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Die Seele der Tragödie - Über den 'mythos' in Aristoteles' Poetik

Hausarbeit 2007 20 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorhang auf!

Μυθος. Über einen Begriff und dessen Verwendung

Die Beschaffenheit des mythos in seinen unterschiedlichen Bedeutungszusammenhängen
Über die Größe des mythos. Oder: das Gesetz des Schönen
Der unteilbare mythos – die Teile des Ganzen
Der Charakter des Wunderbaren & des Leids. Die 3 tragischen Momente des mythos
Die Komposition des tragischen mythos [1454a 14]. Oder: ein Schlusswort

Literaturverzeichnis

Vorhang auf!

Langsam füllen sich die Ränge in Epidaurus. Nur noch wenige Minuten bis zum offiziellen Be­ginn der Tri­logie „Orestie“ von Aischylos. Die Menschen, die an diesem Abend in das Theater bei Athen strö­men, werden Zeugen einer einmaligen Inszenierung. Diese Aufführung sei „sicher­lich die mo­nu­men­tal­ste, bildmächtigste, ästhetisch und pathetisch opulenteste – die mit dem ent­schie­densten Zug zum Großen und Ganzen“ mit Bildern, „die nicht nur illustrieren und de­­mon­strie­ren, sondern erzählen“ – „am Ende eine regelrechte Show“, „so gewaltig und groß­for­matig“ und dazu „die dramatische, (...), sehr filmische Musik – das hat im Freilichttheater eine bom­ba­stische Wirkung“.[1] So sieht es zu­min­dest die Süddeutsche Zeitung.

Liegen auch fast 2500 Jahre zwischen der eigentlichen Uraufführung der „Orestie“ und der Neu­-In­ter­pre­tation des Schauspielhauses Frankfurt im Sommer des Jahres 2007 in Epidaurus, wäre sich die Süd­deutsche Zeitung mit ihrer Berichterstattung über dieses Ereignisses eines Kri­tikers sicher­lich ge­wiss: dem antiken Philosophen Aristoteles. Zumindest hätte ihn dieser Artikel nicht über­zeugen kön­nen, dass es sich bei der Aufführung um eine gelungene Tragödie han­delt. Denn diese käme nach Aris­­to­teles auch ohne die in der Süddeutschen Zeitung ge­prie­se­ne „bom­ba­stische Wirkung“ der Ins­ze­nie­rung aus. Und vielleicht hätten wir in der Süd­deut­schen Zeitung wenige Tage später einen Le­ser­brief vernehmen können, in dem Aristoteles Stel­lung bezieht: „Die Inszenierung vermag zwar die Zu­schauer zu ergreifen; sie ist jedoch das Kunst­loseste und hat am wenigsten etwas mit der Dichtkunst zu tun. Denn die Wirkung der Tra­gödie kommt auch ohne Aufführung und Schauspieler zustande.“[2]

So schrieb er es zumindest in seinem Werk „Über die Poetik“. In der POETIK des Aristoteles, die wohl nach 335 v. Chr. entstand, kön­nen wir erfahren, was er unter Dichtkunst versteht und wann eine Tra­gödie als eine ge­lun­gene Tragödie bezeichnet werden kann. Für Aristoteles ist die Tragödie Nach­ah­mung: eine spezifische Nach­­­ahmung von Handlungen und Le­bens­wirk­lich­keit. Hierbei darf selbst­ver­ständlich nicht daran gedacht werden, dass Aristoteles an eine zwin­gend original getreue Nach­ah­mung des natürlich Gegebenen denkt. Vielmehr muss be­rück­sichtigt werden, dass der Begriff der Nach­ahmung lediglich der Versuch einer Übersetzung des griechischen „μίμησις“ (mimesis) darstellt und wie VON RAUMER bemerkt im deutschen nur unzureichend mit „Nachahmung“ wiedergegeben wird „und der Sinn nicht selten besser ge­troffen wird, wenn man sagt: Gestaltung, Bildung, Werk, oder vielleicht am Besten, Dar­stel­lung.“[3] In diesem Sinne zeigt sich also die Tragödie für Aristoteles als schöpferische Nach­ah­mung oder eben als Darstellung. Und „daher sind die Geschehnisse und der My­thos das Ziel der Tragödie; das Ziel aber ist das Wichtigste von allem.“[4] „Das Fun­dament und ge­wis­­ser­maßen die Seele der Tragödie ist also der Mythos.“[5] Fast unbemerkt schleicht sich an dieser Stel­­le ein Begriff mit in die Diskussion ein, der so ohne weiteres in seiner Be­deutung nicht auf un­­mit­tel­bares Verständnis stößt: „der Mythos“.

