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Abweichendes Verhalten im Tourismus. Warum sich Menschen auf Reisen anders verhalten als im Alltag

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 19 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

III Genderhinweis
1 Einleitung
2 Abweichendes Verhalten & Devianz
3 Reisemotive
4 Geld& Macht
5 Ursprung von abweichendem Verhalten im Tourismus
6 Unterdrückte und unbewusste Bedürfnisse
7 Fallbeispiele & Vermarktung von abweichendem Verhalten
8 Fazit

IV Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Generelle Urlaubsmotive der Deutschen 2015

Abbildung 2 : Unterdrückte Bedürfnisse

Abbildung 3 : Don’t be a tourist

III Genderhinweis

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der folgenden Arbeit die stets kürzere Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziertjedoch keine Benachteiligung eines anderen Geschlechts oder Genders, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

1 Einleitung

Die jährliche Urlaubsreise zeichnet sich durch zeitliche und räumliche Trennung von einem gewohnten Umfeld, dem Arbeitsplatz und der täglichen Routine aus. Sowohl die Tagesabläufe, als auch die typischen Normen und Werte sind außer Kraft gesetzt und der touristische Rahmen ermöglicht es, über einen befristeten Zeitraum eine andere Person zu sein. Dennoch beinhalten touristische Verhaltensweisen oftmals Aspekte, welche kritische Blicke der Einheimischen anziehen und so den Tourismus negativ konnotieren.

In der folgenden Arbeit wird betrachtet, nach welchen Kriterien eine Urlaubsdestination gewählt wird und aus welchen Gründen sich Reisende während ihres Aufenthaltes anders verhalten, als sie es in ihrem Alltag tun würden. Ebenso wird die Wahrnehmung von Touristen auf Bereiste und umgekehrt genauer betrachtet. Hierzu wird zunächst abweichendes Verhalten definiert, um anschließend dessen Ursachen genauer zu betrachten. Hierbei gilt es, über Reisemotive und deren Verbindung mit Geld und Macht deutlich zu machen, worin der Ursprung für bestimmte Verhaltensweisen des Menschen liegt. Analysiert wird abschließend, welche Bedürfnisse von Reisenden im Urlaub befriedigt werden und wie Destinationen damit werben, abweichendes Verhalten zu ermöglichen.

2 Abweichendes Verhalten & Devianz

Abweichendes, abnormes oder auch deviantes Verhalten wird eine Verhaltensweise genannt, welche von der üblichen Norm einer Gruppe abweicht. Bei Verhalten an sich, handelt es sich um „jenes Geschehen, das, an einem Organismus oder von einem Organismus ausgehend, außenseitig wahrnehmbar ist“ (Fassnacht, G 2000). Das Wort „Geschehen“ weist hierbei auf einen sich verändernden Sachverhalt hin, was den Unterschied zu einer Fähigkeit oder einer Eigenschaft ausmacht. Letztere können zwar teilweise Verhalten ermöglichen, sind allerdings langfristiger und verinnerlichter. „Organismus“ deutet auf etwas Lebendiges und Kurzfristiges hin, was von Außen sichtbar ist und grenzt also verinnerlichte Charakterzüge oder ähnliches ab. Verhaltenspsychologie behandelt eben diesen Teilbereich der Psychologie, „welcher sich mit der Beschreibung, Erklärung und Voraussage des menschlichen Verhaltens beschäftigt“ (Vogel, G 2018). Es wird dabei im tourismusbezogenen Kontext untersucht, von welcher Verhaltensweise auszugehen ist und welche tatsächlich in welcher Form eintritt.

„Devianz“ kommt aus dem französischen „dévier / deviance“ und bedeutet Abweichung. Dieses Attribut behandelt infolgedessen eine Verhaltensweise, welche von der normativ erwarteten oder erwartbaren abweicht. Bei dem Eintreffen einer Person in eine Gruppe wird, wenn auch unterbewusst, eine gewisse Verhaltensweise erwartet, deren Abweichung negativ konnotiert und abgewertet wird. Sowohl Devianz als auch Normalität sind jeweils durch soziale Prozesse und gesellschaftliche Normen und Werte bestimmt und bedingen sich gegenseitig. Welches Verhalten als normal angesehen wird, hängt demnach von der jeweiligen Gruppe oder Gesellschaft ab. Auch ob und bis zu welchem Grad Variationen akzeptiert werden, hängt von Kontext und gesellschaftlichem Konstrukt ab, ein gleiches Verhalten kann von einer Gruppe begrüßt oder normalisiert sein, während es von einer anderen abgestoßen und als negativ auffallend bezeichnet wird. In einem tourismusbezogenen Kontext ist bei derAnalyse des abweichenden Verhaltens sowohl die Mentalität des Individuums als auch die der Zielgesellschaft entscheidend. Um sein Verhalten möglichst normativ zu gestalten, ist hierbei eine Recherche über die spezifischen Normen und Werte der Destination sinnvoll, nach welchen sich im Verlauf der Reise gerichtet werden sollte.

