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Fernsehen in der DDR und die Flucht über Ungarn 1989

Seminararbeit 2008 10 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Fernsehen in der DDR

Abwanderung der Zuschauer

Das Fernsehen der DDR und die Fluchtbewegung

Westfernsehen und Republikflucht

Beurteilung der Westmedien

Fazit

Literatur

Einleitung

Die Fluchtbewegung von DDR-Bürgern 1989 über Ungarn in den Westen wurde von Seiten der Ostmedien häufig der Westpropaganda zugeschrieben. Dieser Vorwurf assoziiert die weite Verbreitung von Westmedien und deren Nutzung im eigenen Staat und zeigt, dass man dieser Situation einen bestimmten Einfluss auf das Handeln der eigenen Bevölkerung zusprach. Nach der deutsch-deutschen Revolution 1990 hoben die bundesdeutschen Medien ihren Beitrag für die Fluchtbewegung und den Fall der Mauer hervor. Ihnen war ebenfalls bewusst, dass politisches Handeln von Information beeinflusst wird. Selbst wenn beide Seiten Recht hatten, so war die Situation durchaus komplexer. Um dies zu betrachten müssen Fragen nach den Beziehungen der Medien zu den Ereignissen 1989 und ihrem Einfluss auf die Ostdeutschen gestellt werden. Wie standen ost- und westdeutsche Medien, besonders das Fernsehen, zueinander und zum System der DDR, welche Funktionen erfüllten sie, wie standen die Zuschauer zu ihnen und wie berichteten sie?

Im Folgenden sollen diese Fragen anhand der Ereignisse in Ungarn 1989 beantwortet werden. Diese finden in der Fachliteratur im Vergleich zu den Fluchtbewegungen über die Botschaften zwar nur kurz Erwähnung, stellten jedoch aufgrund ihrer Bedeutung für die ostdeutsche Hoffnung und zahlenmäßige Größe eine einmalige Chance der Geschichte dar. Die Tragweite der Ereignisse wurde dagegen zunächst von allen Beteiligten unterschätzt. Zum Verstehen der Berichterstattung und deren Wirkung auf die ostdeutsche Bevölkerung ist eine getrennte Betrachtung von ost- und westdeutschen Medien, ihrer Verbreitung und Nutzung in der DDR und die unterschiedliche Herangehensweise an die Ereignisse 1989 in Ungarn und den anderen sozialistischen Ländern nötig. Es zeigt sich, dass diese Berichterstattung Einfluss auf die Menschen und die Fluchtbewegung hatte. Doch selbst wenn die Revolution von den westlichen Medien beschleunigt wurde, kann und muss ihre Rolle auch kritisch betrachtet werden.

Fernsehen in der DDR

Das Besondere an neuen, elektronischen Medien ist, dass sie sich nicht durch Grenzen aufhalten lassen. Daher war in der DDR eine einzigartige Medienkonstellation möglich. Versuche das Westfernsehen technisch zu unterbinden, wurden mit den 70er Jahren aufgegeben und deren Empfang, entgegen dem Glauben vieler Ostdeutschen heute, offiziell toleriert. Im deutsch-deutschen Fall waren auch keine kulturellen und sprachlichen Hindernisse vorhanden und so war bereits vor 1990 „Deutschland einig Fernsehland“.[1][2] Nach statistischen Erhebungen an ostdeutschen Flüchtlingen verfügten 95% der DDR-Bürger über einen meist guten Empfang des Westfernsehens. Damit verlor die Staatsführung das praktische wie auch das theoretische Informationsmonopol.[3] Das eigene Fernsehprogramm stand in direkter Konkurrenz mit dem Westfernsehen wie die bundesdeutschen Sender um ARD und ZDF, sowie einige Private bezeichnet wurden.[4] Diese wurden allgemein häufiger eingeschaltet, als das Ostfernsehen. Nur im so genannten Tal der Ahnungslosen war der Fernsehempfang nicht möglich, konnte jedoch teilweise durch den westdeutschen Hörfunk kompensiert werden. Westzeitungen befriedigten dagegen das ostdeutsche Informationsbedürfnis aufgrund der schlechten Verfügbarkeit sehr selten.[5]

