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Der Entwicklungsfall Südkorea

Seminararbeit 2008 44 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Entwicklungspolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichte
2.1 Rahmenbedingungen und Strukturen der Anfänge
2.2 Folgen der Fremdherrschaft und Fremdeinflüsse
2.2.1 Konfuzianismus
2.2.2 Japanisches Erbe
2.2.3 US-Besatzung und -Hilfe
2.2.4 Systemkonkurrenz mit dem Norden

3 Entwicklungsdiktatur
3.1 Das Militär als Entwicklungsvorantreiber
3.2 Die Rolle des Staates im Entwicklungsprozess
3.2.1 Importsubstitution (Rhees nationalistische Phase)
3.2.2 Exportorientierte Entwicklung (Parks und Chens diktatorische Phase)
3.2.3 “getting the prices right” versus” getting the prices wrong”
3.3 Die Chaebŏl
3.4 Repression
3.5 Erfolge
3.6 Kosten und Folgen der Entwicklung
3.6.1 Änderung der sozialen Verhältnisse
3.6.2 Umwelt

4 Südkorea als ein Vorzeigeland der Modernisierungstheorie
4.1 Die Modernisierungstheorie
4.2 Anwendung der Theorie auf Südkorea
4.3 Kritik an der Modernisierungstheorie im Bezug auf Südkorea

5 Was macht das Südkoreanische Modell aus?
5.1 Wichtige Komponenten des Erfolgs
5.2 Gesonderter Blick auf den Konfuzianismus
5.2.1 Konfuzianismus als Entwicklungsmotor
5.2.2 Konfuzianismus als Entwicklungshemmnis

6 Ist das südkoreanische Modell übertragbar bzw. wiederholbar?

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Vergleich der Import- und Exportquote 1962-1992

Abbildung 2 Die Entwicklung des Bruttosozialprodukts

Abbildung 3 Die Fertilitätsrate in Südkorea

Abbildung 4 Die Wochenarbeitsstunden im internationalen Vergleich

Abbildung 5 Der Anteil der urbanen Bevölkerung

Abbildung 6 Die Auslandsverschuldung Südkoreas

Zur Schreibweise koreanischer Namen

International ist es gebräuchlich, koreanische Namen nach dem Muster Familienname vor Vorname aufzuschreiben.

1 Einleitung

Sozialwissenschaftler benutzen viele Definitionen, um beispielsweise Länder zu kategorisieren. Die Republik Korea nannte man erst ‚newly industrialized country’ oder ‚Tigerstaat“ (als einen von vier ‚kleinen Tigern“ neben Hongkong, Taiwan und Singapur), dann ‚advanced economy’ und High Income Nation. Mit diesen Begriffen versucht man, der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung des Landes gerecht zu werden, die innerhalb weniger Jahrzehnte aus einem bettelarmen Land ein OECD-Mitglied gemacht hat.

Das kleine Land auf der südlichen Hälfte der koreanischen Halbinsel im Pazifik hat eine beispielslose Entwicklung vollzogen: Die Wachstumszahlen der Wirtschaft waren enorm und die Exportlastigkeit erstaunte die Wirtschaftwissenschaftler, die solche Prozentsätze bisher nur bei Ländern erlebt hatten, die sehr viel bevölkerungsärmer waren. Die Politikwissenschaftler mussten sich die Frage nach einem Zusammenhang zwischen autoritären Systemen und der Entwicklungsleistung neu stellen, da die Republik Korea (im Folgenden: Südkorea) den längsten Zeitraum seiner Geschichte – immer von wenigen Wochen der Liberalisierung unterbrochen – von Militärs regiert und gelenkt worden ist. Seit seiner Gründung hat das Land neun offizielle Präsidenten an der Spitze der Regierung stehen sehen und neun Verfassungsänderungen erleben müssen. Drei der Präsidenten der Anfangsjahre, in deren Regierungszeit Südkoreas Aufstieg von einem der ärmsten zu einem der reichen Ländern der Erde fällt, hatten sehr autokratische Züge an den Tag gelegt, weswegen man auch von drei Diktaturen sprechen kann.

