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Das Konzept der Mädchenerziehung bei François de Salignac de La Mothe-Fénelon

Bachelorarbeit 2007 98 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

INHALT

EINLEITUNG

1. VORSTELLUNG DES BUCHES IN CHRONOLOGISCHER UND SYSTEMATISCHER ORDNUNG
1.1 Bearbeitung der vielfältigen Übersetzungen der Kapitelüberschriften F. Schieffer Charlotte Richartz
1.2 Skizzierung der Leitgedanken der jeweiligen Kapitel
1.2.1 Die Grundgedanken des ersten Kapitels: Von der Notwendigkeit der Mädchenerziehung für die Gesellschaft
1.2.2 Die Grundgedanken des zweiten Kapitels: Hinweis auf Gefahren bei fehlender Mädchenerziehung
1.2.3 Die Grundgedanken des dritten Kapitels: Von der schrittweisen und maximengeleiteten Schulung kindlicher bzw. weiblicher Vernunft
1.2.4 Die Grundgedanken des vierten Kapitels: Der „Nachahmungstrieb“ oder vom „Lernen am Modell“
1.2.5 Die Grundgedanken des fünften Kapitels: Die Erziehung der Natur des Kindes anpassen und Kinder nicht wie „kleine Erwachsene“ behandeln
1.2.6 Die Grundgedanken des sechsten Kapitels: Der indirekte Nutzen profaner und religiöser Geschichten zur Bildung der Kinder
1.2.7 Die Grundgedanken des siebten Kapitels: Die Aufgabe des Religionsunterrichts zur Förderung der Vorstellungsfähigkeit anhand biblischer Geschichten
1.2.8 Die Grundgedanken des achten Kapitels: Von der Notwendigkeit das Religiöse zu verinnerlichen: Das Vorbild Jesus Christus, die Zehn Gebote, die Sakramente und das Gebet
1.2.9 Die Grundgedanken des neunten Kapitels:Beschreibung typischer Charakterfehler bei Mädchen
1.2.10 Die Grundgedanken des zehnten Kapitels: Förderung der Ehre zur Vermeidung der Eitelkeit
1.2.11 Die Grundgedanken des elften Kapitels: Der Beruf der Frau
1.2.12 Die Grundgedanken des zwölften Kapitels: Von den Aufgaben der Ehefrau für das Haus
1.2.13 Die Grundgedanken des dreizehnten Kapitels: Anforderungen an Erzieherinnen

2. ZUR ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DER SCHRIFT ÜBER MÄDCHENERZIEHUNG
2.1 Tabellarisch festgehaltene biographische Daten Fénelons verbunden mit geschichtlichen Ereignissen
2.2 Die zeitliche Einordnung als Einflussfaktor auf die Schrift
2.3 Der Einfluss der Aufgaben und Arbeitsfelder Fénelons auf seine Schrift
2.4 Fénelons Bekanntschaft mit der Familie de Beauvillier

3. DIE PROBLEMATIK DER WEIBLICHEN NATUR
3.1 Die Natur der Frau
3.1.1 Die körperliche und geistige Konstitution von Mann und Frau im Vergleich
3.1.2 Die naturgegebenen Eigenschaften der Frau
3.2 Die erzieherische Kräftigung der Frau

4. DIE ROLLE DES ERZIEHERS/ DER ERZIEHERIN IN FÉNELONS ERZIEHUNGSPLAN UND SEINE ERZIEHUNGSPRINZIPIEN
4.1 Die Erzieherfigur bei Fénelon
4.2 Erziehungsprinzipien in Fénelons Erziehungsplan

5. „DE L’ÉDUCATION DES FILLES“: EINE ERZIEHUNGSSCHRIFT SPEZIELL FÜR MÄDCHEN ODER ZUR ALLGEMEINEN KINDER-ERZIEHUNG?
5.1 Vier Kategorien zur quantitativen Bearbeitung der Schrift
5.2 Darstellung der vier Kategorien für jedes Kapitel
5.3 Auswertung und Vergleich der quantitativen und qualitativen Daten
5.4 Beantwortung der Fragestellung

6. GRUNDLINIEN DER RELIGIÖSEN (MÄDCHEN-) ERZIEHUNG
6.1 Die Religion in Fénelons Erziehung
6.1.1 Überlegungen zum Aufbau der religiösen Erziehung
6.1.2 Eine religiöse Erziehung in drei Stufen
6.1.3 Verfahren der religiösen Erziehung
6.1.4 Ziele der religiösen Erziehung
6.2 Welchen Raum nimmt die Religionserziehung in Fénelons Erziehungsplan ein?

