst ist Cosimo schließlich noch ein Kind und entflieht der strengen aristokratischen Familie auch, um sich vor ihr und ihrem Reglement zu schützen.

Cosimo ist ein Außenseiter, der in der bestehenden Gesellschaft keinen Raum für seine Gefühle und Gedanken findet. Sein Rückzug erscheint zunächst ambivalent: einerseits ist es ein Rückzug in die Einsamkeit, andererseits ermöglicht ihm gerade diese Flucht erst, mit den Menschen in Kontakt zu treten, wie wir später feststellen werden. Die Flucht in die Bäume ist auch in einer zweiten Hinsicht ambivalent: auf der einen Seite ist er gezwungen (denn Cosimo will sich schützen, hat Angst vor der Familie und findet anders keine Beachtung), andererseits ist er freiwillig, und Cosimo ist so zufrieden mit seinem Leben auf den Bäumen, dass er nie wieder herunter kommen wird.

Auch Borcher geht auf die gerade erwähnte Ambivalenz ein:

Cosimos soziale und politische Beschäftigungen stehen im Widerspruch zu seinem Bedürfnis, vor „jeder Form des menschlichen Zusammenlebens“ zurückzuweichen. Die Bäume bleiben sein Rückzugsgebiet; sie sind ein Raum der Einsamkeit, den Cosimo sucht und in den er hineingetrieben wird. (Brocher 1981:17)

Wie Cosimo durch den Rückzug in die Baumwelt und die daraus resultierende Distanz den Kontakt zu den Menschen findet und sich politisch wie sozial entfaltet, werde ich unter 2) genauer erläutern.

1.2) Nähe

Die Baumwelt bedeutet für Cosimo einen Ort der Herausforderung und der Selbstverwirklichung. Da er dort endlich befreit von jeglichen gesellschaftlichen Zwängen ist, kann er seinen eigenen Interessen nachgehen und sich selbst verwirklichen, z.B. im Lesen und Schreiben, worauf ich später noch detaillierter eingehen werde. Die Bäume sind auch der Ort, an dem sich Cosimo zum ersten Mal verliebt: hier lernt er Viola kennen, und auch die Beziehung zur Spanierin Ursula ist erst in der Baumwelt möglich. Der Rückzug in die Bäume ist also nicht nur Flucht und Schutz, wie wir bis hierher gesehen haben, sondern ermöglicht dem Protagonisten, sich selbst näher zu kommen:

„Calvino selbst deutet Cosimos Baumleben, im Rahmen der „trilogia d’esperienze sul come realizzarsi esseri umani“, als „una via verso una completezza non individualistica, da raggiungere attraverso la fedeltà a un’autodeterminazione individuale. (…)“

(Brocher 1981:90)

Cosimo und die Bäume, in denen er lebt, verschmelzen so zu sagen; er ist ein Teil dieser Welt, so wie diese ein Teil von ihm wird. Das wird an seiner Kleidung deutlich, aber auch an seinem Verhalten, welches sich mehr und mehr seiner Umgebung anpasst. Dies deutet übrigens schon auf die Verschmelzung von Leser und Buch hin, was Thema des fünften Abschnitts sein wird.

Cosimo findet in den Bäumen nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu seinen Mitmenschen. Trotz der Distanz zur Gesellschaft, erfüllt er bestimmte Rollen und Aufgaben innerhalb dieser; z.B. hilft er im Krieg oder als das Volk von Wölfen angegriffen wird. Cosimo lebt also als ein Teil der Baumwelt, während er gleichzeitig immer noch ein Teil der Gesellschaft ist.

Der Rückzug in die Bäume ermöglicht ihm nicht nur neue Kontakte, sondern auch die Nähe zu seiner Familie wird in einem gewissen Maß wieder möglich: die Mutter sorgt sich, der Vater erkundigt sich nach ihm, sein Bruder Biagio bringt ihm Nahrung etc. Dies sind alles Dinge, die erst in den Bäumen möglich werden.

Wie ich eben schon gezeigt habe, ist die Baumwelt in mehrfacher Weise dual: einerseits stellen sie einen fremden, abenteuerlichen Raum außerhalb der Gesellschaft dar, andererseits sind sie vertraut (Cosimo kletterte schon als Kind häufig auf Bäume). Nur durch diese „Zwischenposition“ geht der Kontakt zur Gesellschaft nicht verloren bzw. wird damit erst möglich.