In dieser Arbeit werde ich diese Entwicklung nachzeichnen und auf die Gründe und Eigenheiten des Entwicklungsprozesses Südkoreas eingehen. Zeitlich werden insbesondere die Jahre der diktatorischen Regime von der Gründung der Republik 1948 bis zu den ersten wirklich demokratischen Wahlen 1987 behandelt. Diese hier behandelte Zeitspanne umfasst – der Gepflogenheit folgend, Südkoreas Geschichte als eine Abfolge von Republiken anzusehen – die ersten fünf Republiken.

In Kapitel 3 dieser Arbeit wird die Struktur des Entwicklungsstaates Südkoreas aufgezeigt und sowohl auf die Erfolge als auch die Kosten der Entwicklung eingegangen. Das vierte Kapitel behandelt die Modernisierungstheorie und deren Anwendung auf Südkorea, und im fünften Kapitel werde ich erörtern, was denn nun das ‚Modell Südkorea’ ausmacht um dann im Anschluss der Frage nachzugehen, ob dieser Entwicklungsweg vielleicht ein Vorbild für Entwicklungsländer sein könnte.

2 Geschichte

2.1 Rahmenbedingungen und Strukturen der Anfänge

Die koreanische Halbinsel hat geographisch betrachtet eine besondere Position: Sie liegt zwischen – man könnte sagen eingeklemmt zwischen –den beiden großen Staaten China im Westen und Japan im Osten. Die Selbstbeschreibung als „Garnele zwischen Walen“ kommt also nicht von ungefähr.

Schon früh mussten sich die Koreaner gegen Besitzansprüche anderer Völker oder Nationen wehren. Im Laufe der Zeit mussten sie sich unter anderem von Mongolen befreien, sowie gegen China, Japan und Russland wehren.

Japan annektierte die koreanische Halbinsel 1910 mit dem Ziel, die Kolonie in ein großjapanisches Reich einzugliedern und in das eigene ökonomische System zu integrieren (vgl. Messner 1994: 170). Die Kolonialmacht etablierte ein sehr repressives politisches System; die Kolonie und die dort lebenden Menschen wurden in den nächsten Jahren zu Japans Vorteil ausgebeutet. Dazu wurde versucht, das koreanische Volk zu assimilieren (vgl. Lee 2005: 44f.). Auch vor Militärdienst, Zwangsarbeit und Zwangsprostitution waren die Koreaner ab dem Ende der 30er Jahre nicht sicher (vgl. Kim 1999: 191).

Trotz Protestbewegungen und Widerstand gegen die Kolonialmacht hielt die Fremdherrschaft bis zur Kapitulation Japans, die das Ende des Zweiten Weltkrieges markierte, an. Schon 1943 wurden auf der Konferenz von Kairo die gemeinsamen Kriegsziele der Alliierten in Ostasien ausgehandelt und auch über die Zukunft Koreas entschieden: Korea sollte zu „gegebener Zeit frei und unabhängig werden“ (Lee 2005: 46). Durch diesen Wortlaut wurde deutlich, dass auf den Krieg nicht die sofortige Unabhängigkeit der Halbinsel folgen sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Halbinsel vom Norden her von der Sowjetunion, vom Süden her von den USA besetzt. Die beiden Supermächte konnten sich auf keine gemeinsame Linie für die Zukunft des Landes einigen, weswegen der 38. Breitengrad, die bisher als vorläufig geltende Demarkationslinie, als Grenze festgelegt wurde; die USA initiierten im Mai 1948 Wahlen in Südkorea, im Juli wurde die Republik Korea ausgerufen. Wenig später, im September 1948, wurde im Nordteil der Halbinsel die Demokratische Volksrepublik Korea proklamiert.

Die Systemkonfrontation auf der kleinen Halbinsel entlud sich wenig später im Koreakrieg, in dem US-Amerikaner und UN-Truppen aufseiten Südkoreas und chinesische sowie sowjetische Truppen aufseiten Nordkoreas kämpften. In 3 Jahren forderte diese Auseinandersetzung über 4,5 Mio. Opfer, davon ca. 3 Mio. Zivilisten. Dieser Stellvertreterkrieg zementierte die Teilung der Halbinsel, die vorher für alle Beteiligten inakzeptabel war. Für die Republik Korea hatte dieser Krieg schwerwiegende Folgen. Die ohnehin nur im geringen Umfang vorhandene Industrie wurde größtenteils zerstört, die Flüchtlingsströme ließen die Bevölkerungzahl anwachsen und „sowohl im Norden als auch im Süden der Halbinsel verstärkte der Koreakrieg bestehende diktatorische Tendenzen“ (Köllner 2005: 287).