7. FÉNELON – EIN AUFKLÄRER?
7.1 Hinführendes zur Aufklärungsepoche
7.2 Fénelons Erziehungsschrift angelehnt an sechs Maximen der Aufklärungspädagogen
7.3 Fénelon – ein Aufklärer?

8. RESÜMEE

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

LITERATUR

EINLEITUNG

Die Schrift zur Mädchenerziehung „De l’éducation des filles“ (FÉNELON 1983, S. 89) von François de Salignac de La Mothe-Fénelon[1], 1687 veröffentlicht, ist als deutsche Übersetzung von 1886 von Ernst von Sallwürk Grundlage dieser Arbeit. Auf unterschiedlichen Wegen soll dem Konzept der Mädchenerziehung Fénelons nachgegangen werden.

Das erste Kapitel dieser Arbeit gibt dreizehn strukturierte Zusammenfassungen der Kapitel der Schrift Fénelons wieder. Die chronologische und systematische Entfaltung mündet abschließend in einer Graphik, die den Bauplan des Buches zeigt.

Das zweite Kapitel wirft einen Blick auf die Entstehung der Schrift.

Das dritte Kapitel thematisiert das Bild der Frau bei Fénelon.

Das vierte Kapitel beinhaltet zwei Themenschwerpunkte: Erstens die Darstellung der Erzieherfigur und zweitens fünf Erziehungsprinzipien Fénelons.

Im fünften Kapitel wird die Schrift mit Hilfe quantitativer Mittel analysiert. Es wird der Annahme nachgegangen, ob Fénelon eine Schrift zur Mädchenerziehung geschrieben oder eher eine Schrift zur allgemeinen Kindererziehung verfasst hat.

Im sechsten Kapitel wird die Form religiöser Inhalte und ihrer Notwendigkeit in Fénelons Erziehungsplan betrachtet.

Das siebte Kapitel nimmt Fénelons aufklärerische Gedanken in der Mädchenschrift zum Anlass, eine Antwort auf die Fragestellung zu finden: „Fénelon – ein Aufklärer?“

Zusammenfassend können folgende Fragen für diese Arbeit festgehalten werden:

- Wie ist die Schrift entstanden?
- Welches Bild der Mädchen bzw. Frauen hat Fénelon?
- Welche Rolle besitzt der Erzieher?
- Welche Erziehungsprinzipien favorisiert Fénelon?
- Ist die Erziehungsschrift Fénelons eine Mädchen- oder eine Kinderschrift?
- Wie ist die Religionserziehung bei Fénelon einzuordnen?
- Ist Fénelon ein Aufklärer oder ein aufklärender Pädagoge?

Im Resümee werden die einzelnen Ergebnisse der Arbeit in kurzen Thesen wiedergegeben.

1. VORSTELLUNG DES BUCHES IN CHRONOLOGISCHER UND SYSTEMATISCHER ORDNUNG

1.1 Bearbeitung der vielfältigen Übersetzungen der Kapitelüberschriften

Die Schrift „De l’éducation des filles“ von François de Salignac de La Mothe-Fénelon wurde 1681 geschrieben und 1687 erstmals veröffentlicht (vgl. SANDER 1889, S. 156).

1698 erschien die erste deutsche Übersetzung von August Hermann Francke unter dem Titel „Tractätlein von der Erziehung der Töchter“ (ebd., S. 157). Es folgten weitere Übersetzungen unter anderem von Ernst von Sallwürk „Fénelon’s Mädchenerziehung“ (1886), von F. Schieffer „Über die Erziehung der Mädchen“ (1910) und von Charlotte Richartz „Über Mädchenerziehung“ (1963).