3 Reisemotive

Da sich die Verhaltensweisen Reisender und deren Reisemotivation bedingen, gilt es zunächst, sich über diese klarzuwerden. Aus welchen Gründen verreisen Menschen? Jedoch stellt sich dies als schwieriges Unterfangen heraus, da die Motivforschung im Tourismus häufig unpräzise und kompliziert ist. Die Daten einer Reiseanalyse werden bei Reisenden meist per Fragebogen erhoben und ausgewertet, dadurch sind vorgegebene Antworten oft mehrfach zutreffend (Vgl. Braun, 1993, S20). Befindet sich beispielsweise die Antwortmöglichkeit „Sonne“ in einer solchen Umfrage, so werden nur wenige dies nicht als eine der möglichen Motivationen deklarieren und diese würde als die Hauptreisemotivation dargestellt werden (sichtbar an Abbildung 4).

Es ist allerdings auch bekannt, dass insbesondere bei Prestige- und Luxusreisen der demonstrative Erfahrungskonsum an höchster Stelle steht. Ähnlich der Lebensstilforschung in der Theorie der feinen Leute von Veblen (1899), in welcher Adel und reiche Menschen ihre Zeit und ihr Geld für nicht-essentielle Güter und Dienstleistungen verwirtschaftet haben. Während ärmere Bürger ihre gesamte Energie und finanzielle Mittel in ihr Überleben und das ihrer Familie gesteckt haben, tätigten „die Feinen“ demonstrative Käufe (Vgl. Schipper, L2014).

Diese beinhalten, sichtbar zu machen, dass sie es sich erlauben können, tote Sprachen oder Hausmusik zu lernen, oder ihre Zeit mit Mode zu verbringen. Diese Thematik ist auch heute noch ebenso aktuell, wenn es darum geht, Reiseziele bewusst aufgrund ihrer Exotik oder ihrer Berühmtheit zu wählen, nur um sich während des Reiseverlaufs darüber zu profilieren. Die Vor- und Nachbereitung einer Urlaubsreise wird im Rahmen von Gesprächen, als auch über soziale Medien so verbreitet, dass Freunde und Bekannte auch davon erfahren. Über das Internet ist nun auch eine direkte Berichterstattung noch während der Durchführung der Reise möglich, welche den Umfang einer Postkarte in Schrift und Bild weit übertrifft. Die gesamte Reise kann also komplett von externen Zuschauern mitverfolgt werden, welche es zu beeindrucken gilt.

„Man leistet sich heute Produkte der oberen Ebenen der Bedürfnishierarchie, welche früher nur privilegierten Schichten zugänglich waren. Gesellschaftliche Anerkennung, Dazugehören, Selbstfindung und Selbstverwirklichung stehen an oberster Stelle heutiger Aktivitäten. Den Rest kann sich sowieso jeder leisten. Und jeder - wer ist das schon. Jedenfalls nicht „wir“ - sondern stets „die anderen“. Die eigene Zugehörigkeit zu einer bestimmten - oftmals gewünschten - Gruppe wird klar definiert.“ (Brunnhuber, T 2014)

