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Gewalt in ausgewählten Schriften von Louise Otto-Peters, Hedwig Dohm und Helene Lange

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 10 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Gewalt in ausgewählten Schriften von Louise Otto-Peters, Hedwig Dohm und Helene Lange

„Und wenn aber wieder ein paar Jahrhunderte um sein werden, wird es wieder andere deutsche Frauen geben, welche gutmütig lächeln werden über unsere heutigen Reformbestrebungen und sich nicht werden denken können, daß dergleichen jemals nötig gewesen , noch weniger begreifend, wie viele Kämpfe, wie viele Verketzerungen und Mißdeutungen sie uns gekostet haben!“

- Louise Otto -

Einleitung

Die Schriften von Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts in Deutschland zeugen vielfach von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Geschlechteridealen. Sie gehen über die bloße Kritik der meist von Männern normierten Rollenzuordnungen und über die Beschreibung der realen Zustände hinaus. Eigene Entwürfe der Geschlechterverhältnisse werden formuliert und Emanzipationsforderungen daraus abgeleitet. Knapp zusammengefasst sind das die Erkenntnisse, die ich bei der Untersuchung dreier Texte[1] der bürgerlichen Frauenbewegung im Rahmen einer Hausarbeit an der TU Dresden erlangt habe.[2]

Louise Otto, Hedwig Dohm und Helene Lange als Vertreterinnen verschiedener Vereine, Richtungen und Zeitpunkten der bürgerlichen Frauenbewegung sind die Autorinnen der Quellen, aus denen ich viele Aspekte wie Bildung, Arbeit, Wahlrecht, Ehe und Familie im Zusammenhang mit den Geschlechterverhältnissen als Themen identifizieren konnte. Beim Wiederlesen meiner Arbeit in Vorbereitung den Louise-Otto-Peters-Tag Thema Gewalt, wurde mir gewahr, dass Gewalt darin keine Berücksichtigung gefunden hatte. Entweder hatte ich diesen Aspekt der Unterdrückung der Frau bei der ersten Untersuchung nicht berücksichtigt, weil ich mich zu sehr auf allgemeine Aussagen zum Geschlechterverhältnis konzentrierte, oder Gewalt war gar kein Thema in den Schriften. Letztere Vermutung schien mir beim Nachsinnen immer unwahrscheinlicher, je mehr ich mich mit dem Begriff Gewalt auseinandersetze. Gewalt verstehe ich als Ausübung physischen und psychischen Zwanges zur Durchsetzung von Herrschaft über Personen. Somit ließe sich weiterdenken, dass auch die Aufrechterhaltung von Herrschaft Gewalt benötigt, Gewalt also reproduziert wird. Versteht man nun das System der Geschlechter als Herrschaftsverhältnis von Männern über Frauen, muss Gewalt in die Analyse von Schriften über das Geschlechterverhältnis notwendiger Weise Eingang finden.

Beim Wiederlesen der Schriften von Otto, Lange und Dohm galt es also nach Ausprägungen physischer und psychischer Gewalt Ausschau zu halten. Dabei darf nicht nur der Begriff Gewalt Kriterium sein, sondern auch damit assoziierte Ausprägungen, etwa Zwang, Folter, Knechtschaft, Beschränkung usw. Gleiches gilt auch für möglicherweise vorhandene Metaphern und sonstige versteckte Hinweise auf Gewalt. Nachfolgend liegt Hauptaugenmerk darauf, in welchen Zusammenhängen von Gewalt gesprochen und wie Gewalt sprachlich dargestellt wird. Zudem ist von Belang, ob Maßnahmen gegen Gewalt angedacht werden.

Gewalt in Louise Ottos „Das Recht der Frauen auf Erwerb“

Ausgangspunkt von Louise Ottos Überlegungen in „Das Recht der Frauen auf Erwerb“ ist das zeitgenössische Ideal der Frau als Gattin und Mutter. Jenes vermeintliche Idyll, dass sich dem jungen Mädchen in Ehe und Mutterschaft eröffnen soll, entlarvt sie, sofern nicht echte Liebe im Spiel sei, als Opfertum. Not zwinge Familien ihre als Last betrachteten Töchter in die Ehe zu geben. Weil sie nichts anderes gelernt habe, als ihrem Seinszweck als Gattin und Mutter zu dienen, füge sich die Tochter ihrem Schicksal. Otto sieht die junge Frau gleichsam als Geopferte und sich Opfernde. Hieraus spricht eine durch Erziehung erzeugte Unterwerfungsbereitschaft. Da der Wille zu Ehe nur Zwang ist, ist die Opferbereitschaft für Otto jedoch nichts als Heuchelei, die auch dem Mann schade.[3] Der eigentliche Unwille zur Ehe, das Unglück der Braut vergleicht Otto drastisch mit Folter.[4] Vergleichend zieht Otto auch die Prostitution heran Eine unglückliche Ehefrau, die ihren Mann nicht liebt, bezeichnet sie als verkaufte Dirne, die daran nur zugrunde gehen könne.[5]

[...]


[1] Die Quellenauswahl erfolgte auf Basis ihrer Zugänglichkeit. Sie stellen jeweils einen Ausschnitt aus dem publizistischen Schaffen der Autorinnen wieder und bilden Grundlinien ihres Denkens, nicht aber ein umfassendes Bild dessen. Insbesondere dadurch, dass Schriften aus jeweils einem Jahr ausgewählt worden sind, kann keine Entwicklung oder Veränderung des Denkens der Autorinnen nachgezeichnet werden. Vgl. Otto, Louise: Das Recht der Frauen auf Erwerb, hrsg, im Auftr. der Louise-Otto-Peters-Gesellschaft von Astrid Franzke, Johanna Ludwig und Gisela Notz, Leipzig 1997 (in Folgenden Otto: Recht.); Vgl. Dohm, Hedwig: Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frau, Berlin 1876, Reprint: Neunkirch 1986, Vorwort von Berta Rahm (im Folgenden Dohm: Natur.); Vgl. Lange, Helene: Intellektuelle Grenzlinien zwischen Mann und Frau, in: Dauzenroth, Erich (Hg.): Frauenbewegung und Frauenbildung, Bad Heilbrunn 1964, S. 7-20 (im Folgenden Lange: Grenzlinien.).

[2] Vgl. Bechler, Ramona: Die deutsche bürgerliche Frauenbewegung und das Geschlechterverhältnis im 19. Jahrhundert. Eine Skizze, Dresden 2005 (unveröffentlichte Hausarbeit). An dieser Stelle danke ich Frau Prof. Dr. Susanne Schötz für die Möglichkeit, auf der Grundlage dieser Arbeit einen Vortrag zum Thema Gewalt in den Schiften von Otto, Dohm und Lange auf dem Louise-Otto-Peters-Tag 2006 halten zu können.

[3] Vgl. Otto: Recht, S. 23.

[4] Vgl. Ebd., S. 24.

[5] Vgl. Ebd., S. 25.

Details

Seiten
10
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638046411
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91516
Schlagworte
Gewalt Schriften Louise Otto-Peters Hedwig Dohm Helene Lange Frauenbewegung

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Titel: Gewalt in ausgewählten Schriften von Louise Otto-Peters, Hedwig Dohm und Helene Lange