Wir wollen daher im Folgenden der Frage nachgehen, was der „ mythos “ (μῦθος) für Aristoteles be­­­deu­tet und welchen Stellenwert er in der POETIK in Bezug auf die Tragödie einnimmt. Hierzu nähern wir uns anfänglich dem Begriff des mythos, was ihn bezeichnet und beschreibt, um im wei­teren ein Ver­ständnis von dem zu gewinnen, was der mythos fasst.

Wohl wissend, dass sich viele Aspekte der Dichtung, die Aristoteles anspricht, nicht nur auf die Tra­gö­die beziehen, sondern auf alle der Dichtung spezifischen Ausprägungen, wie z.B. auf den Epos oder auch die Komödie, werden wir uns im Folgenden auf die Tragödie konzentrieren.[6] Denn „die Teile sind teils bei Epos und Tragödie dieselben, teils Eigentümlichkeiten der Tra­gö­die. Daher vermag, wer eine gute von einer schlechten Tragödie unterscheiden kann, dasselbe auch bei den Epen. Denn was die Epik enthält, ist auch in der Tragödie vorhanden, doch was die Tra­gödie enthält, ist nicht alles in der Epik vorhanden.“[7] Demnach scheint uns in der Tra­gö­die der eigentliche Kern der Dichtung am deu­tlichsten zu Tage zu treten: die Seele - der sogenannte „ mythos “.

Falls nicht anders erwähnt, beziehen wir uns in dieser Abhandlung auf die Reclam-Übersetzung von Man­fred FUHRMANN.

Tübingen im Oktober 2007

Μυθος. Über einen Begriff und dessen Verwendung

Der Begriff des „ mythos “ nimmt ohne Frage eine gewisse Sonderstellung in der POETIK ein. So weist Aristoteles dem mythos gleich zu Beginn in den einleitenden Worten der POETIK eine be­­son­dere Rol­le zu, in dem er diesen explizit von den anderen Teilen der Dichtung abhebt. Dies wird vor allem da­durch sichtbar, wenn wir seine einführenden Worte des 1. Kapitels mit den Ausführungen des 6. Ka­pi­tels der POETIK in Beziehung setzen. In dem 6. Kapitel möchte Aris­toteles nämlich insgesamt 6 Teile der Tragödie unterscheidet wissen, die er auch als Ele­men­te des Tragischen bezeichnet. Als einen die­ser Teile zählt er u.a. den mythos.[8]

Mit dem Wissen, dass der mythos als eben ein Teil der Dichtung gilt, schauen wir uns an, wie Aris­­to­te­les seine Struktur der POETIK im ersten Kapitel erklärt: „Von der Dichtkunst selbst und ihren Gat­tun­­gen, welche Wirkungen eine jede hat und wie man die Handlungen zu­sam­men­fügen muß, wenn die Dich­tung gut sein soll, ferner aus wie vielen und was für Teilen eine Dich­tung besteht, [...] wollen wir hier handeln, [...].[9] Nach dem oben Gesagten würden wir zu­nächst den „ mythos “ als einen Teil der Dich­tung an­sehen und dessen Abhandlung eben dort suchen, in dem Aristoteles untersucht, „aus wie vielen und was für Teilen eine Dichtung be­steht“. Dies wird auch ohne Einschränkung geschehen. Be­mer­­kenswert erscheint hier nur, dass eben bereits im Vorfeld explizit vom „ mythos “ gesprochen wird: Denn für „Handlungen“ in der obigen Übersetzung von FUHRMANN steht in der griechischen Aus­gabe „ mythos “.