Der erleichterte Zugang zu aktuellen Urlaubsdestinationen durch neue, preiswerte Reisemöglichkeiten dank Übernachtungsplattformen wie AirBnb oder Billigfluggesellschaften wie Ryanair oder EasyJet, erfordert immer außergewöhnlichere Erlebnisse und Abenteuer und deren Berichterstattungen. Die Abgrenzung und Anerkennung von gewöhnlichen Urlaubern erfolgt durch das Publizieren von Beiträgen und Bildern, welche die Exklusivität der Destination bezeugen. Die Adressaten der Beiträge, seien sie dem Autor bekannt oder unbekannt, verfolgen anhand von Blogs und Posts jede Etappe auf dem Weg zur nächsten Reise und beginnen mit dem ersten Schritt zum eigenen Aufbruch: Tagträumen. Tagträumen und das Denken an eine Urlaubssituation ist als psychologische Flucht bereits der erste Schritt zur Urlaubsdurchführung, der physischen Flucht (Vgl. Braun, 1993, S20). „Der wichtigste Grund für Reisen kann in einem Wort zusammengefasst werden, „Flucht“ [...]“ (Johnson, R 1970 in Dann, G 1977). Das Fliehen vor dem Alltäglichem, vor der Routine, dem Bekannten, dem Gewöhnlichen ist vielleicht eines der wichtigsten Reisemotive. In einer Studie des ADAC mit 2497 Befragten im Jahre 2016, gaben über 60% an, dass „Ruhe finden“ und „den Alltag hinter sich lassen“ eines ihrer Urlaubsmotive war. Bei diesen Antworten ist allerdings wahrscheinlich, dass es sich um allgemeine Antworten handelt, und nicht um persönliche, innere Gefühle, wie man auch in der Grafik sehen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach : ADAC 2016, 2497 Befragte

Zur weiteren Definierung von Reisemotiven ist eine Einteilung dieser in Push- und Pull­Faktoren nützlich. Diese bezeichnen, ob der Ursprung der Urlaubsmotivation das Streben nach einer bestimmten Eigenschaft an der Zieldestination ist (Pull, zu Deutsch „ziehen“), oder der Reisende vor seinem gewohnten Umfeld flieht, quasi weggedrückt wird und sein Antrieb sowohl aus objektiven als auch subjektiven Bedürfnissen abhängt (Push, zu Deutsch „drücken“).

Gängige Pull-Faktoren sind zunächst die natürlichen Angebotselemente, kurzum die geographische Attraktivität einer Destination, welche logischerweise je nach Reiseart variiert (Berge/Strand). Als persönliches Pull-Element können Ego-Boost beziehungsweise Statusgewinn bezeichnet werden. Durch eine teure Urlaubsreise kann sich jede beliebige Person ein luxuriöses Image vor Ort aufbauen und sich mit wohlhabenden Menschen umgeben. Dieser meist kurzzeitige Wohlstand löst in den Reisenden ein Gefühl der Superiorität sowohl gegenüber bereits bekannter Personen in der Heimat, als auch gegenüber Einheimischen aus. Dadurch, dass der gewöhnliche soziale Status unbekannt ist, kann an der Zieldestination eine andere Identität als die Alltägliche angenommen werden. Als Pushfaktor bezeichnet Flucht am stärksten das Isolationsgefühl des Alltags zu bezwingen, von allem wegzukommen, Auszeit von der Arbeit sowie Ruhe und Erholung. Die touristische Infrastruktur einer Destination gewinnt an Attraktivität, wenn die Möglichkeit besteht, diese Bedürfnisse auszuleben.

Eine Urlaubsreise profitiert durch ihre zeitliche Einmaligkeit und die örtliche Abgelegenheit der Destination von dem außer Kraft Setzen der heimischen Normen und Werte (Vgl. Adam, F 2012). Das Urlaubsgefühl entsteht dann durch das Gefühl von Freiheit, Unverbindlichkeit und eben der Flucht vor dem Alltag, dem Gefühl nichts tun müssen.

4 Geld & Macht

Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass das verfügbare Einkommen selbstverständlich eine maßgebliche Rolle in der Wahl der Reisedestination, der Anreise und der Unterkunft spielt. Finanzielle Mittel werden von vielen Menschen mit beruflichem Erfolg, Kaufkraft, Freiheit und Macht in Verbindung gebracht, weswegen Geld als Quelle der Macht gesehen wird (Vgl. Li, T & Chen, Y 2017). Verschiedene Forscher haben sich bereits damit beschäftigt, wie Macht das Verhalten Einzelner beeinflusst. Mehr Macht führe dazu, dass sich Menschen unmoralischer verhalten, da sie es sich aus ihrer Position heraus erlauben können (Vgl. Galinski, A.D., Lammers, J & Stapel, D 2010). Touristen verhalten sich eher abweichend, wenn sie das Gefühl der erhöhten Macht verspüren. Die Wahrnehmung dieser Macht ermöglicht die Befriedigung ihres Bedürfnisses nach Eitelkeit (Vgl. Li, T & Chen, Y 2017). Urlauber, die auf ihren Reisen teilweise viel Geld gezahlt haben, gibt dieses Wissen das Gefühl des freien Handelns auf dieser Reise. Als Quelle für eine größere Auswahl an Möglichkeiten in punkto Hotel, teurere Klasse bei Bahn und / oder Flugzeug, Wahl der Airline oder Ähnlichem und mehr Ressourcen auf materieller Ebene, gilt Geld auch als Quelle für Superioritätsgefühl gegenüber anderen Urlaubern. Durch höhere finanzielle Möglichkeiten spielen die eigenen Bedürfnisse eine höhere Rolle, als die der anderen, wohingegen Menschen mit weniger Geld eher dazu neigen, sich schwach zu fühlen (Vgl. Furnham, A, Telford, K & Wilson, E 2012).