Zur Zeit seiner Gründung erfüllte das junge Land die meisten Merkmale für Unterentwicklung. Das Bruttosozialprodukt umgerechnet pro Kopf betrug 1953 nur 67 US-$, die Lebenserwartung war mit 47 Jahren (1955) niedrig (damit lag Südkorea im internationalen Vergleich gleichauf mit Simbabwe und den Philippinen[1] ), die Analphabetenquote lag bei 78% (Köllner: 1996: 489). Der primäre Sektor (die Landwirtschaft, Fischerei und Forstwesen) machte noch gut 45% der volkswirtschaftlichen Gesamtleistung aus (Eli 1979: 31), die Infrastruktur war schwach ausgebildet, ebenso der Industriesektor. Natürliche Ressourcen waren kaum vorhanden, Bergbau spielte kaum eine Rolle. Ein Drittel der bestehenden Leichtindustrieanlagen waren im Krieg zerstört worden (vgl. Lee 1993: 78). Als Vorteil verbuchen konnte Südkorea, dass es über eine ethnisch wie sprachlich äußerst homogene Bevölkerung verfügte (und auch heute noch verfügt).

2.2 Folgen der Fremdherrschaft und Fremdeinflüsse

2.2.1 Konfuzianismus

Wie in Kapitel 5.2 noch ausführlicher erläutert wird, spielt die konfuzianische Tradition bzw. die konfuzianische sozialethische Lehre, die ursprünglich aus China stammt, im Entwicklungsprozess und der Entwicklungsdynamik in Südkorea eine entscheidende Rolle. Diese Religion hielt während der Yi-Dynastie, die von 1392 bis 1910 andauerte, Einzug in die koreanische Gesellschaft (vgl. Schwarzacher 1988: 58ff). Die strikte hierarchische Gesellschaftsordnung hat im Konfuzianismus seinen Ursprung, ebenso wie die hohe Bildungsbereitschaft der Bevölkerung. Inwieweit konfuzianische Werte die Entwicklung beeinflusst haben, wird später in dieser Arbeit diskutiert.

2.2.2 Japanisches Erbe

Die japanische Kolonialherrschaft hat ebenfalls starke Spuren hinterlassen, die zum Teil positiver, zum Teil negativer Natur sind.

Da Japan die koreanische Halbinsel als billigen Industriestandort und „Zulieferökonomie für den eigenen industriellen Aufbau“ (Luther 1983: 120) nutzte, befand sich dort nach der Kolonialzeit ein gewisses Maß an Infrastruktur und Industriestrukturen (vgl. Metraux 1992: 139), wobei sich die meisten Industriekomplexe im Norden Koreas befanden. Die japanische Regierung investierte außerdem in Bildung und ins Gesundheitswesen (Ebd.), allerdings muss auch kritisch darauf verwiesen werden, dass das japanische Kolonialregime diese Investitionen nicht aus Altruismus tätigte, sondern das Bildungswesen zur Indoktrination der Gesellschaft nutzte, um Militärgeist und Disziplin einzuführen (vgl. Kern 2005a: 153). Bezeichnend ist auch, dass die koreanische Sprache und Schrift und sogar koreanische Namensgebung zeitweise verboten war. „Im Wesentlichen ging es darum, die koreanischen Schüler auf berufliche Tätigkeiten mit geringer Qualifikation vorzubereiten. Darüber hinaus sollten sie zu patriotischen Japanern erzogen werden“ (Kern 2005b: 117).