In diesem Sinne möchte Aristoteles also nach seinen Worten sowohl von der Dichtkunst selbst, von ihren Gattungen und ihren Wirkungen sowie eben von der Zusammenfügung des mythos sprechen, wie aber auch („ferner“) von den Teilen einer Dichtung, zu denen jedoch nach seinem Ver­ständnis eben­falls der mythos gehört. Dies erscheint auf den ersten Blick ver­wun­der­lich. Zu­min­dest fragt sich der Leser, warum Aristoteles mit seiner sonst sehr klar struk­turierenden, kein Wort zu viel an­setz­en­den, analytischen Art, in seiner Bestimmung der POETIK gleich zweimal den mythos behandelt wis­sen will. Dies sollte zumindest Anlass bieten, sich dem Verständnis des Begriffs „ mythos “ an­zu­nähern.

Nähmen wir ein Fremdwörterlexikon zur Hand und schlügen in eben diesem den Begriff „ mythos “ nach, erhielten wir eine Fülle von Informationen, die uns jedoch für ein besseres Ver­­stän­dnis der POETIK wenig dienlich wären. Der Begriff des „ mythos “ muss daher losgelöst von un­serem All­tags­ver­ständnisses eines Mythos im Sinne einer geheimnisvoll umwogenen Sage oder Ähnlichem ver­stan­den werden. Vielmehr müssen versuchen, den Begriff in seiner ur­­sprüng­lichen Bedeutung, will heißen alt­griechischen Bedeutung, zu fassen.

Im Altgriechischen können wir μῦθος (mythos) mit zwei Grundbedeutungen übersetzen[10]:

1. Rede, Wort, Erzählung, Nachricht, Gedanke
2. Gegenstand der Rede, Sache, Begebenheit, Geschichte, Hergang

Frank PREßLER lässt insgesamt zwei Grundbedeutungen für mythos erkennen: „Hand­lungs­or­ga­­ni­sa­tion“ und „Zusammensetzung der Geschehnisse“.[11] Und in der Übersetzung von FUHR­MANN finden wir des weiteren für μῦθος deutsche Ausdrücke wie „Hand­lun­gen“, „Handlung“, „Ge­schichte“, „Fa­bel“, oder auch einfach „Mythos“. Anhand der Tatsache, dass auch FUHR­MANN in der Reclam-Aus­ga­be der POETIK sich nicht auf eine Übersetzung fest­ge­legt hat, wird noch­mals deutlich, dass der Be­griff des μῦθος vielseitig verstanden werden muss und nicht le­dig­lich mit einem einzigen deutschen Aus­druck wiedergegeben und verstanden wer­den kann. Viel­mehr drängt sich die Vermutung auf, dass μῦθος in seiner Bedeutung nur im ge­­samten Text­verständnis erfasst werden kann und an un­ter­schied­lichen Textpassagen un­ter­schied­liche Be­deutungen annimmt.

Ich schreibe daher (anders als FUHRMANN) im Folgenden „ mythos “ klein und kursiv, um noch­mals zu ver­deutlichen, dass es sich hierbei um eine (noch näher zu bestimmenden) Vokabel han­­delt und eine bewusste Abgrenzung zum Mythos im Alltagsverständnis darzustellen.

Nach Aristoteles ist der μῦθος in der POETIK zunächst einmal „die Zusammensetzung der Ge­scheh­­nis­se“, eine Synthese der Handlungen: „σύνθεσις τῶν πραγμάτων“. Der Begriff „μῦθος“ um­schreibt so­mit eine noch näher auszuführende Zusammensetzung ein­zelner Handlungen (πράγματα) oder „Ge­schehnisse“ der Tragödie. So stellt es Aristoteles selbst in 1450a 5 da: „Ich verstehe hier unter My­thos die Zusammensetzung der Geschehnisse, (...).“