Höhere finanzielle Ausgaben gelten als Faktor, der das Erlangen eines selbstsichereren Auftretens auslöst (Vgl. Zhou, X et AI. 2009). Während hierzulande finanzielle Mittel als Symbol für Status und Erfolg angesehen werden (Vgl. Ng, H et al. 2011), gelten sie auf Reisen als eine Quelle für negatives Verhalten (Vgl. Lease et al. 2002).

5 Ursprung von abweichendem Verhalten im Tourismus

Dadurch, dass nicht jede Person, welche Geld auf Reisen ausgegeben hat, abweichendes Verhalten an den Tag legt, muss der eigentliche Ursprung dafür anderen Faktoren geschuldet sein. Die Darstellung von unterbewussten Bedürfnissen in gesellschaftlich akzeptierten, also normativen, Aktivitäten oder in deviantem Verhalten involvieren verschiedene Arten von Abwehrmechanismen, welche im Folgenden erklärt werden. Abwehrmechanismen sind psychologische Konstrukte, welche unterbewusst die Person schützen sollen, hierbei ist zwischen adaptiven und verzerrenden Abwehrmechanismen zu unterscheiden.

Der Gebrauch von adaptiven Abwehrmechanismen wie Sublimierung und Altruismus, kann dazu beitragen, die Beteiligung in normativen touristischen Aktivitäten zu erklären (Vgl. Uriely, N; Ram Y & Malach-Pines, A 2011, S105). Bei ersterer handelt es sich im Allgemeinen um die Transformierung von, als negativ angesehenen Emotionen oder Instinkten in positive Handlungen, Verhalten oder Emotionen. Einfacher ausgedrückt könnte man sagen, dass Individuen bestimmte Wünsche, Instinkte oder Triebe in ihrem Alltag nicht erfüllen können, da sie beispielsweise als unangemessen gelten. Diese nicht erfüllten Triebwünsche werden dann durch Alternativhandlungen ersetzt, welche in der Gesellschaft als normativ gelten, wodurch diese Triebe letztendlich doch Befriedigung finden. Ein Beispiel dafür ist Aggression. Diese Emotion wird in ihrer puren Form gesellschaftlich als unangemessen betrachtet, wodurch körperliche Gewalt gegenüber einer fremden Person in jedem Fall als deviant angesehen werden würde. Um das Aggressionsbedürfnis dennoch zu befriedigen, besteht die akzeptierte Möglichkeit, beispielsweise Kampfsport auszuüben oder, auf den Tourismus bezogen, Extremsportreisen zu unternehmen (Vgl. Spektrum AkademischerVerlag, 2000).

Als Altruismus wird das Gegenteil von Egoismus bezeichnet, also völlige Selbstlosigkeit des Handelns ohne einen eigenen Nutzen. Der eigentlich positive Begriff ist allerdings umstritten und stark negativ konnotiert, da in der Regel niemand ganz uneigennützig handelt, auch wenn eine Person selbst davon ausgeht oder denkt es zu tun. Das Gefühl, jemandem geholfen zu haben, wird oftmals verwendet, um ein schlechtes Gewissen zu beruhigen und dadurch zu eigener Zufriedenheit zu finden (Vgl. Merkle, R 2018). Im Tourismus wird Altruismus in einer besonderen Form ausgeübt, als Voluntourism bezeichnet man die Kombination aus Reisen und Volunteering, also Freiwilligenarbeit für einen guten Zweck. Die Reisenden nutzen diesen Vorwand um zu reisen, und das Gefühl zu haben, etwas zum Guten geändertzu haben.

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Details

Seiten
19
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346235046
ISBN (Buch)
9783346235053
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v915609
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes – Fakultät Wirtschaftswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Devianz deviantes Verhalten Abweichendes Verhalten Verhaltensforschung Reise tourismus tourist Soziologie Bedürfnisse

Autor

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