Nachteilig für Südkorea war, dass erstens der Großteil der Industriestrukturen im rohstoffreicheren Norden der Halbinsel lag, und das zweitens viel der vorhandenen Industrie im Korea-Krieg zerstört wurde. Dennoch besaß Südkorea nach 1945 gewisse Infrastrukturen, an die später angeknüpft werden konnte. Auch die Herangehensweise an ökonomische Entwicklungsprozesse, behördliche Strukturen und wirtschaftsplanerische Grundüberlegungen haben sich die Koreaner (bewusst oder unbewusst?) von den Japanern abgeguckt: „In some respects, South Koreans Patterns of development after the early 1960s closely followed the methodology introduced by the Japanese fifty years earlier – industrialization from above using a strong bureaucracy that formulated and implemented economic policies.” (Metraux 1992: 140). Dirk Messner bemerkt dazu: „Diese bruchlose Übernahme der Institutionen des alten Staatsapparates und seiner Funktionsweise durch die südkor. Regierungen nach der Befreiung von den Kolonialherren wurde prägend für die weitere Zukunft des Landes.“(2005: 175).

2.2.3 US-Besatzung und -Hilfe

Der südliche Teil Koreas wurde am 11. September 1945 durch die amerikanische Armee von der japanischen Kolonialmacht befreit und im gleichen Zuge wieder besetzt. Das Ziel der US-Amerikaner war es, Südkorea zum „Bollwerk gegen den Kommunismus“ aus- und einen westlich-demokratischen Staat aufzubauen. Bei der amerikanischen Zielsetzung hatte allerdings der der Antikommunismus Priorität vor der Demokratie, und somit vor dem Aufbau des westlich-demokratischen Systems (vgl. Hwang 1989. 98). Die amerikanische Militärregierung unterdrückte in den 3 Jahren, in denen sie die Regierungsgewalt innehatte, alle linken Kräfte und Gruppierungen im Land und förderte im Gegenzug konservative Kräfte (vgl. Hwang 1989: 99ff.). Linke Parteien und linkspolitische Zeitungen wurden zeitweise verboten.

Die US-Amerikanische Besatzung hatte vielfältige Auswirkungen auf die Entwicklung Südkoreas. Die Amerikaner waren gerade in den ersten Jahren Reforminitiatoren, Geldgeber und Sicherheitsspender. Sie unterstützten den ersten koreanischen Präsidenten, den Exilkoreaner Rhee Syng Man, insbesondere aufgrund dessen antikommunistischer Gesinnung und beeinflussten dadurch schon die ersten politischen Jahre enorm. Aber auch in den Jahren nach Rhee mischten die Amerikaner vor allen in Wirtschaftsfragen mit. Die 1950 durchgeführte Landreform beendete die Herrschaft der Agraroligarchie, brachte dem Staat über Steuern eine neue Finanzquelle ein und strukturierte die Bevölkerung insofern um, als dass es nun keine „klientelistischen Strukturen“ gab, welche einen negativen Einfluss auf die folgende Entwicklung gehabt hätten (vgl. Messner 1994: 176 f.). Der gestärkte Staat wurde durch diese Reform „zum Dreh- und Angelpunkt im Prozess der ökonomischen Modernisierung“ (Messner 1994: 176).

In den 50er Jahren blieb Südkorea abhängig von US-amerikanischer Finanzhilfe. Die USA waren an einer wirtschaftlichen Entwicklung des Landes interessiert, und sie finanzierten Korea in den 50er Jahren mit hohen Summen deren Investitionen in die Wirtschaft und Landwirtschaft. Zwischen 1945 und 1969 flossen ungefähr 300 Mrd. US-$ nach Südkorea (vgl. Luther 1981: 56); diese Summen stellten ungefähr die Hälfte des Staatshaushaltes dar. Neben finanzieller Unterstützung bestanden die Hilfeleistungen vor allem aus Getreide- und Lebensmittellieferungen; dies führte allerdings auch zu einer hohen Verschuldung der Landbevölkerung, da der Abnahmepreis für Agrarprodukte unter den Produktionspreis sank (vgl. Luther 1981: 48). Dies hatte insofern langfristige Folgen, als dass die später einsetzende Landflucht der Industrie die benötigten billigen Arbeitskräfte bescherte.