Nicht nur der Titel des Werks, auch die Überschriften der Kapitel werden in den angegebenen Übersetzungen zum Teil unterschiedlich wiedergegeben und wie folgt übersetzt:

Tab. 1: Vergleich der Kapitelüberschriften in Tabellenform

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie man Tabelle 1 entnehmen kann, weichen die Übersetzungen der Kapitel-überschriften mehr oder weniger stark voneinander ab. Richartz betont jedoch im Vorwort ihrer Ausgabe, dass von den neuzeitlichen Übersetzungen „keine quellenstrenger, pädagogischer, adäquater als die Eduard [Ernst] von Sallwürks aus dem Jahre 1886“ (RICHARTZ 1963, S. 7 f.) ist. Sie „[...] verdeckt und verwischt nicht durch quellenfeindliche Übersetzungsartistik [...]“ (ebd., S. 8) und wird insofern als Grundlage für die folgende Arbeit genommen.

Angesichts der verschiedenen Übersetzungen der Überschriften und der nicht immer stringenten, eher redundanten Inhalte der Kapitel wird im Folgenden jedes Kapitel mit eigenen Überschriften versehen. Hier steht das Bemühen im Vordergrund, mit der Überschrift den jeweiligen Kerngedanken herauszustellen und Nebensächliches auszublenden:

1. Von der Notwendigkeit der Mädchenerziehung für die Gesellschaft
2. Hinweis auf Gefahren bei fehlender Mädchenerziehung
3. Von der schrittweisen und maximengeleiteten Schulung kindlicher bzw. weiblicher Vernunft
4. Der „Nachahmungstrieb“ oder vom „Lernen am Modell“
5. Die Erziehung der Natur des Kindes anpassen und Kinder nicht wie „kleine Erwachsene“ behandeln
6. Der indirekte Nutzen profaner und religiöser Geschichten zur Bildung der Kinder
7. Die Aufgabe des Religionsunterrichts zur Förderung der Vorstellungsfähigkeit anhand biblischer Geschichten
8. Von der Notwendigkeit das Religiöse zu verinnerlichen: Das Vorbild Jesus Christus, die Zehn Gebote, die Sakramente und das Gebet
9. Beschreibung typischer Charakterfehler bei Mädchen
10. Förderung der Ehre zur Vermeidung der Eitelkeit
11. Der Beruf der Frau
12. Von den Aufgaben der Ehefrau für das Haus
13. Anforderungen an Erzieherinnen

1.2 Skizzierung der Leitgedanken der jeweiligen Kapitel

Im Folgenden soll jedes Kapitel mit der neu erarbeiteten Überschrift präzise zusammengefasst werden. Anschließend erfolgt die systematische Zuordnung der Inhalte auf bestimmte Aspekte hin, welche in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit nacheinander analysiert werden.

1.2.1 Die Grundgedanken des ersten Kapitels: Von der Notwendigkeit der Mädchenerziehung für die Gesellschaft

Fénelon leitet seine Schrift und das erste Kapitel mit folgender Aussage ein: „Nichts wird so sehr vernachlässigt als die Erziehung der Mädchen“ (FÉNELON 1886, S. 109)[2] und entfaltet die Notwendigkeit der Mädchenerziehung anschließend in zwei Aspekten:

1. Er referiert[3] Argumente zur Vernachlässigung der Mädchenerziehung[4].
2. Er führt eigene Argumente zur Notwendigkeit der Mädchenerziehung an.

Zu 1: Er sagt, dass gelehrte Mädchen (a) eitel und (b) lächerlich werden und da sie, so Fénelon, (c) weder in den Krieg ziehen noch Rechtsgelehrte werden oder sich mit Philosophie, Theologie und Politik beschäftigen sollen, sind einige Kenntnisse für sie entbehrlich (vgl. ebd., S. 109 f.). Diese Erkenntnis unterstützt außerdem die Annahme, dass (d) „der weibliche Geist [...] in der Regel noch schwächer und neugieriger als der der Männer“ (ebd., S. 110) ist. Schließlich weist Fénelon darauf hin, dass Mädchen auch (e) keine „mechanischen Fertigkeiten“ (ebd., S. 110) erlernen sollen, weil sie ihrer Natur nach „nur für eine mäßige körperliche Thätigkeit bestimmt“ (ebd., S. 110) sind.