Das Fernsehen der DDR[6] war seit 1968 dem Staatlichen Komitee für Fernsehen beim Ministerrat unterstellt und wurde von der ZK-Abteilung für Agitation und Propaganda kontrolliert. Damit kann es institutionell als Staats- wie auch als Parteifernsehen bezeichnet werden. Der Grund für die strenge Kontrolle lag im Prager Frühling in der ČSR, wo das Fernsehen frei die neuen Ideen verbreitete. Die Aufgabe des neuen Mediums bestand in der DDR darin, „die Vorzüge einer sozialistischen Entwicklung herauszustellen“ und damit Identität und Kultur zu schaffen. Auf den zwei bestehenden Programmen[7] wurden Mitte der 80er Jahre wöchentlich 160 Stunden gesendet. Dabei verringerte sich im Laufe der Zeit die Anzahl der Informationssendungen zu Gunsten von Unterhaltungssendungen, um auf das attraktive Angebot der Westsender zu reagieren.[8]

Abwanderung der Zuschauer

Die Wünsche der DDR-Zuschauer in Bezug auf das Fernsehen bestanden in der qualitativ hochwertigen und objektiven Information über Ereignisse und Probleme, ohne dass die Lösungsvorschläge gleich mitgeliefert werden sollten. Sie wollten als emanzipierte und selbstdenkende Zuschauer wahrgenommen werden. Eine Programmreform 1982 lieferte zwar mehr Unterhaltung nach dem Prinzip „Mehr Filme, mehr Zuschauer“[9], jedoch keinesfalls Änderungen in der politischen Bildung, Ausrichtung und Tiefe. So konnte das Ostfernsehen die eigene Bevölkerung weiterhin nicht für sich gewinnen.[10] Dies traf besonders auf die politischen Informationssendungen zu. Das Nachrichtenformat Aktuelle Kamera (AK) wurde nur von einem sehr geringen Teil der Zuschauer eingeschaltet, während sich der Rest im Westen informierte.[11]

Das Jahr 1989 begann wie jedes andere, wurde politisch jedoch zunehmend eindringlicher. Die eigene Politik und Ideologie wurden etwas stärker hervorgehoben und die BRD offener und direkter diffamiert. „Die realsozialistische Wirklichkeit war 1989 eine andere, und der Widerspruch zwischen Fernseh-DDR und gesellschaftlichem Alltag wurde mit jedem Monat größer.“[12] Die fehlende Berichterstattung über die Reformen in anderen sozialistischen Ländern und die Nicht- bzw. Desinformation über die Ausreisewelle bedingten einen zusätzlichen Glaubwürdigkeitsverlust. Die Einschaltquoten der AK lagen in den Monaten bis zum Oktober 1989 bei durchschnittlichen 9,5 Prozent bei gleichzeitig schlechter Benotung der Sendung durch die Zuschauer.[13]

Was ihnen im ostdeutschen Fernsehen fehlte, suchten die DDR-Bürger in der bundesdeutschen Konkurrenz. Besonders wichtig war ihnen am Westfernsehen die Meinungsvielfalt und Offenheit (56%), gefolgt von der Qualität der Sendungen (42%) und dem Abwechslungsreichtum (20%). Überraschend abgeschlagen lag die Qualität der Information (18%).[14]