2.2.4 Systemkonkurrenz mit dem Norden

Die Konkurrenz zwischen Süd- und Nordkorea hatte sowohl soziale als auch politische und wirtschaftliche Folgen. Der Krieg, in dem Koreaner gegen Koreaner kämpften, zerstörte in erster Linie Familienstrukturen und soziale Bindungen, aber er führte auch zu einem Umdenken der Bevölkerung, was vor allen Dingen auf offizielle Propaganda der Regierungen zurückzuführen ist. Der Koreakrieg trug dazu bei, dass sich in Südkorea ein starker Staat weiterentwickeln konnte (vgl. Lee 1993: 78). Er führte zu einer Herausbildung eines Antikommunismus, der für die nächsten Jahre die Politik prägen sollte. Der Antikommunismus diente den jeweiligen politischen Regimen als Legitimationsstütze (vgl. Kim 2003: 78ff.) und wurde im Laufe der Jahre mehrmals zur Legitimation repressiver Maßnahmen herangezogen; so wurde beispielsweise im Nationalen Sicherheitsgesetz 1948 das Bestehen oder die Gründung „antistaatliche Organisationen (Artikel 3), deren Ermutigung oder Lob oder , auch nur deren Befürwortung (Artikel 7) unter Strafe gestellt (vgl. Amnesty International 2004). Dieses Gesetz wurde immer wieder genutzt, um (potentielle) Unruhestifter und Oppositionelle ruhig zu stellen.

Aber auch wirtschaftlich hatte die Konkurrenz mit und der Furcht vor dem Norden Auswirkungen: „Angesichts der permanenten Bedrohung durch den feindlichen Norden konnte das gesamte Volk mit der Formel ‚Wirtschaftliches Wachstum = nationale Sicherheit’ auf ökonomische Leistungsziele fixiert werden“ (Eli 1979: 157). So war es ein großer Ansporn für die Entscheidungsträger, dass sich die Nordkoreanische Volksrepublik aufgrund der schon vorhandenen Industriestrukturen und der finanziellen Unterstürzung seitens Chinas und der UdSSR in den Anfangsjahren schneller entwickelte als es Südkorea tat.

3 Entwicklungsdiktatur

Am 16. Mai 1961 betrat das Militär in Gestalt von Generalmajor Park Chung-Hee die politische Bühne Südkoreas. Das Militär putschte gegen die erst seit 1960 amtierende Regierung unter Präsident Yun Bo-seon. Als begünstigende Faktoren für den Militärputsch gelten die „Verrottung der politischen Moral“ unter Präsident Rhee, dessen Regierungszeit von Repression, Korruption und Wahlmanipulation gekennzeichnet war und „die Schwäche der zweiten Republik unter Chang Mion“ (Song 1992: 69 ff.).

Es sollten 30 Jahre Militärregierung folgen.

Am 17. Dezember 1963 ließ sich Park zum Präsidenten ausrufen. Der Optik halber quittierte er seinen Dienst beim Militär. Mit ihm verließen viele Offiziere das Militär, um Posten in der Administration, Politik oder Wirtschaft anzunehmen. Nach Außen hin war die Militärherrschaft demnach beendet.

Park entwickelte in seiner fast zwei Jahrzehnte währenden Regierungszeit einen konsequenten, harten Führungsstil. Zwar bekannte er sich offiziell zur Demokratie, „erklärte jedoch zugleich, dass diese nichts wert sei, wenn es keine wirtschaftliche Entwicklung gebe“. (Köllner 2005: 56). In der Ära der Vorgänger, Rhee Syng Man und Yun Bo-seon, hatte es kaum wirtschaftlichen Fortschritt gegeben; die Bevölkerung hoffte auf den neuen Präsidenten. Ziel war die Modernisierung des Landes von oben, eine vom Staat gelenkte ökonomische Entwicklung. „The Park administration decided that the central government must play the key role in economic development because no other South Korean institution had the capacity or resources to direct such drastic change in a short time. The resulting economic system incorporated elements of both state capitalism and free enterprise.” (Metraux 1992: 141).

3.1 Das Militär als Entwicklungsvorantreiber

Nicht wenige Wissenschaftler haben sich die Frage gestellt, warum die südkoreanische Führungselite die vorhandenen Kapazitäten für die Wirtschaftsentwicklung eingesetzt hat. Ein Erklärungsansatz wäre der, dass auf diesem Wege die Militärherrschaft vor der Bevölkerung legitimiert werden sollte (vgl. Köllner 1996: 488f.).