Zu 2: Seine Argumente zum zweiten Aspekt der Notwendigkeit der Mädchenerziehung sind folgende: Frauen haben (a) Pflichten zu erfüllen, auf denen das ganze menschliche Leben beruht, und die zur guten oder schlechten Gesittung der ganzen Menschheit das Wesentliche beitragen (vgl. ebd., S. 111). Als weiteres Argument führt er (b) die bedeutende Stellung der Frau im Haus an, das heißt ihre Aufgaben als Ehefrau und Verantwortliche für die Erziehung der Kinder. Fénelon betont, dass die Gesellschaft durch die Gesamtheit der Familien gebildet wird.

Er spricht von der (c) Zügellosigkeit der Frauen, welche auf einer schlechten oder fehlenden Erziehung beruht und daher kanalisiert werden muss, um einem Schaden für die Gesellschaft entgegenzuwirken: „Wie viele Intriguen treffen wir in der Geschichte, wie manchen Umsturz von Gesetz und Sitten, wie viele Kriege und gegen die Religion gerichtete Neuerungen, wie viele Staatsumwälzungen, welche die Zügellosigkeit der Frauen veranlaßt hat!“ (FÉNELON 1886, S. 112) Fénelon zeigt mit diesem letzten Satz, „wie wichtig eine gute Mädchenerziehung ist“ (ebd., S. 112), weil von ihrer Qualität nicht mehr und nicht weniger abhängt als das Wohl und Wehe der Gesellschaft.

Nachdem er die Notwendigkeit der Mädchenerziehung dargelegt hat, geht es in den folgenden Kapiteln des Buches darum, diese Erziehung näher zu beschreiben bzw. „die Wege dazu“ (ebd., S. 112) aufzuzeigen.

1.2.2 Die Grundgedanken des zweiten Kapitels: Hinweis auf Gefahren bei fehlender Mädchenerziehung

Die im ersten Kapitel beschriebene fehlende Mädchenerziehung zieht drei Gefahren nach sich:
1. die Unwissenheit,
2. die Untätigkeit,
3. die Weichlichkeit.

Diese bedingen sich gegenseitig und gehen gewissermaßen ineinander über.

Zu 1: Die Unwissenheit: Die erste Gefahr bei Mädchen, verschuldet, dass sie (a) nicht wissen, womit sie sich ohne Schaden beschäftigen können und sich folglich (b) langweilen (vgl. FÉNELON 1886, S. 112). Problematisch ist, dass diese Mädchen (c) „den Wert einer [...] Beschäftigung“ (ebd., S. 112) nie kennen lernen und eher Abscheu gegenüber dieser empfinden. Ihnen erscheint (d) alles Ernste traurig, sie sehen (e) die Frömmigkeit als eine öde Beschäftigung an und (f) Tätigkeiten, die der ausdauernden Aufmerksamkeit bedürfen, ermüden sie (vgl. ebd., S. 112). Sie verunsichert (g) die Gesellschaft der Mutter, da diese nicht weiß wie man Kinder erzieht und außerdem unter einem gewissen häuslichen Druck steht, für den die Tochter, aufgrund ihrer Unwissenheit, kein Verständnis hat und der sie eher abschreckt (vgl. ebd., S. 112). Die Mädchen bleiben sich selbst überlassen, bekommen keine unterrichtliche und erzieherische Orientierung.

Kurz: Unterlassene Erziehung führt dazu, dass die Mädchen nichts wissen und nichts können. Da sie nicht zur Ordnung im Haus angeleitet werden oder eine fortgesetzte Arbeit kennenlernen und nur zum äußeren Schein etwas tun, schließt sich eine zweite Gefahr an, die „Unthätigkeit“ (FÉNELON 1886, S. 113).

Zu 2: Die Untätigkeit: Der „Mangel an Thätigkeit“ kann in einer „unheilvollen Gewohnheit“ (ebd., S. 112) münden und „bei diesem Müßiggang fällt ein Mädchen seiner Trägheit anheim, und die Trägheit, welche eine Mattigkeit der Seele ist, ist eine unerschöpfliche Quelle der Langeweile“ (ebd., S. 112). Fénelon betont, dass die Untätigkeit bis hin zur Langeweile „eine große Lücke“ (ebd., S. 112) im Alltag der Mädchen darstellt. Sie geben sich mit unnützen Dingen ab und sind schließlich für ernste Dinge nicht mehr aufnahmefähig.