Johannes VAHLEN spricht in diesem Bedeutungszusammenhang des mythos von „Kom­po­sition“. Es las­sen sich durchaus unterschiedliche Textpassagen finden, aus denen deutlich wird, dass Ari­sto­te­les die σύνθεσις τῶν πραγμάτων sogar oft synonym für μῦθος setzt. Spricht Aris­toteles, wie in 1450a 14, im ersten Satz noch ausdrücklich von mythos, nutzt er nur einen Satz später, um den gleichen Sach­­verhalt zu bezeichnen, die synonyme Umschreibung „Zu­sam­menfügung der Geschehnisse“: „(...) je­des Stück (besteht) in gleicher Weise aus Ins­zenierung, Charakteren, Mythos, Sprache, Melodik und Er­kenntnisfähigkeit. Der wichtigste Teil (von diesen 6 – T.N.) ist die Zu­sam­men­fü­gung der Ge­scheh­nis­se.“[12] Diesem Verständnis von mythos folgt auch FUHRMANN in seiner Übersetzung der POETIK. Lässt sich beispielsweise im griechischen Originaltext in 1450a 32 erkennen, dass Aristoteles zwischen dem mythos und der Zusammenfügung von Handlungen eine Gleichartigkeit herstellen möch­te, in dem er zwischen den beiden Begriffen „μῦθος“ und „σύστασις τῶν πραγμάτων“ (Zu­sam­men­fügung von Handlungen) ein griechisches „καί“ (und) setzt, das i.d.R. Gleiches mit Gleichen ver­knüpft und das ein wesentlich stärkeres „und“ bezeichnet als in unserem all­täg­lichen Sprachgebrauch, spricht FUHRMANN hingegen in dieser Passage schon gar nicht mehr von einem „und“, son­dern da­von, dass die Tragödie „einen Mythos, d.h. (!) eine Zusammenfügung von Ge­scheh­nissen, enthält.“ Wir sehen also, dass auch für FUHRMANN die „Zusammenfügung von Ge­scheh­nissen“ die ei­gent­liche Bestimmung für den mythos zu sein scheint. „Unter Mythos ver­steht Aristoteles ein bestimmtes Ar­rangement solcher Geschehnisse, die Handlungsstruktur, die Fabel, den Plot.“[13]

[...]


[1] Dössel, Christine. Blutlache der Zivilisation. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 193 vom 23. August 2007. Seite 13

[2] [1450b 16]

[3] Von Raumer. (1831). S.118. Als weiterer Beleg kann der Tatbestand dienen, dass Aristoteles im Kapitel 14 davon spricht, dass es die Aufgabe des Dichters sei, sich an dem Gegebenen angemessen zu orientieren, aber eben auch zu erfinden („ἑυρίσκειν“ !)

[4] [1450a 22]

[5] [1450a 38]

[6] Obwohl in der Poetik nur die Theorie der Tragödie und der epischen Dichtung erhalten geblieben ist und wir somit keine spezielle Abhandlung zur Komödie mehr ausfindig machen können, weist beispielsweise Guido Frank Preßler in seiner Dissertation „Aristoteles und Aristophanes“ nach, dass sich allein über die Untersuchung des mythos in der Tragödie und des Epos klare Rückschlüsse auf die speziellen Elemente der Komödie ziehen lassen. (Preßler. 1999.)

[7] [1449b 16 – b 20]

[8] die 6 Teile einer Tragödie: 1. μῦθος , 2. ἦθος (Gesinnung/Charakter), 3. διάνοια (Denkvermögen), 4. μελοποιία (musikalische Gestaltung), 5. λέξις (sprachliche Gestaltung), 6. ὂψις (Inszenierung). siehe: [1450a 8]

[9] [1447a]

[10] entnommen aus: Menge-Güthling (1981).

[11] Preßler (1998). S.70

[12] siehe für weitere Belege auch: [1450a 22], [1450a 37], [1453b 22]

[13] Fuhrmann (2005). S. 110. Anmerkung 8.

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638050654
ISBN (Buch)
9783638945134
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91694
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophisches Seminar
Note
1
Schlagworte
Seele Tragödie Aristoteles Poetik mythos

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Titel: Die Seele der Tragödie - Über den 'mythos' in Aristoteles' Poetik