„Obwohl materieller Wohlstand natürlich nicht per se mit politischer Stabilität gleichzusetzen ist, tragen positive wirtschaftliche Grunddaten zweifelsohne zur Legitimation von autoritären Regimen bei, besonders dann, wenn die weltwirtschaftliche Lage schwierig ist. Solche materiellen Legitimationsversuche, die einer Bevölkerung Wirtschaftswachstum und Steigerung des materiellen Lebensstandards erbringen, sind noch erfolgreicher, wenn es den Herrschenden gelingt, die materielle Befriedigung der Bevölkerung in eine kausale Beziehung zu ihren politischen Handlungsprinzipien zu bringen und dadurch ein kollektives Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen.“ (Kim 2003: 90).

Um seinem Ziel, der ökonomischen Entwicklung der Nation, näher zu kommen strukturierte Park den Verwaltungsapparat um, entließ und stellte neu ein, und baute die Bürokratie in einem solchen Maße aus, in diesem Zusammenhang oft von einem „Bürokratischen Autoritarismus“ gesprochen wird. Viele Schaltstellen zwischen Politik und Wirtschaft wurden mit Experten besetzt, die Schaltstellen im politisch-administrativen Bereich übernahmen hingegen oft ehemalige Militärs. (vgl. Köllner 2005: 57).

Das ehrgeizige Wirtschaftsprogramm Parks begann mit der Umstellung von Importsubstitution – der Entwicklungsstrategie Rhees – auf Exportwirtschaft. Es wurde ein System der Fünfjahrespläne eingeführt. Diese wurden von der Wirtschaftsplanungsbehörde, dem Economic Planning Board, EPB, erstellt, die, 1961 gegründet, zu einer zentralen Verwaltungs- und Lenkungsinstitution wurde.

3.2 Die Rolle des Staates im Entwicklungsprozess

Der Hauptakteur im südkoreanischen Entwicklungsprozess war der Staat. So wird Südkorea auch als Entwicklungsstaat (developmental state) bezeichnet, ein Terminus, der von Chalmers Johnson zunächst auf Japan angewandt wurde, jedoch heute auch bezogen auf die Republik Korea, Taiwan und Singapur Verwendung findet. Der Entwicklungsstaat zeichnet sich dadurch aus, dass er dem Staatsziel der ökonomischen Entwicklung alle anderen Ziele unterordnet und die Lenkung des Marktgeschehens einer Bürokratie anvertraut. Dazu bemerkt Daniel Metraux erklärend:

„A government-led economic development policy during the 1960s was necessary because the less experienced and capital-poor private entrepreneurs lacked the wherewithal to develop several critical industries that were necessary to the nation’s economic growth.” (Metraux 1992: 149).

Dem südkoreanischen Staat kam nicht erst mit dem Beginn des Entwicklungsstaates unter Park, sondern schon von Anfang an eine große Rolle zu: (So) „läßt sich feststellen, daß infolge der Landreform und der soziostrukturellen Hinterlassenschaften der Kolonialherrschaft ein Machtvakuum in der südkor. Gesellschaft entstand, das die hohe Autonomie und Autorität des Staates gegenüber der Gesellschaft begründete.“ (Messner 1994: 177).

In der Park-Ära und darüber hinaus übte der Staat direkt und indirekt Einfluss auf das Wirtschaftsgeschehen aus. Direkt geschah dies über den Monopolbesitz im Bereich Telefon- und Postdienst, Ginseng- und Tabakherstellung, Kohlebergbau, Erdöl- und Stahlindustrie, und der chemischen Industrie, sowie im Bankenwesen und über Kapitalbeteiligungen (oft Mehrheitsbeteiligungen) an vielen Unternehmen (vgl. Eli 1979: 21). Da die großen Banken entweder staatlich oder staatlich kontrolliert waren, konnte die Regierung auch über Finanzströme wachen und diese lenken und somit Investitionsentscheidungen beeinflussen. Indirekten Einfluss gewann der Staat wiederum durch gewisse Planungs- und Kontrollinstrumente. Schlüsselpositionen waren mit loyalen Technokraten besetzt und Park übte persönlich Druck auf Entscheidungsträger aus. Außerdem war die die Wirtschaftsplanungsbehörde EPB unter anderem für die „Administration von Entwicklungshilfe, Krediten, Direktinvestitionen und Technologietransfer aus dem Ausland zuständig“ (Köllner 1996: 488). Auch so hatte der Staat Einfluss- und Steuerungsmöglichkeiten. Des Weiteren nutzte die Regierung Wechselkursbestimmungen und Währungsabwertungen, um ihre Ziele zu verfolgen (vgl. Menzel 1985: 98ff.).