Zu 3: Die Weichlichkeit: Aufgrund ihrer Trägheit gewöhnen sich Mädchen an mehr Schlaf und werden empfindlicher für „Störungen des Leibes“ (ebd., S. 113), beispielsweise Krankheiten, die durch mäßigen Schlaf und regelmäßige körperliche Bewegung hätten vermieden werden können.

Verbinden sich diese drei Aspekte der Gefahren mangelnder Erziehung, so zeigt sich bei den Mädchen (1) eine „verderbliche Empfänglichkeit“ (ebd., S. 113) für Vergnügungen und öffentliche Schauspiele, und es tritt bei ihnen (2) „eine unvernünftige und unersättliche Neugier“ (ebd., S. 113) hervor, die sich bei gebildeten Mädchen nicht zeigen würde. Eine weitere Folge ist (3) eine „ruhelose Phantasie“ (ebd., S. 113), durch die sich Mädchen in ihrer Leidenschaft „eitlen und gefährlichen Dingen“ (ebd., S. 113) zuwenden, sie zum Lesen von Romanen, Komödien u. ä. verleitet und in eine Scheinwelt entführt. Es gibt Mädchen, die (4) „vermessen sich, in religiösen Fragen zu entscheiden, obwohl ihnen dazu die Befähigung abgeht“ (ebd., S. 114). Andere wollen (5) alles wissen, auch das was sie nichts angeht, oder sie sind (6) oberflächlich und redselig an Stellen, „welche sie oft zum Stillschweigen veranlassen würden“ (ebd., S. 114).

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Fénelon darauf aufmerksam macht, dass die direkte Folge fehlender Erziehung die Unwissenheit ist, die – wenn ihr nicht begegnet wird – zu Untätigkeit und Langeweile, falscher Neugier, Verweichlichung, Eitelkeit und Oberflächlichkeit führt.

1.2.3 Die Grundgedanken des dritten Kapitels: Von der schrittweisen und maximengeleiteten Schulung kindlicher bzw. weiblicher Vernunft

In diesem Kapitel werden zwei Kindheitsphasen beschrieben:

1. die Kleinkindphase,
2. die anschließende Kindheitsphase, in der die Kinder vernunftfähig sind.

Für jede Kindheitsphase wird schrittweise die dem Alter entsprechende Förderung der Kinder angesprochen.

Zu 1: Die Kleinkindphase: Mit Blick auf die Kleinkindphase zeigen sich vier Aspekte, die auf den späteren Unterricht vorbereiten sollen.

Ein erster Aspekt weist darauf hin, dass das Kind (a) die Bedeutung von Worten erlernt und diese auch sinngemäß anzuwenden weiß (vgl. FÉNELON 1886, S. 114). Erklärt wird außerdem, dass Säuglinge (b) zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Man sollte diese Fähigkeit nutzen, um ihnen gezielt Gutes und Schlechtes nahezubringen, indem man durch Mimik, Gestik und Art bzw. Höhe der Stimmlage beispielsweise auf angenehme und unangenehme Personen verweist (vgl. ebd., S. 116). Ein weiterer Aspekt beinhaltet (c) die Förderung der Gesundheit. Einerseits soll auf die Auswahl der Nahrung geachtet werden und andererseits auf die Lebensweise des Kindes. Es soll zu festen Zeiten genügend, aber nicht zu viel und wenig gewürzte Speisen essen (vgl. ebd., S. 116 f.). Ein letzter Aspekt besteht darin, (d) das Temperament der Kinder zu mäßigen und gleichzeitig zu bilden. Kinder sollten früh in ihre „Schranken“ verwiesen werden und der Unterricht nicht übereilt stattfinden, um die „Leidenschaften“ einzudämmen und dem Kind klar zu machen, dass es nicht alles haben kann, was es haben will (vgl. ebd., S. 117).

Wenn man diese sprachliche, quasi ethische, physische und soziale Unterrichts-vorbereitung in den ersten Jahren beachtet, wird die anschließende Erziehung sehr erleichtert. „Kinder von nur einigermaßen guter Gemütsanlage kann man auf diese Weise lenksam, geduldig, standhaft, heiter und ruhig machen [...]“ (ebd., S. 117).