Die Beziehung zwischen den Ostdeutschen und dem Westfernsehen zeigt sich anhand der fast anekdotischen Behauptung, die Menschen im Tal der Ahnungslosen, den Räumen um Dresden und Greifswald, seien am unzufriedensten. Ein Zeichen dafür sei die hohe Anzahl der Ausreiseanträge besonders in Dresden. Michael Meyen geht davon aus, dass das Westfernsehen zur Bewältigung des Alltags diente und damit zur allgemeinen Zufriedenheit beitrug. Wer es, wie die Bewohner von Dresden, nicht hatte, der war demzufolge allgemein unzufriedener. Dagegen setzt sich Kurt R. Hesse mit der Argumentation auseinander, dass die Ausreiseanträge in Dresden nicht etwa höher, sondern die im restlichen Teil der Republik niedriger waren, da man dort die Probleme der westdeutschen Realität aus dem Fernsehen kannte und daher nicht in die BRD ausreisen wollte. Zwar widerlegt er diese Interpretation, jedoch kann eine gewisse Systemstabilisierung durch die Westmedien durchaus angenommen werden.[15]

[...]


[1] Man beachte die sprachliche Nähe von Fernsehen in der DDR als Zusammenfassung des Fernsehens (ganz gleich ob ost- oder westdeutsch) in Ostdeutschland und Fernsehen der DDR als die Bezeichnung der staatlichen Fernsehsender aus Berlin Adlershof. Im Text wird letztere kursiv dargestellt, falls nicht in Zitaten verwendet.

[2] Bezeichnung nach Ludes, Peter (Hg.): DDR-Fernsehen intern. Von der Honecker-Ära bis „Deutschland einig Fernsehland“. Berlin 1990. Vgl. Hesse 1990: S. 331.

[3] Vgl. Brücher 2000: S. 7; Zur Aufnahme des Westangebotes im Osten vgl. Brücher 2000: S. 25f. und die statistischen Erhebungen von Hesse 1988: S. 41, 68.

[4] Technisch, finanziell wie auch politisch war es nicht möglich, den Empfang westlicher Sender zu unterbinden. Der Versuch, eine eigene Sendeart zu verwenden scheiterte, weil sich west- und ostdeutsche Sender damit so störten, dass kein Empfang möglich war. Die Folge war die schnelle Verbreitung und höhere Qualität des Fernsehens in der DDR, um dem Westfernsehen nicht kampflos das Feld zu überlassen. Vgl. Meyen 2003: S. 50-56.

[5] Vgl. Wolff 2002: S. 123, 126. Hesse 1988: S. 73f.

[6] Bis 1971 hieß es Deutscher Fernsehfunk (DFF). Wolff 2002: S. 113.

[7] Das Zweite Programm führte dabei ein Nischendasein, weil es eine geringere Reichweite hatte und alles, was wichtig war, im ersten Programm gesendet wurde. Wolff 2002: S. 117f.

[8] Zur Geschichte des DDR-Fernsehens bis 1985: Wolff 2002: S. 113-148 (Kapitel 5).

[9] Wolff 2002: S. 131.

[10] Vgl. Wolff 2002: S. 128-131.

[11] Generell machte Unterhaltung bis zum Herbst 1989 den Großteil des Fernsehkonsums der Ost-Bürger aus. Ausführlicher hierzu Brücher 2000: S. 51-54.

[12] Wolff 2002: S. 189.

[13] Vgl. Wolff 2002: S. 147.

[14] Antworten aus einer standardisierten Befragung von Kurt R. Hesse 1988 in einem Notaufnahmelager für DDR-Bürger in Gießen auf die Frage, was ihnen am Westfernsehen gut gefallen hat. Hesse 1988: S. 67.

[15] Vgl. Meyen 2003 97f.; Hesse 1990: S. 333-336.

Details

Seiten
10
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638056564
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91436
Institution / Hochschule
Andrássy Gyula Budapesti Német Nyelvü Egyetem – Fakultät für Mitteleuropäische Studien
Note
1,0
Schlagworte
Fernsehen Flucht Ungarn Grenzöffnung DDR-Exodus Ungarn September

Autor

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Titel: Fernsehen in der DDR und die Flucht über Ungarn 1989