Die Regierung passte ihre Pläne (alle 5 Jahre) immer den jeweiligen Weltmarktbedingungen an, vertraute das Marktgeschehen allerdings nicht ungelenkt den Marktgesetzen an.

3.2.1 Importsubstitution (Rhees nationalistische Phase)

Um den rasanten Aufstieg der südkoreanischen Wirtschaft nachvollziehen zu können, muss zunächst ein Blick auf die Jahre davor geworfen werden. Die Wirtschaftspolitik unter dem ersten südkoreanischen Präsidenten Rhee orientierte sich an dem Prinzip der Importsubstitution, ein Konzept, was auch andere unterentwickelte Staaten verfolgten.

„Da die US-amerikanische Korea-Politik im Rahmen des kalten Kriegs darauf zielte, ein antikommunistisches Bollwerk gegen Außen (Nordkorea, China und Sowjetunion) und gegen Innen (inländische Linke) in Südkorea einzurichten, musste die Importsubstitution der einfachen Konsumgüter mit dem Ziel der Befriedigung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung im Verlauf der 50er Jahre gesichert werden“ (Hwang 1989: 115).

Zwar wollte Rhee im Konkurrenzkampf mit Nordkorea mithalten und möglichst schnell Industrie aufbauen, doch stattdessen wurde in erster Linie die Landwirtschaft und die Leichtindustrie gefördert, und die Preise für Lebensmittel niedrig gehalten (Pascha 2005: 91). Die amerikanischen Planer sahen aufgrund des Rohstoffmangels keine Möglichkeit zur schnellen Industrialisierung, und durch die Förderung der arbeitsintensiven Leichtindustrie sollte die Arbeitslosigkeit bekämpft werden (vgl. Luther 1981: 57ff.).

Die einheimische Industrie wurde mit dem Ziel aufgebaut, das Land von wichtigen Gütern unabhängig zu machen – in den Anfangsjahren vorrangig Lebensmittel, Zement und Dünger. Die Konkurrenz von außen wurde durch Importbarrieren ferngehalten.

Diese Strategie war Südkorea nur möglich, da das junge Land erhebliche finanzielle Unterstützung von den USA erhalten hat. So konnten Importe bezahlt werden (vgl. Pascha 2005: 91f.) und Investitionen in die Wirtschaft finanziert werden.

Allerdings blieb die ökonomische Mißlage des Landes bestehen, der Lebensstandard und das BIP/Kopf änderten sich kaum. 1960 betrug das BIP pro Kopf immer noch lediglich 79 US-Dollar. In seiner ökonomischen Entwicklung lag das Land sogar hinter dem Systemkonkurrenten Nordkorea. Die wirtschaftliche Niederlage der Rhee-Regierung macht die Fokussierung des Park-Regimes auf die Wirtschaft verständlich: wirtschaftlicher Erfolg sollte den Regierungsstil legitimieren.

3.2.2 Exportorientierte Entwicklung (Parks und Chens diktatorische Phase)

Ende der 50er Jahre wurde deutlich, dass die Regierung nicht mehr länger an der Importsubstitutionsstrategie festhalten konnte. Südkorea wies ein erhebliches Leistungsbilanzdefizit auf (vgl. Messner 1994: 178), und die USA begannen ab 1957, die Wirtschaftshilfe zurückzufahren. Das Land hatte keine Möglichkeit, den Export an Rohstoffen oder Agrarprodukten zu steigern und den bestehenden Devisenmangel auszugleichen. So waren die Grenzen der Importsubstitution - die Entwicklungsstrategie Rhees - erreicht.

[...]


[1] vergleiche dazu die Rankings des Globalis Interactive World Atlas, eine Zusammenarbeit zwischen der Norwegian UN Association, dem UNEP/GRID-Arendal, der UNU/Global Virtual University, dem University College of Hedmark und den INTIS schools http://globalis.gvu.unu.edu/.

Details

Seiten
44
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638052153
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91650
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Schlagworte
Entwicklungsfall Südkorea Korea Entwicklung Entwicklungsland Entwicklungsdiktatur

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