Beim ersten Lesen liegt die Vermutung nahe, Cosimo mache sich es einfach, vor den gesellschaftlichen Zwängen und Missständen zu fliehen, anstatt etwas dagegen zu unternehmen. Dies jedoch entspricht nicht der Wahrheit, denn wie Cosimo Voltaire gegenüber erklärt, so macht die Distanz eine objektive Sichtweise erst möglich und somit auch Unternehmungen gegen diese Missstände:

- Mais c’est pour approcher du ciel que votre frère reste là-haut?

- Mio fratello sostiene – risposi – che chi vuole guardare bene la terra deve tenersi alla distanza necessaria – e il Voltaire apprezzò molto la risposta.[4] (Calvino 1993:174)

2) Distanz als Möglichkeit des “Impegno” / “Disimpegno”

Das folgende Kapitel wird die Baumwelt in Bezug auf Cosimos politisches Engagement untersuchen.

Ulrich Schulz-Buschhaus fasst das eben Erarbeitete treffend zusammen:

(…) doch verwandelt sich die Flucht umgehend in das Engagement einer freiwilligen Robinsonade: Engagement zunächst gegenüber sich selbst, das zum Engagement gegenüber anderen wird, sobald Cosimo Ausblicke genießt und Erfahrungen macht, die ihm ‚en situation’, im engen Kreis der Familie, verschlossen wären. Erst aus dem Abstand des Baumlebens nimmt Cosimo Welt und Gesellschaft wahr, wie der Erzähler, Cosimos jüngerer Bruder Biagio, schon zu Beginn des 2.Kapitels vermerkt: „Mio gratello stava come di vedetta. Guardava tutto“ (Mein Bruder befand sich gleichsam auf Wache und Aussicht. Er beobachtete alles.).[5] (Schulz-Buschhaus 1990:27)

Wie Buschhaus bemerkt, wird nicht nur Cosimos Engagement gegenüber sich selbst in der Baumwelt möglich, sondern auch das politische Engagement innerhalb der Gesellschaft. Dieser politische Aktionismus wird erst durch die Distanz ermöglicht. Es ist also keineswegs, wie zunächst vermutet, eine reine Flucht vor der Gesellschaft, sondern eine Art Partizipation. Brocher spricht von „aktivierender Fremde“:

„Die Romanfiguren gelangen aber, mit der erweiterten, abenteuerlichen Perspektive und mit der Distanz, die sie zum Alltag gewinnen, über die Entfremdung hinaus. Sie wandeln sie in eine Fremdheit um, die sich aktivierend auswirkt.“ (Brocher 1981:190)

An einer anderen Stelle schreibt Brocher treffend: „Distanz erzeugt Nähe“ (Brocher 1981:191).

Calvino selbst bezeichnet dieses Engagement als „Impegno“ und stellt die Frage, ob dieser Roman von „Impegno“ oder „Disimpegno“ handelt. Meiner Meinung nach, handelt es sich hierbei deutlich um ersteres. Der Rückzug in die Bäume ist, wie mehrfach bemerkt, keine Flucht vor dem gesamten gesellschaftlichen Geschehen, sondern ein Auseinandersetzten mit der Realität. Auch Calligaris sagt:

[...]


[1] Eversmann, Susanne: Poetik und Erzählstruktur in den Romanen Italo Calvinos – Zum Verhältnis literarischer Theorie und narrativer Praxis. Wilhelm Fink Verlag. München, 1979.

[2] Brocher, Sabine: Abenteuerliche Elemente im modernen Roman – Italo Calvino, Ernst Augustin, Luigi Malerba, Kurt Vonnegut und Ror Wolf. Hanser. München / Wien, 1981.

[3] Calligaris, Contardo: Italo Calvino. U.Mursia. Milano, 1973.

[4] Calvino, Italo: Il barone rampante. Oscar Mondadori. Milano, 1993.

[5] Schulz-Buschhaus, Ulrich: „Versöhnung mit dem Abenteuer. Zum erzählerischen Werk von Italo Calvino“ in: Gerhard Goebel-Schilling / Salvatore A. Sanna / Ulrich Schulz-Buschhaus (Hgs): Widerstehen – Anmerkungen zu Calvinos erzählerischem Werk. Materialis Verlag. Frankfurt a.M., 1990.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638050739
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91710
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Bedeutung Baumwelt Italo Calvinos Barone Calvino

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