Zu 2: Die Kindheitsphase, in der die Kinder vernunftfähig sind: Der Übergang zur zweiten Kindheitsphase zeigt sich am Vernunftgebrauch der Kinder. Fénelon verfolgt hier zwei Absichten. Er spricht erstens von zwei Grundeinstellungen, die den Kindern verdeutlicht werden müssen: Einerseits soll ihnen die „Liebe zur Wahrheit“ und andererseits „die Abscheu vor jeder Verstellung“ (ebd., S. 117) vermittelt werden. Eine zweite Absicht weist auf die Förderung der Bescheidenheit bei Kindern hin, die oberstes Ziel sein sollte.

Hierzu rät Fénelon dem Erzieher[5] (a) sich nicht durch Fragen der Kinder belästigt zu fühlen, denn durch diese Unterstützung ihrerseits könne man ihnen viel beibringen (vgl. ebd., S. 120). Kinderfragen sollten (b) genau beantwortet und dazu kurze Vergleiche gebracht werden (vgl. ebd., S. 119). Wenn Kinder (c) falsch urteilen, kann man sie durch eine Gegenfrage in Verlegenheit bringen „um ihren Fehler ihnen fühlbar zu machen“ (FÉNELON 1886, S. 119) und ihnen so mit der Zeit beibringen, dass (d) der Zweifel besser ist als „das beste Urteil“ (ebd., S. 119). Ein Erzieher sollte (e) „allgemeine Lobsprüche“ vermeiden und den Kindern „durch einen thatsächlichen Beweis der Wertschätzung“ (ebd., S. 119) entgegenkommen. Wichtig ist, die Kinder in allem, was sie sagen, ernst zu nehmen und sie nur zu loben, wenn es wirklich angebracht ist. Man muss ihnen (f) um „der Eingebildetheit“ (ebd., S. 119) entgegenzuwirken, wenn die Vernunft Fortschritte gemacht hat, erklären, dass sie noch nicht alles verstehen können. Sie wüssten jetzt schon mehr als im vorigen Jahr, aber weniger, als sie im nächsten Jahr wissen werden (vgl. ebd., S. 119). Wichtig ist, dass man sich (g) um sie bemüht, das Interesse an ihnen aber nicht zu offen zeigt (vgl. ebd., S. 118).

[...]


[1] Den Namen Fénelon findet man in vielen Variationen. In der französischen Ausgabe „Fénelon Oevres I“, von Jacques le Brun 1983 herausgegeben, wird er wie folgt geschrieben: François de Salignac de La Mothe-Fénelon. Im Text wird

auf diese Version verzichtet und nur Fénelon gebraucht.

[2] Die Literaturangabe beginnt mit dem Verfasser der Schrift, Fénelon, auch wenn Sallwürk den Text übersetzt, mit Anmerkungen versehen und in einen veränderten literarischen Zusammenhang gestellt hat. Da die Arbeit aus zahlreichen Zitaten Fénelons besteht und nicht Sallwürk zitiert wurde, wird hier auf den Verfasser selbst verwiesen.

[3] Fénelon ist hier so zu lesen, dass er Argumente wiedergibt, die gesellschaftlich in Umlauf sind.

[4] Nebenbei bemerkt Fénelon, dass die Erziehung der Jungen nicht besser ist als die der Mädchen, dass aber die Erziehung der Jungen gesellschaftlich höher geschätzt wird (vgl. ebd., S. 109).

[5] Fénelon spricht den Leser seiner Schrift, indem er „du“ oder „man“ schreibt, direkt an. Wenn er den Ausdruck des Erziehers benutzt, verwendet er oft die männliche Form. Deshalb wurde in diesem Kapitel auch die männliche Form beibehalten.

Details

Seiten
98
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638046268
ISBN (Buch)
9783638942133
Dateigröße
788 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v91399
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
1,7
Schlagworte
Konzept Mädchenerziehung François Salignac Mothe-Fénelon Aufklärung Frankreich Sonnenkönig Erziehungs

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Titel: Das Konzept der Mädchenerziehung bei François de Salignac de La Mothe-Fénelon